Beweise, die keine sind

Manche Argumentationen hören sich zwar an, als seien die Schlussfolgerungen sinnvoll. Sie führen dennoch zu vollkommen unlogischen Ergebnissen. Warum ist das so?

In den letzten drei Teilen haben wir uns schon mit verschiedenen Taktiken von „unfair warfare“ (ugs. tückische Kriegsführung) im Wortgefecht beschäftigt:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Heute widmen wir uns einer beliebten Strategie: einer logisch unzulässigen Schlussfolgerung, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Gerne genommen ist der „Beweis“ des Allgemeinen durch Einzelfälle.

Zur Veranschaulichung betrachten wir wieder eine Szene mit Alltagscharakter: Wir folgen dem Versuch einer wohlmeinenden Mutter, ihr Kind zu einer gesunden Ernährung zu bewegen, und den durchaus kreativen Lösungsansatz des Sprösslings, kein Gemüse essen zu müssen.

Wollte die Mutter also „beweisen“, dass die Tochter besser ihren Vorgaben folgeleistet, könnte sie zum Beispiel anführen: „Weißt du noch, als du das heiße Backblech aus dem Herd holen wolltest? Da habe ich dir gesagt, dass du die Topfhandschuhe nehmen musst. Du wolltest nicht hören und hast dir übel die Hand verbrannt. Hättest du da besser auf mich gehört?“, „Und als du dir bei dem Sturz auf dem Spielplatz die Schneidezähne ausgeschlagen hast, da habe ich vorher schon gesagt, du sollst nicht so wild schaukeln. Hättest du da besser auf mich gehört?“

Das Mädchen hat kaum eine andere Chance, als dem zuzustimmen. Und hat sie alle Einzelfälle bestätigt, kann die Mutter zum Verallgemeinerungsschlag ausholen: „Siehst du: Es ist gut für deine Gesundheit, auf die Mama zu hören. Und jetzt iss deinen Spinat.“

Was hier mit dem Schopenhauer’schen Kunstgriff im Verbund auftritt, ist eine billige Verkaufsmasche: Sagt der Kunden zweimal zu etwas Unbestreitbarem “ja”, wird er damit ins dritte und kaufentscheidende “Ja” gelockt.

Bleiben Sie wachsam, wenn jemand mit solchen Taschenspielertricks versucht, ihre Zustimmung zu etwas zu erhalten, was Sie im Grunde gar nicht wollen. Je nachdem, welcher Art Ihre Beziehung zu dem Gegenüber ist, stellen Sie den Versuch nur amüsiert fest und beobachten Sie den Fortgang zu Studienzwecken oder sprechen sie den Trick zwecks Klärung offen an oder nehmen Sie den Gesprächsfaden selbst auf und lenken Sie den Austausch in eine erfreulichere Richtung.

Nicht jeder ist sich dessen bewusst, dass er unlautere Methoden in der Gesprächsführung anwendet. Vielleicht haben Sie den Kunstgriff sogar schon einmal bei sich selbst bemerkt. Seien Sie gnädig mit Ihren Gewohnheiten. In manchen Umgebungen ist es leider üblich, sich gegenseitig zu überlisten. Ich kenne Menschen, für die es eine Art Sport ist, jemanden trickreich übers Ohr zu hauen. Sie fühlen sich dann auf eine triumphale Weise schlau. Schauen Sie, ob dieses Umfeld für Sie noch passend ist. Missionieren ist oft kein erfolgversprechender Ansatz.

Falls solche Muster in Ihrem Privatleben auftauchen, entscheiden Sie, ob die Beziehung es Ihnen wert ist, auf einer sehr persönlichen Ebene über die Auswirkungen auf Sie zu sprechen. Sie könnten Ihrem Gesprächspartner sagen, wie Sie sich damit fühlen. Wählen Sie den Zeitpunkt und die äußeren Umstände für ein solches Gespräch mit Bedacht. 

Text: Petra Weiß
Foto: Simone Hainz / pixelio

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.