Den Rahmen weit genug aufziehen

Schreibkunst Texter Redakteur Schriftsteller Essayist

Heute kommen wir zurück auf unsere Reihe “Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…” Nach dem Beitrag Moment mal! haben wir passenderweise eine Pause eingelegt.

Nun nehmen wir unsere Streifzüge durch die Welt der Manipulation durch Sprache wieder auf. Die Grundlage für unsere Betrachtungen liefert das Buch “Die Kunst Recht zu behalten”, in dem Arthur Schopenhauer seine messerscharfen Analysen antiker Dispute mit seinen Lesern teilt.

Für die lebensnahe Darstellung der Tricks setzen wir uns wieder einmal an den Esstisch: Mutti möchte, dass der Sohnemann Spinat isst und versucht, ihn zu überzeugen. Der junge Mann will dem Schicksal entrinnen und wird pfiffig in seiner “kulinarischen Notwehr”:

Manchmal hat man einfach kein griffiges Argument parat, um eine bestimmte These zu entkräften, weil es schlichtweg keines gibt. Macht nichts! Man muss den Rahmen nur beliebig groß aufziehen, bis man mit allerlei Tamtam ein Gebiet weiträumig angreifen kann. Beispiel gefällig?

Nehmen wir an, unser Gemüseverächter will die Aussage seiner Mutter widerlegen, dass das Kalzium im Spinat den Knochenaufbau unterstützt. Wie stellt er das an, obwohl es eigentlich nicht möglich ist? Nach logischen Gesichtspunkten ginge der Punkt eindeutig an die Mama. Dass Kalzium im Spinat enthalten ist, belegen biochemische Untersuchungen eindeutig. Diese Tatsache kann beim besten Willen nicht bestritten werden. Die knochengesundheitsfördernde Wirkung von Kalzium ist seit Jahrzehnten mit einer Vielzahl von Studien erwiesen. Was tun?

Der Junior bläst einfach zum Generalangriff auf die Ernährungskunde oder gleich auf die Forschung im Allgemeinen.

Vielleicht schlägt er den Weg ein, auf die Unmöglichkeit von Neutralität durch wissenschaftliche Aussagen hinzuweisen. Dann würde er vielleicht betonen, die Wissenschaft lebe vom Diskurs, man könne daher gar nicht behaupten, irgendeine Erkenntnis sei allgemeiner Konsens. Das widerspräche der Auffassung von Wissenschaft von Grund auf.

Oder er zieht ihre Verlässlichkeit in Zweifel und zählt auf, wie oft sich die sogenannte Wissenschaft schon geirrt habe. Dann fängt er an ausufernd zu berichten, dass an der Pariser Akademie der Wissenschaften eine Geschwindigkeit von mehr als 30 km/h bei Zugfahrten einst von klugen Köpfen für so gesundheitsschädlich gehalten wurde, dass sie mit dem menschlichen Leben nicht vereinbar sei. Und wie das endete, weiß ja wohl jeder, der schon mal in einem ICE – ach, was sage ich! – in einer Bummelbahn gesessen habe…

Dieser Trick lässt sich wunderbar kombinieren mit Verwirren mit Details und Beweise, die keine sind. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien lauf und malen Sie ich eine feurige Rede mit großem Unterhaltungswert und wenig inhaltlichem Bezug zur ursprünglichen Fragestellung aus. Mit viel Glück hat der Junge seiner Mutter die Freude an unumstößlichen Fakten, die eindeutig auf ihrer Seite waren, schon bald verleidet und sie stattdessen schwindelig gequasselt. 

Sie verstehen das Prinzip: Fasse das Thema weit genug, dann bietet sich irgendeine Angriffsfläche von allein.

Text: Petra Weiß
Foto: Bernd Sterzl / PIXELIO

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin, psychologische Beraterin und Therapeutin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Als Fachjournalistin für das Ressort Medizin und Gesundheit mit den Schwerpunkten Naturheilkunde und Psychologie hat sie zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht.

An mehreren Sachbüchern hat sie als Lektorin und Co-Autorin mitgewirkt. Ihr erstes eigenes Buch SO BIN ICH ECHT erscheint im ersten Quartal 2022 im Hardcover.

Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus. Mit psychologisch fundierten Essays, praktischen Tipps und Denkanstößen begleitet sie Menschen, die sich weiterentwickeln wollen, auf ihrer spannenden Reise zu sich selbst.

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