Freude im Tal der Ahnungslosen

Heute nehmen wir den Faden aus der Serie “Sie baden gerade Ihr Gehirn darin” in der Rubrik Manipulative Muster erkennen wieder auf.

Diese Beiträge beziehen sich auf der Buch “Die Kunst Recht zu behalten” von Arthur Schopenhauer und betrachten rhetorische Tricks, die der Philosoph analysiert hat, anhand von alltäglichen Beispielen.

Wenn einem die Munition in der Sache und sogar gegen eine Person ausgegangen ist, wendet man sich mit einem Argument gar nicht an den Gegner, sondern ans Publikum. Je weniger die Zuhörer mit Sachkenntnissen gesegnet sind, desto wirksamer ist dieser Kunstgriff. Während ein Fachpublikum unwahre Aussagen erkennt, kann ein sogenannter Experte einem Laien alles erzählen, was halbwegs schlau klingt.

Gerne genommen sind dann irgendwelche Ausführungen, die den Kontrahenten lächerlich machen. Zum Lachen sind die Leute fast immer bereit. Mit einem begeisterten Schenkelklopfer kann man die eigene Ahnungslosigkeit einfach weglachen.

Während der fiese Einwurf keinerlei Wahrheitsgehalt aufweisen muss, sondern nur ein bisschen Unterhaltungswert, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, müsste der Angegriffene zu langen Erklärungen ausholen, um sich zu rehabilitieren – und die will nun wirklich keiner hören. Mit Spaß und Gutgläubigkeit wurde schon so mancher Fachmann der Lächerlichkeit preis gegeben, dessen Ansichten sich später als richtig erwiesen haben.

Zur Verdeutlichung des Tricks betrachten wir wieder unsere gewohnte Debatte am Esstisch. Eine Mutter versucht, ihren Buben zu überzeugen, dass er Spinat verzehrt:

Die Mutter sagt „In Spinat sind viele Vitalstoffe enthalten, unter anderem ist Eisen darin.“ Dann ulkt der Spinathasser mit Blick auf sein Schwesterlein „Und wenn ich das ganze Eisen im Spinat essen, bin ich dann magnetisch? Muss ich dann um alle Magneten herum einen riesigen Bogen machen, weil ich – schwupps – sonst davon angezogen werde? Eisen IST doch magnetisch! Stell Dir vor, ich gehe ganz normal durch die Stadt und plötzlich hänge ich an einem Magneten fest, zum Beispiel in der Spule eines Trafos.“

Wenn der Bub sein komödiantisches Talent einsetzt, um die Anziehung zu veranschaulichen, sind ihm die Gluckser seines Geschwisterchens sicher. Er muss nur lange genug mitlachen und fröhlich darauf warten, dass der Mutter das Lachen vergeht.

Quelle: “Perlentaucher der Redekunst – Manipulative Muster erkennen – bei sich und bei anderen” – ein psychologischer Reisebegleiter auf dem Weg zum authentischen Selbstausdruck von Petra Weiß. Das Buch erscheint voraussichtlich im Herbst 2022 bei BoD.

Text: Petra Weiß
Foto:  Stephanie Hofschlaeger / PIXELIO

 

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