Ins eigene Fleisch geschnitten

Petra Weiß Heilpraktikerin Weinheim

In unserer Reihe “Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…” bewegen wir uns entlang der rhetorischen Tricks, die Arthur Schopenhauer in seinem Buch “Die Kunst Recht zu behalten” aufgeschrieben hat. Sie erfahren, welche Wortjonglagen Ihnen auch heute noch täglich in den Medien sowie in persönlichen Gesprächen begegnen. Als praktische Beispiele beobachten wir die Diskussion zwischen einer wohlmeinenden Mutter und ihrem wortgewandten Sohn, der seinen Spinat einfach nicht essen will.

Hin und wieder argumentieren Menschen zum eigenen Schaden und merken es nicht. Wollen Sie einen solchen Gesprächspartner zum Aufgeben seiner Position bewegen, ist das einfach: Machen Sie ihm deutlich, dass er einen Nachteil von den praktischen Folgen aus dem Gewinn des Disputs hätte. Erfahrungsgemäß wechselt der Wind dann so rasch seine Richtung, dass man sich nur wundern kann.

Eine erweiterte Version dieses Kunstgriffs ist das Einbeziehen der Gruppe, in der sich jemand befindet. Nehmen wir an, jemand spricht vor einer Fachversammlung von psychologischen Psychotherapeuten und stellt ein pflanzliches Medikament vor, das Angststörungen ohne weitere Therapie innerhalb weniger Wochen nachhaltig auflösen kann – welche Folgen hätte es für die Gruppe, wenn er damit im Recht wäre?

Aus purem Vorteilsstreben halten die Zuhörer seine Argumente vermutlich für dünn, seine Studien für unwissenschaftlich und seine Schlüsse für falsch. Unser Gehirn erweist uns die Gnade, dass wir eine selektive Wahrnehmung für Informationen haben, die unserem persönlichen Nutzen offensichtlich nicht zugute kommen. Wir hören sie erst gar nicht oder sortieren sie sogleich in die Schublade „unbrauchbar“ ein. Und der Lebensunterhalt bleibt gesichert.

Die Dynamik ist so stark und verlässlich, dass dieser Trick laut Schopenhauer alle anderen entbehrlich macht. Wenn das Rechthaben den eigenen Interessen zuwider läuft, ist es plötzlich gar nicht mehr so wichtig.

Das ist sehr verständlich und unterstützt leider gar nicht der Wahrheitsfindung.

Kommen wir zurück zur Spinatdiskussion: „Tja, Mama, wenn Du richtig liegst, und Menschen das verzehren sollen, was die Ernährungswissenschaft vorschlägt, wie ist das dann mit Deinen fünf Tassen Kaffee am Tag?“

Möglicherweise landen die Ernährungsratgeber und Nährwerttabellen dann ganz rasch in den hinteren Reihen des Bücherregals.

Quelle: “Perlentaucher der Redekunst – Manipulative Muster erkennen – bei sich und bei anderen” – ein psychologischer Reisebegleiter auf dem Weg zum authentischen Selbstausdruck von Petra Weiß. Das Buch erscheint voraussichtlich im Herbst 2022 bei BoD.

Text: Petra Weiß
Foto: St.Kaczkowski / PIXELIO

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