Kleine Karos mit Zeitsprung

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir rhetorische Tricks, die der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer in seinem Büchlein „Die Kunst Recht zu behalten“ dokumentiert hat.

Unser Ziel ist es, diese Kunstgriffe bei sich selbst und bei anderen zu erkennen, zu bemerken, wann wir andere manipulieren oder selbst manipuliert werden, und beziehungsförderlichere Wege des Austauschs zu finden.

Zur Verdeutlichung schauen wir uns eine alltägliche Szene an. Unser Alltagsbeispiel findet am Esstisch statt: Die Mutter möchte, dass der Nachwuchs Spinat verzehrt. Das Kind ist anderer Meinung und versucht, das Grünzeug mit allen Mitteln zu vermeiden.

Heute lernen Sie einen meiner Lieblingstricks kennen. Er ist bestechend einfach und greift auf eine antrainierte Reaktion zurück: Wir neigen dazu, Fragen zu beantworten, die uns gestellt werden, egal wie sinnvoll sie an dieser Stelle sind.

Wie funktioniert der Trick?

Durch besonders klein karierte Klugscheißerei: Sie sezieren die Begriffe, die Ihr Gegenüber verwendet – ohne Notwendigkeit oder inhaltlichen Mehrwert. Das machen Sie natürlich nicht gleich. Sondern Sie notieren sich (in Gedanken) alles mit etwas Phantasie Diskutierbare. Dann warten Sie auf einen günstigen Moment, z.B. auf den Zeitpunkt, da Ihnen das Wasser bis zum Halse steht und Sie eigentlich kleinbeigeben müssten.


Jetzt holen Sie den Satz von eingangs des Disputs hervor. „Darf ich nochmal auf einen wichtigen Punkt zurückkommen? Da hast du gesagt, Spinat sei ein Lebensmittel. Wie genau definierst du diesen Begriff? Und wie grenzt du ihn ab vom Begriff Nahrungsmittel?“ Oder „Du meintest, Spinat habe viele Nährstoffe. Fasst du darunter auch alle Vitalstoffe?“ Oder „Du hast Spinat als Gemüse bezeichnet. Könnte man auch sagen, Spinat sei eine Frucht?“

Vielleicht bemerken Sie beim Lesen der Fragen, dass Sie im Geiste schon anfangen, mögliche Antworten zu formulieren. Die meisten von uns sind darauf dressiert, Tests zu bestehen, indem wir Fragen beantworten. Für dieses Verhalten wurden wir von Klein auf belohnt. Mit Kindern macht man das in unserer Gesellschaft so. Ob das gut ist oder nicht, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren. Wir gehen hier nur mit dem Bestehenden um und nutzen es als Erklärungsmodell.

Anzuzweifeln, ob eine Frage berechtigt ist, dem nachzugehen, warum sie überhaupt im Raum steht, weshalb sie an dieser Stelle kommt oder zu hinterfragen, welches Ziel damit verfolgt wird, gehört zum Verhaltensrepertoire eines Erwachsenen. Sobald wir an diesem Punkt der Entwicklung stehen, schiebt sich der Verstand bewusst zwischen Reiz und Reaktion. Jenseits des 21. Lebensjahres wird es höchste Zeit, damit anzufangen. Wir müssen nicht wie pawlow‘sche Hündchen jedem Knochen hinterherrennen, den jemand für uns wirft.

Das Verlassen der Gewohnheit erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit. Es wird Ihnen nicht immer spontan gelingen. Manchmal wird uns erst nach einer Diskussion klar, in welcher Weise das Gegenüber die Aufmerksamkeit und den Gesprächsfluss gelenkt hat. Solche Nachbetrachtungen können sich sehr lohnen. Dabei stellt sich gar nicht so selten heraus, dass man den anderen im nächsten Zug schachmatt gesetzt hätte.

Nur geborene Gaukler wenden Taschenspielertricks ohne besonderen Grund an. Der Durchschnittsbürger nutzt sie als letztes Mittel der Verzweiflung, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Greift also jemand zur unfairen Kriegsführung in einem Disput, können Sie davon ausgehen, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Bleiben Sie ruhig und bedächtig. Wenn Sie sich jetzt nicht aufs Glatteis locken lassen, haben Sie schon gewonnen. In diesem Bewusstsein müssen Sie Ihr Gegenüber nicht bloßstellen. Entscheiden Sie aus der Position der Stärke heraus, ob Sie auf den Triumph verzichten, und dem anderen Gelegenheit geben, sein Gesicht zu wahren. In einem gesunden Austausch geht es nicht um Unterwerfung und Macht , sondern um Verständnis und Klärung.

Und wenn Sie das nächste Mal – aus Versehen oder aus Gewohnheit – selbst unlautere Mittel einsetzen, freuen Sie sich darüber, dass Ihr Gesprächspartner ebenso gnädig mit Ihrer Unvollkommenheit umgeht.

Text: Petra Weiß
Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.