Konstruktiver Journalismus – vom Fastfood-Junkie zum Nachrichten-Gourmet

Konstruktiver Journalismus

Foto: Thorben Wengert / pixelio.de

Schlechte Nachrichten können krank machen. Übersteigt der Medienkonsum beispielsweise von Beiträgen über ein Unglück ein bestimmtes Maß, dann zeigen die Zuschauer mitunter sogar mehr Stresssymptome als Menschen, die von dem Ereignis vor Ort direkt betroffen sind. Zu diesem Ergebnis kam eine US-amerikanische Studie mit 4.500 Teilnehmer*innen.  Sie hatte den Zusammenhang von Nachrichtenkonsum und Stress nach dem Anschlag auf den Boston Marathon 2013 untersucht.

Unser Nervensystem kann auf bedrohliche Szenen, deren Zeuge wir werden, so reagieren als sei unser eigenes Leben in Gefahr. Die entsprechende Traumakategorie heißt „Horror“. Posttraumatische Belastungsstörungen und emotionaler Stress wie Angst oder Depressionen können die Folge sein, selbst wenn wir das Geschehen vom sicheren Fernsehsessel aus verfolgen.

Gespiegelte Empfindungen. Unsere Spiegelneuronen sorgen dafür, dass wir mitfühlen. Auf diese Funktion des autonomen Nervensystems haben wir keinen willentlichen Einfluss. Sobald wir in ein ängstliches Gesicht sehen oder eine gramgebeugte Körperhaltung wahrnehmen, wissen wir sofort, wie es dem anderen geht.

Ebenso funktioniert die Empathie in der entgegengesetzten Richtung: Der Blick in fröhliche Gesichter hebt die Stimmung, das Beobachten von spielenden Kindern kann in uns ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit wecken. Schon ein Smiley wirkt positiv auf die seelische Verfassung. Daher sollten wir genau überlegen, welchen Einflüssen wir uns freiwillig aussetzen.

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Foto: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Szenen, die Ohnmacht und Verzweiflung spiegeln, lösen beim Miterleben ebensolche Empfindungen in uns aus. Viele Nachrichten sind geprägt von Furcht und Schrecken. Wir holen uns Krieg und Terror täglich über TV, Radio, Zeitung oder andere Medien ins Haus. Auch wenn es gerade keinen aktuellen Anlass gibt, wird die drohende Gefahr dennoch ständig im Bewusstsein gehalten. Fortwährend sind wir mit bevorstehenden Katastrophen konfrontiert: mit politischen, finanziellen und ökologischen.

Solche Nachrichten lassen uns mit dem Eindruck zurück, die Lage sei ausweglos oder werde wahrscheinlich in einen Desaster enden und wir könnten rein gar nichts daran ändern.  Wir werden in eine passive Opferrolle gepresst, die unsere Grundhaltung prägt. „Da kann man nichts machen“ wird zum Credo. Wir jammern zwar, aber wir bewegen nichts zum Besseren.

Bad news is good news. Woher kommt der Slogan der Sensationspresse eigentlich? Ganz einfach: Schlechte Nachrichten zwingen uns zum Hinsehen. Sie fesseln unsere Aufmerksamkeit. Unser Blick richtet sich automatisch auf die mögliche Bedrohung. So fängt man zuverlässig Leser, Hörer und Zuschauer. Das ist gut für Einschaltquoten, Auflagen und Klicks. Für die Menschen ist es das nicht.

Die gute Nachricht ist: Auch auf mögliche Auswege richtet sich unser Augenmerk vollautomatisch. Sie müssen nur sichtbar sein. Wenn also innovative Nachrichtenleute zum „Konstruktiven Journalismus“ aufrufen, der nicht nur Probleme, sondern auch Lösungsansätze aufzeigt, dann ist das ein hoffnungsfrohes Unterfangen: für Einschaltquoten, Auflagen, Klicks UND Menschen.

Konstruktiver Journalismus

Foto: RainerSturm / pixelio.de

Die Welt sieht nämlich nicht halb so düster aus, wie man mit Blick auf die konventionellen Nachrichten glauben könnte.  Positive Informationen fallen häufig unter den Tisch. Dabei gibt es sie durchaus.

Der Film Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen ist ein Paradebeispiel für Konstruktiven Journalismus. Die Probleme unserer Zeit werden nicht verschwiegen oder schöngeredet, aber auch nicht dramatisiert. Im gleichen Atemzug werden für jeden Themenbereich Lösungen vorgestellt. Und zwar nicht theoretische Ansätze, sondern bereits erfolgreich umgesetzte Maßnahmen. Die Beispiele sind Mut machend: Wenn nicht ein Dorf in der Pampas, sondern die Stadt San Francisco ihren Müll zu 80 % wiederverwerten kann dann ist das prinzipiell möglich. Und diese prinzipielle Möglichkeit ist es, was den Film zu einem wichtigen Impulsgeber macht.

Es kommt nicht darauf an, zu welchem Prozentsatz wir Müll recyceln, sondern dass wir endlich begreifen, dass unser Verhalten Konsequenzen hat. Damit meine ich nicht das Jüngste Gericht. Ich spreche von einem Gefühl der Selbstwirksamkeit und dem eigenen Gewissen als höchste Instanz.

Konstruktiver Journalismus begegnet uns auch im Netz. Die Online-Plattform www.goodimpact.org stellt seit 2013 eine Auswahl an Nachrichten zu gesellschaftlich relevanten Themen wie Umwelt, Wirtschaft und Bildung in deutscher Sprache zusammen. Sie beleuchtet neue Ideen, kreative Lösungsansätze und positive Entwicklungen. Entsprechende Artikel in unterschiedlichen Online-Medien sind verlinkt. Hier erfährt man beispielsweise nicht nur, dass der Regenwald in Gefahr ist, sondern auch, dass eine Umweltschutzorganisation gerade Regenwald von einer Fläche so groß wie 218 Fußballfelder gekauft hat.

Die Online-Plattform www.perspective-daily.de will als „Kompass durch die tägliche Informationsflut“ dienen. Jeden Tag wird ein ausführlicher Bericht im Sinne des Konstruktiven Journalismus veröffentlicht. Die Plattform wurde 2016 gegründet und hatte im Handumdrehen 12.000 Mitglieder, die durch einen Jahresbeitrag von 60 Euro eine finanziell unabhängige und werbefreie Berichterstattung ermöglichen. Zwischenzeitlich ist die Zahl der Mitglieder auf 14.000 gewachsen – Tendenz steigend. Die Leser*innen sind nicht nur Konsumenten. Sie haben die Möglichkeit abzustimmen, welche Aspekte bei weiteren Artikeln zu einem bestimmten Thema beleuchtet werden sollen.  Basisdemokratie im Journalismus – das ist neu. Und gleichzeitig stärken die Online-Abstimmungen das Gefühl der Selbstwirksamkeit bei den Mitgliedern.

Konstruktiver Journalismus

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Wir haben die Wahl, aus welchen Quellen wir unser Informationsbedürfnis speisen. Bei ihrer körperlichen Ernährung werden die Verbraucher*innen immer bewusster. Ein ähnlicher Trend zeichnet sich bei geistiger Nahrung ab. Achten Sie auch hier auf unnötige Geschmacksverstärker und künstliche Aromen und meiden Sie Schadstoffe so gut es geht. Verschlingen Sie nicht hastig möglichst viele Informationen, sondern entscheiden Sie bewusst, was Sie in sich aufnehmen wollen. Lassen Sie sich Zeit für diesen Prozess. Lesen Sie lieber in Ruhe einen ausgewogenen Artikel bis zum Schluss als zwei Duzend Schlagzeilen zu überfliegen.

Ein guter Maßstab dafür, ob Ihnen Ihr Medienkonsum wohltut, ist Ihr Körper. Spüren Sie nach, was die Nachrichten mit Ihnen machen. Lauschen Sie in Ihren Körper hinein: Ist da ein Anflug von Ohnmacht oder Lähmung? Fühlt Ihr Körper sich noch lebendig an? Spüren Sie einen Handlungsimpuls? Empfinden Sie Freude oder Zuversicht? Sie sind ein erwachsener Mensch, der nicht klaglos akzeptieren muss, was man ihm vorsetzt – weder auf dem Teller noch auf dem Bildschirm.  Vielleicht nehmen Sie jetzt die Pressemeldungen etwas bewusster wahr, möglicherweise werden Sie auch zum Nachrichten-Gourmet.

Bleiben Sie online. Ziehen Sie sich nicht aus dem Zeitgeschehen zurück. Wenn es Ihnen an der Frittenbude nicht schmeckt, hören sie ja auch nicht auf zu essen, sondern gehen zum netten Restaurant um die Ecke oder bereiten sich selbst ein bekömmliches und schmackhaftes Mahl zu. Und natürlich kann Ihnen keiner sagen, was Ihnen zu munden hat. Das entscheiden Sie schon selbst. Es gibt so viele Lösungsmöglichkeiten – lassen Sie uns gemeinsam hinsehen. Und wenn Sie dann einen Handlungsimpuls in sich spüren, mit dem Sie vielleicht nicht als Superheld die Menschheit retten, aber im Rahmen Ihres Alltags dazu beitragen, dass die Welt ein kleines bisschen besser wird: Nur zu!

18. Februar 2019 von Petra Weiß
Kategorien: Umdenken | Schlagwörter: , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Konstruktiver Journalismus – vom Fastfood-Junkie zum Nachrichten-Gourmet