Moment mal

In unserer Serie „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“ beleuchten wir uralte rhetorische Tricks, die bis zum heutigen Tage nicht das Geringste an Aktualität verloren haben. Dabei orientieren wir uns an den Aufzeichnungen von Arthur Schopenhauer. Er hat die überlieferten Wortgefechte der antiken Philosophen studiert und 36 Kunstgriffe herausgearbeitet. Sein Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ ist die Grundlage für meine Beiträge dieser Reihe.

Ich habe die Texte für Sie in eine zeitgemäße Sprache übersetzt und mit Beispielen aus unserem normalen Alltagserleben illustriert: Wir beobachten ein Kind am Mittagstisch, das keinen Spinat essen will und mit trickreichen Wortjonglagen versucht, dem Gemüse zu entgehen.

In dieser Folge befassen wir uns mit einer bewährten Technik in der unfairen Kriegsführung: die taktische Unterbrechung. Unendlich platt und dennoch immer wieder erfolgreich ist es, gezielt an passender Stelle die Stop-Taste zu drücken.

Nähert sich eine Diskussion dem Punkt, an dem man sich eigentlich geschlagen geben müsste, wird stattdessen eine Gesprächspause erwirkt. Das kann auf jede erdenkliche Weise geschehen. Hauptsache der Gegner vergisst, was er sagen wollte, lässt sich ablenken und vernebeln. Zur Not verlässt man einfach den Raum. Besser ist es aber, den anderen zu beschäftigen.

In unserem Alltagsbeispiel könnte der Bub plötzlich ganz dringend Pipi müssen. Oder ein Becher fällt „aus Versehen“ herunter. Oder der kleine Spinatverweigerer verkleckert sich großflächig mit dem unliebsamen Grünzeug.

Zum Unterbrechen ist jeder noch so vorgeschobene Grund geeignet. Selbst wenn dem Widersacher vollkommen klar ist, dass er gerade manipuliert wird. Was soll´ s?! Hauptsache nicht als Verlierer aus der Situation hervorgehen. Bei einer richtigen Rechthaberei ist alles besser, als klein beizugeben.

Natürlich möchte ich Sie nicht ermutigen, solche Tricks gegen Ihre Gesprächspartner anzuwenden. Mir geht es darum, dass sie die Kunstgriffe erkennen, wenn Sie Ihnen begegnen.

Bitte gehen Sie mit Ihrem neuen Wissen achtsam um. Nicht jeder, der während einer Debatte zur Toilette will, unterbricht das Gespräch aus unlauteren Beweggründen. Vielleicht muss er einfach nur aufs Klo. Oder er bemerkt, dass die Gemüter erhitzt sind, und verschafft sich und dem anderen eine kleine Pause der Abkühlung.

Das Verhalten eines Menschen anhand eines Merkmals bewerten zu wollen, ist ohnehin nicht sinnvoll. Beobachten Sie Ihr Gegenüber weiträumiger, bevor Sie sich ein Urteil erlauben. Rechnen Sie damit, dass Sie gelenkt werden sollen, aber bleiben Sie dafür offen, dass die Welt viel freundlicher sein könnte, als Sie gerade glauben.  

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.