Stefan Zweig: meine Inspiration

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Schon als Kind war ich ein Bücherwurm. Diese Welt der Dichtung war mir Trost und Zuflucht. Mit den Schriftstellern und ihren erfundenen Figuren fühlte ich mich manchmal mehr verbunden als mit meinem alltäglichen Umfeld.

Das Lesen begleitet mich seither auf all meinen Wegen. Ich weinte mit Goethes Werther in Salzburg, war verzückt von Hesses Liebesgeschichten in Bolzano und amüsierte mich köstlich über Oscar Wildes Wortwitz.

Besonders berührten mich die schicksalsträchtigen Geschichten von Stefan Zweig. Er war ein feinsinniger Beobachter mit brillantem Verstand. Seine Novellen und Romane sind Kunstwerke aus Buchstaben. Es gelang ihm wortgewandt und detailgenau, derart schlüssige Charaktere zu erschaffen, dass man glaubte, diesen Menschen tatsächlich zwischen den Zeilen begegnet zu sein.

Als Jugendliche entdeckte ich in der Tageszeitung zufällig eine Fortsetzungsgeschichte von ihm. Ich glaube es war „Brennendes Geheimnis“. Damals lag ich – wie überaus passend! – mit Fieber im Bett, mir war unsäglich langweilig und ich suchte nach etwas, das meinen unruhigen Geist fesseln konnte. Ungeduldig erwartete ich den täglichen Fortgang im nächsten Blatt. Begleitet von Rotbäckchen-Saft, Fencheltee und Zwieback verschlang ich begierig jedes Wort. Unter diesen besonderen Umständen erfuhr ich eine Art Initialzündung. Die Erzählungen von Stefan Zweig ließen mich nie wieder los.

In der Schule verfasste ich einen Vortrag über die „Schachnovelle“. Mit meiner Erfahrung von heute würde ich sagen, die Geschichte eines schweren Schicksals und seines beinah gelungenen Bewältigungsversuchs. Damals sah ich die Charakterstudien zweier Männer, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Ich begriff die Verschiedenartigkeit ihrer Lebensläufe und ihres jeweiligen Weltbildes und bewunderte den vielschichtigen Aufbau der Erzählkunst. Ich weiß noch, wie enttäuscht ich Jahre später war, als ich die platte Verfilmung des Buchs im Programmkino sah. Der Inhalt war so weit weg von seinem Ursprung, dass ich fast den Saal vorzeitig verlassen hätte. Selbst Mario Adorf in einer der Hauptrollen konnte meinen Schmerz über den Verrat am Schöpfer der Novelle nicht lindern.

Vor zehn Jahren schließlich besuchte ich bei einer meiner Salzburg-Reisen den Berg, auf dem Stefan Zeig vor seiner Flucht gelebt hatte. Melancholie ergriff mich beim atemberaubenden Blick über die Stadt. Diese Heimat hatte der Mann verlassen müssen, um der politischen Verfolgung zu entrinnen, bevor er sich in der Verbannung das Leben nahm. Er, dem die Tragik des Schicksals mitfühlend aus der Feder geflossen war, der Verständnis erzeugen konnte selbst für die haarsträubendsten Taten.

Zweigs Romane über berühmte Persönlichkeiten der Weltgeschichte gingen mir unter die Haut. Mit glühenden Wangen teilte ich Maria Stewards Leidenschaft für beherztes Handeln. Marie Antoinette hingegen war so treffend beschrieben, dass ich die nervtötende Unentschlossenheit “eines mittleren Charakters” nicht ertragen konnte. Das Buch habe ich halb gelesen zu Seite gelegt und die Lektüre nie wieder aufgenommen.

„Sternstunden der Menschheit“ seht in einer leinengebundenen Ausgabe in meinem Bücherregal. Wann immer ich Wendepunkte in der Geschichte hautnah miterleben will, greife ich zu diesem Klassiker. Seine Kurzgeschichten beschreiben detailreich die wenig bekannten Umstände der Entdeckung des Pazifiks, zeigen die Hartnäckigkeit eines Visionärs am Beispiel der ersten Übersee-Telefonverbindung und fangen die knisternde Atmosphäre am Vorabend der Französischen Revolution ein, die im einmaligen Geniestreich einer Nacht die Marseillaise hervorbrachte.

Zweigs wiederkehrendes Muster ist das Hineingezogenwerden eines anfangs unbeteiligten Fremden in das dramatische Geschick eines anderen. Zeitfenster des möglichen Handelns springen auf und schließen sich wieder. Bleiben sie ungenutzt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Nicht selten enden die Erzählungen tragisch und sind ein Zerrbild der Lebensgeschichte ihres Erzählers.

„Hinter jedem Fenster lauert Schicksal.“ ist mein liebstes Zitat von Stefan Zweig. Dieser Satz weckte mein Bewusstsein dafür, dass überall Menschen leben mit eigenem Bewusstsein und eigenen Erfahrungen. Dass mein Erleben ganz mir gehört. Dass meine Perspektive nur eine von vielen ist. Und dass das, was wir zu wissen glauben, nur der Hauch einer Ahnung von all dem sein kann, was im Verborgenen liegt – hinter den undurchsichtigen Vorhängen dieser Welt.