Duzt Du noch oder siezen Sie schon?

Schreibkunst Redaktion

Die Beeinflussung unserer Gefühle, Gedanken und Handlungen erfolgt auf vielen Kanälen: über Bilder, Formen und Farben, über die Stimmlage und die optische Erscheinung eines Sprechers, über Hintergrundgeräusche oder Musik, über haptische Eindrücke, sogar durch Düfte werden uns subtile Botschaften vermittelt. Jeder Frequenzbereich hat eine spezifische Wirkung. Und diese wird genutzt.

Wir können unmöglich alle Einflüsse im Blick haben, die auf uns wirken. Daher beschränke ich mich auf meinen Fachbereich, die Sprache. Und selbst hier gibt es ein ganzes Universum zu entdecken, das ich Ihnen häppchenweise in Form alltäglicher Beispiele eröffnen will. 

Früher habe ich mich gewundert, warum ich mich so unwohl damit fühle, dass ich ungefragt in einem Einrichtungshaus von wildfremden Menschen geduzt werde. Anderen Kunden scheint das gar nichts auszumachen. Offen gesprochen, macht es mich ärgerlich. Ich erlebe dieses Überschreiten der sprachlichen Vertraulichkeitsschwelle ohne vorherige Abstimmung als Grenzverletzung durch Worte.

Wir sind ja nicht auf dem Fußballplatz oder in der Kneipe und treffen uns zur gemeinsamen Freizeitgestaltung, sondern hier soll sich ein Geschäft anbahnen. Ich bin als potenzielle Vertragspartnerin und Kundin in dem Laden. Die Rolle macht den Unterschied. Halten Sie meine Sichtweise für überholt? Würden Sie den Bankdirektor beim ersten Gespräch zur Kreditvergabe für Ihr Haus duzen? Oder den Sachbearbeiter beim Finanzamt? Wie sprechen Sie die Kassiererin im Supermarkt an? Und wie Ihren Arzt? Haben es nur “Respektspersonen” verdient, mit dem Sie geehrt zu werden? Ich denke, Respekt dürfen wir vor allen Menschen haben, unabhängig von Ihrem gesellschaftlichen Rang.

Freilich gibt es Ansichten, die für einen jovialen Umgang im geschäftlichen Umfeld Partei ergreifen. Das Übernehmen von Gepflogenheiten aus anderen Ländern, vornehmlich aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum, zum Zweck der Globalisierung scheint dafür zu sprechen. Fluch und Segen der weltweiten Vernetzung können wir heute deutlicher sehen denn je. Das politische Thema will ich nicht weiter vertiefen. Mir geht es um psychologische Zusammenhänge.

Man mag anführen, dass es beispielsweise im Englischen gar keine Unterscheidung zwischen dem Du und dem Sie gibt. Das stimmt. Ob wir die Feinheit und Präzision unserer Muttersprache für die Anpassung und Gleichmachung aufgeben wollen, steht auf einem anderen Blatt.

Aus psychologischer Sicht ermöglichen genau diese Besonderheiten im Deutschen eine außergewöhnlich nuancierte Benennung und damit auch ein feingliedriges Bewusstsein über die eigenen Emotionen und Gefühle. Dieser Grad der Differenzierung unterstützt uns dabei, unsere facettenreiche Innenwelt anderen Menschen verständlich zu machen. Die deutsche Sprache dient also in ihrer Eigenart der Beziehung zu uns selbst und zu unserem Umfeld.

Mit der Entscheidung über Du oder Sie kann man die Qualität einer Beziehung innerhalb der Beteiligten und nach außen sichtbar kennzeichnen. Das Mehr an Vertraulichkeit wird traditionell durch das Du beschrieben. Ein Duzfreund steht mir näher als ein Bekannter.

Die Ausdruckskraft von Worten wird durch einen Gebrauch abseits ihrer ursprünglichen Bedeutung verfälscht und verzerrt. Wenn ich 5.000 „Freunde“ auf einer Internet-Plattform habe, von denen ich 4.850 noch nie begegnet bin, was bedeutet dann das Wort „Freund“? Was macht es mit unserem Erleben von Beziehung, wenn wir diesem Begriff keine Eindeutigkeit mehr zugestehen? War ein Freund nicht mal jemand, auf den Verlass ist? Der mir treu zur Seite steht? Dem ich mich anvertrauen kann? Und umgekehrt. Was geschieht mit diesen Werten, wenn wir den Begriff verwässern? Dann ist ein Freund plötzlich jemand, den ich einmal auf irgendeiner Messe getroffen habe. Wem nützt es, wenn dieser Mensch, auf den nicht einmal der Begriff „Bekannter“ wirklich zutrifft, mir zum Geburtstag gratuliert? Hat er meinen Namen in sein Notizbuch geschrieben oder wurde er als automatische Erinnerung ausgespuckt?

Wir sind darauf gepolt, „Netzwerke“ zu pflegen und strategisch auszubauen. Jeder Karriereratgeber sagt uns, das „Networken“ sei von großem Vorteil für unser berufliches Vorankommen. Mir kommt dabei die Echtheit von Beziehungen zu kurz. Verbindungen, die zum gegenseitigen Nutzen betrieben werden, statt unserem tiefen Herzenswunsch zu entspringen, und trotzdem das Prädikat “Freundschaften” erhalten, sind mir zuwider.

Gegen rein berufliche Beziehungen ist natürlich nicht das Geringste einzuwenden – beidseitige Wertschätzung eingeschlossen. Man muss sich mit Kollegen, Vorgesetzten, Mitarbeitern oder Kunden nicht anfreunden, um in angenehmer Weise mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Aus dienstlichen Kontakten heraus kann mitunter ein freundschaftliches Band geknüpft werden. Das ist dann eine organische Entwicklung und kein planvoller Prozess. Privat wie dienstlich sollten sich alle Beteiligten über die Art ihrer Beziehungen grundsätzlich bewusst sein. Im Zweifel hilft ein offenes Gespräch zur Klärung.

Viel zu selbstverständlich ist es geworden, einen anderen Menschen als Mittel zum Zweck zu sehen. Ohne böse Absicht setzen Eltern in ihre Nachkommen bestimmte Erwartungen. Was sollen die Zöglinge alles verkörpern, um Mami oder Papi eine Freude zu bereiten?! Tatsächlich wird das Vorbeischauen an der Einzigartigkeit des Buben oder Mädchen und das Pressen des Abkömmlings in Anforderungsschablonen als eine mögliche Ursache des allgegenwärtigen Narzissmus angenommen. Die Folge sind eine Verleugnung des Selbst und letztlich dessen Vergessen. Selbst-Vergessenheit ist kein erstrebenswertes Ziel. Solche Identitätslosigkeit führt in den Bau von Fassaden, die nur allzu leicht ins Bröckeln geraten und dann um jeden Preis aufrecht erhalten werden müssen. Der Verlust dieser Ersatz-Identität wird “ums Verrecken” vermieden.

Aus meiner Sicht ist das Benutzen von Menschen für bestimmte Zwecke eine alltägliche Form von Missbrauch. Der Gehirnforscher Prof. Gerald Hüther spricht von der Würde des Menschen, die dabei auf der Strecke bleibt, wenn wir andere zum Objekt machen. Jemanden in seiner Einzigartigkeit als Mensch, der besondere Fähigkeiten und Bedürfnisse hat, die geachtet werden wollen, nicht wahrzunehmen und stattdessen in erster Linie seinen Gebrauch für das eigene Wohl im Blick zu haben, ist wahrlich unwürdig.

Mir machen Verwechslungen auf diesem Gebiet schwer zu schaffen, wenn ich feststellen muss, dass jemand sich als „Freund“ darstellt, während er schaut, welchen Profit er aus seiner Beziehung zu mir schlagen kann. Bei bestimmten Typenmustern kommt dieses Verhalten häufiger vor als bei anderen. Es gehört zu ihrem Selbstverständnis und sie sind sogar stolz darauf, wieder jemand Nützlichen in ihr Netzwerk eingebunden zu haben. Gleichzeitig fördert unsere Karriere-orientierte Ellenbogengesellschaft grundsätzlich derlei Haltung.

Vielleicht nehmen Sie diesen Beitrag zum Anlass, sich darüber Gedanken zu machen, was für Sie Freundschaft bedeutet und wer in Ihrem Umfeld die Bezeichnung „Freund“ verdient hat. Damit Sie nicht in eine Schwarz-Weiß-Betrachtungsfalle tappen, wählen Sie am besten eine Skala der Freundschaftsqualität: Busenfreund, enger Freund, Duzfreund, Freund, Kumpel, Bekannter, weitläufiger Bekannter. Bei Bedarf machen Sie die Kategorie erst einmal an äußeren Beziehungsmerkmalen fest wie: Verwandter, Nachbar, Kollege, etc.

Kommen wir zurück zum Du.

In den 1980er Jahren konnte ich eine Innenansicht auf die damals vorherrschende Maxime in der Verkaufssprache erhalten. Es galt als zweckdienlich, die „Sprache der 5- bis 7-Jährigen“ zu verwenden. Sie haben richtig gelesen. Nicht die erwachsene Ebene im Käufer soll angesprochen werden, sondern eine kindliche. „Keep it simple and stupid“ war entsprechend der Leitsatz der damaligen Zeit. Einfach und für Dumme wollte die Ansprache im Verkaufsgespräch sein.

Während meiner Zeit im Marketing in den 1990ern durfte ich lernen, wie man diese Maßgabe praktisch umsetzt. Es gibt klare Regeln für das Texten auf Kinderniveau: einfacher Satzbau, kurze Sätze, nicht mehr als 7 Worte in Überschriften, bildhafte Formulierungen, optische Hervorhebung der Kernbotschaft, positive und aktive Wortwahl, konkrete Handlungsaufforderungen am Ende – kurzum: es dem Leser so einfach wie nur möglich machen, um die gewünschte Handlung bei ihm auszulösen. Sogar mit der Augenkamera wird analysiert, wohin der Betrachter in einem Text schaut, damit man genau dort werbewirksame Wörter platziert. Werbetexten ist eine ausgefeilte Kunst.

Während meiner Ausbildung zur Hypnosetherapeutin in der Dekade nach der Jahundertwende lernte ich das Neurolinguistische Programmieren (NLP). Die Bezeichnung macht gar keinen Hehl daraus, dass man das Gehirn seines Gegenübers durch Sprache programmieren will. Aha. Hier ist eine Schnittstelle zwischen der Rhetorik in der Werbung und der gezielten Verwendung von Sprache zu therapeutischen Zwecken. Die Anliegen der beiden Anwendergruppen sind aufgrund der Natur ihrer Berufe vollkommen unterschiedlich.

Ein verantwortungsvoller Therapeut wird den Clienten immer in seine Absichten einweihen und an den per Behandlungsauftrag abgestimmten Zielen des Clienten richtet sich die gemeinsame Arbeit aus. Der Verkäufer hingegen ist in erster Linie seinem Unternehmen verpflichtet. Seine Aufgabe ist es, dem Kunden etwas zu verkaufen. Das ist kein Geheimnis. Warum manche Kunden gutherzig davon ausgehen, dass ein Verkäufer stets nur das Beste für sie will und seiner Beratung blauäugig vertrauen, ist mir schleierhaft.

Aus meiner Warte kann ich die Vorbehalte gegenüber der professionellen Beeinflussung durch Sprache nachvollziehen: Das NLP wird mit gutem Grund misstrauisch beäugt. Es ist ein machtvolles Mittel der Manipulation. Ich versuche, mein Wissen über Rhetorik nicht unbewusst zu verwenden und stattdessen Menschen darüber aufzuklären. Wie bei vielen Tricks aus der Redekunst, ist man deutlich im Hintertreffen, wenn das Gegenüber sie beherrscht und man selbst sie nicht durchblickt.

Unter Hypnose wird der Therapeut den Patienten in der Regel duzen, weil das Unterbewusstsein auf diese Weise direkter angesprochen werden kann. Während einer Familienaufstellung nutzt er ebenfalls das Du, um bei Bedarf mit frühen Lebensphasen arbeiten zu können. Psychologen wissen sehr wohl, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man jemanden duzt oder siezt. Wir gehen sehr sorgsam mit diesem Instrument um.

Meine Hypnoausbildung hat mich hochgradig darauf sensibilisiert, dass während einer Trance alle Geräusche im Raum ins Unterbewusstsein eindringen. Jedes Wort erzeugt ein Störgefühl, wenn es nicht exakt passend gewählt ist. Das Wiederholen des genauen Wortlauts aus den Äußerungen des Patienten ist wesentlich für den reibungslosen Verlauf einer Sitzung. Feinste Nuancen werden wahrgenommen. Durch Wiederholung werden Programmierungen gefestigt. Man ankert sie durch das Koppeln von gewünschten Gedankeninhalten an bestimmte Reize.

Für eine Rauchentwöhnung kann das außerordentlich hilfreich sein. Das Wissen, welches in der Psychotherapie in Abstimmung mit dem Patienten zu seinem Vorteil bewusst und gezielt eingesetzt wird, kann in anderen Zusammenhängen ohne dessen Zustimmung zum Nachteil eines Menschen verwendet werden.

Aktiviert man eine bestimmte Ebene des Denkens durch das Du, wirkt Werbung auf unser Unbewusstes, auf unser Kindliches und spricht damit Bedürfnisse auf eine Weise an, die sich unserem wachen Verstand entzieht. Das ist Manipulation. Und wenn es zur Belohnung nach dem Einkauf noch ein Softeis zum Spottpreis gibt, haben wir gerade unser Geld im Kindergarten gelassen und gehen mit einem seligen Grinsen nach Hause. Unsere neuen „Spielsachen“ haben Namen wie damals der Teddybär. Ich bin voller Bewunderung für die Marketingstrategen, die durch diesen Trick unsere Bücherregale und Spülbürsten zu unseren neuen „Freunden“ machen.

Ich weiß, dass das Du in den sogenannten sozialen Medien üblich ist. Das ist einer der Gründe, warum ich dort nicht heimisch geworden bin. Meine Arbeit richtet sich an die erwachsene Ebene, an den vernünftigen Verstand, der Instinkte, Emotionen und Gefühle integriert. An diesem Punkt ihrer Entwicklung stehen natürlich nicht alle und manche fühlen sich deshalb von mir nicht abgeholt. Ihr Empfinden ist richtig.

„Der kleine Lukas will im Schmalland abgeholt werden“, fällt mir da ein und ich muss schallend lachen, weil ich mir vorstelle, wie die Lautsprecherdurchsage im Sie klingt „Der kleine Herr Müller will im Schmalland abgeholt werden“.

Nein, das ist nicht meine Aufgabe, Erwachsene auf der Kinderebene einzufangen. Und es ist ebenso wenig in meinem Interesse, sie zu “pampern”, „nachbeeltern“ sagt man im Psychologen-Deutsch. Mir ist daran gelegen, dass Menschen in ihre Kraft kommen und entdecken, dass sie in der Lage sind, selbst für sich zu sorgen. Sie erkennen dann, dass sie keine Eltern mehr brauchen, die sich um sie kümmern, und deshalb auch keine Autoritäten hinnehmen müssen, die sie bevormunden wollen.

Menschen, die in diesem Sinne erwachsen sind, treten im Wortsinne selbst-bewusst für ihre Bedürfnisse ein. Sie müssen niemanden manipulieren, der ihre Sehnsüchte stillen soll, und sie lassen sich auch nicht als Bedürfniserfüller anderer einspannen. Dieses Für-sich-stehen-Können ist eine gute Grundlage für eine Beziehung auf Augenhöhe. Gerade in Liebesbeziehungen finden wir häufig kindliche Muster von Trotz, Bedürftigkeit oder Gefallen-Wollen auf der einen und elterliche Anmaßungen von Fürsorge oder Erziehung ohne Auftrag auf der anderen Seite – und gerne auch im Wechsel. Mit dem Verlassen solcher Rollen ist die Beziehung nicht zu Ende, dort fängt sie erst an.

Wie Sie das Du und das Sie handhaben wollen, bleibt natürlich ganz Ihnen überlassen. Mir ist es nur wichtig, dass Sie sich über die Wirkung im Klaren sind und eine bewusste Wahl treffen.

Text: Petra Weiß
Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Danke schön

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Nackt und gackernd durch den Stadtpark

Schreibkunst Texter Content

Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~17 Minuten

Nehmen wir einmal an, ich möchte Sie hypnotisieren, ohne dass Sie es bemerken. Am besten, Sie kommen nicht einmal auf die Idee, dass jemand Sie hypnotisiert haben könnte. Im Idealfall würden Sie sogar im Brustton der Überzeugung ausrufen „MIIICH? Auf gar keinen Fall!“ oder „Ich bin gar nicht hypnotisierbar!“ Wie könnte ich Sie in aller Seelenruhe hypnotisieren und Sie wären dabei völlig ahnungslos?

Was soll ich Ihnen sagen: Wir alle werden jeden Tag hypnotisiert und die meisten haben davon nicht den leisesten Hauch eines Schimmers. Ein eklatanter Fehler in der öffentlichen Meinung über Hypnose ist dafür verantwortlich, dass sie es nicht wissen. Die Frage ist berechtigt, wer ein Interesse an diesem „Missverständnis“ haben könnte, das sich auf wundersame Weise so hartnäckig hält und partout keine Klärung findet.

Während meiner Ausbildung in Hypnotherapie haben meine Kollegen und ich uns über das falsche Image unserer Methode amüsiert. „Jaja, Du willst mit mir üben und ich laufe dann wieder nackt und gackernd wie ein Huhn durch den Stadtpark!“ oder „Ja, klar: Morgen kann ich in der Zeitung lesen, was Du mit mir in der Trance gemacht hast!“ oder „Ich habe meine neue Freundin hypnotisiert, damit sie mich toll findet. Wehe, wenn jemand mit den Fingern schnippt!“

Nichts davon entspricht der Wahrheit.

Hypnose ist nach der Definition des Grand Monsieur der Modernen Hypnotherapeuten, Gunther Schmidt, das Lenken der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Ausschnitt der Wahrnehmung. Dieser Ausschnitt ist dann unsere Wirklichkeit, also der Teil der Realität, der auf uns wirkt. Das ist alles.

Im normalen Tagesgeschehen sind wir dauernd gezwungen, unsere (bewusste) Wahrnehmung auf einen kleinen Teil der unüberschaubaren Vielzahl von Sinneseindrücken zu reduzieren. Das machen wir unwillkürlich vollautomatisch.

Wenn wir unsere eigene Aufmerksamkeit lenken, kann man das als Selbsthypnose bezeichnen. Lenkt jemand anders unsere Aufmerksamkeit in eine bestimmte Reichung, dann versucht er, uns zu hypnotisieren.

Jedes Mal, wenn Ihre Aufmerksamkeit gezielt gefesselt wird, oder wenn Ihre Gedanken von irgendetwas absichtlich abgelenkt werden, erleben Sie eine Hypnose.

Meinen Sie immer noch, man könne Sie nicht hypnotisieren?

Viele Menschen denken, Hypnose sei das, was sie im Varieté als Show vorgeführt bekommen. Dort sortiert ein Künstler vorher, welcher Zuschauer besonders „suggestibel“ ist, wen er also am leichtesten beeinflussen kann. Die Beeinflussbarkeit steigert er dann noch mit bestimmten Induktionstechniken zu einem trance-artigen Bewusstseinszustand. Was wir dort häufiger sehen, ist eine sogenannte Schock-Induktion. Ein plötzlicher und unerwarteter Schreckmoment wird zur Vertiefung der Trance gezielt erzeugt. Solche Mittel würde ich in der Therapie niemals einsetzen. Wir erleben Schock-Induktionen allerdings täglich – wir müssen nur die Nachrichten einschalten.

Eine weitere Induktionstechnik ist das völlige Überladen des Verstands mit verwirrenden Inhalten. Das haben Sie sicher auch schon außerhalb einer therapeutischen Hypnose erlebt. Diese Form der Reizüberflutung führt irgendwann zum Abschalten des Verstandes. Wir gleiten in eine Art Halbschlaf. Unsere Gehirnwellen sind im Alpha-Frequenzbereich, daher nennt man den Zustand Alpha-Zustand: Hier haben wir Zugang zu unserem Unbewussten, und zwar in beide Richtungen. Wir können unserem Unbewussten Botschaften eingeben und Botschaften aus dem Unbewussten erhalten.

Diese Eigenschaften nutzt die Hypnotherapie. Der Patient sucht für sein Problem nach Lösungsmöglichkeiten, die im Alltagsbewusstsein nicht erreichbar sind. Oder er wünscht sich eine bestimmte Suggestion, um sein Problem unter Mitwirkung des Unbewussten zu lösen. Jede Suggestion ist natürlich vorher im Detail abgestimmt. Die Absicht ist transparent und für den Hypnotisierten nachvollziehbar. Sie entspricht seinem Willen. So ist die Arbeit mit dem Unbewussten ethisch einwandfrei.

Ethisch nicht vertretbar ist es, Hypnosetechniken ohne Auftrag des Betreffenden einzusetzen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Das ist im weitesten Sinne schwarze Magie oder moderner ausgedrückt eine hinterlistige Manipulation.

Sie wollen eigentlich einen Spielfilm sehen. Stattdessen werden Sie alle 15 Minuten von Werbespots überfallen. Ihre Aufmerksamkeit wird gelenkt und noch schlimmer, man versucht – meist sehr erfolgreich – bei Ihnen eine bestimmte Emotion auszulösen. Die Kopplung zwischen dieser Emotion und dem Produkt soll in Ihnen angelegt werden. Worte, Bilder, Musik – alles wirkt gemeinsam in diesem Sinne auf Ihr Unbewusstes ein. Ihr Bewusstsein ist nämlich noch mit dem Krimi von eben beschäftigt und versucht zu ergründen, wer der Täter ist. Die Bahn ist frei für Suggestionen. Plötzlich spüren Sie das Bedürfnis nach Abenteuer und holen sich gedankenverloren ein Bier aus der Kühlung. Voilà: Sie wurden programmiert.

Da Schock-Induktionen besonders wirkungsvoll sind, seien Sie vor allem achtsam, ob jemand Ihnen einen Schreck einjagen will und wenn ja, welche Informationen gleichzeitig oder direkt danach angeboten werden. Alles was Sie dann sehen oder hören, läuft am bewussten Verstandesdenken vorbei direkt ins Unbewusste und entfaltet dort seine Wirkung.

Mir ist solch ein billiger Trick als Gesprächstaktik bei einem Versicherungsmakler begegnet. Er wollte mir einen Vertragsabschluss schmackhaft machen und hat mir zu diesem Zweck eine Horrorgeschichte von einer angeblichen Bekannten erzählt. Ob es diese Frau wirklich gibt, weiß ich nicht. Geschweige denn, ob die Story stimmt. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, lassen sich Menschen manchmal Phantasien einfallen, die prinzipiell stimmen könnten. Hier war wenigstens klar, welche Absicht verfolgt wird: Der Mann wollte mir eine Versicherung verkaufen. Das ist sein Beruf. Was aber, wenn im Dunkeln liegt, wer uns beeinflussen will und in welche Richtung?

In den täglichen Nachrichten wird über Dinge berichtet, die potenziell Angst und Schrecken verbreiten. Gerne möchte ich davon ausgehen, dass unsere Nachrichtensender uns ausgewogen über das Weltgeschehen informieren wollen. Vielleicht verfolgen ein paar von ihnen stattdessen oder zusätzlich auch andere Ziele. Von ebendiesen Medien bekommen wir immer wieder gesagt, dass Propaganda nur von bösen Regierungen „der anderen Seite“ eingesetzt wird oder früher von den Nazis. Unsere Medien sind natürlich vollkommen frei von politischen Motiven.

Sie dürfen gerne bei dieser Meinung bleiben, wenn es Ihnen damit gut geht. Falls Sie sich schon einmal nach den Geldflüssen erkundigt haben, oder wenn Sie die Neutralität eines Senders oder einer Zeitung aus anderen Gründen anzweifeln, lade ich Sie zu einem kleinen Experiment im Selbstversuch ein:

Prüfen Sie doch einfach mal den Effekt, den Nachrichten aus verschiedenen Informationsquellen auf Sie haben. Wie ging es Ihnen vorher? Wie geht es Ihnen danach? Fühlen Sie sich klar und stabil oder schwach und verwirrt? Haben Sie Angst bekommen? Sind Sie empört? Betrifft der Gegenstand der Angst oder der Empörung Ihr persönliches Erleben? Haben Sie sich gerade einschüchtern oder aufhetzen lassen? Welche Botschaften wurde vordergründig, welche durch Farben, Töne und Formulierungen vermittelt? Passen die Inhalte des gesprochenen Wortes und der Bilder zusammen? Sind sie dem Thema angemessen? Fühlen Sie sich in irgendeiner Weise bedrängt?

Werden die immer gleichen Bilder oder gleichlautenden Formulierungen mantramäßig wiederholt und wiederholt und wiederholt? Auch das gehört zu einer guten Hypnose. Die Menschen glauben fast alles, wenn sie es oft genug hören. Das nennt man eine Gehirnwäsche.

Hollywood-Filme liefern reihenweise Beispiele für geschickt vermittelte Botschaften jenseits der bewussten Wahrnehmung. Keiner will Ihnen den Spaß am Kino vermiesen. Genießen Sie ruhig die Spannung und freuen Sie sich über die schauspielerische Leistung. Aber fragen Sie sich auch: Welches Narrativ wurde mir da angeboten? Welche Eindrücke abseits der für den Plot notwendigen Dramaturgie wurden vermittelt?

Wenn ich mir Stirb langsam anschaue, was denke ich danach über Mercedes-Fahrzeuge? Wenn Bruce Willis mit seiner G-Klasse über die Autodächer poltert und später mit einem PKW einen Helikopter abschießt? Just im Moment des grandiosen Triumphs über die Bösen.

Product Placement nennt man das indirekte Bewerben von Produkten während eines Unterhaltungsfilms. Das ist Hypnose pur. Durch die emotionale Aufladung während des Films wirkt Product Placement massiv im Unterbewusstsein. Der Hersteller entscheidet, welche Emotion beim Zuschauer mit seinem Produkt gekoppelt sein soll. „Mercedes = Triumph über das Böse“ – aus Marketing-Sicht ist das der Jackpot!

Dabei ist es sogar unwichtig, ob es die G-Klasse war, die den Hubschrauber trifft. Das Fahrzeug ist so lange und so intensiv im Blickpunkt, dass jeder andere Eindruck verblasst. Ich habe den Film bestimmt 10 Mal gesehen und könnte nicht sagen, aus welchem Auto John McLane springt. Aber die G-Klasse vergisst man nie.

Diese „versteckte“ Werbung ist noch relativ leicht erkennbar, wenn man darauf achtet. Erscheint es Ihnen abwegig zu spekulieren, ob wir noch andere Botschaften untergejubelt bekommen? In Serien, in Filmen, in Talkshows, in sogenannten Dokumentationen. Den „Spin“ können wir mehr oder weniger deutlich an der Tönung erkennen: Wie sollen wir über die Welt denken, wenn wir den Beitrag gesehen haben? Wie über gesellschaftliche Fragen, z.B. Geschlechterrollen? Wie über eine bestimmte Persönlichkeit?

Gesetzt der Fall, jemand wollte eine öffentliche Person in einem schlechten Licht erscheinen lassen. Geplant sei ein Spielfilm über diesen Menschen und sein Tun. Beim Casting könnte man aus einer Vielzahl von Künstlern wählen, also beispielsweise zwischen einem Schauspieler, den alle als fürsorglichen Arzt einer Vorabendserie kennen, und einem Darsteller, der durch seine Rolle als psychopathischer Massenmörder in einem Blockbuster bekannt ist. Für wen würde man sich entscheiden? Und wie würde schon diese Auswahl unbewusst auf die Zuschauer wirken? So eine Besetzung ist reine Phantasie? Sie würden sich wundern. Um hier keine politische Diskussion vom Zaun zu brechen, werde ich mein Beispiel nicht benennen. Recherchieren Sie selbst, wenn Sie wissen wollen, wer hier angeblich aus Insider-Sicht bloßgestellt wurde.

Hollywood lenkt seit Jahrzehnten unsere Aufmerksamkeit und wir zahlen auch noch Eintritt dafür. Glauben Sie, Sie wüssten, was wirklich auf der Titanic geschehen ist, nur weil Sie den Film gesehen haben? Oder bei der Apollo 13 Mission? Ich sage nicht, dass hier gelogen wird. Ich sage nur, dass Sie von einem Film, der sich auf historische Ereignisse bezieht, keine objektive Darstellung wahrer Begebenheiten erwarten dürfen. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn Drehbuchautoren sich spannende Dinge ausdenken. Das ist ihr Job. Sie werden dafür bezahlt. Aber verwechseln Sie niemals einen Spielfilm mit der Tagesschau.

In unserer multimedialen Zeit ist es kaum möglich, sich der allgegenwärtigen Hypnose zu entziehen. Das Bewusstsein für diese Vorgänge dient der wichtigen Erkenntnis, wo und in welcher Weise wir hypnotisiert werden. Eine Chance, trotzdem in der Selbstbestimmung zu bleiben, ist bewusst zu entscheiden, welchem Teil der Realität wir unsere Aufmerksamkeit schenken wollen. Diese Entscheidung ist wesentlich. Sie bringt uns aus der passiven Konsumhaltung ins aktive Gestalten unserer Gedanken- und Erlebniswelt.

Einige Menschen genießen es wie ein Detektiv-Spiel, Manipulationsversuche aufzustöbern. Sie nehmen das Ganze sportlich und freuen Sich über jede neue Entdeckung. Für andere ist es gar nicht so einfach zu akzeptieren, dass sie hin und wieder einem professionellen Hypnotiseur auf den Leim gegangen sein könnten – ganz gleich ob er Versicherungsmakler, Nachrichtensprecher oder Spielfilm-Produzent ist. Wir alle haben gerne ein Gefühl der Kontrolle über unser Leben. Manche ziehen es deshalb vor, (unbemerkte) Manipulation aus den Möglichkeiten ihrer individuellen Wirklichkeit zu verbannen. Das dürfen sie natürlich. Damit spielen sie leider allen Betrügern direkt in die Hände. Das ist nämlich genau ihr Trick: Hypnose funktioniert deshalb so gut, weil wir glauben, dass es sie in unserem Leben nicht gibt. Weil wir ein völlig falsches Bild von ihr haben. Oder besser gesagt: hatten. Ihr Bild ist jetzt zurecht gerückt. „Welcome to the real world.“

Text: Petra Weiß
Foto: Martin Wendring / pixelio.de

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Zur Person

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Petra Weiß ist als Heilpraktikerin mit ihrer Praxis für Homöopathie, Ganzheitsmedizin und Psychotherapie (HeilprG) in Weinheim niedergelassen. Moderne Hypnotherapie nach Milton Erickson gehört zu ihrem facettenreichen Therapieangebot. Sie ist Fachjournalistin für das Ressort Medizin & Gesundheit und hat sie zahlreiche Beiträge in Zeitschriften sowie online veröffentlicht. Sie war als Fachlektorin an mehreren Patientenratgebern beteiligt. An dem Buch “Gesundheit gestalten mit den 4 Elementen” von Dr. Peter Vill hat sie als Co-Autorin mitgewirkt.

Journalismus bewusst nutzen – ein Blick ins Nähkästchen

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Lesedauer ~ 8 Minuten
Rubrik: Verantwortung übernehmen

Wir alle brauchen Information über das Weltgeschehen, wenn wir uns eine Meinung zu aktuellen Ereignissen oder Strömungen unserer Zeit bilden wollen. Dabei haben wir die Wahl, eine fremde Meinung zu übernehmen oder uns eine eigene Sicht zu erarbeiten. Beides hat Vor- und Nachteile.

Sich anderer Leute Meinung anzupassen, ist relativ leicht, kostet wenig Zeit und rüttelt nicht an den Grundfesten der eigenen Existenz. Man sucht sich Aussagen, die gut ins bestehende Weltbild passen, und saugt sie einfach auf. Ist die Meinung erst mal inhaliert, darf man sich nur nicht durch widersprüchliche Fakten verwirren lassen. Am Besten bleibt man konsequent bei einer Quelle oder informiert sich nur bei parallel ausgerichteten Medien.

Zum Entwickeln einer eigene Perspektive wählen wir verschiedene Quellen zum selben Thema und studieren mehrere Beiträge. Wir finden Übereinstimmungen in den Berichten – und feine Unterschiede. Bewerten wir die Abweichungen als relevant, dann schauen wir nach den Details. Manchmal sind scheinbar nebensächliche Unschärfen wertvolle Hinweise auf größere Ungereimtheiten. Wenn wir offensichtliche oder subtile Diskrepanzen nicht durch vernünftige Überlegungen auflösen können, müssen wir uns entscheiden, wem wir Glauben schenken wollen.

Plausibilität prüfen

Oft gibt es Beiträge in diesem Magazin oder von diesem Autor zu ähnlichen Themen. Vielleicht lässt sich daraus sehr leicht ein erster Eindruck über die Glaubwürdigkeit der Quelle gewinnen. Wir versuchen herauszufinden, welche Expertise der Information zugrunde liegt.

Wir halten Ausschau nach Einflüssen, die auf den Bericht gewirkt haben könnten. Wird durch die Auswahl der Themen, der Autoren, der Bilder oder durch die Wortwahl deutlich, dass die Grundsätze einer um Objektivität bemühten Berichterstattung verletzt worden sind? Lässt sich erkennen, in welche Richtung die Lesermeinung gelenkt werden soll?

Wenn wir noch eine Stufe tiefer gehen wollen, prüfen wir die Vita des Journalisten und der Entscheider eines Medienkonzerns. Finden sich Verbindungen zu bestimmten Interessengruppen? Oft gibt ein Blick auf die Geldströme Aufschluss. Dank Internet sind solche Daten für jedermann verfügbar. Man muss nur auf die Idee kommen, die richtigen Fragen zu stellen.

Warum müssen wir solche Überlegungen überhaupt anstellen? Möchten Sie lieber davon ausgehen, das alle Journalisten sich an die Gesetze halten, die für ihren Berufsstand gelten? Ihren Wunsch kann ich sehr gut nachvollziehen. Wir alle wünschen uns eine Welt frei von Manipulation.

Warum sie das nicht ist und wie es dazu kommt, möchte ich hier für Sie beleuchten. Ich werde meinen Schwerpunkt auf das Metier legen, in dem ich mich bewege: das geschriebene Wort.

Patient Presse

Der Presse geht es nicht gut. Der Print- und Online-Journalismus befindet sich seit Jahren in einer schweren Krise. Durch das kostenfreie Angebot im Netz sehen sich nur noch wenige Menschen veranlasst, für Nachrichten Geld auszugeben. Echter Qualitätsjournalismus auf der Basis von professionellen Recherchen ist aufwändig. Einen Beitrag wie diesen zu erstellen, kostet mich mindestens einen vollen Arbeitstag am Rechner, die Zeiten, in denen ich auf dem Laufband über die Themen nachdenke oder mit Freunden darüber debattiere, nicht mitgerechnet.

Aus Kostengründen geht der allgemeine Trend zu Meldungen, die per Algorithmus automatisiert erzeugt werden. An vielen Texten, die Sie täglich lesen, hat kein einziger Redakteur Hand angelegt. Die Programme sind so fortschrittlich, dass rein sprachlich recht geschmeidige Resultate erzielt werden. Inhaltliche Prüfungen auf Plausibilität geschweige denn auf Relevanz kann die Maschine nicht leisten. Quantität geht vor Qualität: Je öfter dieselben Daten von dem Roboter im Netz gefunden werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich noch weiter verbreiten. Programmierer statt Journalisten sorgen für die meisten Meldungen, die Sie heute zu Gesicht bekommen. Für Sportergebnisse und Wettermeldungen mag das vertretbar sein. Gesellschaftlich relevante Themen den Algorithmen zu überlassen, ist fragwürdig.

Die Abo-Zahlen der meisten Zeitungen und Zeitschriften sind ins Bodenlose gefallen. Moderne Konsumenten wollen sich nicht vertraglich binden. Also werden die Beiträge stückweise verkauft. Für große Medien lohnen sich die sogenannten Micropayments, mit denen Leser kleine Beträge für einzelne Artikel überweisen. Bezahlschranken führen nur renommierte Blätter ein, die hoffen dürfen, dass der Leser den Wegezoll berappen will, bevor er weiß, ob dieser Artikel ihm dient.

Wie Kunden zu Produkten werden

Wenn man mit dem Verkauf von Zeitungen kein Geld mehr verdienen kann, wie überleben dann die Verlage? Im Wesentlichen durch Werbung. Unser Medienkonsum bewegt sich immer mehr in Richtung Online. Die Höhe der Werbeeinnahmen resultiert im Online-Geschäft auf der Anzahl von Klicks. Praktisch bedeutet das: Die Überschrift muss Ihre Aufmerksamkeit um jeden Preis erringen, das Bild muss Sie emotional fesseln, die Einleitung muss Sie in den Text ziehen. Und wie geht das am Besten?

Schauen wir einfach mal hin, was am häufigsten gezeigt wird: Sex und Angst binden unsere spontane Aufmerksamkeit. Bikini-Bilder und Terror-Meldungen sorgen zuverlässig für Klicks. Klatsch und Tratsch erfüllt die selbe Aufgabe. Wenn in einem Königshaus ein Kind geboren wird oder ein Star sich scheiden lässt, weckt das die Illusion von Verbundenheit des einfachen Mannes und der einfachen Frau mit den Eliten. Dann fühlen wir, dass uns in Kummer und Freude die Welt der Reichen und Mächtigen gar nicht so fern ist.

Mit dem Fokus auf Werbung stellt sich die Frage, wer eigentlich der Kunde einer Zeitung oder eines Online-Magazins ist. Diese Rolle verlagert sich zunehmend vom Leser zum Anzeigenkunden. Die Medien sind also nicht mehr den Rezipienten (Empfängern der Beiträge) verpflichtet, sondern den Marketingentscheidern von Konzernen und anderen Interessenvertretern.

Freuen Sie sich, wenn Sie etwas geschenkt bekommen? Was im engen Freundes- und Familienkreis Ihr Herz erquickt, darf im Geschäftsleben angemessene Skepsis hervorrufen. Warum sollte Ihnen jemand etwas schenken wollen, der Sie gar nicht kennt? Seien Sie wachsam gegenüber selbstlosen Menschenfreunden und Heilsbringern. Um das Prinzip auf den Punkt zu bringen, könnte man sagen: „Wenn es Dich nichts kostet, bist Du das Produkt.“

Ausgleich als Lösungsansatz

Sie haben natürlich Recht, wenn Sie die Arbeit der Presse für ihre Abhängigkeit und alle Folgen daraus hinsichtlich der Qualität ihrer Berichterstattung anprangern. Auch wenn es meine eigene Zunft betrifft, jammere ich gerne ein bisschen mit Ihnen. Das allein bringt uns der Lösung leider nicht näher. Ich für meinen Teil habe beschlossen, mich organisierten Interessengemeinschaften fernzuhalten, um wirklich freien Journalismus zu machen. Ich bin aus allen Vereinen ausgetreten und habe sämtliche Ämter abgelegt. Ich gehöre keiner Partei und keiner Glaubensgemeinschaft an. Zu einer Ausnahme bin ich gezwungen. Ich bin Mitglied im Deutschen Fachjournalisten Verband. Ohne Verbandszugehörigkeit gibt es keinen Presseausweis in Deutschland.

Freie Journalisten sind selbstständige Unternehmer. Sie haben keinen festen Auftraggeber und daher keine regelmäßigen Umsätze. Sie schreiben manchmal im Auftrag, aber meistens aus eigenem Antrieb. Nur wenn sie eine Veröffentlichungen in einer Zeitschrift oder einer Zeitung platzieren, erhalten sie von dem Verlag ein Honorar. Eigene Publikationen stellen Sie häufig online zur Verfügung. Viele meiner Kollegen betreiben einen Blog. Dort stellen sie das Resultat ihrer Arbeit kostenfrei für jedermann zur Verfügung. Manche Leser überweisen freiwillig einen kleinen Betrag. Von diesen Spenden lebt der freie Journalist. Die Möglichkeit für Micropayments finden Sie am Ende der meisten professionell erstellten Beiträge. Genutzt wird diese Option leider noch sehr selten.

Hier ist ein Bewusstseinswandel vonnöten. Wenn wir qualitativ hochwertige Berichterstattung wünschen, müssen wir alle wieder bereit sein, für sie zu bezahlen. Fairer Ausgleich ist ein universelles Prinzip, das auch für Journalisten gelten darf.

Es gibt zahlreiche solide Informationsquellen. Sie finden Kanäle, die Ihre freie Meinungsbildung durch vielfältige Perspektiven unterstützen – wenn Sie das wollen.

Zuverlässige Standards schaffen

Für unsere Medien wünsche ich mir einen verbindlichen Qualitätsstandard, der durch eine unabhängige Zertifizierung dokumentiert wird. Das Verfahren soll dazu dienen, für den Leser transparent zu machen, ob die Journalisten sich um eine objektive Berichterstattung bemühen. Insbesondere für die sinnvolle und wahrheitsgemäße Darstellungen von Zahlen sollte es klare Richtlinien geben. Ich empfehle, den Empfang von staatlichen Zuwendungen aus Steuern oder Rundfunkgebühren von diesem Zertifikat abhängig zu machen und damit auch weniger etablierten Medien den Zugang zu öffentlichen Geldern zu ermöglichen.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Danke schön

Herzlichen Dank an alle Leser, die meine freiberufliche Tätigkeit durch einen Energieausgleich würdigen. Ich liebe die Arbeit an Texten. Mir macht es Freude, mein psychologisches Wissen, meine Praxis-Erfahrungen und meine Überlegungen mit Ihnen zu teilen. Gleichzeitig habe auch ich alltägliche Bedürfnisse wie ein Dach über dem Kopf und etwas Sojasahne im Kühlschrank. Daher bitte ich Sie, freiwillig einen angemessenen Energieausgleich zu leisten:

Konto: IBAN DE48 4306 0967 6022 2369 03
Bank: GLS Gemeinschaftsbank Bochum
BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: “Weißheiten”

Ihre Wertschätzung kommt an.