Ins eigene Fleisch geschnitten

Petra Weiß Heilpraktikerin Weinheim

In unserer Reihe “Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…” bewegen wir uns entlang der rhetorischen Tricks, die Arthur Schopenhauer in seinem Buch “Die Kunst Recht zu behalten” aufgeschrieben hat. Sie erfahren, welche Wortjonglagen Ihnen auch heute noch täglich in den Medien sowie in persönlichen Gesprächen begegnen. Als praktische Beispiele beobachten wir die Diskussion zwischen einer wohlmeinenden Mutter und ihrem wortgewandten Sohn, der seinen Spinat einfach nicht essen will.

Hin und wieder argumentieren Menschen zum eigenen Schaden und merken es nicht. Wollen Sie einen solchen Gesprächspartner zum Aufgeben seiner Position bewegen, ist das einfach: Machen Sie ihm deutlich, dass er einen Nachteil von den praktischen Folgen aus dem Gewinn des Disputs hätte. Erfahrungsgemäß wechselt der Wind dann so rasch seine Richtung, dass man sich nur wundern kann.

Eine erweiterte Version dieses Kunstgriffs ist das Einbeziehen der Gruppe, in der sich jemand befindet. Nehmen wir an, jemand spricht vor einer Fachversammlung von psychologischen Psychotherapeuten und stellt ein pflanzliches Medikament vor, das Angststörungen ohne weitere Therapie innerhalb weniger Wochen nachhaltig auflösen kann – welche Folgen hätte es für die Gruppe, wenn er damit im Recht wäre?

Aus purem Vorteilsstreben halten die Zuhörer seine Argumente vermutlich für dünn, seine Studien für unwissenschaftlich und seine Schlüsse für falsch. Unser Gehirn erweist uns die Gnade, dass wir eine selektive Wahrnehmung für Informationen haben, die unserem persönlichen Nutzen offensichtlich nicht zugute kommen. Wir hören sie erst gar nicht oder sortieren sie sogleich in die Schublade „unbrauchbar“ ein. Und der Lebensunterhalt bleibt gesichert.

Die Dynamik ist so stark und verlässlich, dass dieser Trick laut Schopenhauer alle anderen entbehrlich macht. Wenn das Rechthaben den eigenen Interessen zuwider läuft, ist es plötzlich gar nicht mehr so wichtig.

Das ist sehr verständlich und unterstützt leider gar nicht der Wahrheitsfindung.

Kommen wir zurück zur Spinatdiskussion: „Tja, Mama, wenn Du richtig liegst, und Menschen das verzehren sollen, was die Ernährungswissenschaft vorschlägt, wie ist das dann mit Deinen fünf Tassen Kaffee am Tag?“

Möglicherweise landen die Ernährungsratgeber und Nährwerttabellen dann ganz rasch in den hinteren Reihen des Bücherregals.

Quelle: “Perlentaucher der Redekunst – Manipulative Muster erkennen – bei sich und bei anderen” – ein psychologischer Reisebegleiter auf dem Weg zum authentischen Selbstausdruck von Petra Weiß. Das Buch erscheint voraussichtlich im Herbst 2022 bei BoD.

Text: Petra Weiß
Foto: St.Kaczkowski / PIXELIO

Theorie und Praxis

Heilpraktikerin Weinheim Petra Weiß

In der Reihe “Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…” beleuchten wir Rhetoriktricks, die Ihnen täglich begegnen. Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch “Die Kunst Recht zu behalten” dokumentiert. Die Autorin Petra Weiß bringt die Beschreibung der Kunstgriffe in eine zeitgemäße Sprache und veranschaulicht sie mit nachvollziehbaren Alltagsbeispielen. Als Kulisse dient ihr eine Diskussion über den Verzehr von Spinat am mütterlichen Esstisch.

Ist eine Theorie nicht zu widerlegen, gibt man ihre Richtigkeit zu und verneint gleichzeitig ihre Praktikabilität. „Ja, in der Theorie scheint das richtig zu sein. Aber die Praxis belehrt uns eines Besseren.“

Da die Theorie sozusagen aus dem Diskussionsfeld genommen wird, gibt es nichts mehr zu verhandeln. Und letztlich steht der Praktiker als Sieger da, egal wie gut die Theorie gewesen ist. Denn – und da sind sich alle einig – Theorien, die nicht praxistauglich sind, braucht kein Mensch.

Unsere Spinatverfechterin könnte ihrem Bub sagen „Theoretisch kannst Du natürlich essen, was Du willst. Praktisch wirst Du aber früher oder später verspeisen, was ich Dir zubereitet habe – einfach weil Du Hunger hast. Das zeigt die Erfahrung.“

Nicht das Argument widerlegt den Kontrahenten, sondern angeblich die Praxis daselbst. Wie überaus praktisch!

Wenn Ihnen dieser Trick im echten Leben begegnet kontern Sie doch einfach mit dem Satz “Es gibt nichts praktischeres als eine gute Theorie.”

Quelle: “Perlentaucher der Redekunst – Manipulative Muster erkennen – bei sich und bei anderen” – ein psychologischer Reisebegleiter auf dem Weg zum authentischen Selbstausdruck von Petra Weiß. Das Buch erscheint voraussichtlich im Herbst 2022 bei BoD.

Text: Petra Weiß
Foto: SYMBOLBILD Tim Reckmann / PIXELIO

Aber was weiß ich schon?!

Heilpraktiker Weinheim Petra Weiß

Auf unserer Rundreise durch die Welt der Manipulation orientieren wir uns an den Schriften Arthur Schopenhauers, der die Wortgefechte der Antike in seinem Buch “Die Kunst Recht zu behalten” vortrefflich beschrieben hat.

Ein ziemlich perfider Trick ist es, sich selbst mit ironischem Tonfall für inkompetent in der Sache zu erklären. „Sie mögen mit Ihren Ausführungen vollkommen im Recht sein – oder auch nicht – das kann ich nicht beurteilen. Ich verstehe Ihr Argument einfach nicht und kann Ihre Logik nicht nachvollziehen.“

Dabei nutzt man den Effekt, dass eine unwahre Behauptung automatisch Widerspruch erzeugt. Das heißt, die Gegenbewegung „DOCH: Der ist ein anerkannter Experte auf dem Gebiet und weiß, wovon er spricht.“ kommt dem Zuhörer von ganz allein in den Sinn.

Ob der Kunstgriff funktioniert, hängt mit dem Ansehen der beteiligten Personen beim Publikum zusammen. So einen Kniff kann sich nur erlauben, wer sich sehr sicher ist, dass er als wesentlich fachkompetenter eingeschätzt wird wie sein Gegenüber. Wenn selbst der Experte nicht die leiseste Ahnung hat, was der andere meinen könnte, müssen dessen Ausführungen ja wohl voll daneben sein.

Die Unverständlichkeitserklärung aus Spezialisten-Mund bindet den Zuhörern einen Knoten in den Kopf und verhindert, dass sie selbst sich in der Lage sehen, das Gesprochene richtig einsortieren zu können. Und falls es ihnen vorher sinnvoll erschien, werden sie zumindest stark verunsichert in ihrer Bewertung.

Der schlaue Diskussionspartner erkennt das Spiel und kann nun seinerseits einsteigen, indem er den Spieß einfach umdreht: „Bei Ihrer überragenden Expertise in dem Thema kann es nur an meinen unzureichenden Erklärungen liegen, dass Sie mein Argument noch nicht nachvollziehen können.“ Im besten Fall stellt sich heraus, dass der andere ihn tatsächlich nicht verstanden hatte und der Schuss geht komplett nach hinten los.

In der Spinatdebatte könnte das so aussehen:

Die Mutter pocht auf ihre Lebenserfahrung und sagt süffisant: „Seit mehr als 10 Jahren bereite ich Essen für Kinder zu und kann immer noch nicht verstehen, was am Spinat so schlimm sein soll. Sag Du es mir bitte so, dass ich es begreifen kann!“

Der Junge pariert in selber Weise: „Du als erfahrene Mutter und Familienköchin müsstest am besten verstehen, warum Spinat für Kinder nicht taugt. Bestimmt sind meine armseligen Ausdrucksweisen daran schuld, dass Du mich nicht verstehen kannst. Bitte hab Nachsicht. Ich bin ja noch ein Kind.“

Quelle: “Perlentaucher der Redekunst – Manipulative Muster erkennen – bei sich und bei anderen” – ein psychologischer Reisebegleiter auf dem Weg zum authentischen Selbstausdruck von Petra Weiß. Das Buch erscheint voraussichtlich im Herbst 2022 bei BoD.

Text: Petra Weiß
Foto: Volker Hausmann / PIXELIO

Die Autorität der Vielen

Heilpraktiker Weinheim Petra Weiß

In der Reihe “Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…” beleuchten wir rhetorische Tricks, die der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer in seinem Buch “Die Kunst Recht zu behalten” zusammengefasst hat. Wir haben in früheren Beiträgen schon zahlreiche Kunstgriffe besprochen. Sie finden einige davon in der Rubrik Manipulative Muster erkennen.

Hat man sich bis hierher durch Schopenhauers Buch gearbeitet, könnte man den Eindruck gewonnen haben, er hätte gegen Ende die Lust an detaillierten Erklärungen verloren. Seine Texte werden immer kürzer. Und dann kommt der Kunstgriff mit der Nummer 30. Über mehrere Seiten erstrecken sich die Erläuterungen für einen Punkt, der inhaltlich diese Ausführlichkeit nicht gebraucht hätte. Daher gehe ich davon aus, dass er diesem Phänomen aufgrund seines gehäuften Auftretens, der Vielseitigkeit seiner Verwendungsmöglichkeiten und / oder der verheerenden Auswirkungen seines Gebrauchs besondere Bedeutung beimisst.

Weiter vorne haben wir schon den Kunstgriff kennengelernt, eine Autorität zu zitieren, statt sich mit guten Argumenten zu bewaffnen. Viele von uns neigen dazu, irgendwelchen Gurus im Zweifel mehr Glauben zu schenken als unserem eigenen gesunden Menschenverstand. Allzu rasch sind wir bereit, ein Fachgebiet als zu komplex anzusehen, um mit unseren laienhaften Kenntnissen und unserem begrenzten Wissen etwas beurteilen zu können. Daher geben wir gerne die Verantwortung für das Bewerten an sogenannte Experten ab.

In diesem Kunstgriff geht es speziell um das „Expertentum“, das scheinbar in der Akzeptanz einer Meinung durch die breite Öffentlichkeit liegt. So als könne sich zwar der Einzelne täuschen, aber die Masse irre nie. Wie wir in der Geschichte immer wieder gesehen haben, ist das ein abscheulicher Aberglaube. Dennoch erfreut sich die Ansicht, etwas müsse für wahr gelten, weil viele Menschen es für richtig halten, weiterhin großer Beliebtheit. Es kann doch nicht sein, dass so viele Menschen falsch liegen! Oh, doch. Das kann es.

Hat sich ein falscher Glaube in der Gesellschaft breitgemacht und wurden die ersten Fachleute in aller Öffentlichkeit dafür angeprangert, dass sie andere Meinungen geäußert haben, führt kaum mehr ein Weg zurück in eine ergebnisoffene Diskussion. Durch das Vertreten einer eigenwilligen Ansicht riskiert jeder Kritiker den Ausschluss aus der Gemeinschaft, Schmach und Schade. Der Meinungskorridor verengt sich zunächst unmerklich und dann unaufhaltsam immer weiter. Ist der Teufelskreis erst einmal in Gang gesetzt, muss schon viel passieren, damit sich die Massen zur Besinnung bringen lassen. Das Widerrufen der offensichtlich falschen Postulate allein reicht bei fortgeschrittenen Prozessen dieser Art selten aus.

Schopenhauer tat gut daran, dem Thema ein umfangreiches Kapitel zu widmen. Der Propaganda-Spezialist Gustave le Bon hat die „Psychologie der Massen“ 1895 in seinem gleichnamigen Buch beschrieben. Heute spricht man in der Sozialpsychologie von Massenformung oder Mass Building. Gemeint ist die Einflussnahme auf das Denken und Handeln der Menschen in großem Stile. Die Autorität der Vielen spielt dabei eine zentrale Rolle.

Kehren wir zurück zum Esstisch: Der Junge beruft sich auf Generationen von Kindern, die ihren Spinat nicht essen wollen. Die Erwachsenen müssen sich sogar Comics wie Poppey ausdenken, um den Verzehr des grünen Blattgemüses attraktiv erscheinen zu lassen. Etwas kann mit dem Spinat nicht stimmen, wenn man zu solchen Tricks greifen muss, weil kein normales Kind jemals freiwillig Spinat gegessen hat. Milliarden von Spinathassern weltweit können doch nicht irren…

Quelle: “Perlentaucher der Redekunst – Manipulative Muster erkennen – bei sich und bei anderen” – ein psychologischer Reisebegleiter auf dem Weg zum authentischen Selbstausdruck von Petra Weiß. Das Buch erscheint voraussichtlich im Herbst 2022 bei BoD.

Text: Petra Weiß
Foto: Stephanie Hofschlaeger / PIXELIO

Hier finden Sie weitere Beiträge aus der Rubrik Manipulative Muster erkennen.

 

Freude im Tal der Ahnungslosen

Heilpraktiker Weinheim Petra Weiß

Heute nehmen wir den Faden aus der Serie “Sie baden gerade Ihr Gehirn darin” in der Rubrik Manipulative Muster erkennen wieder auf.

Diese Beiträge beziehen sich auf der Buch “Die Kunst Recht zu behalten” von Arthur Schopenhauer und betrachten rhetorische Tricks, die der Philosoph analysiert hat, anhand von alltäglichen Beispielen.

Wenn einem die Munition in der Sache und sogar gegen eine Person ausgegangen ist, wendet man sich mit einem Argument gar nicht an den Gegner, sondern ans Publikum. Je weniger die Zuhörer mit Sachkenntnissen gesegnet sind, desto wirksamer ist dieser Kunstgriff. Während ein Fachpublikum unwahre Aussagen erkennt, kann ein sogenannter Experte einem Laien alles erzählen, was halbwegs schlau klingt.

Gerne genommen sind dann irgendwelche Ausführungen, die den Kontrahenten lächerlich machen. Zum Lachen sind die Leute fast immer bereit. Mit einem begeisterten Schenkelklopfer kann man die eigene Ahnungslosigkeit einfach weglachen.

Während der fiese Einwurf keinerlei Wahrheitsgehalt aufweisen muss, sondern nur ein bisschen Unterhaltungswert, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, müsste der Angegriffene zu langen Erklärungen ausholen, um sich zu rehabilitieren – und die will nun wirklich keiner hören. Mit Spaß und Gutgläubigkeit wurde schon so mancher Fachmann der Lächerlichkeit preis gegeben, dessen Ansichten sich später als richtig erwiesen haben.

Zur Verdeutlichung des Tricks betrachten wir wieder unsere gewohnte Debatte am Esstisch. Eine Mutter versucht, ihren Buben zu überzeugen, dass er Spinat verzehrt:

Die Mutter sagt „In Spinat sind viele Vitalstoffe enthalten, unter anderem ist Eisen darin.“ Dann ulkt der Spinathasser mit Blick auf sein Schwesterlein „Und wenn ich das ganze Eisen im Spinat essen, bin ich dann magnetisch? Muss ich dann um alle Magneten herum einen riesigen Bogen machen, weil ich – schwupps – sonst davon angezogen werde? Eisen IST doch magnetisch! Stell Dir vor, ich gehe ganz normal durch die Stadt und plötzlich hänge ich an einem Magneten fest, zum Beispiel in der Spule eines Trafos.“

Wenn der Bub sein komödiantisches Talent einsetzt, um die Anziehung zu veranschaulichen, sind ihm die Gluckser seines Geschwisterchens sicher. Er muss nur lange genug mitlachen und fröhlich darauf warten, dass der Mutter das Lachen vergeht.

Quelle: “Perlentaucher der Redekunst – Manipulative Muster erkennen – bei sich und bei anderen” – ein psychologischer Reisebegleiter auf dem Weg zum authentischen Selbstausdruck von Petra Weiß. Das Buch erscheint voraussichtlich im Herbst 2022 bei BoD.

Text: Petra Weiß
Foto:  Stephanie Hofschlaeger / PIXELIO

 

Ins Wespennest gestochen

Heilpraktiker Weinheim Traumatherapie

Und wieder wenden wir uns gemeinsam den rhetorischen Kunstgriffen zu, die Arthur Schopenhauer in seinem Buch “Die Kunst Recht zu behalten” notiert hat. Der heutige Kniff hat es in sich. Auch wenn Schopenhauer das Thema in wenigen Sätzen abhandelt, ist es aus meiner psychologischen Sicht wert, die Hintergründe genauer zu beleuchten.

Der Trick bezieht sich auf die Reaktion des Gegenübers. Beobachten wir, dass jemand bei einem Thema überraschend ärgerlich wird, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir einen wunden Punkt getroffen haben. Möglicherweise ist seine Argumentation an dieser Stelle dünn. Oder er hat einen roten Knopf, den wir unabsichtlich berührt haben.

Selbst wenn völlig unklar ist, worin die Schwachstelle besteht, wird der skrupellose Haarspalter durch hartnäckiges Nachfragen so lange in der Wunde bohren, bis er den anderen zornig gemacht hat. Ihn so aus der Reserve zu locken ist an sich schon ein Punktvorteil für den Sophisten: Die emotionale Wallung bringt den Gegner aus der Fassung. Unter diesen Umständen legt er womöglich eine Verletzlichkeit offen, die im Weiteren ausgenutzt werden kann.

Erinnern Sie sich an das pummelige Nachbarskind im Beitrag über absichtliche Fehlinterpretationen? Wenn die Formulierung „der dralle Kalle“ bei der Mutter eine Welle der Wut ausgelöst hat, war sie vielleicht als Kind selbst Opfer des Spotts aufgrund einer körperlichen Besonderheit. Bei vielen Erwachsenen sind solche Mobbing-Geschichten aus der Kindheit noch sehr lebendig. Das Alter war irgendwann vorbei oder der Schulwechsel löste den Konflikt und die Angriffe hörten auf. Verarbeitet wurden die Erlebnisse aber nur selten.

Das Wissen um solche Wunden verschafft dem fiesen und empathielosen Streitstrategen einen entscheidenden Vorteil: Mit einer winzigen Bemerkung kann er das Trauma beliebig reaktivieren und dann hat der andere erst mal mit seinen Stresshormonen zu tun.

Emotional und vom Körperempfinden her katapultieren uns Traumareaktivierungen in die Zeit der damaligen Geschehnisse zurück, als wären wir noch genau in jenem Alter und in jener Situation. Das bedeutet traurig, ängstlich, wütend, verzweifelt, überfordert, allein gelassen, schwach oder einfach nur ohnmächtig. In jedem Fall sind wir so ein leichtes Opfer weiterer Angriffe.

Wir alle haben in unserem Leben kleine, mittlere oder größere Traumata erlebt. Ihre Reaktivierung können wir nicht in Gänze vermeiden. Die beste Vorsorge, um nicht in ungünstigen Situationen von den alten Geschichten überflutet zu werden, ist sich ihnen gezielt zu stellen. Arbeiten Sie Ihr Vergangenheit auf, sonst wird sie Sie immer wieder einholen. Im ersten Schritt ist es schon hilfreich, sich darüber bewusst zu werden, ob die Heftigkeit Ihrer Gemütsregung der aktuellen Situation wirklich angemessen ist. Bei Handlungsunfähigkeit müssen Sie nicht lange sinnieren, ob es sich um ein Trauma handeln könnte. Fühlen Sie sich wie gelähmt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch.

Vorsicht: Der Kopf neigt dazu, den Inhalt der Gedanken den Emotionen und Körperempfindungen anzupassen, wenn wir es mit Trauma zu tun haben. Dann erscheint mitunter das freundliche Lächeln der Bäckerin am Morgen als Ausdruck von Hohn oder Angriffslust.

Lernen Sie genau zu unterscheiden zwischen objektiven Beobachtungen (inneren und äußeren), Emotionen, Körperempfindungen und Gedanken. Holen Sie sich bei Bedarf geeignete Unterstützung.

Es ist keine Schande, heute dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht wie damals alleine mit dem Malheur fertig werden müssen. Werten Sie es als Zeichen von wachsender Stärke, wenn Sie in diesem Sinne gut für sich sorgen.

Text: Petra Weiß
Foto: Heinrich Linse / PIXELIO

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin, psychologische Beraterin und Therapeutin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Als Fachjournalistin für das Ressort Medizin und Gesundheit mit den Schwerpunkten Naturheilkunde und Psychologie hat sie zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht.

An mehreren Sachbüchern hat sie als Lektorin und Co-Autorin mitgewirkt. Ihr neues Buch SO BIN ICH ECHT ist im Februar 2022 im Hardcover erschienen.

Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus. Mit psychologisch fundierten Essays, praktischen Tipps und Denkanstößen begleitet sie Menschen, die sich weiterentwickeln wollen, auf ihrer spannenden Reise zu sich selbst.

 

 

 

 

 

Gerade weil…

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Nun sind wir schon ziemlich fortgeschritten, was die Analyse der Taschenspielertricks angeht und haben einige Kapitel in Arthur Schopenhauers “Die Kunst Recht zu behalten” in der Serie “Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…” gemeinsam betrachtet.

Man sollte meinen, dass der wache Verstand die allzu platten Manipulationsversuche entdeckt, wenn man sich schon mit ganz ausgefeilten Techniken befasst hat. Leider ist das nicht immer so. Wenn der andere gar keine Chance hat, eine Debatte zu gewinnen, greift er manchmal zu ebenso verzweifelten wie aussichtsreichen Taktiken.

Jemand, der etwas von uns möchte, das dem gesunden Hausverstand oder der natürlichen Mitmenschlichkeit schon auf den ersten Blick eklatant widerspricht, hat eigentlich schlechte Karten. Er muss zu ganz fiesen Zaubertricks greifen.

An dieser Stelle sprechen wir über die Verkehrung eines stichhaltigen Arguments in sein genaues Gegenteil.

Es gibt Zwecke und Absichten, denen kaum jemand widersprechen würde, weil sie im allgemein anerkannten Wertesystem ganz weit oben stehen. Gesundheit, Sicherheit, Rücksichtnahme, Gemeinschaftssinn, etc. sind solche Werte. Gibt man vor, ehrenhafte Ziele zu verfolgen, hat man kein Risiko, für die Überzeugungen infrage gestellt zu werden und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass dies vorgeblich ehrenhafte Handeln hingenommen wird, auch wenn es im Grunde schädlich oder sogar böse ist.

Man muss nur hinhören, auf welchem Wert der Gegner sein Hauptargument aufbaut und dreist behaupten, mit dem gegenteiligen Handeln genau diesem Zweck zu folgen.

Wir kehren zurück zum Esstisch und verfolgen die Debatte, in der die Mutter durch den Gesundheitsaspekt eigentlich ein wirklich gutes Argument auf ihrer Seite hat. Nehmen wir an, die Mutter sagt „Wenn Du Dich gesund ernähren möchtest, ist es wichtig, dass Du Spinat isst.“ würde der Zögling im Sinne der Verkehrung entgegnen „Gerade WEIL ich gesund sein und bleiben will, werde ich diesen Spinat nicht essen.“ und dann eine wortreiche Erklärung anfügen, z.B.: „Ich gehe davon aus, dass meine Abneigung gegen das Gemüse Ausdruck meiner inneren Weisheit ist, welche Nahrung mein Körper nicht gut verdauen kann.“ und so weiter und so fort.

Sie finden in der tagesaktuellen Presse einen bunten Reigen genau solcher Verdrehungen.

Seien Sie besonders wachsam, wenn man Ihnen etwas offenkundig Ungesundes als gesund, einen für jedermann ersichtlichen Zwang als Weg in die Freiheit oder das Ausgrenzen von Menschen als Akt der Solidarität verkaufen will.

Orwellsches Neusprech darf bei Ihnen alle Alarmglocken läuten lassen.

Nehmen wir an, ein Hersteller von Blei und Beton wollte Ihnen Schuhe verkaufen, mit denen Sie nur noch ganz schwer gehen können. Niemand würde diese Schuhe freiwillig anziehen. Es sei denn, man wendet den Trick der 180-Grad-Verdrehung an und behauptet frech, dass GENAU DIESE SCHUHE das Gehen verbessern, statt es zu behindern.

Pfiffige Marketing-Menschen würden die Schuhe als „gesunde Gehschutz-Sicherheitsschuhe“ betiteln. In der Werbung würde man sehen, wie wir durch das langsamere Gehen davor bewahrt werden, ungestüm eine Treppe hinabzustürzen, was unser aller Leben sicherer und gesünder macht. Wir könnten dann auch niemanden mehr umrennen, daher sei der Gehschutz ein Ausdruck von Solidarität. Nur mit den Gehschutz-Sicherheitsschuhen könne man sicher gehen. Menschen ohne Gehschutz-Schuhe wären eine Gefahr für die Allgemeinheit. Man müsse damit rechnen, dass sie überall stürzen. Das Risiko sei enorm, dass man ständig über einen Geschutz-Sicherheitsschuh-Verweigerer fällt und sich trotz des eigenen Gehschutzes ein Bein bricht.

Glauben Sie, das sei absurd? Ich auch. Trotzdem hören wir solche Argumente jeden Tag.

Die falsche Logik lösen Sie auf, indem Sie sich aus dem Glaubenssatz befreien, der Zweck heilige die Mittel. Das tut er nämlich nicht. So lange Sie das denken, kann man Ihnen jede noch so absurde Handlungsweise abverlangen, indem man einfach einen Ihrer Werte als angebliches Ziel in den Raum stellt. Sie tun dann sogar das glatte Gegenteil dessen, was tatsächlich Ihren Werten dienen würde.

Hören Sie nicht hin, wenn blumige Werbebotschaften Sie mit Ihren Werten locken wollen, sondern betrachten Sie mit offenen Augen, was tatsächlich passiert. Beobachten Sie ein Kind mit den „gesunden Gehschutz-Sicherheitsschuhen“. Ganz ehrlich: Wollen Sie, dass alle Kinder in Zukunft SO durch die Welt gehen? Klar, wenn sie dann sicherer sind? Wie sicher wäre es, wenn Kinder einfach GAR NICHT mehr laufen? Noch sicherer? Oder wenn sie gar nicht mehr atmen?

Vielleicht war der kategorische Imperativ als Richtschnur für unser Zusammenleben in der Gemeinschaft gar nicht so schlecht. Wenn Sie das wollen, legen Sie diesen Maßstab auch heute noch an: Kann Ihr momentanes Handeln zu jeder Zeit und in allen Zusammenhängen als vorbildlich gewertet werden? Nein, nicht Ihr Ziel. Ihr Handeln. 

Ihr Wertesystem darf ganz eigen sein und von meinem beliebig abweichen. Doch vielleicht können wir uns als Menschheitsfamilie auf EINEN gemeinsamen Wert einigen: das Leben an sich. Messen wir unser Tun an dem, was dem Leben dient, und fragen wir uns, ob das, was wir erleben, lebendiges Leben ist. Dann beantworten sich viele Fragen im Handumdrehen und andere etwas leichter.

Text und Bild: Petra Weiß

Danke schön

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Beweisketten mit falschem Ausgang

Schriftsteller, Texter, Editor, Bewusstsein

Wir kennen das aus der Verkaufspsychologie: Wird zwei Mal „ja“ gesagt, kommt die nächste Zustimmung fast von allein. Um den Weg zum dritten „Ja“ zu bahnen, werden wir scheinbar sinnlos nach allerlei Selbstverständlichkeiten gefragt.

Diesen Kniff würzen wir noch mit einer Prise verdrehter Logik und schon ist der nächste Trick im Kasten.

In der Reihe “Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…” untersuchen wir manipulative Muster durch Sprache. Wir bedienen uns dabei der Aufzeichnungen von Arthur Schopenhauer, der in seinem Buch “Die Kunst Recht zu behalten” die Wortjonglagen der antiken Philosophen auseinandernimmt.

Wieder einmal belauschen wir den Spinat-Disput am Esstisch, um einen alltäglichen Eindruck zu bekommen, wie rhetorische Kunststückchen in der Praxis Anwendung finden:

Unser Fidius könnte seiner Mutter auf den Leim gehen, indem sie fragt: „Brauchst Du fast jeden Tag etwas zum Essen, weil Du sonst verhungerst?“ Natürlich würde er das bejahen. „Und kannst Du noch nicht selbst für Dich sorgen?“ Je jünger er ist, desto weniger kann er das verleugnen.

Jetzt kommt die Irreführung ins Spiel, die zwar logisch klingt, aber nicht ist: „Dann hängt Dein Leben davon ab, dass Du brav isst, was ich für Dich zubereite!“

Ein bisschen emotionaler Erpressung mit der Angst vorm Verhungern und eine kleine Machtdemonstration inklusive!

Wer Ihnen etwas verkaufen will und als erstes eine vollkommen entbehrliche Frage stellt bzw. einen unstrittigen Sachverhalt zur Bestätigung in den Raum stellt (“Sie sind also Frau Müller?”), versucht Sie zu manipulieren. Dieses Vorgehen darf Sie zu Recht hellhörig machen.

Jetzt wissen Sie, warum man Sie in der Fußgängerzone mit der Frage anspricht “Mögen Sie Tiere?” Das ist eine fiese Fangfrage. Wer outet sich schon als Tierhasser?! Und noch dazu öffentlich. Das erste “Ja” ist den Spendeneintreibern für irgendwelche dubiosen Projekte damit sicher.

Wenn Sie wollen, veräppeln Sie die Manipulateure einfach mal zurück und sagen Sie “nein”. Das lässt die komplette Taktik in sich zusammenfallen.

Falls Sie etwas für Tiere tun wollen und es dabei um Geld gehen soll, wählen Sie selbst die Initiative, welche Sie reinen Herzens unterstützen können. Aber bitte aus Ihrem freien Willen heraus und nicht aus schlechtem Gewissen oder aus dem Druck, als guter Mensch dastehen zu wollen. Genau darauf zielen solche Werbestrategien. Lassen Sie sich nicht überrumpeln und mit platten Verkäufertricks zu einer Unterschrift verleiten, die Sie später bereuen. 

Im Zweifel gibt es in der Nachbarschaft einen Hund der ausgeführt werden will, eine Katze auf der Suche nach Streicheleinheiten oder eine Gans, die sich über Ihr trockenes Brot freut. Dann wissen Sie, wo Ihre Gutherzigkeit ankommt. Echte Tierfreunde finden viele Möglichkeiten zu helfen. 

Text: Petra Weiß
Foto: knipseline / PIXELIO

Danke schön

Herzlichen Dank an alle Leser, die meine freiberufliche Tätigkeit durch einen Energieausgleich würdigen. Ich liebe die Arbeit an Texten. Mir macht es Freude, mein psychologisches Wissen, meine Praxis-Erfahrungen und meine Überlegungen mit Ihnen zu teilen. Gleichzeitig habe auch ich alltägliche Bedürfnisse wie ein Dach über dem Kopf und etwas Sojasahne im Kühlschrank. Daher bitte ich Sie, freiwillig einen angemessenen Energieausgleich zu leisten:

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin, psychologische Beraterin und Therapeutin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Als Fachjournalistin für das Ressort Medizin und Gesundheit mit den Schwerpunkten Naturheilkunde und Psychologie hat sie zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht.

An mehreren Sachbüchern hat sie als Lektorin und Co-Autorin mitgewirkt. Ihr neues Buch SO BIN ICH ECHT ist im Februar 2022 im Hardcover erschienen.

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Nach dem Betrug

Schriftsteller, Texter, Editor, Bewusstsein

Viele von uns haben dienstlich oder privat schon einmal einen Betrug miterlebt: Menschen gehen manchmal fremd, 10 % der eingetragenen Vaterschaften entsprechen nicht den Tatsachen, Steuern werden hinterzogen, Versicherungsbetrug ist ein Volkssport, Gebrauchtwagen und Häuser werden unter falschen Vorzeichen verkauft und so weiter.

Häufig bleibt die Tat unentdeckt. Wenn sie aber ans Tageslicht kommt, ist das Vertrauen gebrochen. Es braucht Zeit und anderes, um die Beziehung zu retten. Manchmal ist das auch nicht möglich. Schauen wir uns an, wie es nach dem Betrug weitergehen kann.

Warum Betrug unsichtbar bleibt

Betrug entsteht nur durch ein getarntes Verbrechen. Durch Lügen und Verschleierung der wahren Umstände wird die Tat vor Entdeckung abgeschirmt. Der Betrogene wurde also erfolgreich hinters Licht geführt, sonst kommt es gar nicht erst zum Betrug.

Wenn also ein Betrug enden soll, muss entweder der Täter den Vorgang aufdecken oder das Opfer muss sich der Tat bewusst werden. Selten wird der Täter freiwillig damit herausrücken, was er verbrochen hat. Das leuchtet ein. Warum aber sehen wir als Betroffene einen Betrug einfach nicht, während er unbeteiligten Beobachtern direkt ins Gesicht springt?

In unserem Unterbewusstsein haben wir eine ganze Reihe von Schutzvorrichtungen, die das verhindern. Allen voran das Ego, welches bei allen von uns mit unterschiedlicher Gewichtung auch narzisstische Anteile aufweist. Sie sorgen dafür, dass unser Selbstbild nicht unter der Last einer unliebsamen Erkenntnis über die eigene Unzulänglichkeit zusammenbricht.

Müssen wir uns eingestehen, betrogen worden zu sein, kommen zu dem entstandenen Schaden durch das Verbrechen noch die Verletzung durch die Lüge und die Scham, das Treiben nicht (früher) durchschaut zu haben. Und manchmal schlimmer noch: die eigenen Bedenken oder die Hinweise von wohlmeinenden Dritten in den Wind geschlagen zu haben. Ja, möglicherweise hat man die Hinweisgeber sogar beschimpft oder verhöhnt und sich dadurch genau an denen schuldig gemacht, die es gut gemeint haben. Solches Unrecht lastet schwer auf dem Gewissen.

Aus diesen Gründen ist das Eingeständnis eines Betrugs für das Opfer harter Tobak. Die Profis unter den Tätern wissen das genau und auch Hobby-Betrüger spüren instinktiv, dass sie dadurch geschützt sind. Sie surfen gewissermaßen im Windschatten von unbewussten Psychodynamiken und seelischen Bewältigungsstrategien. Psychologisches Wissen gegen die Menschen zu benutzen, ist zwar verwerflich, aber effektiv.

Gnädig sein und kühlen Kopf bewahren

Kommt der Betrug endlich auf den Tisch, ist es dringend geboten, Gnade walten zu lassen – zunächst mit sich selbst:

Als ehrenwerter Bürger sind Sie einem professionellen Trickbetrüger einfach nicht gewachsen. Genauso wenig durchblicken Sie als aufrechter Mensch die Nebel eines notorischen Lügners. Und hat Sie jemand nur ausnahmsweise angeschwindelt, muss sein Leidensdruck so groß gewesen sein, dass er reichlich Motivation hatte, sein Geheimnis sorgsam zu bewahren. All dem stand nichts entgegen außer Ihre Gutgläubigkeit. Darüber müssen Sie sich nicht grämen. Das spricht für Sie und Ihr bisher scheinbar recht betrugsfrei verlaufenes Leben. Glückwunsch! In Zukunft können Sie vorsichtiger sein.

Aus therapeutischer Sicht ist es wertvoll, sich vor Augen zu führen, an welcher Stelle es Hinweise gegeben hat, auch dann und gerade wenn Sie sie nicht weiter beachtet haben. Hinweise gab es fast immer. Vielleicht erinnern Sie sich an die konkrete Situation. Wie ist es Ihnen damals ergangen? Wie haben Sie sich gefühlt? Welche Gedanken und Vermutungen kamen in Ihnen hoch? Wie haben Sie sich beruhigt? Blieb dennoch ein Störgefühl bestehen? Spüren Sie jetzt eine körperliche Reaktion, während Sie über diese Fragen nachdenken? Nehmen Sie diese als Marker.

Im nächsten Schritt werden Sie sich darüber klar, warum Sie die inneren Einwände oder Warnungen von außen vom Tisch gewischt haben. Hier liegt ein Schatz für Ihre Persönlichkeitsentwicklung verborgen. Statt sich in Selbstmitleid zu wälzen oder in Schuldgefühlen zu vergehen, können Sie an dieser Stelle etwas Sinnvolles für Ihren Bewusstseinsprozess tun. Wenn Sie das Warum verstanden haben, sind Sie für künftige Honigtöpfe dieser Art nicht so empfänglich.

Indem Sie Ihren Anteil am Geschehen sehen, kommen Sie aus der passiven Opferhaltung heraus. „Ja, ich habe mich verführen lassen, weil….“ ist kraftvoller als das Mimimi: „So etwas passiert immer nur mir.“

Belastete Beziehungen kitten – zu sich und zu anderen

Außerdem können Sie sich mit den Früchten Ihrer Selbsterkenntnis den verprellten Helfern erklären, um die Beziehung zu retten, falls das Ihr Wunsch ist. Haben Sie keine Angst: Menschen haben mehr Verständnis und Mitgefühl als man denkt – sogar für diejenigen, die weniger davon haben. Trauen Sie sich, den ersten Schritt zu machen. Was haben Sie schon zu verlieren?!

Ihre Erkenntnisse dürfen Zeit brauchen. Setzen Sie sich bitte nicht unter Druck. Die Situation ist für Sie schon schwer genug. Ihr Selbstbild ist in Gefahr. Machen Sie sich bewusst, dass nur die Illusion, die Sie von sich hatten, zerbricht, nicht aber Ihr wahres Selbst. Dieses ist „unkaputtbar“, Ihr Wesenskern bleibt in seiner Reinheit unberührt von all den Höhen und Tiefen Ihrer Erlebnisse in der 3D-Welt. Sie werden diese Krise überstehen, so wie Sie schon viele andere heikle Situationen überlebt haben. Und bestenfalls werden Sie gestärkt daraus hervorgehen.

Wenn später bei einem neuen Verdacht, Ihr frisch eingerichteter Betrugsalarm anspringt, fragen Sie sich, was die Übereinstimmungen mit der vorherigen Situation sind und was die Unterschiede. Prüfen Sie vor allem, ob jemand mit einem altbekannten Lockmittel winkt. Je besser Sie Ihre üblichen Verführungen erkennen, desto leichter können Sie ihnen widerstehen. Und auch dann wird es noch anstrengend, sich abzugrenzen.

Verlockungen erkennen und widerstehen

Meist lockt man uns mit einem emotionalen Versprechen, das von dem angebotenen Umstand oder Ding ohnehin nicht erfüllt werden kann. Finden Sie heraus, welche Ihre unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte sind. Fangen Sie damit an, sich Ihre berechtigten Bedürfnisse selbst zu erfüllen oder gezielt nach der Erfüllung echter Bedürfnisse zu suchen, nicht nach einem billigen Ersatz.

Kompensation mündet immer in Gier, weil das eigentliche Begehren ja nicht gestillt wird. Wenn man nicht einsieht, dass der Weg falsch ist, will man immer mehr und mehr und mehr – und wird nicht satt. Machen Sie sich das bewusst. Es kann schmerzhaft sein, den Verlust anzuerkennen, wenn wir etwas Wichtiges entbehren müssen, das uns als Menschen eigentlich zusteht, z.B. Freundschaft oder Fülle.

Das kann eine gute Gelegenheit sein, unsere Vorstellungen über die Quellen unserer Bedürfniserfüllung richtig zu rücken. Ein beliebtes Beispiel ist unser Bedürfnis nach Sicherheit. Wir versuchen es uns mit allerlei Materiellem zu stillen. Gelingt das? Wenn wir kein Dach über dem Kopf haben, kann ein bisschen Wohlstand tatsächlich ein Mehr an Sicherheit mit sich bringen. Ab einem bestimmten Grad der Finanzkraft dient uns noch mehr allerdings gar nicht, um unser Sicherheitsgefühl weiter zu stärken.

Die Lösung liegt wie so oft nicht im Außen, sondern in uns. Sicherheit und Stabilität erleben wir, wenn wir uns auf uns selbst verlassen können, wenn wir nach unseren eigenen Werten leben, nach unseren Worten handeln und die Versprechen, die wir uns selbst gegeben haben, nicht bei aufkommendem Sturm gleich über Bord werfen. Gelebte Integrität erhöht zudem unsere Selbstachtung und diese wiederum unterstützt uns dabei, uns weiterhin treu zu bleiben. Das ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf.

Und wenn Sie in der Rolle des Helfers waren..

Die abgelehnten Helfer können übrigens im Rahmen der Betrugserkenntnis ihrer Freunde eine wichtige Einsicht gewinnen: Niemandem dient es, dass sie Recht gehabt haben. Bemerkungen wie „Das habe ich Dir doch gleich gesagt!“ oder „Warum hast Du nicht früher auf mich gehört?“ sind jetzt vollkommen entbehrlich. Verzichten Sie auf den Triumph. Er ist hier nicht angebracht. Werten Sie sich nicht auf, indem Sie den anderen abwerten. Er hat genug Kummer zu verkraften. Wenn Sie ihn ohne Vorwurf oder Schadenfreude fragen, was er jetzt von Ihnen braucht, beweisen Sie wahre Größe.

Später einmal können Sie ihm sagen, wie es Ihnen damit gegangen ist, nicht ernst genommen zu werden oder hilflos mit ansehen zu müssen, wie er in sein Unglück rennt. Das gehört zur Aufarbeitung der Verletzungen. Darauf haben Sie einen berechtigten Anspruch, wenn die Zeit gekommen ist und der andere wieder Energie frei hat.

Falls Ihnen das schwerfällt, betrachten Sie zunächst Ihre eigenen Schwächen bitte mit etwas mehr Verständnis und Mitgefühl. Auch die (vermeintlichen und tatsächlichen) Fehler, die Sie als jüngerer Mensch einmal hatten, brauchen vielleicht ein wenig Gnade bevor Sie gnädiger mit anderen umgehen können. Selbstvergebung ist oft ein guter Weg. Das ist ein ganz eigenes Kapitel, zu dem wir in einem späteren Beitrag noch kommen.

Wir alle werden, nachdem die Wahrheit ans Licht gefunden hat, viel zu verzeihen haben: uns selbst und den anderen. Um der Dynamik von Schuld und Sühne zu entkommen, müssen wir uns der Verantwortung stellen. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine Antwort zu haben auf die Frage, warum wir uns so und nicht anders verhalten haben. Wir tun gut daran, unseren eigenen Werten zu folgen. Dann fällt es leichter, sich für sein Tun und Lassen zu rechtfertigen. Nicht vor der Welt, sondern vor uns selbst.

Text: Petra Weiß
Foto: S. Hofschlaeger / PIXELIO

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin, psychologische Beraterin und Therapeutin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Als Fachjournalistin für das Ressort Medizin und Gesundheit mit den Schwerpunkten Naturheilkunde und Psychologie hat sie zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht.

An mehreren Sachbüchern hat sie als Lektorin und Co-Autorin mitgewirkt. Ihr neues Buch SO BIN ICH ECHT ist im Februar 2022 im Hardcover erschienen.

Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus. Mit psychologisch fundierten Essays, praktischen Tipps und Denkanstößen begleitet sie Menschen, die sich weiterentwickeln wollen, auf ihrer spannenden Reise zu sich selbst.

 

 

 

 

Die 180-Grad-Lüge

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Beim Lügen gibt es wie bei allen anderen Kunstformen Hobby-Akrobaten und Voll-Profis. Eine Schwindelei in die Welt zu setzen, ist gar nicht so schwer. Man muss einfach nur die Unwahrheit sagen. Weitaus kniffliger ist es, eine Lüge dauerhaft am Leben zu erhalten. Sich immer wieder an den falschen Inhalt zu erinnern, vielleicht noch nach vielen Jahren, ist anstrengend und riskant.

Während wir tatsächlich Erlebtes unter Hypnose noch nach Jahrzehnten aus dem Unterbewusstsein detailgenau hervorholen können, verschwimmen die Einzelheiten einer erdachten Geschichte mit der Zeit. Dann sind es die klitzekleinen Ungereimtheiten, die den aufmerksamen Beobachter aufhorchen lassen. Wenn wir nicht wollen, dass der ganze Schwindel früher oder später auffliegt, gibt es zwei grundverschiedene Vorgehensweisen, die ich in diesem Beitrag für Sie beleuchten will:

Befassen wir uns zuerst mit dem Münchhausen-Trick für Einsteiger: Immer so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben. Warum diese Taktik gut funktioniert, liegt auf der Hand. Wenn wir eine Lüge in eine ansonsten wahre Geschichte verpacken, sind zahlreiche Tatsachen in der Erzählung konkret und nachprüfbar. Das ist für den Lügner entspannt und für den Belogenen vertrauenerweckend.

Nehmen wir an, Sie wollten Ihren Lebenspartner betrügen. (Das machen Sie natürlich nicht, es ist ja nur ein Beispiel zu Veranschaulichung!) Sie wollten sich mit Ihrer Liebschaft treffen, ohne dass Ihr Ausflug bemerkt wird. Reisen Sie bei Nacht und Nebel an einen unbekannten Ort und behaupten, dass Sie die ganze Zeit über zu Hause gewesen sind? Nein, das wäre viel zu gefährlich.

Jemand könnte bemerkt haben, dass Ihre Reisetasche fehlt, ein Bahnticket finden, einen Blick auf Ihre Kreditkartenabrechnung erhaschen, unterwegs oder vor Ort könnten Sie Menschen treffen, die sich später an Sie erinnern. Man glaubt nicht, welch schrägen Humor der Zufall manchmal hat. Mir ist am Flughafen in Ägypten schon einmal eine frühere Arbeitskollegin unverhofft begegnet. Solche Ereignisse sind unwahrscheinlich – aber nicht unmöglich. Schlimmstenfalls könnten Sie unterwegs mit dem Auto liegenbleiben und müssten den Abschleppdienst rufen – dabei wollten Sie selbst gerade jemanden abschleppen. Ironie des Schicksals.

Aus all diesen Gründen bleibt der ungeübte Märchenerzähler nah am Tatsächlichen. Er wird offen zugeben, wohin er fährt. Die komplette Reise kann ihm damit nicht mehr zum Fallstrick werden. Am besten, er hat für seine Abwesenheit einen unverfänglichen Anlass: ein sportliches Ereignis, eine dienstliche Besprechung, das Treffen mit alten Freunden oder irgendeine Erledigung, die dort vor Ort passieren muss. Und danach schleicht er sich auf leisen Sohlen in die Liebeslaube.

Bei seiner Rückkehr hat er allerhand zu berichten. Er kann abendfüllend über seine Erlebnisse reden und muss nur einen Teil davon auslassen. Heikel sind lediglich die zeitlichen Übergänge. An diesen Punkten bleibt er unkonkret, man könnte sagen, er verwendet einen Weichzeichner an der Schnittstelle zwischen Wahrheit und Lüge. Genau dort kommen Merkwürdigkeiten ins Spiel.

Ich bin den wenigen Männern dankbar, die mir Gelegenheit gaben, ihre Mogeleien aus der Nähe zu studieren. Diese kurzen Beziehungen waren sehr lehrreich für mich. Wenn ich jetzt aus dem Nähkästchen plaudere, treffe ich meine Aussagen naturgemäß aus meinem weiblichen Blickwinkel. Das soll aber niemanden diskriminieren. Mit Gewissheit kann ich sagen, dass Frauen ebenso liebestoll werden können wie die Herren der Schöpfung.

Eine beeindruckende Schnittstellen-Lüge erlebte ich einmal mit einem notorischen Fremdgänger, der mich vom Hotelflur aus anrief – angeblich auf dem Weg in sein eigenes Quartier. Heute kann ich darüber lachen, welch unverfrorene Offenkundigkeit sein Betrug hatte. Fast so als hätte er es geradezu darauf angelegt, entdeckt zu werden. Darüber könnte man jetzt beliebig psychologisieren. Ich widerstehe der Versuchung, dem Seitenstrang der Erzählung zu folgen.

Solche Seitenstränge finden wir zuhauf in den Berichten von Lügenbaronen. Sie sollen die Aufmerksamkeit auf weniger glitschige Wegstrecken der Story leiten. Der Anteil der Lüge an der Gesamtgeschichte soll möglichst klein gehalten werden, deshalb wird der Rest größtmöglich aufgeblasen. Die Falschaussage wird dabei gewissermaßen verwässert. In 97 % Wahrheit gehen 3 % Lüge mit etwas Glück einfach unter.

An dieser Stelle will ich einen Einwurf machen: Bitte unterstellen Sie Ihrem Liebsten nicht, dass er sich anderweitig vergnügt, nur weil er gerne ausschweifend erzählt. Mir geht es nicht darum, dass Sie zum paranoiden Lügen-Sucher werden. Ein gesundes Vertrauen ist eine wichtige Grundlage für das Miteinander in einer Liebesbeziehung. Aber lassen Sie sich auch nicht schwindelig schwätzen, wenn Ihr Bullshit-Detektor auf Rot steht und alle Warnssirenen in Ihrem Kopf heulen, während sich Ihr Magen zusammenkrampft.

Von Natur aus haben Menschen ein Gespür dafür, ob sie belogen werden. Es ist Teil unserer angeborenen Freund-Feind-Erkennung. Feine Nuancen in der Mimik, Gestik, Stimmlage etc. nehmen wir unbewusst wahr. Wenn das Gesprochene von der Wirklichkeit des Sprechers absichtlich abweicht, steht er unter Stress (es sei denn, er ist ein Psychopath). Diesen Zustand verrät er auf mannigfaltige Weise. Der Stress kann aber auch von ganz anderen Zusammenhängen herrühren. Das wissen wir nicht. Wir können nur beobachten und interpretieren.

Der schlaue Lügner verpackt seine Halbwahrheit in einen emotionalen Inhalt. Er weiß, dass er beim Aussprechen der Lüge, sehr aufgeregt sein wird. Also fügt er diesen Teil der Erzählung in einen Handlungsstrang, der mit einer nachvollziehbaren Erregung verbunden ist.

Mein frisch verliebter Don Juan plauderte einst beim Abendessen mit leuchtenden Augen von seiner neuen Flamme. Damit seine offensichtliche Begeisterung meinen Argwohn nicht erregt, strahlte er vor Freude über die geschäftlichen Vorteile, die sein Kontakt mit der Frau noch mit sich bringen würden. Vorteilhaft war vor allem die vom Ehemann getrennt geführte Dienstwohnung, wo man sich treffen konnte.

Ob ich die Flöhe husten hörte? Das kann man sich zu Recht fragen. Und leider bleibt die Frage oft unbeantwortet im Raum stehen. Selten ergibt sich eine Aufklärung wie in diesem Fall: Mit dem Begehr, mein Einverständnis für sein Techtelmechtel zu erhalten, endete kurz darauf unsere Liaison.

Bei der Analyse des Gesprächsverlaufs fiel mir später auf, dass er von vier neuen Geschäftspartnern sprach und ausgerechnet bei der Frau den Vornamen weggelassen hatte. Als ich ihn danach fragte, wurde er ärgerlich und fing an, völlig unnötig über etwas Nebensächliches herumzustreiten.

Wenn wohl überlegte Fragen den Lügner in Bedrängnis bringen, ist es sehr praktisch, den Ärger über die Unzulänglichkeit der Story auf den Belogenen abzuwälzen. Gerade Frauen – zumindest in meiner Generation – neigen allzu schnell dazu, der Wut ihres Partners aus dem Weg gehen zu wollen und sind dann lieber still.

Sie sehen: Schwindeln für Einsteiger hat Risiken und Nebenwirkungen. Schauen wir doch mal, wie die Spitzenkräfte in dieser Disziplin das machen. Sie lügen nicht nur ab und zu, sondern ständig. Daher brauchen sie eine ganz andere Taktik. Das Aussprechen der Unwahrheit entwickelt einen reflexhaften Zug.

Mit großer Verblüffung habe ich so etwas einmal bei einer Kollegin in Echtzeit miterlebt. Sie hat völlig ohne Not einen Kunden angelogen. Der Sachverhalt war eindeutig, und ich selbst war Zeuge der wahren Begebenheit gewesen. Also sprach ich sie darauf an, als wir wieder alleine waren. Sie gab unumwunden zu, dass sie gelogen hatten, konnte aber gar nicht sagen, warum. Später habe ich von ihr erfahren, dass sie sich in einem privaten Zusammenhang seit Jahren gezwungen sah, die Wahrheit in ihrem engsten Umfeld zu verbiegen. Ich habe daraus den Schluss gezogen, dass sie es einfach gewohnt war, den Menschen direkt ins Gesicht zu lügen. Sie tat es nicht mit einer bestimmten Absicht, sondern aus Reflex.

Mit der Zeit kann man sich mitunter sogar selbst einreden, die „alternative Wirklichkeit“ sei objektive Wahrheit. Nach einigen Jahrzehnten mit einer Lebenslüge übertüncht dieses Märchen sozusagen die Realität. Und doch bleibt untergründig immer ein leises Störgefühl, wie ein Instrument, das nur ganz leicht verstimmt ist. Knapp daneben eingestimmt, stört es die Harmonie des Klangs.

Ganz anders wirkt die hohe Kunst der Unaufrichtigkeit: Ich nenne es „die 180-Grad-Lüge“. In einem Comic über den professionellen Umgang mit der Unwahrheit heißt es sinngemäß, man solle nicht ein bisschen schwindeln, das fällt eher auf. Nein, man solle dem anderen so richtig „die Hucke voll lügen“.

Klingt das widersinnig für Sie und deshalb riskant? Ganz im Gegenteil: Dadurch, dass es exakt widersinnig ist, geht die Lüge durch wie ein warmes Messer durch weiche Butter. Wie kann das sein?

Unser Gehirn erkennt Sachverhalte eher als richtig, wenn sie um 180 Grad verdreht sind, als wenn man nur knapp an der Wahrheit vorbei gezielt hat. Ich vermute, das hängt mit unseren Sehgewohnheiten zusammen. Vielleicht haben Sie aus dem Biologie-Unterricht in Erinnerung, dass der Sehvorgang im Auge die Außenwelt auf dem Kopf stehend abbildet. Erst im Gehirn wird das Bild automatisch korrigiert.

Ähnlich ist es mit dem Blick in den Spiegel. Wir sehen uns alltäglich seitenverkehrt. Daran sind wir so gewöhnt, dass wir mit der Webcam üben müssen, um die Haarsträhne nicht versehentlich aus der falschen Seite der Stirn streichen zu wollen.

Die genaue Umkehr macht eine Lüge praktisch unsichtbar und setzt unseren angeborenen Instinkt außer Kraft. Deshalb kann unser Unterbewusstsein das pure Gegenteil durchwinken als sei es die ganze Wahrheit.

Dazu habe ich noch ein Beispiel aus dem echten Leben:

Ein Westentaschen-Casanova gab mir einen ungewöhnlichen Kosenamen – eine Abkürzung, die dafür stand, dass es außer mir keine Frau in seinem Leben gab. Im Nachhinein betrachtet war die geschmackloseste 180-Grad-Lüge, die mir je begegnet ist. Niemand zu vor oder später hat mir so demonstrativ die (nicht vorhandene) Exklusivität unserer Paarbeziehung aufs Auge gedrückt. Ich bekam sogar eine Kaffeetasse mit dem Es-kann-nur-eine-geben-Aufdruck geschenkt.

Was mir bei allen Fremdgängern aufgefallen ist, war ihre übertriebene Eifersucht. Der eine konnte nicht ertragen, dass ich regelmäßig in meine Heimatstadt fuhr, der andere wollte mir Kleidungsstücke verbieten, die meine Figur betonten (ich bin ein klassischer Stiltyp und neige ohnehin nicht zum Catsuit), der dritte war nach mehr als 10 Jahren noch tödlich beleidigt, dass seine Frau ihn betrogen hatte – mit meinem Wissen von heute würde ich sagen, sie hat sich möglicherweise revanchiert.

Woher kam der unangebrachte Argwohn mir gegenüber? Nun ja, die Herren wussten aus eigenem Erleben, dass Betrug alltäglich sein kann. Kein Wunder, fürchteten sie sich davor, eines Tages selbst hintergangen zu werden. Je nach Weltbild könnte man das als ausgleichende Gerechtigkeit empfinden oder als Entlastung für ihre Taten werten.

Gleichzeitig kann es sich um Projektion, man könnte auch sagen, um eine 180-Grad-Unterstellung handeln: Ich gehe fremd und unterstelle stattdessen dir das Fremdgehen. In der Psychologensprache nennt man das eine Opfer-Täter-Umkehr. Dieser Trick ist sehr beliebt, vor allem bei Menschen, die sich ihren eigenen Schattenanteilen nicht stellen wollen.

Kommen wir noch mal auf die Vorzüge der 180-Grad-Lügen zu sprechen: Während man sich bei kleinen Vergehen an die Schnittstellen zwischen Wahrheit und Lüge präzise erinnern muss, ist beim Hucke-voll-Lügen alles erlaubt, je absurder desto besser.

Ohne diese Person als Vorbild nehmen zu wollen, geschweige denn mit seinen politischen Zielen in irgendeiner Weise übereinzustimmen, zitiere ich hier den Propagandisten Joseph Goebbels: „Je größer die Lüge desto mehr laufen hinterher.“

Nehmen wir an, Sie wollten jemanden vergiften. Würden Sie sagen: „Liebling, das ist Arsen, aber ich habe Dir eine unbedenkliche Menge zusammengerührt.“ Oder: „Mit diesem Gewürz wird Dein Mittagsessen verfeinert?“ Nein, das würden Sie nicht.

Stattdessen würden Sie eine 180-Grad-Wende hinlegen mit der Behauptung: „Das ist ein sicheres und gut verträgliches Magenmittel, davon gehen Deine Verdauungsbeschwerden weg.“ Und falls mit den ersten Dosen Übelkeit, Brechreiz und Durchfall auftreten? Dann sprechen Sie einfach von einer Heilkrise oder von einer Erstverschlimmerung. Oder Sie behaupten rotzfrech „Daran merkt man, dass es wirkt. Du brauchst noch mehr davon.“

Haben Sie den Trick verstanden?

Die Geschichte ist voll von 180-Grad-Lügen. „Niemand hat die Absicht…“ ist ein Paradebeispiel aus der deutschen Historie. „Unsere Renten sind sicher“, „Es wird keine Kürzungen der Sozialleistungen geben“, und so weiter und so fort.

Sie müssen nicht lange suchen, um jederzeit und überall solche Kehrtwenden aufzuspüren. Spricht man sie an, wird sich ohrenbetäubendes Getöse erheben, ob der Unverfrorenheit, jemanden an sein Versprechen zu erinnern. Wie können Sie es wagen?!

Meine Beobachtung der letzten Monate führt mich zu der Annahme, dass es in vielen Fällen wahrscheinlicher ist, von einer 180-Grad-Lüge auszugehen als von einer ehrlichen Aussage.

Prüfen Sie im Zweifel den Wahrheitsgehalt von gesprochenen Worten anhand ihrer praktischen Umsetzung. Einige Behauptungen haben eine erstaunlich kurze Halbwertszeit.

Wir fallen zuweilen unsanft aus dem Spiegeluniversum zurück in die Realität, nachdem jemand bekommen hat, was er von uns wollte. Das kann eine Einwilligung sein, ein Vertragsabschluss, ein Ehering oder das Kreuz auf einem Wahlzettel.

Seien Sie sich dessen bewusst, dass Ihr brillanter Verstand an den dreistesten Lügen vorbei schielt und sie im 180-Grad-Winkel automatisch korrigiert. Finden Sie die leisen Misstöne zwischen all den Geschichten, die man Ihnen auftischt, und hören Sie auf Ihren Bauch, wenn Ihr hauseigener Alarm Warnsignale gibt.

Text: Petra Weiß
Foto: knipseline / PIXELIO

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin, psychologische Beraterin und Therapeutin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Als Fachjournalistin für das Ressort Medizin und Gesundheit mit den Schwerpunkten Naturheilkunde und Psychologie hat sie zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht.

An mehreren Sachbüchern hat sie als Lektorin und Co-Autorin mitgewirkt. Ihr erstes eigenes Buch SO BIN ICH ECHT erscheint im ersten Quartal 2022 im Hardcover.

Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus. Mit psychologisch fundierten Essays, praktischen Tipps und Denkanstößen begleitet sie Menschen, die sich weiterentwickeln wollen, auf ihrer spannenden Reise zu sich selbst.