Moment mal

Schreibkunst Redakteur Texter Autor Essayist

In unserer Serie „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“ beleuchten wir uralte rhetorische Tricks, die bis zum heutigen Tage nicht das Geringste an Aktualität verloren haben. Dabei orientieren wir uns an den Aufzeichnungen von Arthur Schopenhauer. Er hat die überlieferten Wortgefechte der antiken Philosophen studiert und 36 Kunstgriffe herausgearbeitet. Sein Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ ist die Grundlage für meine Beiträge dieser Reihe.

Ich habe die Texte für Sie in eine zeitgemäße Sprache übersetzt und mit Beispielen aus unserem normalen Alltagserleben illustriert: Wir beobachten ein Kind am Mittagstisch, das keinen Spinat essen will und mit trickreichen Wortjonglagen versucht, dem Gemüse zu entgehen.

In dieser Folge befassen wir uns mit einer bewährten Technik in der unfairen Kriegsführung: die taktische Unterbrechung. Unendlich platt und dennoch immer wieder erfolgreich ist es, gezielt an passender Stelle die Stop-Taste zu drücken.

Nähert sich eine Diskussion dem Punkt, an dem man sich eigentlich geschlagen geben müsste, wird stattdessen eine Gesprächspause erwirkt. Das kann auf jede erdenkliche Weise geschehen. Hauptsache der Gegner vergisst, was er sagen wollte, lässt sich ablenken und vernebeln. Zur Not verlässt man einfach den Raum. Besser ist es aber, den anderen zu beschäftigen.

In unserem Alltagsbeispiel könnte der Bub plötzlich ganz dringend Pipi müssen. Oder ein Becher fällt „aus Versehen“ herunter. Oder der kleine Spinatverweigerer verkleckert sich großflächig mit dem unliebsamen Grünzeug.

Zum Unterbrechen ist jeder noch so vorgeschobene Grund geeignet. Selbst wenn dem Widersacher vollkommen klar ist, dass er gerade manipuliert wird. Was soll´ s?! Hauptsache nicht als Verlierer aus der Situation hervorgehen. Bei einer richtigen Rechthaberei ist alles besser, als klein beizugeben.

Natürlich möchte ich Sie nicht ermutigen, solche Tricks gegen Ihre Gesprächspartner anzuwenden. Mir geht es darum, dass sie die Kunstgriffe erkennen, wenn Sie Ihnen begegnen.

Bitte gehen Sie mit Ihrem neuen Wissen achtsam um. Nicht jeder, der während einer Debatte zur Toilette will, unterbricht das Gespräch aus unlauteren Beweggründen. Vielleicht muss er einfach nur aufs Klo. Oder er bemerkt, dass die Gemüter erhitzt sind, und verschafft sich und dem anderen eine kleine Pause der Abkühlung.

Das Verhalten eines Menschen anhand eines Merkmals bewerten zu wollen, ist ohnehin nicht sinnvoll. Beobachten Sie Ihr Gegenüber weiträumiger, bevor Sie sich ein Urteil erlauben. Rechnen Sie damit, dass Sie gelenkt werden sollen, aber bleiben Sie dafür offen, dass die Welt viel freundlicher sein könnte, als Sie gerade glauben.  

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Kleine Karos mit Zeitsprung

Schreibkunst Texter Essayist Journalist

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir rhetorische Tricks, die der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer in seinem Büchlein „Die Kunst Recht zu behalten“ dokumentiert hat.

Unser Ziel ist es, diese Kunstgriffe bei sich selbst und bei anderen zu erkennen, zu bemerken, wann wir andere manipulieren oder selbst manipuliert werden, und beziehungsförderlichere Wege des Austauschs zu finden.

Zur Verdeutlichung schauen wir uns eine alltägliche Szene an. Unser Alltagsbeispiel findet am Esstisch statt: Die Mutter möchte, dass der Nachwuchs Spinat verzehrt. Das Kind ist anderer Meinung und versucht, das Grünzeug mit allen Mitteln zu vermeiden.

Heute lernen Sie einen meiner Lieblingstricks kennen. Er ist bestechend einfach und greift auf eine antrainierte Reaktion zurück: Wir neigen dazu, Fragen zu beantworten, die uns gestellt werden, egal wie sinnvoll sie an dieser Stelle sind.

Wie funktioniert der Trick?

Durch besonders klein karierte Klugscheißerei: Sie sezieren die Begriffe, die Ihr Gegenüber verwendet – ohne Notwendigkeit oder inhaltlichen Mehrwert. Das machen Sie natürlich nicht gleich. Sondern Sie notieren sich (in Gedanken) alles mit etwas Phantasie Diskutierbare. Dann warten Sie auf einen günstigen Moment, z.B. auf den Zeitpunkt, da Ihnen das Wasser bis zum Halse steht und Sie eigentlich kleinbeigeben müssten.


Jetzt holen Sie den Satz von eingangs des Disputs hervor. „Darf ich nochmal auf einen wichtigen Punkt zurückkommen? Da hast du gesagt, Spinat sei ein Lebensmittel. Wie genau definierst du diesen Begriff? Und wie grenzt du ihn ab vom Begriff Nahrungsmittel?“ Oder „Du meintest, Spinat habe viele Nährstoffe. Fasst du darunter auch alle Vitalstoffe?“ Oder „Du hast Spinat als Gemüse bezeichnet. Könnte man auch sagen, Spinat sei eine Frucht?“

Vielleicht bemerken Sie beim Lesen der Fragen, dass Sie im Geiste schon anfangen, mögliche Antworten zu formulieren. Die meisten von uns sind darauf dressiert, Tests zu bestehen, indem wir Fragen beantworten. Für dieses Verhalten wurden wir von Klein auf belohnt. Mit Kindern macht man das in unserer Gesellschaft so. Ob das gut ist oder nicht, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren. Wir gehen hier nur mit dem Bestehenden um und nutzen es als Erklärungsmodell.

Anzuzweifeln, ob eine Frage berechtigt ist, dem nachzugehen, warum sie überhaupt im Raum steht, weshalb sie an dieser Stelle kommt oder zu hinterfragen, welches Ziel damit verfolgt wird, gehört zum Verhaltensrepertoire eines Erwachsenen. Sobald wir an diesem Punkt der Entwicklung stehen, schiebt sich der Verstand bewusst zwischen Reiz und Reaktion. Jenseits des 21. Lebensjahres wird es höchste Zeit, damit anzufangen. Wir müssen nicht wie pawlow‘sche Hündchen jedem Knochen hinterherrennen, den jemand für uns wirft.

Das Verlassen der Gewohnheit erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit. Es wird Ihnen nicht immer spontan gelingen. Manchmal wird uns erst nach einer Diskussion klar, in welcher Weise das Gegenüber die Aufmerksamkeit und den Gesprächsfluss gelenkt hat. Solche Nachbetrachtungen können sich sehr lohnen. Dabei stellt sich gar nicht so selten heraus, dass man den anderen im nächsten Zug schachmatt gesetzt hätte.

Nur geborene Gaukler wenden Taschenspielertricks ohne besonderen Grund an. Der Durchschnittsbürger nutzt sie als letztes Mittel der Verzweiflung, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Greift also jemand zur unfairen Kriegsführung in einem Disput, können Sie davon ausgehen, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Bleiben Sie ruhig und bedächtig. Wenn Sie sich jetzt nicht aufs Glatteis locken lassen, haben Sie schon gewonnen. In diesem Bewusstsein müssen Sie Ihr Gegenüber nicht bloßstellen. Entscheiden Sie aus der Position der Stärke heraus, ob Sie auf den Triumph verzichten, und dem anderen Gelegenheit geben, sein Gesicht zu wahren. In einem gesunden Austausch geht es nicht um Unterwerfung und Macht , sondern um Verständnis und Klärung.

Und wenn Sie das nächste Mal – aus Versehen oder aus Gewohnheit – selbst unlautere Mittel einsetzen, freuen Sie sich darüber, dass Ihr Gesprächspartner ebenso gnädig mit Ihrer Unvollkommenheit umgeht.

Text: Petra Weiß
Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

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Der Trick mit der gezinkten Goldwaage

Wünschen auch Sie sich einen offenen und ehrlichen Austausch mit Ihren Mitmenschen? Dann dient es Ihnen, listige Wortjonglagen zu enttarnen – bei sich und bei anderen.

Herzlich willkommen bei einer weiteren Folge aus unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“. Wir beleuchten hier Tricks und Kniffe, mit denen man einen Disput trotz schwacher Argumente für sich entscheiden kann. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ aufgezeigt.

Vielleicht wurden Sie schon einmal Opfer der Redekunst oder Sie wenden selbige (unbewusst) selbst an. In beiden Fällen ist es nützlich, das Vorgehen zu erkennen, um es zu vermeiden oder um darauf angemessen reagieren zu können. So führen Sie die Diskussion auf fruchtbares Terrain zurück.

Ein griffiges Anwendungsbeispiel zur Verdeutlichung der Gesprächskunst entnehmen wir dem Alltäglichen: dem Gezerre am Esstisch. Unser Junior soll Spinat essen und will das nicht. Schauen wir zu, wie er sich trickreich wehren könnte…

Wenn unser Gesprächspartner sein Fähnchen nach dem Wind hängt, ist das keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung. Wir wollen uns darauf verlassen können, dass morgen noch gilt, was heute gesagt wurde.

Allerdings gibt kaum jemand rund um die Uhr Weisheiten von sich, die einer durchgängigen Logik folgen. Daher werden wir bei jedem Menschen Aussagen finden, die sich inhaltlich widersprechen. Sei es, weil man etwas mit Absolutheit gesagt hat, was bestimmt auch Ausnahmen bedingt. Sei es, weil man die eigene Meinung weiterentwickelt hat (doch, doch: Das darf man!). Sei es, weil manche Feststellungen im Zusammenhang einer bestimmten Erfahrung berechtigt sind, in anderen Situationen aber nicht.

Im Alltag kann man nicht jeden Satz auf die Goldwaage legen, als schriebe man ein wissenschaftliches Buch. Diese unberechtigte Anspruchshaltung eignet sich aber hervorragend für eine wahrlich schikanöse Gesprächsführung. Kehren wir zurück zur Gemüsedebatte:

Mit scharfer Zunge und ebensolchem Verstand gesegnet, findet der Zögling scheinbare Widersprüchlichkeiten zu früheren Aussagen der Frau Mama: „Gestern hast du noch gesagt, dass der Körper schon weiß, was er braucht. Und jetzt soll ich essen, was mein Körper ablehnt.“ Dass es gestern um die Dosis der Bachblütentropfen ging und nicht um die Ernährung, wird geflissentlich übersehen. Und weil die Aussage grundsätzlich einiges für sich hat, gibt die Mutter an der Stelle den Esslöffel mit etwas Glück verdattert ab. Probieren kann man es ja mal!

Alternativ beruft sich der Filius auf Regeln in der Gemeinschaft: „In unserer Familienkonferenz haben wir doch beschlossen, dass die Meinung der Kinder auch gehört wird. Und jetzt ist dir meine Meinung pupegal!“ Nun ja: Die Meinung zu hören heißt nicht, dass sie immer ausschlaggebend für alle Entscheidungen sein muss. Trotzdem kann der Punkt ganz schnell an den Spinathasser gehen, weil Eltern rasch ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man sie so aussehen lässt, als ob sie sich an gemeinsam Beschlossenes nicht halten.

Mit etwas Übung kann man diesen Trick geschmeidig kombinieren, zum Beispiel mit dem Einsatz oder dem Auseinandernehmen von Verallgemeinerungen, mit dem Kniff, Metaphern wörtlich zu verstehen, oder mit anderen absichtlich herbeigeführten Missverständnissen.

Text: Petra Weiß
Foto: Marco Barnebeck(Telemarco) / pixelio

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Verwirren mit Details

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Einzelheiten genau zu betrachten ist mühsam und zeitaufwändig. Unsere Gewohnheit ist es längst geworden, uns auf Experten zu verlassen. Sie haben sich in der Tiefe mit allen Details auseinandergesetzt. Wir nutzen ihr Wissen und ihre Erkenntnisse und gewinnen daraus so eine Art “Instant-Meinung” – ein lauwarmer Aufguss als Auszug aus echter Fachkenntnis. Doch nicht jeder Spezialist hat wohlmeinende Absichten.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir sprachliche Kunstgriffe, die schon seit der Antike verwendet werden. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ verewigt.

Bereits erschienen sind die Beiträge:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Richtungsweisend

Wenn Absurdes obsiegt

Zur Veranschaulichung dient uns ein alltägliches Beispiel: der Disput am Esstisch. Der Nachwuchs verweigert beharrlich das Gemüse, während seine Eltern versuchen, ihm das Grünzeug schmackhaft zu machen.

Mit einer Fülle von Einzelheiten kann der Gesprächspartner den Eindruck gewinnen, man hätte wirklich Ahnung von der Sache. Detailreichtum kann natürlich auf eine breite Fachkenntnis zurückgehen. Ein winziges Detail allerdings kann auch aus der Schublade gezogen werden, um den anderen Schachmatt zu setzen, wenn einem die echten Argumente ausgehen. Das braucht ein bisschen taktische Raffinesse.

Der Trick ist nicht so einfach zu durchschauen. Meist hinterlässt er ein unbestimmtes Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein, oder einfach nur Verwirrung – und das ist durchaus beabsichtigt.

Wie geht man dabei vor? Sie brauchen nur eine einzige Information, von der Sie ganz bestimmt wissen, dass sie zutrifft, die man aber grundsätzlich auch infrage stellen kann. Und sie benötigen einen Beweis für diese Tatsache als Ass im Ärmel. Mit diesem winzigen Ausschnitt an Kompetenz können Sie besserwisserisch als Experte glänzen. Und wenn man Ihr Wissen anzweifelt? Um so besser: Dann liefern Sie den Beweis und lassen den anderen dumm dastehen. Den Rest erledigen unzulässige Verallgemeinerungen für Sie. Das klingt jetzt sehr theoretisch, schauen wir uns den Kunstgriff am lebendigen Beispiel an:

Unser Gemüseverächter postuliert „Spinat ist oft mit Schadstoffen belastet.“ Die Mutter kann an dieser Stelle nur verlieren. Gibt sie dem Sohnemann Recht, geht der Punkt klar an ihn und das Grünzeug landet auf der Sondermülldeponie.

Widerspricht sie, zieht er einen Fachartikel hervor, der die Belastung von Tiefkühlspinat mit Cadmium und Nitrat belegt – und gleichzeitig die Expertise des Sprößlings. Dass der Zankapfel, der in Form von gedünstetem Blattspinat auf dem Teller liegt, aus der Frischgemüseabteilung stammt und gar keine Minustemperaturen erlebt hat, kann man frostig ignorieren.

Wieder ist der Tipp: Lassen Sie sich den Wind nicht aus den Segeln nehmen. Und hören Sie GENAU hin, was jemand sagt. Der anmaßende Spezialist kann ganz rasch jeden Glanz verlieren, wenn Sie direkt ansprechen, dass er gerade etwas anderes bewiesen hat, als das, worum es tatsächlich geht. Sprechen Sie offen aus, dass er eine logisch unzulässige Verallgemeinerung in den Raum gestellt hat. Bleiben Sie gelassen. Das kann er ja gerne versuchen, es geht aber leider nicht durch. Nice try, Darling!

Text: Petra Weiß
Foto: Harald Wanetschka / pixelio

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Wenn Absurdes obsiegt

Emotionale Erpressung ist ein machtvolles Mittel der Beeinflussung fühlender Menschen. Durch unseren vorhersehbaren Wunsch, gut zu sein und das Richtige zu tun, ist unser Verhalten durch weniger ehrenhaften Kräfte berechenbar. Weil das Thema ernst genug ist, habe ich Ihnen gleich zwei sprachliche Kunstgriffe mitgebracht, die ich ausgesprochen amüsant finde.

Heute widmen wir uns wieder den rhetorischen Tricks, die Arthur Schopenhauer uns in seinem Büchlein „Die Kunst Recht zu behalten“ vermacht hat. Den Auftakt-Artikel zur gleichnamigen Reihe finden Sie hier: Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…

Als Alltagsbeispiel dient uns das Gezuchtel am Esstisch, mit dem der Nachwuchs durch allerlei Kniffe dazu gebracht werden soll, Spinat zu verzehren, und die wehrhaften Versuche desselben, dem Grünzeug mit List und Tücke zu entgehen.

Übertreibung des Gegenteils.

Ein bisschen Drama hat noch keiner unfairen Diskussion geschadet. Das Stilmittel der Übertreibung ist dafür bestens geeignet. Besonders, wenn man den Tragik-Faktor verstärkt und das ohnehin unzulässige Argument durch ein absurdes Entweder-Oder würzt.

Die Mutter könnte eine Prise Macbeth in die Diskussion einbringen, indem sie ausruft: „Möchtest du den Spinat jetzt essen oder lehnst du meine mütterliche Fürsorge generell ab?“ Zumindest das Überraschungsmoment hat man mit solch einer Groteske auf seiner Seite. Der andere ist bestürzt über die Unterstellung und beißt mit etwas Glück in den anscheinend weniger sauren Apfel.

Halten Sie Ihre Augen offen: Sie werden jeden Tag solche unlauteren Vorgehensweisen finden, Ihnen eine ganz normale und berechtigte Haltung als Ausdruck eines unerträglichen Verhaltens, einer unmenschlichen Absicht oder eines geradezu barbarischen Ansinnens zu verkaufen. Vielleicht ist Ihnen schon einmal begegnete, dass Sie angeblich andere Leute umbringen, wenn Sie auf die von Ihnen gewählte Art und Weise gut für sich sorgen. Solche Aussagen sind in jedem Fall kritisch zu hinterfragen. Und wenn Ihnen das Hinterfragen madig gemacht wird? Dann erst recht.

Grundloser grandioser Triumpf.

Schallend gelacht habe ich beim Studium des Schopenhauer´schen Urtextes an dieser Stelle. Auf so eine unverfrorene Idee muss man erst mal kommen: Man stellt ein paar Unumstößlichkeiten in den Raum, die weit entfernt mit dem Thema zu tun haben. Dann stößt man einen triumphierenden Schrei aus und tut einfach so, als hätte man damit alles bewiesen. Herrlich!

Für unser Beispiel heißt das, dass der Gemüsehasser folgert: „Spinat gehört zu den grünen Gemüsesorten. Gemüse gehört zu den Früchten. Früchte haben schon die Dinosaurier vor Jahrmillionen verzehrt. Und die sind ausgestorben. Ha! Da haben wir es!“

Nicht nur kleine Halunken bedienen sich solcher Schamlosigkeiten, um ihre Ziele zu erreichen. Wir finden die Wortkünstler und Sprachjongleure in jedem Alter und in allen Positionen unserer Gesellschaft.

Solche Übungen sind weit mehr als eine schöne sprachliche Spielerei für Intellektuelle. Während wir uns mit diesen Techniken befassen und sie in unseren eigenen und den Reden anderer finden, schulen wir unseren logischen Verstand. Mir scheint es heute wichtiger denn je, immer wieder zu fragen: Ist das so? Haben wir es hier tatsächlich mit Ursache und Wirkung zu tun? Kann es auch einen anderen Zusammenhang geben?

In der Reihe bereits erschienen sind die Folgen:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Richtungsweisend

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Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Richtungsweisend

Schreibkunst Texter Ghostwriter

Warum hinterlassen manche Nachrichten einen schalen Nachgeschmack? Wir zucken kurz und lesen dann weiter, ohne zu wissen, was uns gerade begegnet ist. Wurde möglicherweise unsere Blickrichtung gerade gedreht? Heute habe ich Ihnen eine praktische Übung mitgebracht, um Ihre Achtsamkeit für sogenannte Spins zu schulen.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ haben wir schon einige Kunstgriffe der Redekunst aus dem Buch “Die Kunst, Recht zu behalten” von Arthur Schopenhauer beleuchtet:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Heute haben wir es mit einem besonders raffinierten Trick zu tun. Er ist zwar leicht erklärt und eigentlich auch gut erkennbar. Leider ist dieser Kniff in unserer Alltagssprache so üblich geworden, dass er uns nur auffällt, wenn wir aufmerksam hinhören.

In einem scheinbar neutralen Text flechten wir Begriffe ein, die in sich bereits eine bestimmte Färbung mitbringen. Sie sind selbst angehaucht oder erinnern (absichtlich) an ein Wort, das wir eindeutig mit einer Wertung verbinden.

Bleiben wir gedanklich am Esstisch in unserer Szene mit Mutter und Kind, um das zu verdeutlichen. Ich habe Ihnen eine kleine Übung mitgebracht.

In der Liste finden Sie viele verschiedene Ausdrücke, mit denen man den Jungen bezeichnen könnte. Lesen Sie ausgewählte Worte ganz bewusst, laut oder leise. Schließen Sie nach jedem einzelnen Begriffe die Augen und lauschen Sie in sich hinein, welche Gedanken, Bilder und Gefühle in Ihnen aufsteigen.

Junge

Jüngling

Knabe

Knäblein

Racker

Sproß

Sprößling

Bub

Kleiner

Sohn

Sohnemann

Kind

Balg

Göre

Bastard

Nachfahre

Nachkomme

Abkömmling

Brut

Stammhalter

Bursche

Zwerg

Erbe

Kerl

Bengel

Lümmel

Junior

Filius

Sie werden feststellen, dass die einzelnen Begriffe mit unterschiedlichen Empfindungen einhergehen. Manche der Ausdrücke haben ein „Gschmäckle“. Indem wir etwas mit solch einem tendenziösen Wort benennen, geben wir ihm bereits eine Wertung mit. Das kann auf natürliche Weise geschehen und enthüllt dann die Haltung des Sprechers bzw. Schreiberlings. Oder absichtlich, um der Rede oder dem Text einen bestimmten „Spin“ (Dreh) zu geben. In der Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations) tragen besonders Erfolgreiche PR-Manager daher den Namen „Spin-Master“.

Meine Beiträge sind in der Regel Essays oder Kommentare. Essays sind, wie das Wort schon sagt, Versuche. Der Schriftsteller versucht, eine Beobachtung aus seiner Weltsicht zu beleuchten und so schlüssig zu erklären. Kommentare fügen einer Beobachtung eine persönliche Sichtweise hinzu. Diese Formate beinhalten also meine Haltung und meine Meinung. Logisch: Ich teile meine persönlichen Erfahrungen mit Ihnen. Hätten meine Texte den Anspruch, Sie wie ein Nachrichten-Artikel neutral über einen Sachverhalt zu informieren, wäre das überaus unpassend.

Für Nachrichten, Dokumentationen oder wissenschaftliche Beiträge ist Neutralität ein wichtiges Richtmaß. Prüfen Sie solche Texte einmal spaßeshalber auf ihren Grad an Ausgewogenheit. Möglicherweise wird Ihnen bald klar, dass diese die Stimmung der Leser, Hörer oder Zuschauer in eine gewisse Richtung lenken.

Es kann sehr erhellend sein, anscheinend wertfreie Berichte auf solche Spins hin zu betrachten.

Um noch einmal kurz zu unserem Beispiel zurückzukommen, das sich durch diese Reihe zieht: der Machtkampf am Esstisch. Der Sohn würde den ungeliebten Spinat möglicherweise als Grünzeug bezeichnen, während die Mutter seine gesunde Wirkung unterstreichen könnte, indem sie im Gegenteil von einer Vitalstoffbombe spricht.

Wenn Sie Freude daran haben, üben Sie doch einmal, verschiedene Worte mit unterschiedlicher Färbung für Alltagsbegriffe zu finden. Das stärkt Ihre geistige Beweglichkeit und schärft Ihren Sinn für Manipulation durch Sprache. Viel Spaß beim Ausprobieren.

Text: Petra Weiß
Abbildung: DS / pixelio.de

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Peinlich, peinlich…

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Haben Sie sich schon einmal geirrt? Echt jetzt? Dann ist Ihnen womöglich ein peinlicher Fehler passiert. Damit kann man Sie im Nachhinein wunderbar manipulieren. In unserer Gesellschaft tun wir ja oft so, als sei es möglich, fehlerfrei durchs Leben zu schreiten.

Na, ja: Das Schreiten sieht eher aus wie ein Eiertanz, wenn man versucht, um jedes Fettnäpfchen herum zu manövrieren. Das geht natürlich nicht. Wir sind Menschen. Wir machen nun mal Fehler. Durch Lernen kann daraus Entwicklung entstehen.

Aus Ihrem schamvollen Aberglauben, unfehlbar sein zu müssen, kann Ihr Gegenüber einen Vorteil ziehen. Jemanden mit seinen früheren Verfehlungen zu konfrontieren, um ihm jedwede Kompetenz abzusprechen, ist ein beliebtes Totschlag-Argument in trickreichen Wortgefechten (“unfair warfare”).

In der Reihe “Sie baden gerade Ihr Gehir darin…” hangeln wir uns an den rhetorischen Kunstgriffen entlang, die Arthur Schopenhauer den Diskussionen antiker Philosophen entnommen hat. Er hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ niedergeschrieben.

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Kopfsalat statt Spinat

In der letzten Ausgabe haben wir gesehen, wie hilfreich es für eine tückische Gesprächsführung ist, den anderen emotional in Wallung zu bringen.

Zur Veranschaulichung der Kunstgriffe zeigen wir die Tricks anhand einer alltäglichen Szene auf, die sich in vielen Familien so oder ähnlich schon zugetragen hat: dem Machtspiel um die Ernährung. Ein Kind soll Spinat essen und will das partout nicht.

Wenn man einen schönen Wutausbruch sehen will, hat es sich bewährt, aus Einzelfällen Verallgemeinerungen abzuleiten, die nicht schicklich für den anderen sind.

Gibt die Mutter zu „Als du klein warst, hast du den Möhrenbrei immer wieder ausgespuckt. Später hat sich herausgestellt, dass du gegen Möhren allergisch bist.“ hat der Sprössling sie am Schlafittchen: „Wir wissen ja schon, dass ich bei dir gegen meinen Willen Sachen essen muss, die ungesund für mich sind.“

So eine Anekdote eignet sich für den Dauergebrauch. Sie lässt sich pausenlos aufs Butterbrot schmieren und verdirbt der Mama vor lauter schlechtem Gewissen den Appetit auf weitere Diskussionen.

Falls Sie mit solchen Taktiken Bekanntschaft machen, wechseln Sie auf die Meta-Ebene und sprechen Sie den falschen Rückschluss als solchen an: „Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Du hattest in diesem Punkt Recht und ich hatte Unrecht. Das bedeutet aber nicht, dass Du nun immer im Recht bist und dass alles, was ich ab jetzt sage, falsch sein wird.“

Text: Petra Weiß
Foto: Elisabeth Patzal / pixelio.de

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Der Fluch der guten Tat

Schreibkunst Texter SChriftseller Essayist

Essay von Petra Weiß. Lesedauer ~8 Minuten
Rubrik: Manipulative Muster erkennen

Heute kann ich keinen Collageblock mehr kaufen, ohne damit ein gutes Werk zu vollbringen. Reicht es nicht, dass ich für mein Geld karierte Blätter mit Spiralbindung erhalte? Warum muss ich gleichzeitig in Uganda einem Kind eine Stunde Unterricht bezahlen? Was soll das?

Wenn ich ein Hilfsprojekt unterstützen möchte, mache ich das freiwillig. Ich wähle ganz bewusst, welche Hilfe ich wem zukommen lassen will. Und selbstverständlich kann mir das ein bisschen Mühe wert sein. Es darf mir nicht zu viel Aufwand bedeuten, die Nummer eines Spendenkontos in Erfahrung zu bringen und eine Überweisung zu veranlassen.

Für mich grenzt dieses erzwungene Heldentum der automatischen Spende an emotionale Erpressung. Bin ich kein guter Mensch mehr, wenn ich das nächste Mal meinen Spiralblock von einer anderen Marke kaufe, weil dort die Qualität überzeugender ist oder der Preis niedriger oder weil es für mich bequemer ist, ihn in meiner Stadt zu kaufen? Wird jede Entscheidung, die ich in meinem Alltag treffe, jetzt zum Richtmaß darüber, ob ich zu den Guten gehören darf?

Wie emotional beurteile ich mein Handeln, wenn glückliche Kindergesichter in Schuluniform meine Kaufentscheidungen beeinflussen?

Wenn wir schon politische Käufer sein wollen, dann gibt es noch tausend andere Gesichtspunkte zu berücksichtigen:

Woher stammt das Holz? Welche Transportwege hat das Produkt hinter sich gebracht? Kann ich auch direkt beim Hersteller bestellen? Wer ist der Großhändler und wie fair beschäftigt er seine Mitarbeiter? Welcher Lieferservice bringt die Ware und womit werden die Fahrzeuge betrieben? Wie entsorge ich am Ende die „Überreste“?

Hätte ich lieber einen kleinen Laden in der Innenstadt unterstützen sollen, auch wenn dann Kinder in Uganda kein Schulgeld von mir bekommen? Welche Form der Ausbildung erhalten diese Schüler? Wie ist das Schulsystem in diesem Land aufgebaut? Ist es überhaupt aus meiner Sicht unterstützenswert? Oder vermittelt es in erster Linie Staatspropaganda und hält die Menschen davon ab, selbstständig zu denken und ihr Leben zu gestalten?

Warum gehen wir davon aus, dass unsere wohlmeinende Hilfe für die armen Menschen tatsächlich auch immer ein Segen sein muss?

Die Gegend von Uganda gilt als “Wiege der Menschheit”. Dort entstand laut geltender Lehrmeinung unsere Spezies. Wir Menschen hatten also gerade in Uganda die meiste Zeit, uns zu entwickeln. Bemerkenswert ist, dass erst Mitte des 19. Jahrhunderts in Uganda die Schrift eingeführt wurde. Bevor die britischen Kolonialmächte mit der Ausbeutung des Landes begannen, haben die Ureinwohner ohne das überlebt, was wir als Maß des Fortschritts einer zivilisierten Kultur bewerten. Und zwar am längsten von allen.

Aufgrund der Schriftlosigkeit stufen Geschichtswissenschaftler die Zeit vor 1850 in Uganda als “prähistorisch” ein. Historisch war hingegen das sogenannte “Protektorat” der Briten. Das Wort stammt vom Begriff für Schutz. Besatzer bezeichnen sich seit jeher gerne als Schutzmacht. Der Britische Schutz bestand unter anderem daraus, dass man im Bürgerkrieg mal die eine, mal die andere Seite militärisch unterstützt hat. Gerade so, wie es aus politischen Gründen für die Krone eben passend erschien. Uganda wurde zum Spielball von Machtansprüchen der Franzosen und Deutschen, was dazu führte, dass während der Auseinandersetzungen lauter fremdartige Erreger in das Land eingeschleppt wurden, die in der Folge von Krieg und Hunger zu katastrophalen Epidemien geführt haben. Und dann kam die Gnade abendländischer Medizin über sie.

Wie mittlerweile bekannt geworden ist, führen westliche Wissenschaftler auf dem afrikanischen Kontinent schon seit langem Menschenversuche zu medizinischen Zwecken durch. Wer sich einmal so richtig gruseln möchte, googel die Suchbegriffe “Robert Koch”, “Menschenversuche” und “Afrika” und findet einen gewissenhaft recherchierten Beitrag vom Deutschlandfunk.

Und nun erheben wir uns, diesem Land unsere Art von Bildung und Kultur beibringen zu wollen – inklusive Schuluniform! Wer glauben wir eigentlich, dass wir sind?

Natürlich läge es in der Verantwortung der Wirtschaftseliten, den durch ihre Vorfahren verursachten Schaden wieder gut zu machen, zumindest den materiellen. Glauben Sie ernsthaft, es fehle an Geld? Wenn mein kleiner Beitrag aus dem 2,99 Euro Block eine Schulstunde ermöglicht, könnte man das ganze Land alphabetisieren aus der Portokasse jedes europäischen Verteidigungsministeriums. Doch wer hätte Interesse daran, die ehemaligen Sklaven aus der Abhängigkeit zu entlassen und ihnen fortan auf Augenhöhe zu begegnen? Mich würde sehr interessieren, wie die Kolonialzeit in den vom Westen gesponserten Geschichtsbüchern dargestellt  wird.

Was mich wirklich anwidert ist, dass diese Menschen weiterhin benutzt werden. Und die selbsternannten Helden fühlen sich dabei nicht einmal schlecht. Im Gegenteil: Jeder darf zum Retter werden, wenn er einen Schreibblock kauft. Menschen aus Uganda werden als Sympathiebringer für absatzfördernde Maßnahmen missbraucht.

Wer Näheres über die beteiligte Hilfsorganisation wissen will, gelangt über den QR-Code auf eine Website, die dadurch Klicks generiert und zu weiteren Spenden aufruft.

Angesichts der sich häufenden Skandale bei gemeinnützigen Einrichtungen möchte ich mir erst recht selbst aussuchen dürfen, wohin mein Geld im Namen der Wohltätigkeit fließt. Ich empfinde es als übergriffig, dass Werbe-Strategen entscheiden, ob ich mit dem Erwerb meiner Büromaterialien etwas Gutes tun muss und in welche Kanäle meine Spende gelangt.

Sexuellen Missbrauch, wie er gerade in einem überwältigenden Ausmaß bei Hilfsorganisationen wie Oxfam, SOS Kinderdörfer und der WHO ans Tageslicht kommt, will ich sicher nicht unterstützen. Mein Einkommen stammt zum Teil von Opfern sexuellen Missbrauchs, die in meiner traumatherapeutischen Sprechstunde Hilfe suchen. Soll ich ihre Geschichten auf einen Block schreiben, mit dessen Erwerb ich womöglich unabsichtlich institutionellen Missbrauch gefördert habe?

Ich behaupte nicht, dass die Hilfsorganisation, welche das Schulprojekt in Uganda finanziert, in irgendwelche Machenschaften verwickelt ist, aber überprüfen kann ich das nicht.

Meine Wut richtet sich gegen die peinlich platte Marketing-Maßnahme, die was mich betrifft komplett nach hinten losgeht. Von dieser Marke werde ich nie wieder einen Block kaufen.

Wenn es dem Hersteller wichtig ist, etwas zu spenden, soll er das tun. Das kann man auch, ohne sich dafür im Rampenlicht der Öffentlichkeit beklatschen zu lassen. Humanitäre Hilfe, die von Herzen kommt, ist ein Akt der Menschlichkeit und Nächstenliebe – keine imageträchtige Werbe-Kampagne.

Bitte seien Sie achtsam, wenn Sie durch solche Manipulationsversuche an eine Marke oder an ein Produkt gebunden werden sollen. Sie dürfen einen Block auch einfach kaufen, weil Sie einen Block brauchen. Dadurch sind Sie kein schlechter Mensch.

Wenn Sie anderen helfen wollen, ist das eine natürliche Regung. Ihr nachzukommen, dient Ihnen und der Menschheit. Sie finden bestimmt persönlichere Möglichkeiten der Unterstützung. Fragen Sie Ihre Nachbarn, ob Sie beim Einkauf helfen können, oder Ihre Kollegin, ob sie ihr aus der Kaffeeküche etwas mitbringen sollen. Etablieren Sie lieber eine aufrichtige Kultur des Helfens in Ihrem direkten Umfeld als gnädig ein paar Groschen nebenbei in ein Schwellenland zu werfen, wenn es gerade keine Mühe kostet. Das ist unwürdig. 

Falls Sie eine gemeinnützige Einrichtung fördern wollen, ist es Ihre Verantwortung, sich ganz genau zu erkundigen, wofür Ihr Geld ausgegeben wird. Nur dann dient Ihre Spende den anderen. Wieso sage ich das so? Weil Ihre Spende auch in erster Linie Ihnen selbst dienen kann, und zwar um sich von einem schlechten Gewissen freizukaufen, weil es Ihnen materiell besser geht als anderen – sie ist dann so eine Art Ablasszahlung. Damit wird sehr viel Geld verdient.

Spüren Sie in sich hinein, worin der Zweck Ihrer Spende tatsächlich besteht. Was ändert sie in Ihnen? Sind Ihre Schuldgefühle erst mal besänftigt, bis das nächste Kindergesicht Sie traurig aus einem Hochglanzprospekt anschaut? Mitgefühl zu haben ist menschlich. Mit Ihrem Mitleid wird aber spekuliert. Es wird benutzt, um Ihnen Geld zu entlocken. Das ist auch eine Form von Missbrauch, nämlich Missbrauch Ihrer gesunden menschlichen Regungen.

Noch einen Aspekt solcher Aktionen möchte ich beleuchten: Ihr Blick wird gelenkt, und zwar (aus Sicht des materiellen Wohlstands) von oben nach unten. Sie schauen auf ärmere Menschen und schämen sich für Ihr materielles Wohlergehen. Ihr natürlicher Wunsch nach Gerechtigkeit veranlasst Sie zum Spenden. Wäre es nicht angemessen, mindestens genauso aufmerksam ab und zu in die andere Richtung zu blicken?

Ist Ihnen bewusst, dass 1 % der Menschen über 80 % des weltweiten Vermögens verfügt. Erhalten wir von diesen Eliten Spenden? Oder erbringen wir ganz im Gegenteil unsere Lebensleistung, um ihren Reichtum ins Unermessliche zu steigern?

Und wie sehen die ach so gütigen Spenden der selbsternannten Heilsbringer aus der Riege der Multimillionäre für Afrika tatsächlich aus? Der oberflächliche Blick reicht hier nicht, um die Situation beurteilen zu können. Statt in die Tiefe zu gehen, und uns des Ausmaßes der globalen Ungerechtigkeit bewusst zu werden, lindern wir nur rasch unser schlechtes Gewissen und schauen lieber woanders hin. Verständlich. Aber nicht hilfreich. 

Wir müssen uns nicht missbrauchen lassen für anderer Leute Bedürfnisse.

Wenn es ganz klar MEIN Bedürfnis ist, etwas zu spenden, weil ICH dann ein gutes Gefühl habe, und mir das BEWUSST ist, kann ich das auch machen, ohne mich um die Hintergründe zu kümmern. Alles andere ist Selbstbetrug.

Warum betrügen wir uns, indem wir (uns selbst und anderen gegenüber) den Eindruck erwecken, wir seien die Retter des Planeten? Warum ist es uns nicht genug, in unserer kleinen Welt etwas zu bewirken? Wieso ziehen wir das unpersönliche Helfen in der Fremde dem direkten Kontakt von Mensch zu Mensch vor?

Aus meiner Warte sind das Auswirkungen eines systematisch untergrabenen Selbstwertgefühls. Von klein auf wird uns eingebläut, wir müssten mehr sein als wir sind. Ich stimme aus eigenem Erleben und aus den Erfahrungen meiner Patientinnen dem Hirnforscher Gerald Hüther zu, der beklagt, dass unser Schulsystem die kindliche Freude am Lernen behindert. Und ich pflichte dem Pädagogen und Philosophen Gunnar Kaiser bei, der sich aus dem Schulsystem zurückgezogen hat, weil die Schule ein Ort der Unterdrückung freier Entfaltung von heranwachsenden Menschen ist. Ich würde gerne glauben, dass das in Uganda anders ist als hierzulande. Zuversichtlich bin ich da leider nicht. 

Text: Petra Weiß
Foto: Dietrich Schneider / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Kopfsalat statt Spinat

Schreibkunst Texter Schriftsteller

Sind Sie schon einmal völlig verwirrt aus einer Besprechung getaumelt? Sie gingen als Verlierer aus der Diskussion hervor, obwohl Sie hieb- und stichfeste Argumente auf Ihrer Seite hatten. Warum nur gewann trotz Ihres Punktsiegs am Ende Ihr Widersacher das Match?

Wieder ziehen wir die Aufzeichnungen des Deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer zurate. In seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ hat er verschiedene Kunstgriffe der Rhetorik aufgeschrieben, die Aufschluss darüber geben, welche perfiden Techniken des „unfair warfare“ (ugs. tückisches Kriegsführung) in Wortgefechten genutzt werden.

Heute lichten wir den Nebel und sorgen für klare Sicht, damit Sie erkennen, wenn Sie jemand in seinen Wortschwall einhüllen will.

Zur Veranschaulichung nutzen wir Beispiele aus einer für viele wohlbekannten Lebenssituation: die Debatte am Esstisch. Eltern bemühen sich, ihrem Nachwuchs den Genuss von Gemüse schmackhaft zu machen. Und die Kleinen wehren sich einfallsreich gegen den Erziehungsversuch.

Sind keine sinnvollen Argumente griffbereit, hat es sich bewährt, die Nebelmaschine einzuschalten. Man redet den anderen einfach schwindelig. Das funktioniert besonders gut mit wohlmeinenden Eltern, die pädagogisch wertvoll auf Ihre Kinder einwirken wollen.

Wir alle sind daran gewöhnt, an uns gerichtete Fragen bestmöglich zu beantworten. Deshalb kann man Aufmerksamkeit durch Fragen sehr wirksam binden. Will ich diese psychologische Eigenart der Menschen für eine Nebelaktion nutzen, werfe ich meinem Gegenüber eine ganze Reihe von Fragen in schneller Folge an den Kopf.

Unser kleiner Gemüsehasser könnte also mit forderndem Blick seinen Vater anblaffen: „Welche ach so wertvollen Inhaltsstoffe soll der Spinat denn enthalten? Wie wirken die im Körper? Ist das wissenschaftlich erwiesen? Auf welche Studie geht das zurück? Ist die noch aktuell? Wer hat die gemacht? Und wann? Wurde das noch in anderen Untersuchungen bestätigt? Bist du sicher, dass ich so viel Eisen überhaupt brauche? Und welches Gemüse hat sonst noch Eisen? Sollte ich dann gleichzeitig Vitamin C zu mir nehmen? Oder muss ich dazu Kaffee trinken?“ und so weiter.

Mit dem Ringen um sinnvolle Antworten zu solchen Detailfragen hält er den Papa stundenlang in Atem. Die Taktik zerstreut seine Energie und beschäftigt ihn unproduktiv. Hossa!

Niemals nicht verneinen. Wenn der schlaue Nebelmeister es auf die Spitze treiben will, kann er noch ein paar mehrfache Verneinungen einbauen „Du willst also nicht, dass ich keinen Spinat auf dem Teller niemals liegenlasse?“ Bis der Satz verstanden ist, kann er sich in Ruhe weitere heitere Ablenkungsmanöver ausdenken. Strike!

Adrenalin setzt Verstand außer Kraft. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, macht man den Gegner ärgerlich. Das ist gar nicht so schwer. Unverschämt sein, reicht meist aus. Vor allem, wenn der Vater sich Mühe gegeben hat, seine Brut gut zu versorgen: „Du willst ja gar nicht, dass ich gesund bin, sondern nur, dass ich deinen faden Fraß esse, den meine Schwester auch nicht mag. Hat sie mir gesagt.“

Die eine oder andere unbewiesene Behauptung ist das Sahnehäubchen auf der Strategie. Wozu diese dient: Der Vater verliert die Freude an dem Gespräch. Im Idealfall wendet er sich genervt, empört oder verletzt ab. Prima. Der Spinat kann liegenbleiben. Auf jeden Fall behindern die Stresshormone, die seinen Körper jetzt fluten, das logische Denken. Das verschafft dem Kind einen taktischen Vorteil.

Natürlich ist Gewalt nie eine gute Lösung. Es wäre falsch, jemanden zu schlagen. Wir wollen nicht zur Rohrstock-Pädagogik zurück. Aggressive Impulse hingegen sind zutiefst menschlich. Und wir schämen uns dafür – selbst wenn wir sie noch so verlässlich unter Kontrolle haben. Scham ist ein machtvolles Gefühl. Es hält uns davon ab zu erkennen, dass der andere mit genau diesem Reflex gerechnet hat und ihn für seine Zwecke benutzt. Kennen Sie den Ausdruck “jemanden zur Weißglut bringen”. Es gibt talentierte Menschenkenner, die genau wissen, welche roten Knöpfe sie drücken müssen, um Wut und Zorn hervorzurufen.

Langfristig hilft nur eins: Die eigenen sensiblen Punkte kennen, sich ihrer Auswirkungen bewusst werden und an den Ursachen arbeiten, damit die Rot-Knopf-Drücker ihre Macht verlieren. 

In der akuten Situation empfehle ich ein Vorgehen zur Schadensbegrenzung. Bitte seien Sie gnädig mit sich, falls Sie ein bisschen üben müssen, bis es gelingt. Auch, wenn der Spinat dann erst mal liegenbleibt: Verlassen Sie sofort den Raum, sobald Ihre Adern an den Schläfen hervorzutreten beginnen. Je nach Veranlagung haben manche Menschen eine kürzere Zündschnur als andere. Feurige Reaktionen zu beherrschen, kostet sehr viel Energie.

Kühlen Sie Ihr Gemüt. Dafür gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Finden Sie etwas, das Sie beruhigt. Aber zwingen Sie sich nicht in die Ruhe, wenn Ihr Blut noch kocht. Bewegung ist oft eine große Hilfe. Sie dient dem rascheren Adreanlin-Abbau. Nach einem gehörigen Wutanfall braucht es 6 Stunden, bis das Hormon im Körper wieder auf einem normalen Pegel ist. Adrenalin setzt bekanntermaßen Verstand außer Kraft. Sprechen Sie mit dem Streitpartner erst dann erneut, wenn Ihr Gehirn hormonell in der Lage ist, sachliche Argumente vorzubringen und zu hören. Wir wollten ja nicht, dass das Wortgefecht im Gemetzel endet.

Vier Beiträge sind bereits in der Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ erschienen:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Falls Sie erst später zugeschaltet haben, finden Sie alle Beiträge zu den „Schopenhauereien“ unter dem Begriff „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“ per Mouseklick.

Text: Petra Weiß
Foto: Horst Schröder / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Beweise, die keine sind

Foto zum Beitrag Entwicklungstrauma

Manche Argumentationen hören sich zwar an, als seien die Schlussfolgerungen sinnvoll. Sie führen dennoch zu vollkommen unlogischen Ergebnissen. Warum ist das so?

In den letzten drei Teilen haben wir uns schon mit verschiedenen Taktiken von „unfair warfare“ (ugs. tückische Kriegsführung) im Wortgefecht beschäftigt:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Heute widmen wir uns einer beliebten Strategie: einer logisch unzulässigen Schlussfolgerung, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Gerne genommen ist der „Beweis“ des Allgemeinen durch Einzelfälle.

Zur Veranschaulichung betrachten wir wieder eine Szene mit Alltagscharakter: Wir folgen dem Versuch einer wohlmeinenden Mutter, ihr Kind zu einer gesunden Ernährung zu bewegen, und den durchaus kreativen Lösungsansatz des Sprösslings, kein Gemüse essen zu müssen.

Wollte die Mutter also „beweisen“, dass die Tochter besser ihren Vorgaben folgeleistet, könnte sie zum Beispiel anführen: „Weißt du noch, als du das heiße Backblech aus dem Herd holen wolltest? Da habe ich dir gesagt, dass du die Topfhandschuhe nehmen musst. Du wolltest nicht hören und hast dir übel die Hand verbrannt. Hättest du da besser auf mich gehört?“, „Und als du dir bei dem Sturz auf dem Spielplatz die Schneidezähne ausgeschlagen hast, da habe ich vorher schon gesagt, du sollst nicht so wild schaukeln. Hättest du da besser auf mich gehört?“

Das Mädchen hat kaum eine andere Chance, als dem zuzustimmen. Und hat sie alle Einzelfälle bestätigt, kann die Mutter zum Verallgemeinerungsschlag ausholen: „Siehst du: Es ist gut für deine Gesundheit, auf die Mama zu hören. Und jetzt iss deinen Spinat.“

Was hier mit dem Schopenhauer’schen Kunstgriff im Verbund auftritt, ist eine billige Verkaufsmasche: Sagt der Kunden zweimal zu etwas Unbestreitbarem “ja”, wird er damit ins dritte und kaufentscheidende “Ja” gelockt.

Bleiben Sie wachsam, wenn jemand mit solchen Taschenspielertricks versucht, ihre Zustimmung zu etwas zu erhalten, was Sie im Grunde gar nicht wollen. Je nachdem, welcher Art Ihre Beziehung zu dem Gegenüber ist, stellen Sie den Versuch nur amüsiert fest und beobachten Sie den Fortgang zu Studienzwecken oder sprechen sie den Trick zwecks Klärung offen an oder nehmen Sie den Gesprächsfaden selbst auf und lenken Sie den Austausch in eine erfreulichere Richtung.

Nicht jeder ist sich dessen bewusst, dass er unlautere Methoden in der Gesprächsführung anwendet. Vielleicht haben Sie den Kunstgriff sogar schon einmal bei sich selbst bemerkt. Seien Sie gnädig mit Ihren Gewohnheiten. In manchen Umgebungen ist es leider üblich, sich gegenseitig zu überlisten. Ich kenne Menschen, für die es eine Art Sport ist, jemanden trickreich übers Ohr zu hauen. Sie fühlen sich dann auf eine triumphale Weise schlau. Schauen Sie, ob dieses Umfeld für Sie noch passend ist. Missionieren ist oft kein erfolgversprechender Ansatz.

Falls solche Muster in Ihrem Privatleben auftauchen, entscheiden Sie, ob die Beziehung es Ihnen wert ist, auf einer sehr persönlichen Ebene über die Auswirkungen auf Sie zu sprechen. Sie könnten Ihrem Gesprächspartner sagen, wie Sie sich damit fühlen. Wählen Sie den Zeitpunkt und die äußeren Umstände für ein solches Gespräch mit Bedacht. 

Text: Petra Weiß
Foto: Simone Hainz / pixelio

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