Der Fluch der guten Tat

Essay von Petra Weiß. Lesedauer ~8 Minuten
Rubrik: Manipulative Muster erkennen

Heute kann ich keinen Collageblock mehr kaufen, ohne damit ein gutes Werk zu vollbringen. Reicht es nicht, dass ich für mein Geld karierte Blätter mit Spiralbindung erhalte? Warum muss ich gleichzeitig in Uganda einem Kind eine Stunde Unterricht bezahlen? Was soll das?

Wenn ich ein Hilfsprojekt unterstützen möchte, mache ich das freiwillig. Ich wähle ganz bewusst, welche Hilfe ich wem zukommen lassen will. Und selbstverständlich kann mir das ein bisschen Mühe wert sein. Es darf mir nicht zu viel Aufwand bedeuten, die Nummer eines Spendenkontos in Erfahrung zu bringen und eine Überweisung zu veranlassen.

Für mich grenzt dieses erzwungene Heldentum der automatischen Spende an emotionale Erpressung. Bin ich kein guter Mensch mehr, wenn ich das nächste Mal meinen Spiralblock von einer anderen Marke kaufe, weil dort die Qualität überzeugender ist oder der Preis niedriger oder weil es für mich bequemer ist, ihn in meiner Stadt zu kaufen? Wird jede Entscheidung, die ich in meinem Alltag treffe, jetzt zum Richtmaß darüber, ob ich zu den Guten gehören darf?

Wie emotional beurteile ich mein Handeln, wenn glückliche Kindergesichter in Schuluniform meine Kaufentscheidungen beeinflussen?

Wenn wir schon politische Käufer sein wollen, dann gibt es noch tausend andere Gesichtspunkte zu berücksichtigen:

Woher stammt das Holz? Welche Transportwege hat das Produkt hinter sich gebracht? Kann ich auch direkt beim Hersteller bestellen? Wer ist der Großhändler und wie fair beschäftigt er seine Mitarbeiter? Welcher Lieferservice bringt die Ware und womit werden die Fahrzeuge betrieben? Wie entsorge ich am Ende die „Überreste“?

Hätte ich lieber einen kleinen Laden in der Innenstadt unterstützen sollen, auch wenn dann Kinder in Uganda kein Schulgeld von mir bekommen? Welche Form der Ausbildung erhalten diese Schüler? Wie ist das Schulsystem in diesem Land aufgebaut? Ist es überhaupt aus meiner Sicht unterstützenswert? Oder vermittelt es in erster Linie Staatspropaganda und hält die Menschen davon ab, selbstständig zu denken und ihr Leben zu gestalten?

Warum gehen wir davon aus, dass unsere wohlmeinende Hilfe für die armen Menschen tatsächlich auch immer ein Segen sein muss?

Die Gegend von Uganda gilt als “Wiege der Menschheit”. Dort entstand laut geltender Lehrmeinung unsere Spezies. Wir Menschen hatten also gerade in Uganda die meiste Zeit, uns zu entwickeln. Bemerkenswert ist, dass erst Mitte des 19. Jahrhunderts in Uganda die Schrift eingeführt wurde. Bevor die britischen Kolonialmächte mit der Ausbeutung des Landes begannen, haben die Ureinwohner ohne das überlebt, was wir als Maß des Fortschritts einer zivilisierten Kultur bewerten. Und zwar am längsten von allen.

Aufgrund der Schriftlosigkeit stufen Geschichtswissenschaftler die Zeit vor 1850 in Uganda als “prähistorisch” ein. Historisch war hingegen das sogenannte “Protektorat” der Briten. Das Wort stammt vom Begriff für Schutz. Besatzer bezeichnen sich seit jeher gerne als Schutzmacht. Der Britische Schutz bestand unter anderem daraus, dass man im Bürgerkrieg mal die eine, mal die andere Seite militärisch unterstützt hat. Gerade so, wie es aus politischen Gründen für die Krone eben passend erschien. Uganda wurde zum Spielball von Machtansprüchen der Franzosen und Deutschen, was dazu führte, dass während der Auseinandersetzungen lauter fremdartige Erreger in das Land eingeschleppt wurden, die in der Folge von Krieg und Hunger zu katastrophalen Epidemien geführt haben. Und dann kam die Gnade abendländischer Medizin über sie.

Wie mittlerweile bekannt geworden ist, führen westliche Wissenschaftler auf dem afrikanischen Kontinent schon seit langem Menschenversuche zu medizinischen Zwecken durch. Wer sich einmal so richtig gruseln möchte, googel die Suchbegriffe “Robert Koch”, “Menschenversuche” und “Afrika” und findet einen gewissenhaft recherchierten Beitrag vom Deutschlandfunk.

Und nun erheben wir uns, diesem Land unsere Art von Bildung und Kultur beibringen zu wollen – inklusive Schuluniform! Wer glauben wir eigentlich, dass wir sind?

Natürlich läge es in der Verantwortung der Wirtschaftseliten, den durch ihre Vorfahren verursachten Schaden wieder gut zu machen, zumindest den materiellen. Glauben Sie ernsthaft, es fehle an Geld? Wenn mein kleiner Beitrag aus dem 2,99 Euro Block eine Schulstunde ermöglicht, könnte man das ganze Land alphabetisieren aus der Portokasse jedes europäischen Verteidigungsministeriums. Doch wer hätte Interesse daran, die ehemaligen Sklaven aus der Abhängigkeit zu entlassen und ihnen fortan auf Augenhöhe zu begegnen? Mich würde sehr interessieren, wie die Kolonialzeit in den vom Westen gesponserten Geschichtsbüchern dargestellt  wird.

Was mich wirklich anwidert ist, dass diese Menschen weiterhin benutzt werden. Und die selbsternannten Helden fühlen sich dabei nicht einmal schlecht. Im Gegenteil: Jeder darf zum Retter werden, wenn er einen Schreibblock kauft. Menschen aus Uganda werden als Sympathiebringer für absatzfördernde Maßnahmen missbraucht.

Wer Näheres über die beteiligte Hilfsorganisation wissen will, gelangt über den QR-Code auf eine Website, die dadurch Klicks generiert und zu weiteren Spenden aufruft.

Angesichts der sich häufenden Skandale bei gemeinnützigen Einrichtungen möchte ich mir erst recht selbst aussuchen dürfen, wohin mein Geld im Namen der Wohltätigkeit fließt. Ich empfinde es als übergriffig, dass Werbe-Strategen entscheiden, ob ich mit dem Erwerb meiner Büromaterialien etwas Gutes tun muss und in welche Kanäle meine Spende gelangt.

Sexuellen Missbrauch, wie er gerade in einem überwältigenden Ausmaß bei Hilfsorganisationen wie Oxfam, SOS Kinderdörfer und der WHO ans Tageslicht kommt, will ich sicher nicht unterstützen. Mein Einkommen stammt zum Teil von Opfern sexuellen Missbrauchs, die in meiner traumatherapeutischen Sprechstunde Hilfe suchen. Soll ich ihre Geschichten auf einen Block schreiben, mit dessen Erwerb ich womöglich unabsichtlich institutionellen Missbrauch gefördert habe?

Ich behaupte nicht, dass die Hilfsorganisation, welche das Schulprojekt in Uganda finanziert, in irgendwelche Machenschaften verwickelt ist, aber überprüfen kann ich das nicht.

Meine Wut richtet sich gegen die peinlich platte Marketing-Maßnahme, die was mich betrifft komplett nach hinten losgeht. Von dieser Marke werde ich nie wieder einen Block kaufen.

Wenn es dem Hersteller wichtig ist, etwas zu spenden, soll er das tun. Das kann man auch, ohne sich dafür im Rampenlicht der Öffentlichkeit beklatschen zu lassen. Humanitäre Hilfe, die von Herzen kommt, ist ein Akt der Menschlichkeit und Nächstenliebe – keine imageträchtige Werbe-Kampagne.

Bitte seien Sie achtsam, wenn Sie durch solche Manipulationsversuche an eine Marke oder an ein Produkt gebunden werden sollen. Sie dürfen einen Block auch einfach kaufen, weil Sie einen Block brauchen. Dadurch sind Sie kein schlechter Mensch.

Wenn Sie anderen helfen wollen, ist das eine natürliche Regung. Ihr nachzukommen, dient Ihnen und der Menschheit. Sie finden bestimmt persönlichere Möglichkeiten der Unterstützung. Fragen Sie Ihre Nachbarn, ob Sie beim Einkauf helfen können, oder Ihre Kollegin, ob sie ihr aus der Kaffeeküche etwas mitbringen sollen. Etablieren Sie lieber eine aufrichtige Kultur des Helfens in Ihrem direkten Umfeld als gnädig ein paar Groschen nebenbei in ein Schwellenland zu werfen, wenn es gerade keine Mühe kostet. Das ist unwürdig. 

Falls Sie eine gemeinnützige Einrichtung fördern wollen, ist es Ihre Verantwortung, sich ganz genau zu erkundigen, wofür Ihr Geld ausgegeben wird. Nur dann dient Ihre Spende den anderen. Wieso sage ich das so? Weil Ihre Spende auch in erster Linie Ihnen selbst dienen kann, und zwar um sich von einem schlechten Gewissen freizukaufen, weil es Ihnen materiell besser geht als anderen – sie ist dann so eine Art Ablasszahlung. Damit wird sehr viel Geld verdient.

Spüren Sie in sich hinein, worin der Zweck Ihrer Spende tatsächlich besteht. Was ändert sie in Ihnen? Sind Ihre Schuldgefühle erst mal besänftigt, bis das nächste Kindergesicht Sie traurig aus einem Hochglanzprospekt anschaut? Mitgefühl zu haben ist menschlich. Mit Ihrem Mitleid wird aber spekuliert. Es wird benutzt, um Ihnen Geld zu entlocken. Das ist auch eine Form von Missbrauch, nämlich Missbrauch Ihrer gesunden menschlichen Regungen.

Noch einen Aspekt solcher Aktionen möchte ich beleuchten: Ihr Blick wird gelenkt, und zwar (aus Sicht des materiellen Wohlstands) von oben nach unten. Sie schauen auf ärmere Menschen und schämen sich für Ihr materielles Wohlergehen. Ihr natürlicher Wunsch nach Gerechtigkeit veranlasst Sie zum Spenden. Wäre es nicht angemessen, mindestens genauso aufmerksam ab und zu in die andere Richtung zu blicken?

Ist Ihnen bewusst, dass 1 % der Menschen über 80 % des weltweiten Vermögens verfügt. Erhalten wir von diesen Eliten Spenden? Oder erbringen wir ganz im Gegenteil unsere Lebensleistung, um ihren Reichtum ins Unermessliche zu steigern?

Und wie sehen die ach so gütigen Spenden der selbsternannten Heilsbringer aus der Riege der Multimillionäre für Afrika tatsächlich aus? Der oberflächliche Blick reicht hier nicht, um die Situation beurteilen zu können. Statt in die Tiefe zu gehen, und uns des Ausmaßes der globalen Ungerechtigkeit bewusst zu werden, lindern wir nur rasch unser schlechtes Gewissen und schauen lieber woanders hin. Verständlich. Aber nicht hilfreich. 

Wir müssen uns nicht missbrauchen lassen für anderer Leute Bedürfnisse.

Wenn es ganz klar MEIN Bedürfnis ist, etwas zu spenden, weil ICH dann ein gutes Gefühl habe, und mir das BEWUSST ist, kann ich das auch machen, ohne mich um die Hintergründe zu kümmern. Alles andere ist Selbstbetrug.

Warum betrügen wir uns, indem wir (uns selbst und anderen gegenüber) den Eindruck erwecken, wir seien die Retter des Planeten? Warum ist es uns nicht genug, in unserer kleinen Welt etwas zu bewirken? Wieso ziehen wir das unpersönliche Helfen in der Fremde dem direkten Kontakt von Mensch zu Mensch vor?

Aus meiner Warte sind das Auswirkungen eines systematisch untergrabenen Selbstwertgefühls. Von klein auf wird uns eingebläut, wir müssten mehr sein als wir sind. Ich stimme aus eigenem Erleben und aus den Erfahrungen meiner Patientinnen dem Hirnforscher Gerald Hüther zu, der beklagt, dass unser Schulsystem die kindliche Freude am Lernen behindert. Und ich pflichte dem Pädagogen und Philosophen Gunnar Kaiser bei, der sich aus dem Schulsystem zurückgezogen hat, weil die Schule ein Ort der Unterdrückung freier Entfaltung von heranwachsenden Menschen ist. Ich würde gerne glauben, dass das in Uganda anders ist als hierzulande. Zuversichtlich bin ich da leider nicht. 

Text: Petra Weiß
Foto: Dietrich Schneider / pixelio.de

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.