Das gute Schenken.

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Lesedauer ~17 Minuten

Möchten Sie jemandem etwas zu Weihnachten schenken, worüber er oder sie sich freut? Ein passendes Geschenk zu finden, ist gar nicht so einfach. Viele Leute haben ja schon das meiste, was sie brauchen. Oder ganz konkrete Vorstellungen, was sie wollen, die man nicht erahnen kann.

Mir schenken Menschen manchmal feine Pralinen – ein Klassiker, mit dem man nichts falsch machen kann. Oder doch? Die Idee trifft meine Freude am Genuss und ist insofern genau in die richtige Richtung gedacht. Leider habe ich eine Schokoladen-Allergie (Wie fies ist das denn?!) Damit kann nun wirklich keiner rechnen.

Weil viele Geschenke gut gemeint und trotzdem individuell unpassend sind, geht nach dem Fest das große Umtauschen los. Besonders unangenehm ist es, wenn wir uns dem Schenker verpflichtet fühlen und z.B. glauben, eine Vase aufstellen zu müssen, die so gar nicht zu unserer Einrichtung passt. Damit ist niemandem gedient. Wir freuen uns nicht über das Präsent, sondern quälen uns jeden Tag, wenn wir unser Ästhetik-Empfinden der vermeintlichen Pflichterfüllung oder falsch verstandenen Loyalität opfern.

Machen Sie dem irren Konsumtreiben ein Ende durch offene Kommunikation und Klarheit. Das fördert nicht nur eine gesunde Kultur des Schenkens, sondern auch die aufrichtige Beziehung zwischen den Beteiligten.

Fragen Sie im Zweifel einfach nach, womit Sie dem Adressaten Ihrer Gabe eine kleine, mittlere oder große Freude machen können. Vielleicht werden Sie sich wundern, welch einfache Dinge Ihre Lieben glücklich machen können. In diesen Tagen gewinnen Symbole der Verbundenheit eine neue Bedeutung, wie eine Einladung zum Kaffeetrinken oder ein gemeinsamer Spaziergang am See.

Kleine Aufmerksamkeiten wie selbst gemachte Marmelade oder eine Seife brauchen nur dann eine vorherige Abstimmung, wenn man Allergien und Abneigungen berücksichtigen will. Sonst zählt bei diesen Dingen vor allem die wohlmeinende Geste.

Bei engen Freunden weiß man manchmal schon, was der andere bevorzugt. Doch auch dabei ist man vor Überraschungen nicht sicher. Seit 10 Jahren dieselbe Creme geschenkt? Was damals genau passend war, kann heute vielleicht voll daneben sein. Geschmäcker ändern sich…

Wessen Bedürfnis wird gerade erfüllt? Mit der aufrichtigen Antwort auf diese Frage fallen alle Verlegenheitsgeschenke schon mal weg. Denn diese dienen in erster Linie dem Schenkenden.

Aufschlussreich kann eine Antwort auf diese Frage beim Schenken von Charity-Aktionen sein. Wenn ich weiß, der Beschenkte unterstützt die Organisation auch ohne mein Geschenk, mag das gehen. Sonst ist es eine bevormundende Grenzüberschreitung, für ihn zu entscheiden, wem er eine Spende zukommen lassen will. Bei so viel demonstrativer Wohltätigkeit wird der Beschenkte sich kaum trauen zu sagen: „Ich hätte mich gefreut, wenn Du MIR etwas geschenkt hättest, nicht einer Hilfsaktion, zu der ich null persönlichen Bezug habe.“ Schließlich will man ja nicht als egoistisch gelten, besonders nicht beim Fest der Nächstenliebe.

Umgekehrt ist das Thema Charity genauso problematisch: Wenn Sie um eine Spende für eine gemeinnützige Einrichtung bitten als Ersatz für ein persönliches Geschenk. Damit lehnen Sie das Geschenk eigentlich ab. Und Sie schreiben dem anderen vor, dass er gefälligst etwas Gutes tun soll. Falls Sie mit diesem Menschen eine persönliche Verbindung haben wollen, würde ich das nicht empfehlen. Fragen Sie sich lieber, warum Sie von dieser Person kein Geschenk haben möchten. Oder warum es Ihnen generell schwerfällt, Geschenke anzunehmen, falls das so ist. Die Energie, die in dem persönlichen Geschenk liegt und an Sie gerichtet ist, lenken Sie an sich vorbei und woanders hin, wenn Sie daraus eine Spendenaktion machen. Prüfen Sie Ihre Motive. Wollen Sie, dass jeder sieht, was für ein guter Mensch Sie sind? Wie aufopferungsvoll und selbstlos!

Wenn Sie etwas spenden wollen, machen Sie das jederzeit. Wahre Wohltätigkeit fließt von Herz zu Herz. Sie braucht keine Bühne und keinen Applaus.

Tiefere Bedeutungen sind nicht immer offenkundig. Natürlich ist der Vorgang des Schenkens wie alle menschlichen Handlungen stets im Gesamtzusammenhang zu sehen. In einem scheinbar unpersönlichen Geschenk kann eine Symbolik liegen, die den Schenker und den Geschenkten auf liebevolle Weise verbindet. Als Beispiel fällt mir eine Mutter ein, die ihrem Kind jedes Jahr ein Los der “Aktion Sorgenkind” geschenkt hat. Darin kam zum Ausdruck, dass sie selbst eine gruselige Kindheit hatte und leider auch ihre Tochter nicht vor solch einem Schicksal bewahren konnte. Ihr Beitrag zum Wohlergehen von notleidenden Kindern kann man als symbolische Geste im Sinne eines Wiedergutmachungsversuchs werten – an ihrem inneren Kind und auch auch ihren Nachkommen. Es ist sinnig, die jeweilige Motivation zu durchblicken. Leicht ist das nicht, weil sie mitunter dem Schenkenden selbst nicht bewusst ist. Falls Sie wissen, warum Sie etwas schenken, dessen Bedeutung sich nicht spontan erschließt, sprechen Sie es einfach aus.

Ich empfehle Ihnen aus meiner Erfahrung, prinzipiell anzunehmen, dass der andere es gut meint.

Im beruflichen Umfeld kann man seine Kollegen oder Geschäftspartner aus diplomatischen Gründen nicht immer davon abhalten, einem Dinge zu geben, die man weder will noch braucht oder ausgleichen möchte. Dann sprechen Sie schlicht die Wahrheit aus: “Oh, Sie haben das Bedürfnis, mir etwas zu schenken.” Allein diese Feststellung kann sehr entlastend für Sie und möglicherweise sogar erhellend für den anderen sein.

Manchmal ist weniger mehr. Bitte denken Sie daran, dass Beschenkte grundsätzlich den Wunsch empfinden, für das Gute, das sie erhalten haben, etwas ausgleichen zu wollen. Das ist ein ganz natürliches Bedürfnis. Was die wenigsten wissen: Ist das Bedürfnis nach Ausgleich nicht erfüllbar, etwa weil das Geschenk viel zu groß ist, kann der Beschenkte wütend werden über die Schuld, in der er nun steht. Diese Wut ist für beide Seiten überraschend und häufig unverständlich. Sie wird mitunter nicht direkt ausgedrückt, sondern auf den Umweg des Sarkasmus oder der Stichelei. Happy X-mas!

Einzig Eltern dürfen ihren Kindern alles schenken, ohne dass ein energetischer Ausgleich notwendig ist. Das gilt in milderer Form auch für Geschenke zwischen Schwiegereltern und Schwiegersöhnen oder -töchtern. Kinder müssen ihren Eltern eigentlich gar nichts schenken. Mein Tipp: Drücken Sie Ihre Dankbarkeit gegenüber Mutter und Vater auf andere Weise aus. Wertschätzende Worte berühren Eltern mehr als ein paar Wollsocken oder eine Designer-Handtasche.

Was, wenn das Präsent den angemessenen Rahmen sprengt? In der Regel hat ein übergroßes Geschenk einen Grund. Dieser Grund richtet sich in die Vergangenheit, was in Ordnung ist, oder in die Zukunft, was nach Manipulation riecht. Hilfreich ist es, eine Erklärung anzubieten, welche das übergroße Präsent bereits als Ausgleich für etwas Erbrachtes bezeichnet: „Oh, das ist ja ein extrrem üppiger Blumenstrauß, den Du mir dieses Jahr schenkst. Damit möchtest Du Dich bestimmt dafür bedanken, dass ich Dir neulich bei den Bewerbungen geholfen habe. Deine Wertschätzung kommt an. Vielen Dank.“ An der Reaktion des Schenkenden können Sie erkennen, ob Sie richtig lagen.

Geschenke werden manchmal für hintergründige Zwecke missbraucht, die den Beteiligten gar nicht bewusst sind. Das muss nicht sein. Wir klären das einfach offen. Fragen Sie im Zweifel direkt nach: „Das Geschenk ist so groß, dass ich Dir kaum etwas Angemessenes zurück schenken kann. Was erwartest Du von mir, wenn ich Deine Gabe annehme?“ Ein Deal kommt nur zustande, wenn Sie sich darauf einlassen. Kluges Erwartungsmanagement hat schon so manchen Konflikt im Vornherein verhindert.

Falls die Größe des Geschenks nichts mit Ihnen zu tun hat, sondern nur die Großartigkeit des Schenkers darstellt, hat das ganze Geschenk vermutlich nichts mit Ihnen zu tun. Nehmen Sie es, wenn Sie es wollen, aber nehmen Sie es nicht persönlich.

Gerechtigkeit ist nicht möglich. Der Versuch ist zwar ehrenwert, aber sinnlos. Wie wir sehen, ist das passende Geschenk etwas höchst Individuelles. Wie soll es jemals gerecht sein, zwei Menschen dasselbe zu schenken? Der Ansatz ist gut gemeint, setzt aber alle unter Druck und verfehlt häufig sein Ziel.

Erhält die neue Freundin des Sohnes dieselbe Schmuckschatulle wie die Tochter des Hauses, ist das gerecht? Die Tochter ist viel länger in der Familie und steht den Eltern natürlich näher als die noch fremde junge Frau. Und ob die neue Freundin eine Schatulle braucht, geschweige denn ob diese ihren Geschmack trifft, weiß niemand.

Bei “gleichrangigen” Geschenke-Empfängern kann man versuchen, den Wert anzupassen. Wenn eine gute Resonanz besteht, passiert das hin und wieder sogar automatisch. Im ersten Jahr meiner Beziehung haben mein Freund und ich uns “zufällig” etwas exakt Gleichwertiges geschenkt, obwohl die Geschenke ganz verschieden waren. Vor zwei Jahren lagen unterm Tannenbaum sogar dieselben Geschenke von ihm und von mir! Daraufhin haben wir beschlossen, das nächste Weihnachtsgeschenk einfach gemeinsam auszuwählen.  

Euro schenken? Geld zu schenken kann ein Versuch sein, Gerechtigkeit zu produzieren. Persönlich ist das Geben von Münzen und Scheinen freilich nicht. Ob man den Mangel an Individualität über eine aufwändige Verpackung wettmachen kann oder sollte, da habe ich so meine Zweifel.

Sich Geld zu wünschen drückt aus, dass ich dem anderen nicht zutraue, meine Wünsche zu erfassen, auch wenn ich sie ihm nenne. Diese Befürchtung kann durchaus berechtigt sein. Das finde ich traurig unter Menschen, die sich eigentlich nahestehen könnten. Möglicherweise geben Sie Ihren eigenen Bedürfnissen aber auch nur zu wenig Raum. Vielleicht wagen Sie bei Gelegenheit einen Versuch, sich und Ihre Bedürfnisse dem Schenkenden zuzumuten. Erwarten Sie beim ersten Mal kein Wunder in puncto Stimmigkeit und Passung – aber seien Sie auch nicht allzu schockiert, wenn eines geschieht. Bei wichtigen Beziehungen dürfen ruhig ein bisschen Zeit und Geduld in das Finetuning fließen.

Als Ausgleich für große Events mag es angemessen erscheinen, sich von weitläufigen Bekannten lieber Geld zu wünschen. Das hat ganz pragmatische Gründe: um die Kosten für die Veranstaltung tragen zu können oder um sich einen lange gehegten Wunsch mit dem gesammelten Betrag zu erfüllen.

Was tun, wenn Sie etwas erhalten, was Sie nicht haben wollen? Es kommt es auf Ihre Beziehung zu dem Schenker an. Bedanken Sie sich auf jeden Fall für die gute Absicht. Denn eine solche steht – hoffentlich – hinter (fast) jedem Akt des Schenkens.

Wägen Sie ab, ob Sie das ungeliebte Teil weiterverschenken wollen. Doch, das DÜRFEN Sie! Es gehört ja jetzt Ihnen. Ein Geschenk ist niemals an Bedingungen geknüpft. Sonst ist es kein Geschenk, sondern Teil eines Tauschhandels, auf den Sie sich bewusst einlassen können, aber nicht müssen.

Falls Sie meinen, keine Wahl zu haben, seien Sie wachsam. In solchen Fällen kann viel Unmut vermieden werden, indem man eine Aussprache über die eigenen Befürchtungen und Phantasien – ohne Vorwurf und ohne Unterstellung – herbeiführt. Vielleicht fühlen Sie sich grundlos unter Zwang. Weisen Sie Geschenke zurück, mit denen Sie manipuliert werden sollen. Kein Geschenk der Welt ist es wert, unterm Tannenbaum Zugeständnisse zu machen, die Sie eigentlich nicht wollen.

Wählen Sie für klärende Gespräche prinzipiell einen geeigneten Zeitpunkt und ein passendes Setting. Wir wollen ja nicht, dass der ganzen Familie der köstliche Gänsebraten vor Schreck im Halse steckenbleibt.

Wenn Sie ein vertrauensvolles Verhältnis zu dem Schenkenden haben, können Sie entscheiden, ob Sie einfach Danke sagen und das Präsent weiterreichen. Oder ob Sie offen ansprechen, dass es leider nicht Ihren Bedürfnissen entspricht. Haben Sie bei dem Gedanken ein ungutes Gefühl? Dann klären Sie die Lage möglichst bevor die unangenehme Situation entstehen kann, also im Vorfeld.

Geschenken bestimmte Bedeutungen zuzusprechen, kann Weihnachten und andere Anlässe zu einem wahren Fettnäpfchen-Parcours machen. Die Größe oder Art des Geschenks lässt keine Rückschlüsse darauf zu, was dem anderen die Beziehung zu Ihnen Wert ist oder wie nahe er Ihnen steht.

Manche Menschen drücken Ihre Gefühle in der Tat durch Präsente aus, andere, indem sie etwas für Ihre Lieben tun und wieder andere durch Worte oder durch gemeinsam verbrachte Zeit. Auch Körperkontakt kann eine Sprache der Liebe sein. Der emotionale Ausdruck ist höchst individuell, und man vertut sich immer in der Bewertung der Ausdrucksweisen, wenn zwei Menschen hier unterschiedliche Sprachen sprechen. 

Ich wünsche Ihnen freudvolle Gelassenheit beim Schenken und beim Empfangen von Präsenten, entspannte Feiertage mit sich und vielleicht auch mit weiteren netten Menschen. Genießen Sie die Zeit und lassen Sie es sich gut gehen – so wie es Ihnen gemäß ist.

Frohes Fest!




Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und Fachjournalistin für das Ressort Medizin & Gesundheit. Seit 2006 ist sie in ihrer Praxis für Ganzheitsmedizin und Psychotherapie niedergelassen. Sie hat sich auf Traumatherapie und systemische Familientherapie spezialisiert. Ihr Wissen und ihrer Erfahrungen teilt sie in ihrer Sprechstunde, in ihren Workshops sowie in Form von Text- und Video-Beiträgen mit der Welt. Sie gibt das Online-Magazin Weißheiten: vom Ich zum Selbst heraus.

Entwicklungstrauma: Kinder psychisch gestörter Eltern

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Lesedauer ~15 Minuten

Eltern meinen es in der Regel gut mit ihren Kindern. Sie haben einen natürlichen Beschützerinstinkt und sind mit ihrem Nachwuchs auf einer tiefen Ebene eng verbunden. Ihre Intuition weiß genau, was ein Baby braucht, auch wenn es sich noch sehr unspezifisch mitteilt. Mütter und Väter fühlen sich empathisch in die Kleinen ein und erleben ihre Freude oder ihr Leid hautnah mit.

Das trifft im Grunde auf alle seelisch gesunden Eltern zu. Sie machen bestimmt nicht alles richtig, einige gut gemeinte Erziehungsmaßnahmen richten sogar Schaden an. Aber prinzipiell wollen sie gut für ihre Zöglinge sorgen und ihnen ein gesundes Gedeihen ermöglichen, damit sie ein glückliches Leben führen können.

Menschen mit psychischen Erkrankungen müssen in ihrer Elternschaft nicht wesentlich beeinträchtigt sein. Das eine oder andere Trauma haben wir alle. Eine kleine Phobie oder eine depressive Verstimmung sind auch keine Hindernisse dafür, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Einige Störungen allerdings wirken sich auf die Fähigkeit zur Empathie aus und behindern damit das Entstehen einer stabilen Bindung. Wenn die Eltern ihre Emotionen nicht angemessen spüren oder nicht regulieren können, fehlt dem Kind die spiegelnde Lernmöglichkeit für diese Prozesse. Problematisch sind daher pathologische Formen von Narzissmus, Borderline-Störung, Schizophrenie und andere Psychosen. Wir kommen später noch zu ein paar ausgewählten Symptomen dieser Krankheitsbilder und ihren Auswirkungen auf die Kinder.

Bevor wir die vielfältigen Problemfelder näher beleuchten, möchte ich etwas Wesentliches klarstellen: Auch wenn Kinder psychisch gestörter Eltern es sicher schwerer haben als andere, können die meisten von ihnen das Leben viel besser meistern als man es in Anbetracht der Umstände für möglich halten würde. Einige finden zu einer seelischen Tiefe und Reife, die sie ohne ihr frühes Trauma vielleicht nie erreicht hätten. Und letztlich ist die Alternative dazu, in diese Familie hineingeboren zu werden nicht, andere Eltern zu haben, sondern gar nicht ins Leben zu kommen. Lassen Sie uns das im Hinterkopf behalten, wenn wir über die Schwierigkeiten reden, die solche Eltern – mit oder ohne Absicht – ihren Kindern bescheren.

Ein seelisch beeinträchtigter Elternteil

Wenn in einer Familie eine Person krank ist, kann das Gesamtsystem sich häufig über die gesunden Anteile regulieren. Das Kind lernt dann beispielsweise von dem gesunden Vater, dass die Ängste der neurotischen Mutter nicht übernommen werden müssen. Oder von der gesunden Mutter, dass die düstere Weltsicht des depressiven Vaters nur eine mögliche Perspektive ist und man auch eine andere einnehmen kann. Erlebt das Kind den Genesungsprozess eines Elternteils mit, kann diese Erfahrung seine eigene Resilienz stärken. Dann erlebt es, dass Beeinträchtigungen veränderlich sind und die Seele über eine beachtliches Heilungspotenzial verfügt.

Dramatischer wirken sich die Persönlichkeitsstörungen aus. Im Gegensatz zu den seelischen Erkrankungen gelten sie als so tief verwurzelt in der Persönlichkeit, dass sie „unheilbar“ sind. Da ich selbst von einer angeblich unheilbaren (körperlichen) Erkrankung schon vor Jahren genesen bin, stehe ich solchen Etiketten generell skeptisch gegenüber. Wir können uns darauf einigen, dass es persönlichkeitsprägende Erkrankungen gibt, die man schwer loslassen kann, ohne den Halt der eigenen Persönlichkeit aufs Spiel zu setzen: Wer bin ich ohne meine Psychose?

Die Wahrnehmung von psychiatrischen Patienten kann sich wesentlich von einer als normal eingestuften unterscheiden. Man bezeichnet solche Symptome als Illusion (ich sehe eine Lampe und halte sie für einen Hasen), als Halluzinationen (ich sehe einen Hasen, wo gar kein Gegenstand ist) oder als Wahnwahrnehmung (niemand kann mir ausreden, dass da wirklich ein Hase ist).

Noch absurder erscheinen uns als „Normalo“, die sogenannten Ich-Störungen. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, ohne das Gefühl einer eigenen Identität zu leben? Wenn man sich nicht im Klaren darüber ist, WER gerade denkt? Wenn man glaubt, die eigenen Gedanken seien von außen eingegeben? Wenn man davon überzeugt ist, jemand anders entscheide über das eigene Denken, Sprechen oder Handeln? Das können wir nicht. Es widerspricht unserem eigenen Erleben in elementarer Weise. Wir können Wörter wie „Depersonalisation“ oder „Derealisation“ aussprechen, nachempfinden können wir solche Erscheinungen mit einer gesunden Psyche nicht. Und natürlich können das auch Kinder nicht, wenn sie mit Eltern aufwachsen, die davon betroffen sind.

Wenn Mutter und Vater krank sind…

Welche Auswirkungen ein Elternteil mit Realitätsverlust oder anderen massiven Erkrankungen auf die Entwicklung eines Kindes haben kann, erahnen Sie vielleicht. Studien belegen die erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten psychischer Probleme bei den Kindern, sogar schon, wenn ein Elternteil „nur“ für längere Zeit schwer depressiv ist.

Nun kommt es gar nicht selten vor, dass Menschen mit verzerrter Wahrnehmung oder affektiven Störungen (die erlebten Gefühle passen nicht zur Situation) von psychisch Gesunden nicht verstanden oder nicht akzeptiert werden (können). Als logische Konsequenz finden sich des öfteren seelisch beeinträchtigte Paare zusammen mit unterschiedlichen oder gleichartigen Störungen.

Komplementär sind zum Beispiel eine narzisstische Persönlichkeitsstörung bei dem einen und eine abhängige Persönlichkeitsstörung oder eine Schizophrenie mit Identitätsstörung bei dem anderen. In beiden Fällen wird sich der Narzisst mit seiner ausgeprägten Egozentrik durchsetzen, weil der andere gar nicht weiß, wer er ist, oder sich gerne unterwirft.

Es kommt vor, dass sich Partner gegenseitig ihre wahnhaften Vorstellungen bestätigen. Sie bilden dann ein sehr stabiles System. Das mag für das Paar prima sein. Für andere Familienmitglieder nicht.

Stellen Sie sich vor, ein Kind hat keinen gesunden Elternteil, an dem es sich orientieren kann. Dann wächst es in einem – salopp ausgedrückt – völlig verrücken Umfeld auf. Es fühlt sich mit seinen gesunden Impulsen im kranken System wie ein Alien und muss diese ständig unterdrücken. Normale Reaktionen auf das gestörte Verhalten der Eltern werden hart sanktioniert und als „falsch“ deklariert. Die Eltern handeln voller Überzeugung. Sie leben in ihrer eigenen Wirklichkeit, welche mit der objektiven Realität nichts zu tun haben muss. Als abhängiges Baby, Kleinkind und Jugendlicher kann man da wenig ausrichten. Man versucht, unter dem Radar zu bleiben, um keinen Unmut zu erregen, und die Situation irgendwie zu überstehen, bis man endlich ausziehen kann.

Erlernte Hilflosigkeit ist keine Depression.

Der permanente Mangel an Handlungsoptionen führt zu einem Phänomen, das man „erlernte Hilflosigkeit“ nennt. Kämpfen und Flüchten geht nicht, also reagiert man gar nicht. Dieses Muster ist verbunden mit Ohnmachtsgefühlen. Man kann keine Entscheidungen treffen oder Neues in Angriff nehmen. Ohne die Vorgeschichte zu betrachten, könnte man die Kinder später als Erwachsene für depressiv halten, ihnen Charakterschwäche oder Aufschieberitis vorwerfen. Tatsächlich kann die Haltung „da kann man leider gar nichts machen, also versuche ich es erst gar nicht“ eine Nachwirkung des Entwicklungstraumas aus der Kindheitserfahrung mit psychisch gestörten Eltern sein. Das zu verstehen ist oft schon ein wesentlicher Schritt für die Betroffenen.

Unter solchen Umständen entfernt sich das ursprünglich gesunde kindliche Empfinden immer mehr vom natürlichen intuitiven Differenzieren zwischen gut und schlecht, zwischen richtig und falsch, im Grunde zwischen lebensfördernd und lebensfeindlich. Am Ende wissen die Buben und Mädchen nicht mehr, wo oben und wo unten ist, so kirre hat sie die Dauererfahrung der Orientierungslosigkeit gemacht. Ein Bezugspunkt außerhalb der Familie könnte dienlich sein.

Keine Hilfe von außen

Beziehungen zu Außenstehenden werden von psychisch gestörten Eltern oft als bedrohlich empfunden. Sie versuchen sie zu unterbinden. Immer wieder ist zu sehen, wie sich kranke Systeme gegen Außenstehende abschotten. Schon den Kleinsten wird ein Schweigegelübde abgenötigt: Kinder aus psychotischen Familien dürfen meist nicht darüber sprechen, was zu Hause hinter verschlossenen Türen geschieht. Solche Eltern fürchten manchmal grundlos, aber leider auch oft zu Recht, dass man ihnen die Kinder wegnehmen könnte, wenn ihre häuslichen Zustände ans Licht kämen. Beim Narzissten reicht schon das Risiko, dass sein Ruf Schaden nehmen könnte. Also hüllen sie den Mantel des Schweigens um die verborgenen Geschehnisse. Nach außen hin soll alles möglichst „normal“ wirken. Für die Kinder stellt dieser Zwiespalt eine innere Zerreißprobe dar. Sie müssen mindestens ein bisschen dissoziieren, um das aushalten zu können. Im abgespaltenen Zustand spüren sie sich weniger. Dadurch ist der Zugang zu ihren gesunden Impulsen blockiert.

Damit die Kinder ihrem natürlichen Bedürfnis nicht folgen, sich mit anderen Menschen auszutauschen und sich Beistand zu holen, redet man ihnen Schuldgefühle ein. Sie sollen sich schämen, damit sie dicht halten. Wenn es ihnen mit ihren familiären Erfahrungen nicht gut geht, sind sie selbst schuld. Peinliche oder kriminelle Sachverhalte werden tabuisiert, verschleiert oder umbenannt, um die Kommunikation absichtlich zu erschweren. Was nicht benannt werden kann, kann auch nicht angegriffen oder angeklagt werden.

Herbeigeführte Spaltung

Krankhaft narzisstische Eltern versuchen häufig, Geschwister in feindliche Lager zu spalten, damit sie sich nicht gegen sie verbünden und ihren Majestätsanspruch infrage stellen. Sie hetzen ihre Töchter und Söhne (wahlweise später die Schwiegerkinder) manchmal regelrecht gegeneinander auf. Dafür schaffen sie Ungerechtigkeiten wie ungleiche Behandlung, schüren Konkurrenzgefühle und Neid. Sie loben den einen und werten den anderen ab. Oder der eine ist Schuld an der (eigentlich völlig ungerechtfertigten oder überzogenen) Strafe, die beide jetzt aushalten müssen. Narzissten und Psychopathen stiften gerne Verwirrung. Undurchsichtige und unsinnige Regeln werden aufgestellt und Verstöße mal gar nicht, mal drakonisch bestraft. Hauptsache niemand kann sich sicher fühlen und die Lage bleibt unberechenbar. Das erzeugt ein maximales Ohnmachtsgefühl.

In solchen Konstellationen suchen die verunsicherten Kinderseelen nach irgendeinem Halt. Sie verpetzen sich notfalls gegenseitig bei Mutti oder Vati in der Hoffnung auf Anerkennung und Lob. Gemeinschaftsfeindliches Verhalten wird von den Eltern gefordert und gefördert.

Erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern tun sich sehr schwer, sich aus den familiären Mustern zu lösen, die ihnen und später auch ihren Kindern schaden. Seit frühester Jugend wurden sie dafür verantwortlich gemacht, wie es den Eltern geht – verkehrte Welt! Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich vor den Auswirkungen wahnhaften Verhaltens in Sicherheit bringen. Mit diesem schlechten „Familiengewissen“ müssen sie leben, auch wenn ihr Verstand genau weiß, dass sie richtig handeln.

Narzisstische Systeme werfen den Kindern bis weit ins Erwachsenenalter hinein Steine in den Weg der Autonomie und des freien Willens. Ich habe mit einer Frau gearbeitet, die sich mit Mitte Siebzig noch nicht aus den energetischen Tentakeln ihrer knapp hundertjährigen Mutter gelöst hatte.

Rückzug – eine Übung für Fortgeschrittene

Sich von dem Narzissten zurückzuziehen oder abzuwenden, erlebt dieser als unerhörte Kränkung, die je nach Grad der Störung einen gnadenlosen Zorn nach sich ziehen kann. Nun ist es aber der natürliche Lauf der Dinge, dass Kinder irgendwann aus dem Haus gehen und ihr eigenes Leben führen, vielleicht sogar eine eigene Familie gründen. Der Konflikt ist vorprogrammiert.

Aus Angst vor hässlichen Auseinandersetzungen, vor Liebesentzug oder aus eingeredeten Schuldgefühlen scheuen sich die Kinder noch als Erwachsene, die dringend notwendigen Grenzen zu setzen. Das ist ein Teufelskreis. Mit jedem Tag im „Täterkontakt“ geht die Gehirnwäsche weiter, die verhindert, dass man zu einer ausgewogenen Haltung gegenüber den eigenen Bedürfnissen und den Ansprüchen anderer Menschen kommen kann. Die eigenen Bedürfnisse werden als unberechtigt empfunden und bestmöglich unterdrückt. Genau das behindert es, gegenüber dem kranken System einen gesunden Abstand einzunehmen. Die Frage, wie es dem Narzissten damit gehen mag, steht über der Sorge um das eigene Wohl – und das der eigenen Kinder.

Psychopathen, die kein Mitgefühl empfinden, benutzen ihre Kinder, so wie sie alle Menschen zu ihren Zwecken instrumentalisieren. Persönliche Beziehungen interessieren sie nur, wenn sie damit jemanden zu ihrem Vorteil manipulieren können. Stoppt ein Kind den Missbrauch, kann der psychopathische Elternteil aus Langeweile oder aus Kalkül versuchen, mit allen Mitteln den Fahnenflüchtling zu zerstören: finanziell, körperlich, seelisch oder sozial.

Das sind natürlich extreme Fälle, die glücklicherweise nicht so häufig vorkommen. Aber immerhin gibt es in unserer Bevölkerung rund 1 % Psychopathen. In einer Kleinstadt wie Weinheim mit ihren 42.000 Einwohnern leben also 420 Menschen lebenslang ohne Zugang zu ihren Gefühlen und damit auch ohne jedes Mitgefühl. Ein weiteres Prozent erleidet mindestens einmal im Leben eine Phase der Schizophrenie. Ihre Wahrnehmung und das Denken können schwer beeinträchtigt sein.

Aussteigen lohnt sich!

Verlangen Sie nicht von sich, sich willentlich aus toxischen Beziehungen zurückziehen zu können, auch und besonders, wenn es ein Elternteil oder gar beide betrifft. Das ist eine Übung für Fortgeschrittene. Sie werden Unterstützung brauchen. Aber es lohnt sich! Bleiben Sie nicht in Ihrer „das schaffe ich nie“ Haltung stecken, die man Ihnen von klein auf beigebracht hat. Gönnen Sie es sich, andere – bessere – Erfahrungen zu machen. Es ist essenziell wichtig, dass Sie sich als selbstwirksam erleben. Jedes Fitzelchen frei gestaltetes Leben dient Ihnen. Fangen Sie am Besten gleich damit an: Sorgen Sie auf einer ganz fundamentalen Ebene gut für sich. Was für andere selbstverständlich klingen mag, ist für Kinder psychisch kranker Eltern manchmal schon der ganz persönliche Mount Everest:

Essen Sie, worauf Sie Lust haben und was Ihnen guttut. Trinken Sie, wenn Sie durstig sind. Gehen Sie zur Toilette, wenn Sie müssen. Ruhen Sie sich aus, wenn Sie müde sind. Laufen Sie eine Runde um den Block, wenn Sie Bewegung brauchen. Holen Sie sich eine Decke, wenn Sie frieren, oder ziehen Sie sich um. Nein, nicht erst noch dieses oder jenes fertig machen. Jetzt! Ihre Bedürfnisse sind wichtig. Achten Sie sie ab sofort kompromisslos. Sie haben es verdient. Lassen Sie Ihren Körper jeden Tag erleben, dass sich jemand liebevoll und fürsorglich um ihn kümmert: Sie.




Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und Fachjournalistin für das Ressort Medizin & Gesundheit. Seit 2006 ist sie in ihrer Praxis für Ganzheitsmedizin und Psychotherapie niedergelassen. Sie hat sich auf Traumatherapie und systemische Familientherapie spezialisiert. Ihr Wissen und ihrer Erfahrungen teilt sie in Form von Text- und Video-Beiträgen mit der Welt. Sie gibt das Online-Magazin Weißheiten: vom Ich zum Selbst heraus.

Es ist doch nur eine Armbinde.

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Rubrik: Im Lichte der Geschichte

Vergangene Nacht jährten sich die November-Progrome von 1938. Menschen wurden ermordet, eingesperrt und bestohlen. Viele verloren ihre wirtschaftliche Existenz, ihre Freiheit und ihr Leben. Geschäfte und Privatwohnungen wurden zerstört. Gotteshäuser verwüstet und Friedhöfe geschändet. Mindestens 300 Menschen nahmen sich – aus Verzweiflung oder Weitsicht – das Leben. Danach begann der systematische Völkermord.

Wie konnte es so weit kommen? Das fragt man sich heute und man wird sich dieselbe Frage immer wieder stellen, wenn große Krisen die Eigenschaften der Menschen sichtbar machen: die guten wie die üblen. Ich möchte ein Licht aus meiner psychologischen Sicht auf die Entwicklungen werfen, die zu diesen Geschehnissen führten. Es wäre vermessen, die komplexen Zusammenhänge im Rahmen eines Beitrags umfänglich darstellen zu wollen. Daher richte ich mein Augenmerk auf ein paar wenige Aspekte, die mich dieser Tage besonders beschäftigen.

Im Vorfeld der Ereignisse hatten die politischen Akteure eine passende Rechtsgrundlage geschaffen. Wer Jude war, definierte ein Gesetz. Die Beweislast wurde umgekehrt: Man musste einen Ariernachweis erbringen, im Volksmund „Persilschein“ genannt, um sich von dem Verdacht reinzuwaschen, jüdisch zu sein. Den Juden und auch anderen Gruppen wurden nach und nach ihre Menschenrechte aberkannt. Das meiste Unrecht geschah gemäß geltendem Recht.

Gute Menschen halten sich prinzipiell an Gesetze – wie absurd ihr Inhalt auch sein mag. Ihre Beweggründe liegen auf der Hand: Die Alternative zu verbindlichen Regeln ist Anarchie. Im Chaos will niemand leben. Besser alle halten sich an fragwürdige Vorgaben als an gar keine. Die Menschen stehen unter sozialem Druck, sich so zu gebärden wie die anderen Gesetzestreuen, um dazu zu gehören. Sie haben Angst vor einer Strafe, die sie selbst oder ihre Familie in Schwierigkeiten bringen könnte. Und sie können sich der Illusion hingeben, sie hätten keine Verantwortung für ihr Handeln, was in jeder Lebenslage ein fataler Irrtum ist. Handeln auf Befehl war noch nie frei von Verantwortung – unabhängig von der Rechtsprechung.

Zum Zwecke der Kennzeichnung mussten Juden Armbinden tragen. Diese im Vergleich zu den späteren Entwicklungen scheinbar harmlose Verordnung war der Anfang vom Ende. So waren die „Aussätzigen“ für jeden schon von weitem leicht erkennbar. Repressalien durch die allgegenwärtigen Staatsdiener und Diskriminierung durch die selbsternannten Hüter der Ordnung waren alltäglich.

Natürlich gab es auch Nicht-Juden, die das als Ungerechtigkeit empfanden. Die Sympathisanten standen in dem Risiko, ebenfalls bestraft und aus ihren bürgerlichen Kreisen ausgeschlossen zu werden. Man nannte sie abwertend „Judenfreunde“. Es gab eine Kontaktschuld: Man konnte sich mit diesen Menschen nicht treffen, ohne sich selbst schuldig zu machen. Sogar die „falsche“ Gesinnung von Freunden der Freunde barg eine latente Gefahr für Leib und Leben.

Das Prinzip „DIE und WIR“ spaltete Familien, Freunde, Kollegen und Nachbarn. Diese Spaltung ist die Grundlage eines jeden Terrors. Ohne sie wäre es nicht möglich, Menschen zu quälen, damit ein paar empathielose Psychopathen daraus irgendeinen Nutzen ziehen.

Die Propaganda hatte ganze Arbeit geleistet. Das ständige Wiederholen derselben Narrative hatte dafür gesorgt, dass Juden als Ursache allen Übels bei einem großen Teil der Gesellschaft verhasst waren. Sie waren schuld – am Krieg, an der Armut, an der politischen Krise. Einfach an allem. Hier wurde die berechtigte Empörung der Menschen über ganz andere Probleme gezielt gelenkt. Der Trick ist genauso alt wie effektiv. Er funktioniert immer wieder. Das Wir-Gefühl erstarkt mit einem gemeinsamen Gegner. Man bestätigt sich gegenseitig die Berechtigung für das vereinte Handeln und trägt die Flagge der „Solidarität“ als Rechtfertigung für grausame Taten vor sich her. Der staatstreue Bürger fühlte sich im Recht, wenn er Juden ausgrenzte oder beschimpfte. Später sah man folgerichtig weg, wenn die zuvor Diffamierten weggebracht wurden oder man hielt es sogar für eine gute Sache.

Statt sich zu fragen, ob all diese Behauptungen stimmten, waren die Leute damit beschäftigt, ihre Existenz zu sichern, entlastende Dokumente zu beschaffen und für Lebensmittel anzustehen. Zum Hinterfragen war keine Zeit. Außerdem war es gefährlich, die Autoritäten infrage zu stellen.

Man hatte zwei Meinungen: eine private und eine öffentliche. Zensur erfolgte überall. Wie viele Wahrheit damals verloren ging, werden wir wohl nie erfahren. Ironischerweise darf betreffend dieser Epoche heute keine vom offiziellen Narrativ abweichende Meinung geäußert werden. Das wäre strafbar. Manchmal hat das Schicksal einen schrägen Humor.

Weil so viel Normales verboten war, wurden normale Bürger zu Gesetzesbrechern. Diese konnte man jetzt mit reinem Gewissen anzeigen. Als Denunziant fühlt man sich moralisch überlegen, während man jemanden für ein im Grunde unwesentliches Vergehen in die Pfanne haut.

Je ohnmächtiger sich der einfache Mann fühlte, desto verlockender war es, am Machtsystem teilzunehmen. Ein kleiner Hinweis an den Blockwart und der unliebsame Nachbar, der Konkurrent um einen Arbeitsplatz oder der Ehemann der Geliebten konnte in Schwierigkeiten gebracht werden. Wie überaus praktisch! Der Betroffene musste noch nicht einmal wirklich etwas falsch gemacht haben. Es reichte, wenn man etwas völlig aus der Luft Gegriffenes behauptete, um eine Lawine der Schikane loszutreten. Für falsche Anschuldigungen wurde niemand zur Rechenschaft gezogen.

Ein psychologisch brillanter Schachzug der NS-Regierung – vielleicht sogar der entscheidende – war es, die Allgemeinbevölkerung am Raub zu beteiligen. Die von Juden gestohlenen Gegenstände, ihre Häuser, die Geschäftsbetriebe wurden spottbillig verkauft. Der Pelzmantel und die Lederhandschuhe der jüdischen Nachbarin, das edle Porzellan des jüdischen Chefs, Kunsthandwerk aus jüdischem Familienbesitz – plötzlich konnten sich Lieschen Müller und Franz Meier die begehrten Dinge leisten. Viele nutzten das einmalige Angebot und labten sich an den Überresten jüdischen Wohlstands. Ein Großteil der Bevölkerung lebte in existenzieller Abhängigkeit. Man fand Arbeit in den Giftgasfabriken, als Spitzel oder bei der SS. So macht man Mitläufer zu Profiteuren. Sie würden sich niemals gegen das Unrecht wenden oder es als solches überhaupt anerkennen, denn dann wären sie selbst Verbrecher und ihre Beute in Gefahr.

Es dient niemandem, dass wir in Gefühlen von Scham und Schuld versinken, wenn wir heute an die Opfer, Täter und Mitläufer denken. Lassen Sie uns lieber wachsam nach den Unterschieden zwischen damals und heute schauen.

“Wenn man eines aus der Menschheitsgeschichte lernen kann, dann ist es die Tatsache, dass Menschen aus ihrer Geschichte nichts lernen.” sagt angeblich ein Chinesisches Sprichwort. Mir wäre es sehr recht, diesen Text durch mein praktisches Erleben zu widerlegen.

Wir alle brauchen Antworten, wenn wir uns später fragen, was wir in unserem Leben getan haben und warum. Das nennt man Verantwortung. Unser Tun in Einklang mit den eigene Werten zu bringen, macht es leichter, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Dazu müssen wir uns unserer Werte bewusst werden, unsere Überzeugungen überprüfen und bereit sein, aus alten Denkmustern auszusteigen. Dieser Prozess bringt uns als Menschheitsfamilie weiter beim Erforschen unseres Bewusstseins. Wir können Perspektiven nachvollziehen, die uns vorher fremd waren. So halten Gnade und Vergebung Einzug in unsere Seelen – für andere und für uns selbst.

Der Blick in die Geschichte lohnt sich immer dann, wenn er uns dabei hilft, unser Bewusstsein zu wecken für das was heute und in Zukunft geschieht.




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Zur Person

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Petra Weiß ist als Heilpraktikerin mit ihrer Praxis für Homöopathie, Ganzheitsmedizin und Psychotherapie (HeilprG) in Weinheim niedergelassen. Parallel zu ihrer therapeutischen Arbeit ist sie als freie Journalistin im Ressort Medizin & Gesundheit tätig. Sie hat sich auf Naturheilkunde und Psychologie spezialisiert. Seit 2020 gibt sie das Online-Magazin Weißheiten: vom Ich zum Selbst heraus. Es dient der Entwicklung des Einzelnen in eine freies und selbstbestimmtes Leben und unterstützt somit den Bewusstseinsprozess der Menschheit.

Wer die Sprache beherrscht, beherrscht seine Mitmenschen.

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Aufsatz von Petra Weiß. Lesedauer ~9 Minuten
Rubrik: Manipulative Muster erkennen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Manipulation anderer, wobei der Begriff Manipulation durchaus nicht negativ besetzt ist. Es handelt sich hierbei lediglich um eine gezielte Beeinflussung von Individuen unter Berücksichtigung der Wirkung von verschiedenen rhetorischen Stilmitteln auf die menschliche Psyche und das hieraus resultierende Verhalten.

Diese Wirkung hängt stets vom Zusammenspiel von gesprochener Sprache und Körpersprache ab, d.h. ein Redner wirkt nur dann überzeugend, wenn die Art seiner Kleidung, seine Gestik, Mimik und Körperhaltung seine Werte unterstreichen und bekräftigen. Die Körpersprache muss stimmen. Sie stellt jedoch nur die Grundlage für eine überzeugende Rede dar. Wir wollen uns hier also mit dem Hauptmedium zur Übermittlung von Botschaften befassen, nämlich mit dem Wort.

Sprache vermittelt nicht nur Wissen, sondern vor allem auch Gefühle. Psychologen haben längst herausgefunden, welche Wortkombinationen und Formulierungen sogenannte Schlüsselreize auslösen, und nicht nur kluge Köpfe aus der Werbebranche machen sich diese Erkenntnisse seit Jahrzehnten zunutze. Kurze, prägnante Sätze oder Satzfragmente überwiegen hier und zielen zumeist auf die emotionale Ebene der potenziellen Käufer.

Wie Elmar Leterman in seinem Buch „Verkaufen durch Showmanship“ sehr einleuchtend darstellt, besteht Verkauf im weitesten Sinne zu 90 % aus „Emotion/Illusion“, gewissenhaft verpackt, in sorgfältig überlegte Worte, erzielen sie meist die gewünschte Wirkung. Die Verkaufszahlen werbeintensiver Firmen beweisen dies. Letermans These trifft auch auf andere Bereiche des „Verkaufs“ zu, die nicht direkt etwas mit dem Erwerb von Gütern oder Dienstleistungen zu ttun haben, und zwar mit dem „Verkauf“ von Information oder Meinung.

Ein Blick in die Vergangenheit konkretisiert diese Aussage. Gemeint ist Adolf Hitler als Beispiel für die negativen Auswirkungen, wenn ein Mensch andere mit Hilfe von Sprache beherrscht. Hitler hielt keine Reden, er hatte Auftritte, denn seine Kundgebungen waren wahre Meisterwerke der Rhetorik. Jedes einzelne Wort war mit aller Sorgfalt ausgewählt, jede Pause gezielt platziert und jeder „Gefühlsausbruch“ perfekt gespielt. In dem Film „Hitler – eine Karriere“ wird anschaulich gemacht, wie er durch emotionsgeladene Auftritte die Massen bewegte.

Doch die Zeiten der Manipulation durch sprachliche Mittel sind längst nicht vorbei. Die Ausführungen unserer Politiker verdeutlichen dies sehr gut. Als aktuelles Beispiel hierfür sind die Wahlreden der amerikanischen Präsidentschaftskandidatur zu nennen, die mit Hilfe ausgeklügelter Formulierungen unsere berechenbare Psyche durchdringen und in Verbindung mit den durch sie ausgelösten Emotionen die gewünschte Wirkung erzielen. Wesentlich ist oft nicht (nur) die Botschaft, sondern deren Präsentation, die „Verpackung“.

Doch nicht nur auf nationaler oder internationaler Ebene, nicht nur in der Werbung und im Verkauf, sondern auch im privaten Bereich spielt die Beherrschung der Sprache zur Beeinflussung der Mitmenschen eine entscheidende Rolle. Wer seine Argumente geschickt formuliert und in entsprechender Art und Weise zum richtigen Zeitpunkt artikuliert, wird kaum Schwierigkeiten haben, seine Meinung durchzusetzen.

Negative Folgen hieraus können sich nur dann ergeben, wenn die „Adressaten“ die Argumentationstaktiken des „Absenders“ von Information oder Meinung nicht durchschauen bzw. erkennen können, denn dann laufen sie Gefahr, nicht überzeugt, sondern überredet zu werden.

Genau das passierte im Dritten Reich. Kein Mensch, der bei halbwegs klarem Verstand ist, kann davon überzeugt sein, dass es gut ist, Juden zu töten, deshalb halte ich den Ausdruck „ein überzeugter Anhänger Hitlers“ für falsch. Es ist aber, wie die Vergangenheit zeigt, sehr gut möglich, Tausende von Menschen emotional für eine Sache zu begeistern, die man rational nicht logisch begründen kann. Nun ist die Nazi-Zeit ein sehr krasses Beispiel für das Problemfeld, das mit der Beherrschung der Menschen durch die Beherrschung der Sprache in Zusammenhang steht.

Kleinere Katastrophen durch Massenmanipulation mit Hilfe von sprachlichen Mitteln laufen auch heute zum Beispiel in Frankreich – hier sei der Name Le Pen erwähnt – oder in Südafrika ab.

Eine weitaus harmlosere Form der Beeinflussung wird durch psychologische Tricks in der Werbung erzielt, die zum Kauf eines bestimmten Produkts stimulieren sollen, denn nur zirka 10 % der Werbung bezieht sich sachlich auf die Eigenschaften desselben, doch hier gehen Manipulation und rationale Überzeugung fließend ineinander über.

Auch im privaten Bereich hat berechnendes, die Reaktion des anderen miteinbeziehendes Verhalten einen negativen Touch, und doch kommt es immer wieder erfolgreich zur Anwendung, denn viele wenden sprachliche Mittel völlig unbewusst an und erzielen – ohne dass sie eigentlich genau wissen warum – den gewünschten Erfolg.

Jeder sollte sich aber bewusst mit der Wirkung von Sprache auf andere beschäftigen, obgleich Beherrschung von Sprache gleichbedeutend mit Macht über andere sein kann, dennoch ist die genaue Kenntnis des „Machtinstrumentes“ Sprache wichtig, um die Mitmenschen überzeugen zu können und die eigenen Ziele zu erreichen, und sie ist geradezu unerlässlich, wenn es darum geht, Machtmissbrauch zu vermeiden, indem man die Manipulationsversuche anderer erkennt und sich ihnen in geeigneter Weise entziehen kann.

Dieser Deutschaufsatz stammt aus dem Jahr 1988, damals war ich 18 Jahre alt. An dem Aufsatz habe ich als Text-Profi mit mehr als 20 Jahren Erfahrung nichts Wesentliches auszusetzen, außer dass einige Sätze etwas zu lang sind. Um ehrlich zu sein, bin ich ganz schön stolz auf den Teenager, der ich einmal war.

Ein Germanist mit überkämmter Glatze und schlecht sitzendem Anzug hat mir damals 8 von 15 Punkten gegeben und mein Heft mit seinem Rotstift über und über verunziert. Eine ganze Seite lang ist seine unberechtigte Kritik. Am meisten erheitert mich heute sein Satz „Achten Sie auf die Formulierungen“ mit dem Vorwurf, es mangle ihnen an Präzision. Ich hoffe und bete, dass Pädagogen heutzutage Ausnahmetalente erkennen, wenn sie im Klassenzimmer vor ihnen sitzen und sie angemessen fördern.




Die Aikido-Abwehr: Angriffe transformieren.

Schreibkunst Texter Redakteur

Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~7 Minuten
Folge 3 der Serie „Jin Shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impulsgeber für das Bewusstsein“

Haben Sie schon einmal eine asiatische Kampfkunst beobachtet? Das schaut ganz anders aus als Boxen. Die Bewegungsabläufe erscheinen anmutig und fließend. Angriffe werden nicht durch eine abwehrende Gegenbewegung gestoppt, sondern geschmeidig in die eigene Bewegung überführt. So nutzt man die Energie des Gegners. Auf diesem Prinzip beruht die Stärkung des Immunsystems im Jin Shin Jyutsu. Das Sicherheitsenergieschloss SES3 wird mit einer Saloontür verglichen, die aufschwingt, um verbrauchte Energie abzugeben, und im Zurückschwingen neue Energie mitbringt.

Mich erinnert das Bild an ein Sprichwort: „Eine Wand ist immer eine Wand. Sie wird Dir nur Schmerzen zufügen, wenn Du Dich dagegen stemmst.“ Wir können an einer Wand auch einfach vorbeigehen. Wir müssen nicht jede Einladung annehmen, die uns offeriert wird. Manche Wände sind nur aufgestellt worden, damit sich jemand dagegenstemmt, der dann beschäftigt oder abgelenkt ist.

Ich finde den Begriff „Empörungsmanagement“ erhellend: Jemand wirft Ihnen eine Information vor die Füße, über die Sie sich aufregen sollen. Er lenkt damit bewusst Ihre Aggression. Sie werden sich brav über das gewünschte Thema echauffieren und in Ihren Ärger andere Dinge nicht wahrnehmen. Außerdem eignet sich dieses Manipulationsinstrument hervorragend zum Spalten.

Neulich las ich in einem angeblich „sozialen“ Netzwerk einen Beitrag, in dem vorgeschlagen wird, dass kinderlose Frauen mit einer haarsträubenden Erklärung mehr Geld bekommen sollen als Mütter: Weil ihr nicht vorhandener Nachwuchs kein CO2 produziert! Niemand kann das auch nur ansatzweise ernst meinen. Aber die Einladung zum Empören hat funktioniert. Ein paar Mütter haben sich pflichtschuldig aufgeregt. Und besser noch: Kinderlose Frauen fingen an, sich zu rechtfertigen für ihren Status und geißelten sich gleich mal selbst. Ziel erreicht: Aggression entfesselt, gelenkt und Menschen in zwei Gruppen gespalten: die empörten Opfer und die schuldbewussten Täter. Tatsächlich gab es gar kein Verbrechen. Alles war – Verzeihung – reiner Brainfuck.

Mit Empörungsmanagement werden wir perfekt manipuliert: Wir fühlen uns vollkommen im Recht, moralisch überlegen und es geht uns gut. Hier hat jemand das Prinzip verstanden, Ihre Energie für sich zu nutzen. Es ist wichtig, das zu erkennen. Bevor Sie das nächste Mal einen empörten Post absetzen, fragen Sie sich: Wozu dient das Ganze hier? Glaube ich das WIRKLICH? Wieso soll ich meine Lebenszeit mit diesem Thema verbringen?

Es gibt viele Wände, die Sie einfach links liegen lassen können. Konzentrieren Sie sich auf das, was für Sie in Ihrem Leben wichtig ist. Worüber lohnt es sich, sich zu ärgern? Ärger ist eine kraftvolle Feuerenergie. Sie ist dann gut eingesetzt, wenn sie in praktisches Handeln führt.

Transformieren Sie solche Angriffe in positive Energie: Freuen Sie sich darüber, dass Sie als Mutter, eine gute Freundin haben, die Nicht-Mutter ist und den Vorschlag bestimmt ebenso bescheuert findet wie Sie.

Immer wenn Sie manipulative Muster erkennen, nutzen Sie den Impuls. Prüfen Sie, ob es Ihnen dient, wenn Sie genau das Gegenteil machen. Im Falle der Spaltung: Finden Sie Gemeinsamkeiten. Dann geht die peinlich platte Manipulation nach hinten los. Damit nutzen Sie die Energie für gute Zwecke.

Diese Form der Abwehr unterstützen Sie mit der asiatischen Heilkunst Jin Shin Jyutsu, indem Sie sich eine Hand über die Schulter legen. Dabei berühren Sie den oberen Rand Ihres Schulterblatts. Hier befindet sich das Sicherheitsenergieschloss SES3. Während Sie diesen Punkt halten, wird Ihr Immunsystem reguliert. Der Griff wird daher vorbeugend und auch im Akutfall bei Infekten und anderen Erkrankungen eingesetzt, die eine stabile Abwehr brauchen.

Lassen Sie die Hand dort einfach so lange liegen, wie es Ihnen gut tut, und wiederholen Sie die Übung so oft Sie wollen. Achten Sie auf eine insgesamt bequeme Position. Probieren Sie aus, ob Sie lieber im Sitzen oder im Liegen üben bzw. ob auf dem Rücken oder auf der Seite liegend.

Praktischer Tipp

Auch muskuläre Verspannungen behindern den Energiefluss. Achten Sie deshalb bei Erkältungsneigung, rezidivierenden Herpes-Bläschen oder wiederkehrenden Blasenentzündungen auf Ihre Schulter-Nacken-Partie. Korrigieren Sie die Sitzpostion, wenn nötig, und bauen Sie Pausen ein, falls Sie länger am Bildschirm sitzen. Lassen Sie immer wieder bewusst die Schultern fallen. Eine Massage kann ebenfalls wohltuend wirken.

In der kalten Jahreszeit dient Ihnen ein durchwärmendes Öl, z.B. mit Arnika, ein Kirschkernkissen oder eine Rotlicht-Lampe zum Entspannen des Nackenbereichs. Häufig ist das Bettzeug Ursache von einem steifen Hals. Prüfen Sie, ob Form, Material und Bezug des Kissens Ihren Bedürfnissen (noch) entsprechen.




Zur Serie

Die Serie „Jin Shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impuls für das Bewusstsein“ erscheint im Online-Magazin „Weißheiten: vom Ich zum Selbst“. Zwischen September 2020 und Februar 2021 wird jede Woche ein Beitrag gepostet. Sie erfahren, wie Sie mit einfachen Griffen Ihren Energiefluss gezielt harmonisieren können. Ein gut balanciertes Energiesystem fördert Ihre Gesundheit, dient der emotionalen Regulation und unterstützt Ihren Bewusstseinsprozess. Grundlegende Informationen zur Methode und zur Anwendung der Griffe erhalten Sie aus dem…

Pilot-Artikel zur Serie Jin shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impulsgeber für das Bewusstsein

Schreibkunst Redakteur
Foto: Petra Weiß

Weitere Beiträge aus der Serie:

SES1 Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

01.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~5 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Foto: Huskyherz / pixelio.de

Kennen Sie das? Sie wissen genau, was Sie tun müssten, und finden keinen Anfang. Egal, ob es sich um einen Arbeitsauftrag, das Aussortieren Ihrer Kleider oder eine überfällige Bewerbungsaktion handelt. Vielleicht ist die Fülle an Möglichkeiten zu groß, so dass Sie sich nicht entscheiden können. Oder Sie fürchten, einen Fehler zu machen. Oder das Ganze überfordert Sie. Oder Ihr Kopf und Ihr Bauch sind unterschiedlicher Meinung. An vielen Punkten kann man ansetzen, um innere und äußere Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Immer notwendig ist der zündende Funke, der gefühlte Startschuss, das Freisetzen der Energie.

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SES2 Das Ende der Spaltung

09.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~9 Minuten

Schreibkunst Texter Ghostwriter
Foto: p.kopf / pixelio.de

Wenn wir die schmerzhafte Spaltung in unserer Gesellschaft überwinden wollen, müssen wir die Spaltung in uns erkennen: Welche Anteile habe ich abgespalten, weil sie mir so böse erscheinen, dass ich nicht einmal im stillen Kämmerlein bei Kerzenschein hinschauen kann? Und genau diesen Teil integrieren.

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SES4 Weise Entscheidungen treffen

23.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~ 6 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Foto: Oliver Mohr / pixelio.deIm Alltag treffen wir viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Hier fließen Millionen von Daten aus unserem Wissen und unseren Erfahrungen in Bruchteilen von Sekunden zusammen. Die Kunst dabei ist, das Unwesentliche zu ignorieren.

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Zur Person

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Petra Weiß ist als Heilpraktikerin mit ihrer Praxis für Homöopathie, Ganzheitsmedizin und Psychotherapie (HeilprG) in Weinheim niedergelassen. Jin Shin Jyutsu war ab 2003 ein wesentlicher Mosaikstein in ihrem Genesungsprozess von einer angeblich unheilbaren Erkrankung. Sie ist seit 2014 als Jin Shin Jyutsu Praktikerin zertifiziert, hält Vorträge für Therapeuten und Laien, gibt Selbsthilfekurse und hat mehrere eigene Themen-Workshops gestaltet.

Zum Weiterlesen

Riegger-Krause, Waltraud: Jin Shin Jyutsu: Die Kunst der Selbstheilung durch Auflegen der Hände. IRISANA 2012
Burmeister, Alice: Heilende Berührung: Körper, Seele und Geist mit Jin Shin Jyutsu behandeln. KNAUR.LEBEN 2019

Stimmen Sie zu?

Kommentar von Petra Weiß. Lesedauer ~8 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Blindes Vertrauen ist nicht immer angebracht.

Wenn Sie im Internet surfen, klicken Sie auf fast jeder Website auf einen Knopf mit der Aufschrift „Ich stimme zu“. Diese Einrichtung soll dazu dienen, Ihre Daten zu schützen. Sie haben die Möglichkeit, umfassende Ausführungen zur Verwendung Ihrer Daten zu lesen, bevor Sie die Meldung quittieren. Tun Sie das? Vermutlich nicht immer. Das wäre ein zeitintensives Hobby mit wenig Unterhaltungswert.

Mir geht es an dieser Stelle nicht um Datenschutz. Ich möchte die Beobachtung aus psychologischer Sicht einordnen: Wir gewöhnen uns daran, reflexhaft unsere Zustimmung zu bekunden, ohne uns damit auseinanderzusetzen, WOZU wir hier nicken. Das ist bedenklich.

Mir fällt in diesem Zusammenhang ein alter Verkäufertrick ein: Der Kunde bekommt mehrere Fragen gestellt, die er sicher mit „ja“ beantworten wird, um den Weg zum ersehnten „ja“ – nämlich zur Kaufentscheidung – zu bahnen. Unser Unterbewusstsein begünstigt eine Serie von Zustimmungen. Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir uns dessen sehr bewusst sind, wenn das gerade geschieht.

Ähnliches erlebt man manchmal bei medizinischen Maßnahmen. Kurz vor einer Darmspiegelung musste ich vor Ort unterschreiben, dass es vollkommen in Ordnung sei, wenn man mich bei der Untersuchung versehentlich umbringt. Hätte ich nicht unterschrieben, wäre die erschöpfende Abführaktion der vergangenen 24 Stunden umsonst gewesen.

Meine Zustimmung diente dem Haftungsausschluss. Wenn der Untersuchende meine Darmwand perforiert hätte, wäre die Klinik nicht zur Verantwortung zu ziehen gewesen. Man könnte argumentieren, dass es nicht fair sei, solch ein Dokument direkt vor dem Eingriff den aufgeregten Patienten unter die Nase zu halten. Welche praktische Chance auf Widerspruch haben sie an dieser Stelle noch?

Nicht nur durch unsere Unterschrift dokumentieren wir Zustimmung, auch durch unser Handeln. Ein Beispiel sind die Nebenwirkungen unserer Arzneimittel. Der Beipackzettel informiert uns über alle Risiken. Die einen wollen genau wissen, welche unerwünschten Effekte ihnen begegnen können. Die anderen schauen lieber gar nicht erst hin.

Der verschreibende Mediziner muss uns über alle Risiken aufklären, wenn er uns ein Präparat erstmalig verordnet. Nehmen wir einmal an, dieser gesetzlichen Bestimmung würde in den Praxen ausnahmslos nachgekommen: Wie wägen Sie ab, was Sie einnehmen und was nicht? Sie müssten informiert sein über Notwendigkeit, Nutzen und Risiko, um eine richtige Entscheidung treffen zu können. Sind Sie umfassend informiert oder stimmen Sie in blindem Vertrauen zu?

Wir stimmen zu, weil es eine Autorität gesagt hat. Wir stimmen zu, weil wir keine Zeit haben. Wir stimmen zu, weil wir scheinbar keine andere Wahl haben. Wir stimmen zu, weil alle dazu nicken. Wir stimmen zu, um nicht in einen Konflikt zu geraten. Wir stimmen zu, um zur Gruppe gehören zu dürfen. Wir stimmen zu, weil es als moralisch einwandfrei oder politisch korrekt gilt. Wir stimmen zu, um keinen Shitstorm zu ernten. Wir stimmen zu, um gut dazustehen.

Wir stimmen nicht mehr zu, weil wir es RICHTIG finden, sondern weil es gemäß der aktuell gültigen Konventionen als GUT gilt. Es entspricht den allgemein anerkannten Werten. Ob eine Zustimmung unseren eigenen Werten widerspricht, merken wir erst, wenn sich danach ein ungutes Gefühl einstellt. Und das registrieren wir nur, falls wir aufmerksam in uns hineinspüren.

In einem psychologischen Experiment hat man eine Gruppe von Menschen eine sehr einfache Frage gestellt. Bis auf die eigentliche Testperson, waren alle anderen angehalten, eine falsche Antwort zu geben – und zwar alle dieselbe. Von dieser Absprache wusste die Testperson nichts. Sie stand mit ihrer objektiv richtigen Entscheidung also alleine da. Und was war das Resultat des Experiments? Sie hat sich der anderen – objektiv falschen – Meinung aus Gruppendruck heraus angeschlossen. Erst als eine weitere Person ihre Entscheidung unterstützte, hat sie sich getraut, bei ihrer Meinung zu bleiben.

Wir leben in einer Kultur der mehr oder weniger druckvoll herbeigeführten Zustimmungen. Durch die alltägliche Wiederholung erscheint uns das normal. Im ersten Schritt ist es deshalb wichtig, die Situation zu begreifen. Mit diesem Beitrag will ich Sie anregen, darauf zu achten, an welchen Stellen Sie zustimmen, ohne den Sachverhalt geprüft zu haben und ohne selbst zu der Meinung gelangt zu sein, dass es RICHTIG für Sie ist, zuzustimmen.

Lassen Sie sich nicht von erhobenen Zeigefingern davon abhalten, Ihre Position zu finden. Moralisten würgen jede sachliche Diskussion ab, indem sie meinen, bestimmen zu können, was als GUT gelten darf – es muss noch nicht einmal richtig sein. Was als GUT gilt, ist aber eine persönliche Entscheidung. Niemand kann Ihnen sagen, was in Ihrem Leben als GUT zu bewerten ist.

Ihr Kopf kann Ihnen sagen, was WAHR ist, der Bauch gibt Signale, was Sie als SCHÖN und lustvoll empfinden. Was aber GUT ist, entscheidet Ihr Herz. Diese Instanz trifft die Wahl zwischen der Unlustvermeidung aufgrund des Bauchgefühls und dem Urteil der Nützlichkeit aus dem Verstand. Der Kompass ist Ihre höchst individuelle Wertehierarchie.

Natürlich müssen Sie nicht jedes mal alle Datenschutzregeln durchlesen, wenn Sie auf eine Website gehen wollen. Mein Ziel ist es, dass Ihnen das Reflexhafte der Zustimmung bewusst wird. Und dass Sie an wichtigen Stellen aufhorchen, wenn jemand Ihre Zustimmung einfordert. Dann können Sie frei entscheiden, was für Sie die passenden Kriterien für eine Zustimmung sind. Diese Kriterien dürfen Sie frei wählen.

Sie haben Ihr eigenes Wertesystem. Werden Sie sich Ihrer Werte bewusst. Nach diesen zu entscheiden und zu handeln bedeutet, ein Leben in Aufrichtigkeit zu führen. Diese gelebte Integrität wünsche ich Ihnen und uns allen von Herzen.




Niemand hat die Absicht…

Essay von Petra Weiß, Lesedauer ~4 Minuten
Rubrik: Im Lichte der Geschichte

Texter Journalist Essay
Foto: Herzlichen Dank an die Stiftung Berliner Mauer

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ sagte Walter Ulbricht am 15.06.1961. Knapp zwei Monate später wurden die Menschen in Berlin gespalten, die Stadt wurde geteilt. Heute jährt sich der Mauerbau. Grund genug, diesen Ausbund an Unaufrichtigkeit aus psychologischer Sicht zu beleuchten.

Schauen wir uns zunächst die Vorgeschichte an: Mitte Juni 1961 waren binnen 14 Tagen (!) als Höhepunkt der Ausreisewelle mehr als 10.000 DDR-Bürger nach West-Berlin geflüchtet. Die SED-Regierung versuchte, die russische Besatzungsmacht für einen Grenzwall zu gewinnen. Chruschtschow zögerte. Immerhin musste er für das Anliegen die Verträge der Allianz brechen. Selbstverständlich wussten die Bürger nichts über das Ränkeschmieden im Hintergrund. Wir können das heute in den Geschichtsbüchern nachlesen.

Hätte man am 16.06.1961 öffentlich gemutmaßt, dass doch eine Mauer geplant sei, als Ergebnis einer Verschwörung der SED mit ihrer Zonenaufsicht gegen das Volk der DDR und gegen die West-Alliierten – Mit welcher Empörung wäre man dann wohl von den Staatsmedien diffamiert worden? Aber das nur am Rande.

Interessanter finde ich den Zusammenhang, in dem der historische Satz gesprochen worden ist: Die Pressekonferenz verlief völlig unspektakulär. Ulbricht wiederholte Aussagen, die alle bereits kannten. Die ersten Journalisten waren schon gegangen, man wähnte die Veranstaltung praktisch als vorbei. Da stellte die Redakteurin der WELT eine Zusatzfrage. Ulbricht reagierte darauf mit dem berühmten Ausspruch.

Im selben Atemzug unterstellte er, im Westen gäbe es Interessen an einem Mauerbau und erklärte, warum im Osten solche Bestrebungen gar nicht bestehen können: Das Bauwesen sei mit Wohnungsbau beschäftigt. Die Unterstellung war eine Projektion, die Begründung ebenso fadenscheinig wie unnötig. Man darf spekulieren, ob die Rede vorbereitet war und endlich ausgesprochen werden wollte. Denn wissen Sie was? Die Frau hatte gar nicht nach einer Mauer gefragt!

Die Historiker sind sich uneinig, ob Ulbricht die Worte versehentlich oder aus einem Kalkül heraus geäußert hat.

Mich erinnert der Sachverhalt an einem Tipp, den ich vor vielen Jahren von meinem Hypnoselehrer erhalten habe: „Der Patient gibt Dir die entscheidende Information schon im ersten Gespräch und oft beim Verlassen der Praxis.“ Der Idee stand ich anfangs eher skeptisch gegenüber. Mit viel Aufwand habe ich nach einigen Jahren psychotherapeutischer Praxis meine Notizen aus sämtlichen Erstanamnesen dahingehend analysiert. Ich wollte wissen, ob ich im ersten Gespräch tatsächlich Hinweise erhalten hatte auf das Thema, das letztlich zur Lösung des Problems geführt hat. Erstaunt musste ich feststellen: Mein Lehrer hatte Recht.

Mir erscheint es so, als spüle das Unterbewusste das Wesentliche unaufhaltsam nach oben. Die Wahrheit kommt immer ans Licht. Und wenn sie sich in einer anscheinend nebensächlichen Ungereimtheit zu erkennen gibt wie in der möglicherweise vorgefertigten Antwort auf eine ungestellte Frage. Diese Erkenntnis macht mir als Aufrichtigkeitssuchende Hoffnung.

Auf der Seite www.bundesregierung.de findet sich ein Artikel über den Vorfall mit der Bemerkung „(…)und Ulbricht steht als einer der größten Lügner der Geschichte da.“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Mann in dieser Hinsicht kein Ausnahmetalent war.

Bleiben Sie wach und wählen Sie mit Bedacht, wem Sie glauben wollen.




Schatz, der Mülleimer ist voll! Warum wir nicht sagen was wir meinen

Essay von Petra Weiß. Lesedauer ~20 Minuten.

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Klarheit in der Kommunikation dient unseren lebendigen Beziehungen. Foto: Petra Weiß

In den letzten Wochen höre ich immer wieder, dass sich die Menschen manipuliert fühlen. Mag sein, dass die Manipulation in unserer Gesellschaft Formen angenommen hat, die schwer zu ertragen sind. Wenn wir die Kultur ändern wollen, fangen wir am Besten bei uns selbst an. „Ich manipuliere doch niemanden!“ werden manche jetzt entrüstet ausrufen. Falls Sie tatsächlich Ihre Bedürfnisse deutlich aussprechen, ohne jemanden emotional unter Druck zu setzen: Prima! Glückwunsch! Die meisten von uns haben das nicht gelernt. Deshalb grämen Sie sich bitte nicht, wenn Sie sich ab und zu dabei erwischen, dass auch Sie die Kunst der Beeinflussung anwenden. Wie sieht Manipulation in unserem ganz normalen Alltag aus? Warum greifen wir zu solchen Methoden? Und welche alternativen Kommunikationsmuster sind denkbar?

„Schatz, der Mülleimer ist voll!“ Wie würden Sie diesen Satz beantworten. „Da hast Du Recht.“ vielleicht? Nein, Sie würden wissen, dass von Ihnen erwartet wird, etwas zu unternehmen. Warum eigentlich? Weil wir diese Form der Manipulation gewohnt sind. Statt zu sagen, was wir wollen, werfen wir etwas anderes in den Raum. Und unser Gegenüber soll gefälligst die passenden Schlüsse ziehen. Probieren Sie einmal, solche Manipulationsversuche großzügig zu übersehen. Statt loszuspurten, um den Abfall zu entsorgen, sagen Sie doch einfach mal „Aha.“ Das kann sehr interessante Reaktionen auslösen. Eine zielführende Erwiderung könnte lauten „Das stimmt. Möchtest Du mir damit noch etwas anderes sagen?“ Gehen Sie nicht stillschweigend darüber hinweg, wenn andere Leute sie manipulieren. Machen Sie den Versuch transparent. Das muss ja nicht im Bösen sein. Sie dürfen dabei ruhig lachen, wenn die Situation es erlaubt.

Bedürfnisse und was keine sind

Oft sind wir uns unserer eigentlichen Bedürfnisse gar nicht bewusst. Nehmen wir mal an, Sie möchten, dass Ihr Mann im Keller die Heizung hochdreht, weil sie frieren. „Mir ist kalt.“ werden Sie vielleicht vorwurfsvoll in den Raum stellen und erwarten, dass Ihr Mann ins Handeln geht. Er wird schon wissen, dass er jetzt in den Keller muss, um die Temperatur zu regeln.

Ist es Ihr Bedürfnis, dass der Mann in den Keller geht? Nein. Sie haben ein Bedürfnis nach WÄRME. Und dieses kann auf verschiedene Arten gestillt werden. EINE davon ist das Heizunghochdrehen durch den werten Gatten. Fallen Ihnen noch weitere Lösungen ein? Es ist wichtig, sich darüber bewusst zu werden, um welches Bedürfnis es geht, damit Sie verstehen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt. Insbesondere, gilt es herauszufinden, mit welchen Optionen Sie sich Ihren Wunsch selbst erfüllen können. Das entlastet Ihre Beziehungen wesentlich.

Sie könnten zum Beispiel in einen wärmeren Raum gehen. Oder einen dicken Pulli anziehen. Oder sich eine Wärmflasche machen. Oder den Kreislauf in Schwung bringen. Oder sich einen heißen Tee zubereiten. Oder etwas essen. Oder selbst die Heizung hochdrehen. Oder, oder, oder. Merken Sie was?

Die Vielfalt der Möglichkeiten bringt Ihnen Handlungsoptionen. Handlungsoptionen sind das Gegenteil von Ohnmacht. Sie müssen sich nicht ausgeliefert und hilflos fühlen.

Satte Gewinne durch die Opferhaltung

Obwohl ich zugeben muss, dass die gute alte Opferhaltung natürlich auch Vorteile bringt. Man kann sich in Selbstmitleid suhlen. Man erhält Zuwendung und Aufmerksamkeit, wenn man über sein Schicksal klagt. Man kann mit einer Freundin über die Männer schimpfen und durch das gemeinsame Feindbild Verbundenheit erleben. Man kann dem Mann irgendetwas Fieses antun, ohne sich schlecht zu fühlen. Und so weiter. Das gilt für Männer umgekehrt natürlich genauso. Über die Vorzüge des Jammerns und Piensens könnte ich einen eigenen Beitrag schreiben. Darum geht es hier aber nicht primär. Wir schauen darauf, warum wir überhaupt ins Manipulieren kommen.

Ein weiterer Grund kann sein, dass wir nicht Nein sagen können und diese Schmach auch keinem anderen zumuten wollen. Oder – die Kehrseite derselben Medaille – dass wir auf gar keinen Fall Ablehnung erleben wollen. Wenn ich nicht klar frage, muss der andere nicht direkt antworten. Big Deal! Ich lasse die Frage unausgesprochen durch den Äther schweben und kann in die (Nicht-)Reaktion alles hineininterpretieren, was mir beliebt. Erfahrungsgemäß ist das häufig nichts Erquickliches. „Dem ist egal, ob ich mir den A… abfriere.“ ist eine der üblichen Phantasien in so einem Zusammenhang. Kann sein. Kann aber auch ganz anders sein. Erfahren werde ich es nur, wenn ich offen kommuniziere. Am Besten, bevor ungute Phantasien die Stimmung verderben.

„Schatz, mir ist kalt. Könntest Du bitte die Heizung hochdrehen?“ Damit wäre alles erledigt.

Gewaltfrei Klarheit schaffen

Ist die Stimmung schon verrutscht, hilft uns die Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg. Sie wirkt der Manipulation entgegen, indem Sie die Sachebene und die Gefühlsebene klar trennt und Verwechslungen zwischen Realität und Phantasie beseitigt.

Der Ablauf ist schlicht:

  1. Tatsache benennen, möglichst sachlich, am Besten eine konkrete Beobachtung.
  2. Phantasie aussprechen und als solche kennzeichnen.
  3. Emotion ansprechen, die durch die Phantasie entstanden ist.
  4. Umsetzbaren Wunsch äußern.

In unserem Beispiel:

  1. „Hier hat es 19 Grad. Ich friere.“
  2. „Bei mir ist die Phantasie entstanden, dass es dir gleichgültig ist, wie es mir geht.“
  3. „Das macht mich traurig.“
  4. „Ich wünsche mir, dass Du die Heizung hochdrehst.“

Wenn wir noch nicht ganz in unserem Film von „Keine kümmert sich um mich“ versunken sind, fällt uns vielleicht sogar auf, wie absurd die Vorstellung ist, dass der Mann kein Interesse an unserem Wohlergehen hat.

Für den Fall, dass wir einen solchen Mangel an Interesse tatsächlich für Realität halten, wird es Zeit für eine Klärung. Und die spielt sich nicht in unserem Kopf ab, sondern im Austausch.

Meistens handelt es sich bei derlei Phantasien um uralte Glaubenssätze. Deshalb sind solche Situationen wertvoll für die eigene Bewusstseinsentwicklung. Lassen wir das Thema in dieser Stelle ungeklärt, können wir uns weiter einbilden, der andere sei schuld an unserem Leid. Konfrontieren wir ihn aber mit unseren Gedanken, dann kann er dazu Stellung nehmen. Außer, wenn Sie mit einem Psychopathen oder pathologischen Narzissten zusammen sind, wird es Ihren Partner sehr wohl interessieren, wie es Ihnen geht. Er wird vermutlich über Ihre merkwürdige Annahme aufrichtig bestürzt sein. Mit mitfühlender Anteilnahme wird er ihrer traurigen Weltsicht begegnen.

Rollenverwechslung als Wurzel des Übels

Geben Sie ihm Gelegenheit, sich zu Ihren Ideen zu äußern, löst sich Ihre Phantasie aller Wahrscheinlichkeit nach in Luft auf. Für ihre falsche Interpretationen muss es aber einen Grund geben. Nun können Sie sich darüber klarwerden, dass Sie hier möglicherweise noch ein Thema zu bearbeiten haben. Vielleicht sogar ein ganz grundlegendes: Zum Beispiel, dass sie den Partner mit Ihrem Papa verwechseln und er deshalb immer für Sie sorgen soll. Oha! Solche Verwechslungen sind gar nicht so selten und bereiten vielen Paaren Ungemach. Die Mama-Verwechslung umgekehrt natürlich auch. Mit falschen Rollen ist jeder Mensch langfristig überfordert. Das kann nur in Enttäuschung und Vorwürfen enden.

Wenn wir hier Paardynamiken betrachten, dann vor allem deshalb, weil sie die beliebteste Projektionsfläche für unsere ungelösten Seelenthemen und unterschwelligen Konflikte bieten. Ersetzen Sie Partner wahlweise mit Chefin, Nachbar oder Schwester. Häufig betrifft die Rollen-Verwirrung Personen, denen wir nicht ohne weiteres ausweichen können.

Das Feld ist breit, warum wir glauben, jemanden manipulieren zu müssen. Ihn in eine unpassende Position schieben zu wollen, ist ein möglicher Grund, der meist unerkannt bleibt.

Häufig begegnen mir Menschen, die – ohne es zu ahnen – als alleingeborene Zwillinge stets auf der Suche nach einem „Ersatz-Zwilling“ sind. Sie locken oder pressen andere in diese Rolle, der niemand gewachsen sein kann. Und dabei empfinden sie ihre Ansprüche als vollkommen berechtigt. Die Verwechslung ist ihnen ja nicht bewusst. Sie bekommen nicht, was ihnen anscheinend zusteht. Also lassen sie sich allerlei Tricks einfallen, um den anderen doch noch dazu zu bringen, ihre große Sehnsucht zu stillen. Vergeblich.

Mein Bedürfnis – meine Verantwortung

Im ersten Schritt müssen wir uns darüber bewusst werden, dass wir als  erwachsener Mensch selbst für das Erfüllen unsere Bedürfnisse verantwortlich sind, dass wir keine Eltern mehr brauchen, um unsere Existenz zu sichern, und dass wir – in den allermeisten Fällen – dazu selbst in der Lage sind.

Das heißt nicht, dass wir isoliert von der Außenwelt leben und nichts von anderen annehmen dürfen oder sollen. Die innere Haltung dabei ist entscheidend: In der Regel geht es nicht darum, Hilfe anzunehmen, sondern Unterstützung. Der Unterschied ist wesentlich. Hilfe heißt: Ich kann es nicht allein und brauche deshalb andere zur Bedürfniserfüllung. Unterstützung hingegen bedeutet: Ich könnte es auch allein, aber durch das Mitwirken anderer wird es schöner, besser, leichter, schneller etc. Hilfsbedürftigkeit erleben wir als Schwäche. Sich passende Unterstützung zu holen, ist ein Ausdruck von Kompetenz. In diesem Sinne können Sie die Suche nach Unterstützung nicht als persönliches Versagen, sondern im Gegenteil als aktive Selbstfürsorge (um-)bewerten.

Selbstwertschätzung – zu viel und zu wenig

Etwas zu wollen, das uns eigentlich nicht zusteht, ist also ein Grund für Manipulation. Die gegenteilige Ursache kann zum selben Ergebnis führen: Man glaubt, das was man braucht, eigentlich nicht verdient zu haben bzw. es nicht wert zu sein. Der Mangel an Selbstwertschätzung ist leider ein weit verbreitetes Phänomen. In diesem Fall wird man ebenfalls nicht direkt um etwas bitten. Man wird darauf entweder verzichten oder versuchen, das Objekt der Begierde mit List und Tücke zu erschleichen und hoffen, dass niemand den Schwindel bemerkt.

List und Tücke sind übrigens nicht für alle Menschen verabscheuungswürdig. Je nach kultureller Prägung, Familientradition oder Typenmuster kann man sogar einen Volkssport daraus machen. Mal sehen, wie weit man gehen kann, bis der andere bemerkt, dass er über den Tisch gezogen wurde. Es gibt Leute, die haben diebische Freude an einem kleinen Betrug, einige brüsten sich sogar damit. Ich habe schon erlebt, dass jemand sich durch clevere Gaunereien beweist, dass er kein Dummer ist. Manchen gibt der Adrenalinstoß einen Kick.

Wenn das Leid des „Opfers“ beim Beurteilen einer Tat gar keine oder eine sehr untergeordnete Rolle, sind wir aber eher wieder bei den psychischen Störungen. Insbesondere der Narzissmus verhindert eine offene Kommunikation über die Bedürfnisse. Das gilt nicht nur für narzisstische Persönlichkeitsstörungen, sondern in abgemilderter Form auch den sogenannten Alltagsnarzissmus.

Fühlt sich ein Narzisst doch als Nabel der Welt und erwartet von seinem Umfeld ein gewisses Maß an Hellsichtigkeit. Er erwartet vorauseilenden Gehorsam, man soll ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen. Wenn er sich dazu äußern muss, kommt das einer Majestätsbeleidigung gleich. Und umgekehrt interessieren ihn die Bedürfnisse der anderen herzlich wenig. Wie kommen sie dazu, diese in seiner erlauchten Gegenwart äußern zu wollen?!

Ich will das Thema Narzissmus hier nicht weiter vertiefen. Diese Anteile nehmen naturgemäß sowieso zu viel Raum ein. Mein Tipp an dieser Stelle: Hören Sie nicht auf die Worte eines Narzissten, sondern schauen Sie auf seine Taten. Wollen Sie dieses Verhalten in Ihrem Leben? Beachten Sie auch die Übereinstimmung Ihrer eigenen Worte mit Ihren Handlungen. Ein bisschen Narzissmus steckt in jedem von uns.

Konflikte auflösen

Die wenigsten Leute lieben es, sich zu streiten. Aber es gibt auch regelrecht konfliktscheue Menschen. Das kann vielfältige Gründe haben. Verlustängste und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit stehen weit oben auf der Liste. Eine ausgeprägte Konfliktscheu macht ebenfalls manipulativ. Konflikte gehören zum menschlichen Miteinander. Wenn sie nicht zutage treten dürfen, ist es wichtig, Klarheit zu vermeiden. Das gelingt durch nebulöse Aussagen, durch Unausgesprochenes und Mehrdeutiges.

Fragen Sie schlicht: „Würdest Du das für mich tun?“ und der Angesprochene hat andere Bedürfnisse, die sich mit Ihrem Wunsch nicht in Einklang bringen lassen, dann ist das ein Konflikt. Wird er gezwungen, „nein“ zu sagen, ist der Konflikt für alle sichtbar auf dem Tisch.

Wie man Konflikte souverän und erwachsen handhaben kann, lernen die wenigsten von Kindesbein an. Wir haben nicht erfahren, dass Konflikte zum Leben ganz selbstverständlich dazugehören und aufgelöst werden. Den äußeren Konflikten können wir ja oft ganz gut ausweichen. Für die inneren Konflikte ist das kein gangbarer Weg. Darum lernen wir das doch lieber im Außen, dann steht es uns auch für das gesunde Wachstum unserer Innenwelt zur Verfügung.

Was hinter der Manipulation liegt…

Die Selbstaufrichtigkeit ist nicht bei allen gleich stark ausgeprägt. Vielleicht werden manche ihre Konfliktscheu, Ihren Narzissmus oder Ihre Verwechslungen vor sich selbst und vor anderen rechtfertigen und kaschieren.

Beliebt sind dabei Erklärungen wie „Ich wollte diplomatisch sein.“, „…dem anderen Gelegenheit geben, sein Gesicht zu wahren.“, „…auf seine Gefühle Rücksicht nehmen.“ und so zu. Es ist verständlich, sich den eigenen Motiven nicht immer stellen zu wollen, um ein gutes Image zu erhalten. Das Selbstbild dient der Stabilität. Aber nur, wenn es aufrichtig ist.

Ihrer Persönlichkeitsentwicklung förderlich ist das Streben nach Authentizität. Seien Sie die Person, die aus Ihnen geworden ist, haben sie Verständnis und Mitgefühl mit ihr. Und dann wenden Sie sich dem Menschen zu, der Sie sein können, der in Ihnen angelegt ist wie eine Blaupause: ihr Selbst.

Das Bewusstwerden von Manipulationsversuchen stoppt nicht nur die Manipulation. Es gibt den Blick frei auf tiefliegende Ursachen, die das eigentliche Problem sind. Und ermöglicht so erst eine ursächliche Lösung. Schon allein für diese Chance lohnt es sich, sich auf den Weg in eine faire und bewusste Kommunikation zu wagen. Das Heilungspotenzial für unsere Beziehungen ist immens: für die Beziehung zu unserem Mitmenschen und zu uns selbst.