Push-up oder Minimizer?

1994 kam eine neue Art Büstenhalter auf den Markt. Unter dem Namen „Wonderbra“ machten die gepolsterten Dessous Furore. Angeblich wurde damals alle 15 Sekunden ein solches Kleidungsstück verkauft. Als habe die Welt auf nichts dringender gewartet. Damen mit kleinen Brüsten konnten sich dank der Polter in den Körbchen ein fülligeres Dekolletee zaubern. Heutzutage bekommt man kaum mehr Modelle ohne Polstereinlagen.

Nachdem mich das Phänomen seit einigen Jahren verwundert, stelle ich jetzt einen ähnlichen Trend in gegenteiliger Richtung fest. Ich frage mich aus psychologischer Sicht, was das mit den Menschen macht. An meinen Gedanken dazu möchte ich Sie gerne Teil haben lassen.

Wer meine Beiträge kennt weiß, dass „schaut-so-aus-als-ob“ bei mir keinen Anklang findet, und zwar aus zweierlei Gründen: Zum einen steht eine optischen Täuschung meinem Bedürfnis nach Aufrichtigkeit entgegen. Männer haben mir übrigens bestätigt, dass sie das gar nicht witzig finden, wenn sie beim Kennenlernen einer Frau über die tatsächlichen Ausmaße genarrt werden. Zum anderen halte ich es aus psychologischer Sicht für bedenklich, Menschen bei der Vorstellung zu unterstützen, an ihnen sei grundsätzlich etwas nicht in Ordnung, das verbessert werden müsste. In diesem Fall meinen die Frauen (oder sind es die Männer? Oder denken die Frauen nur, die Männer meinten…) ihre Brüste seien von Natur aus zu klein und müssten durch das Anheben aufgewertet werden.

Ist das so?

Wer legt fest, wie groß eine Brust zu sein hat? Schaut man sich im richtigen Leben um, wird man schnell feststellen, dass Brüste – wie übrigens auch andere Körperteile – in allen Größen und vielen Formen vorkommen. Na, und? Das ist nur dann ein Problem, wenn ich es zulasse, dass an meinen wunderbaren Leib irgendein äußerer Maßstab angelegt wird. Wer sollte so etwas wagen? Die Anmaßung begegnet uns überall: in der Mode, im Fernsehen und im Kino, in der Werbung, in der Öffentlichkeit, in Aussagen von Männern, aber auch von Frauen. Und natürlich in der Schönheitschirurgie.

Von dort hörte ich eine bemerkenswerte Argumentation: Durch den Eingriff (übrigens an einer bildhübschen jungen Frau!) erhalte ihre Brust eine „natürliche Form“. Ja, sie haben richtig gelesen. Die Bedeutung des Begriffs „natürlich“ wird umgekehrt. Was Frauen alles glauben, wenn ein Mann in Weiß es Ihnen erzählt, erstaunt mich immer wieder.

Über die Epochen der Menschheitsgeschichte hat sich das ästhetische Empfinden gegenüber Körperproportionen immer wieder gewandelt. Was nutzt es also, einem vergänglichen Ideal hinterher zu hecheln?

Persönliche Sicht

Vielleicht habe ich nur Glück gehabt, vom Ideal meiner Zeit so weit entfernt zu sein, dass ich gar nicht erst auf die Idee kam, danach zu streben. Ganz ehrlich: Ich hatte andere Probleme als an meinem Leib herumzumäkeln. Mit 18 wäre ich fast gestorben, mit 33 stand mein Leben noch einmal auf der Kippe. Die einzige Laufsteg-Erfahrung, die ich mir wünschte, war meinen eigenen Lebensweg zu finden und noch ein paar Jahre lang zu gehen.

Zurück zur weiblichen Attraktivität. Mir fällt dazu eine Passage aus dem Buch „Eat, Pray, Love“ ein, die ich sinngemäß wiedergeben will: Eine Frau fühlt sich etwas zu propper und hat bedenken, dass ein neuer Mann in Ihrem Liebesleben sie deshalb nicht attraktiv fände, wenn die Hüllen zum ersten Mal fallen. Und jetzt kommt die wunderbare Retoure von ihrer Freundin: Der Kerl hat EINE NACKTE FRAU im Bett!!! Er hat den Hauptgewinn gezogen! EINE NACKTE FRAU! IM BETT!!! Meinst du, er wird sich in dieser Situation über ein paar Pfund mehr oder weniger Gedanken machen?

Mädels, entspannt Euch. Wir machen uns viel zu viele Sorgen über unseren Körper und seinen Mangel an Perfektion.

Dasselbe in Grün

Auslöser für diesen Beitrag war ein Katalog für Unterwäsche von einem durchaus seriösen und alteingesessenen Unternehmen. „Minimizer“ – wohin man auch schaut! Rund 25 Jahre nach dem Push-up Hype kann sich eine Frau mit größeren Brüsten kaum mehr einen BH kaufen, ohne dass dabei ihre Oberweite optisch verkleinert werden soll.

Die peinlich platte Werbung zeigt zur Verdeutlichung eine fast gesprengte Bluse, bei der die Knöpfe zu bersten drohen und – sozusagen als „Nachher-Bild“ – dieselbe Bluse mit perfekter Passform für die Dame, die in ihr steckt. Als würden Frauen mit großen Brüsten sich grundsätzlich zu kleine Blusen kaufen, um darin umherzulaufen wie eine Presswurst. So ein Blödsinn!

Ein BH soll das zarte Gewebe durch angemessenen Halt schonen und dabei die natürliche Form unterstreichen, nicht quetschen bis zur Unkenntlichkeit. Ihre Maße müssen keine Vorgaben erfüllen, die sich irgendwer ausgedacht hat.

Jede nach ihrer Façon

Frauen in den Wechseljahren will ich zurufen: Der Körper verändert sich. Das ist vollkommen normal und im Wortsinne „natürlich“. Sie werden Blusen finden, die an Ihnen wunderschön ausschauen. Machen Sie sich kundig, welche Schnitte Ihren Figurtyp am Vorteilhaftesten kleiden. Statt Unliebsames mit Macht verstecken zu wollen, lohnt es sich, die besonders schönen Stellen zu betonen. Das gilt für alle gleichermaßen. Ich will hier beispielhaft zwei Grundtypen ausführlicher darstellen:

Frauen mit X-Figur (Schultern und Hüfte gleich breit, Taille schmaler) brauchen eine Taillierung, auch wenn sie etwas üppiger geworden sind. Ärmel auf halber Länge oder ¾ betonen die Taille zusätzlich. Brustabnäher sind nur dann vorteilhaft, wenn sie exakt auf der richtigen Position sitzen. Die Passform schaut kleidsam aus, wenn sie figurumspielend ist, also keine Wurstpelle und auch kein Leinensack. Blusen werden in einen mittleren oder hohen Bund eingesteckt oder enden auf den vorderen Hüftknochen.

Frauen mit O-Figur (stattlicher Rumpf, schlanke Beine und Arme) bevorzugen enge Hosen oder Röcke zu weiten Blusen. Tunika oder Langbluse sind Oberteile der Wahl. Eine „Taillierung“ schaut bei ihnen im Unterbrustbereich am besten aus. Weite lange Ärmel, im Extremfall Trompetenärmel, unterstreichen die zarten Handgelenke. Ausgestellte Hosen können denselben Effekt an den Knöcheln hervorzaubern. Armschmuck oder auffällige Schuhe lenken den Blick in die gewünschte Richtung. Man kann so viel machen, wenn man nur weiß wie.

Es gibt noch weitere Körperformen (A, H, Y), die durch ihre eigene Art des Bekleidens verschönert werden können – ganz ohne Quetschungen oder chirurgische Eingriffe.

Damen mit schmalen Schultern und breiten Hüften betonen die Zartheit Ihrer Schlüsselbeine mit einem weiten Rundhals (Ballett-Ausschnitt) oder bringen mit Puffärmeln, Schulternklappen oder Querstreifen eine Verbreiterung an den Oberkörper. Im Umgekehrten Fall (breite Schultern, schmale Hüften) dienen Reglan-Ärmel als Weichzeichner für die Schulterpartie und Bundfaltenhosen oder weite aufgebauschte Röcke als Gegengewicht am Unterkörper. Mädels mit H-Figur haben 60-60-60 oder 110-110-110. Sie können genau diese Statur hervorheben oder eine Sanduhrfigur andeuten, während sie einen schönen Gürtel mit etwas Stoffvolumen oberhalb und unterhalb einsetzen. Dabei nutzen sie die weiter oben beschriebenen Kniffe für die A- und Y-Figur. An ihnen schauen auch trapezartig geschnittene Oberteile und die modernen Oversize-Formate gut aus.

Körperbewusstsein und Selbstwertschätzung

Das sind hilfreiche Empfehlungen. Warum wir solche Tipps nicht schon in jungen Jahren erfahren, ist mir schleierhaft. Die Pubertät wäre aus meiner Sicht der richtige Zeitpunkt. In dieser Lebensphase formt sich die Grundstatur aus und man kann anfangen, diese bestmöglich ins Bild zu rücken. Stattdessen lässt man uns in dem Glauben, mit ein paar Kilo mehr oder weniger auf den Rippen könne man nicht anziehend wirken und müsse deshalb die Brüste zerquetschen. Machen Sie das nicht. Ihrem weiblichen Selbst-Bewusstsein zuliebe. Ihre Brüste sind Wunder der Natur, genau so wie sie sind. Finden Sie eine schöne Verpackung, die Ihrer Haut schmeichelt und Ihr Gewebe bei Bedarf unterstützt, nicht malträtiert.

Um Ihr Körperbewusstsein und die Selbstwertschätzung zu stärken rate ich zum Einsatz hochwertiger (das muss nicht unbedingt heißen hochpreisiger) Pflegeprodukte. Nehmen Sie nicht den billigsten Ramsch für Ihre kostbarsten Hautbereiche. Bringen Sie an dieser Stelle keine Gifte in den Körper. Das betrifft auch die benachbarte Region der Achselhöhlen, wo Deo aufgebracht wird, das bitte nur den höchsten Ansprüchen an Schadstofffreiheit genügt.

Probieren Sie aus, ob Ihnen ein Körperöl oder eine fettfreie Lotion angenehmer ist. Versuchen Sie verschiedene Düfte bis Sie wirklich zufrieden sind. Nehmen Sie sich nach dem Duschen ein paar Minuten Zeit, diese achtsam aufzutragen. Verbinden Sie sich dabei innerlich mit dem Körperteil, spüren Sie die Berührung und freuen Sie sich darüber, dass Sie Ihre Brüste durchs Leben begleiten.

Ganzheitlich betrachtet

Falls Sie mit der Gewebestruktur unglücklich sind, kann das übrigens an der hormonellen Verhütung liegen. Viele Patientinnen haben darüber berichtet, dass ihr Brustgewebe sich nach Absetzen der Pille deutlich straffer und fester anfühlt. So viel aus der Rubrik „Was der Gynäkologe meist verschweigt…“

Und wenn wir schon bei medizinischen Fragen sind: Muttermilch gibt es als homöopathisches Mittel. Es dient zum Ausbilden von gesundem Bindungsverhalten und hat schon Menschen aus völliger Empathielosigkeit wieder ins Mitgefühl gebracht. Lac humanum reguliert – Überraschung! – den Appetit und unterstützt die Verdauung.

Aus psychosomatischer Sicht ist die Brust ebenfalls ein spannendes Organ: Sie steht für das nährende Prinzip der Mutter. Wir nähren uns auf allen Ebenen, wenn wir mit unserer Brust in Einklang leben. Das betrifft nicht nur den Appetit und die individuell passende Auswahl beim Essen und bei den Getränken, sondern auch geistige, seelische und energetische Nahrung.

Wohl genährt können wir der Welt geben, was wir ihr zu bieten haben. Wir schöpfen aus dem Vollen. Gleichsam kommt Nährendes zurück zu uns. Die Fülle anzunehmen, dient uns und den Gebenden im selben Maß. Das Nähren ist ein Kreislauf – wie der Energiefluss im Generationenwechsel oder das Wachsen und Vergehen und Wiederwachsen in der Natur.

Wenden Sie sich Ihren Brüsten wie Ihrem Körper im Allgemeinen mit Respekt, Liebe und Selbstfürsorge zu. Sie haben es verdient. Wenn wir unseren weiblichen Körper liebevoll betrachten und sorgsam pflegen, dient das unserem Selbst-Verständnis als Frau.

Leider haben die meisten Menschen kaum Kontakt zu ihrem Körper. Genauer gesagt, ihr Bewusstsein ist wenig im physischen Leib verankert. Das hat in vielen Fällen Gründe. Oft herrschten in der Vergangenheit Umstände, die ein Entkoppeln von Empfindung und Körper notwendig machten. Das geschieht nicht bewusst, sondern als Folge bestimmter Erlebnisse. Gewalterfahrungen und andere Grenzüberschreitungen, Vernachlässigung oder einfach das alltägliche Wegignorieren von Bedürfnissen mögen Anlässe gewesen sein, die das „Dissoziieren“ auf den Plan gerufen hatten. Als Bewältigungsstrategie in Krisenzeiten dient es uns zum Überleben. Eine gute Dauerlösung ist das nicht.

Und die Folgen…

Das Abspalten der Körperempfindung vom Bewusstsein verhindert, dass wir unsere Intuition nutzen können, die sich in feinen Körperwahrnehmungen zeigt. Ohne Zugang zum „Bauchgefühl“ wird jede Entscheidung zur Tortur. Viel von der oft beschworenen Selbst-Sicherheit hängt mit der Wahrnehmung unseres Körpers zusammen. Sich nur in den Geist zurückzuziehen, führt zu seelenlosen Entscheidungen, die nur aus der technischen Vernunft heraus getroffen werden. Wir machen dann alles, was machbar ist, ohne nach dem Warum und Wozu zu fragen, was der praktischen Vernunft zugeschrieben ist. Auf diese Weise sind wir in die aktuelle Misere hineingeraten. Es wird höchste Zeit, dass wir uns alle wieder viel mehr spüren.

Im Jin Shin Jyutsu gibt es eine Übung, die das Körperbewusstsein stärkt. Halten Sie die Daumenwurzel mit einem oder mehreren Fingern der anderen Hand so lange Sie wollen und wie es Ihnen wohltut. Dieser Griff dient Ihnen, sich besser zu spüren und Ihren Körper wahrzunehmen. Sie dürfen die Stelle dabei drücken, aber das müssen Sie nicht. Vielleicht können Sie so die sanfte Berührung üben, die Sie auch Ihren Brüsten gönnen dürfen.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

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