Im Schatten der Einheit

Kommentar von Petra Weiß. Lesedauer ~ 7 Minuten
Rubrik: Im Lichte der Geschichte

Während sich Politiker gegenseitig (und selbst) anerkennend auf die Schulter klopfen, denke ich an die psychologischen Folgen historischer Ereignisse und möchte sie aus meinem ganz persönlichen Blickwinkel beleuchten.

Ich erinnere mich genau, wie mein Lehrer im Politik Leistungskurs im Schuljahr 1988/1989 die Klasse fragte, für wie wahrscheinlich wir eine Wiedervereinigung hielten. Meine Antwort war klar: Wünschenswert, aber unwahrscheinlich. Vielleicht irgendwann in ferner Zukunft, da müsste sich aber noch vieles ändern.

Wir hatten gerade das Grundgesetz studiert und die Unterschiede zwischen dem freiheitlich demokratischen System im Westen und der kommunistischen Knechtschaft im Osten gelernt. Das schien mir so gar nicht zusammengehen zu wollen.

Wenige Monate später fiel die Mauer. Ich war tief berührt und habe geweint. In meiner jugendlichen Naivität war die Grenzöffnung für mich ein Symbol der Brüderlichkeit. Die Erleichterung der vormals gewaltsam getrennten Menschen erfasste mich wie eine Woge der Euphorie. Ein Wunder war geschehen. Endlich waren Familien wieder vereint, eine Diktatur war beendet und Menschen wieder frei. Den 3. Oktober habe ich viele Jahre lang in diesem Sinne als Feiertag erlebt.

Später habe ich einigen Menschen „aus dem Osten“ kennengelernt. Durch sie gewann ich Einblicke in Schicksale, die eine andere Seite der Medaille zeigen.

Die Tochter eines Stasi-Mitarbeiters erzählte mir, wie ihre Familie aus heiterem Himmel alle Privilegien verlor. Zu Recht, werden Sie vielleicht sagen. Dennoch ist das für ein Kind verstörend. Sie musste ohne Vorlauf das Internat verlassen und wusste nicht, wie es weitergehen würde. Der Vater wurde inhaftiert. Mit der Wende fehlten der Familie von jetzt auf gleich die Existenzgrundlage und der gesellschaftliche Status. Aus psychologischer Sicht ist dieser Bruch in der Biografie prägend. Eben gehört man noch zur Elite und erlebt das als Alltagsnormalität, im nächsten Moment findet man sich am Rand der Gesellschaft wieder. Wie mag sich das auf das Mädchen ausgewirkt haben?

Der Sohn eines Arbeiters berichtete davon, dass er als Teenager an den Montagsdemonstrationen teilgenommen hatte. Als dann die ersehnte Wende kam, hat sein Vater die Veränderungen nicht verkraftet. Sein hart verdientes Geld war plötzlich nichts mehr wert. Alles, woran er geglaubt hatte, zerfiel von einem Tag auf den nächsten zu Staub. Die Ideologie, welche sein ganzes Leben lang Grundlage seiner Welt war, galt plötzlich als falsch. Der Mann wurde alkoholkrank und lebte zeitweise obdachlos auf der Straße, während seine Frau putzen ging, um die beiden Kinder durchzubringen. Wie mag sich das auf den jungen Mann ausgewirkt haben, der selbst daran mitgewirkt hatte, dass genau diese Veränderung erreicht wurde, an der sein Vater zerbrach?

Das Ende der DDR war nicht für alle ein Grund zum Feiern.

Am Tag der Wiedervereinigung gedenke ich derjenigen, die Opfer gebracht haben, um in Einigkeit und Recht und Freiheit zu leben. In meiner traumatherapeutischen Praxis erfahre ich, wie es manchen von ihnen heute geht:

Die Tochter einer Republikflüchtigen beschrieb ihr Leid, als Teenager von der Mutter verlassen worden zu sein. Sie ist wütend und verzweifelt, weil ihr dieses Opfer nun sinnlos erscheint in Anbetracht der politischen Entwicklungen.

Das Kind eines Widerständlers hatte immer wieder einschüchternde Hausdurchsuchungen miterleben müssen. Diese Grenzverletzungserfahrungen sitzen tief. Als erwachsener Mensch hat es jetzt Angst vor Kontrollen durch das Ordnungsamt.

Eine Frau, die als Jugendliche ohne jeglichen Besitz mit ihrer Familie in den Westen geflüchtet war, schaltet in den Anpassungsmodus um. Sie denkt, dass sie jetzt wieder zwei Meinungen braucht: eine öffentliche und eine private.

Ich finde das traurig. Heute. 30 Jahre danach. Wir dürfen alle gespannt sein, welche Spuren die jetzige Zeit hinterlassen wird.

In meiner Praxis beobachte ich, dass aktuell viele Traumareaktivierungen stattfinden. Das kann sehr krisenhaft sein, aber darin liegt auch eine Chance. Zu mir kommen immer mehr Menschen, die ihre schlimmen Erlebnisse jahrzehntelang gedeckelt hatten. Jetzt geht das nicht mehr. Bedrohungen – reale und eingeredete – lauern an jeder Ecke. Als Folge ergreifen Wut, Angst oder Lähmung die Menschen mit der vollen Wucht von damals. In diesem akuten Zustand drängen die chronischen Verletzungen auf Heilung.

Ich wünsche mir, dass diese Krise als Katalysator für die Entwicklung des Einzelnen und somit auch für den Bewusstseinsprozess der Menschheit dient. Wenn wir jetzt aus der Not heraus gezwungen sind, den alten Schmerz anzuschauen und die Wunden sauber zu versorgen, dann hat das Ganze langfristig einen Sinn. Lösen wir unsere Traumata, dann müssen wir das Leid nicht von Generation zu Generation immer weiterreichen. Diese Aussicht gibt mir Hoffnung.

Falls Sie nach dem schweren Stoff etwas zur Erheiterung brauchen, lege ich Ihnen den Film „Good bye Lenin“ ans Herz. Es ist wichtig, dass wir unseren Humor nicht verlieren.




 

Die Aikido-Abwehr: Angriffe transformieren.

Schreibkunst Texter Redakteur

Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~7 Minuten
Folge 3 der Serie „Jin Shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impulsgeber für das Bewusstsein“

Haben Sie schon einmal eine asiatische Kampfkunst beobachtet? Das schaut ganz anders aus als Boxen. Die Bewegungsabläufe erscheinen anmutig und fließend. Angriffe werden nicht durch eine abwehrende Gegenbewegung gestoppt, sondern geschmeidig in die eigene Bewegung überführt. So nutzt man die Energie des Gegners. Auf diesem Prinzip beruht die Stärkung des Immunsystems im Jin Shin Jyutsu. Das Sicherheitsenergieschloss SES3 wird mit einer Saloontür verglichen, die aufschwingt, um verbrauchte Energie abzugeben, und im Zurückschwingen neue Energie mitbringt.

Mich erinnert das Bild an ein Sprichwort: „Eine Wand ist immer eine Wand. Sie wird Dir nur Schmerzen zufügen, wenn Du Dich dagegen stemmst.“ Wir können an einer Wand auch einfach vorbeigehen. Wir müssen nicht jede Einladung annehmen, die uns offeriert wird. Manche Wände sind nur aufgestellt worden, damit sich jemand dagegenstemmt, der dann beschäftigt oder abgelenkt ist.

Ich finde den Begriff „Empörungsmanagement“ erhellend: Jemand wirft Ihnen eine Information vor die Füße, über die Sie sich aufregen sollen. Er lenkt damit bewusst Ihre Aggression. Sie werden sich brav über das gewünschte Thema echauffieren und in Ihren Ärger andere Dinge nicht wahrnehmen. Außerdem eignet sich dieses Manipulationsinstrument hervorragend zum Spalten.

Neulich las ich in einem angeblich „sozialen“ Netzwerk einen Beitrag, in dem vorgeschlagen wird, dass kinderlose Frauen mit einer haarsträubenden Erklärung mehr Geld bekommen sollen als Mütter: Weil ihr nicht vorhandener Nachwuchs kein CO2 produziert! Niemand kann das auch nur ansatzweise ernst meinen. Aber die Einladung zum Empören hat funktioniert. Ein paar Mütter haben sich pflichtschuldig aufgeregt. Und besser noch: Kinderlose Frauen fingen an, sich zu rechtfertigen für ihren Status und geißelten sich gleich mal selbst. Ziel erreicht: Aggression entfesselt, gelenkt und Menschen in zwei Gruppen gespalten: die empörten Opfer und die schuldbewussten Täter. Tatsächlich gab es gar kein Verbrechen. Alles war – Verzeihung – reiner Brainfuck.

Mit Empörungsmanagement werden wir perfekt manipuliert: Wir fühlen uns vollkommen im Recht, moralisch überlegen und es geht uns gut. Hier hat jemand das Prinzip verstanden, Ihre Energie für sich zu nutzen. Es ist wichtig, das zu erkennen. Bevor Sie das nächste Mal einen empörten Post absetzen, fragen Sie sich: Wozu dient das Ganze hier? Glaube ich das WIRKLICH? Wieso soll ich meine Lebenszeit mit diesem Thema verbringen?

Es gibt viele Wände, die Sie einfach links liegen lassen können. Konzentrieren Sie sich auf das, was für Sie in Ihrem Leben wichtig ist. Worüber lohnt es sich, sich zu ärgern? Ärger ist eine kraftvolle Feuerenergie. Sie ist dann gut eingesetzt, wenn sie in praktisches Handeln führt.

Transformieren Sie solche Angriffe in positive Energie: Freuen Sie sich darüber, dass Sie als Mutter, eine gute Freundin haben, die Nicht-Mutter ist und den Vorschlag bestimmt ebenso bescheuert findet wie Sie.

Immer wenn Sie manipulative Muster erkennen, nutzen Sie den Impuls. Prüfen Sie, ob es Ihnen dient, wenn Sie genau das Gegenteil machen. Im Falle der Spaltung: Finden Sie Gemeinsamkeiten. Dann geht die peinlich platte Manipulation nach hinten los. Damit nutzen Sie die Energie für gute Zwecke.

Diese Form der Abwehr unterstützen Sie mit der asiatischen Heilkunst Jin Shin Jyutsu, indem Sie sich eine Hand über die Schulter legen. Dabei berühren Sie den oberen Rand Ihres Schulterblatts. Hier befindet sich das Sicherheitsenergieschloss SES3. Während Sie diesen Punkt halten, wird Ihr Immunsystem reguliert. Der Griff wird daher vorbeugend und auch im Akutfall bei Infekten und anderen Erkrankungen eingesetzt, die eine stabile Abwehr brauchen.

Lassen Sie die Hand dort einfach so lange liegen, wie es Ihnen gut tut, und wiederholen Sie die Übung so oft Sie wollen. Achten Sie auf eine insgesamt bequeme Position. Probieren Sie aus, ob Sie lieber im Sitzen oder im Liegen üben bzw. ob auf dem Rücken oder auf der Seite liegend.

Praktischer Tipp

Auch muskuläre Verspannungen behindern den Energiefluss. Achten Sie deshalb bei Erkältungsneigung, rezidivierenden Herpes-Bläschen oder wiederkehrenden Blasenentzündungen auf Ihre Schulter-Nacken-Partie. Korrigieren Sie die Sitzpostion, wenn nötig, und bauen Sie Pausen ein, falls Sie länger am Bildschirm sitzen. Lassen Sie immer wieder bewusst die Schultern fallen. Eine Massage kann ebenfalls wohltuend wirken.

In der kalten Jahreszeit dient Ihnen ein durchwärmendes Öl, z.B. mit Arnika, ein Kirschkernkissen oder eine Rotlicht-Lampe zum Entspannen des Nackenbereichs. Häufig ist das Bettzeug Ursache von einem steifen Hals. Prüfen Sie, ob Form, Material und Bezug des Kissens Ihren Bedürfnissen (noch) entsprechen.




Zur Serie

Die Serie „Jin Shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impuls für das Bewusstsein“ erscheint im Online-Magazin „Weißheiten: vom Ich zum Selbst“. Zwischen September 2020 und Februar 2021 wird jede Woche ein Beitrag gepostet. Sie erfahren, wie Sie mit einfachen Griffen Ihren Energiefluss gezielt harmonisieren können. Ein gut balanciertes Energiesystem fördert Ihre Gesundheit, dient der emotionalen Regulation und unterstützt Ihren Bewusstseinsprozess. Grundlegende Informationen zur Methode und zur Anwendung der Griffe erhalten Sie aus dem…

Pilot-Artikel zur Serie Jin shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impulsgeber für das Bewusstsein

Schreibkunst Redakteur
Foto: Petra Weiß

Weitere Beiträge aus der Serie:

SES1 Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

01.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~5 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Foto: Huskyherz / pixelio.de

Kennen Sie das? Sie wissen genau, was Sie tun müssten, und finden keinen Anfang. Egal, ob es sich um einen Arbeitsauftrag, das Aussortieren Ihrer Kleider oder eine überfällige Bewerbungsaktion handelt. Vielleicht ist die Fülle an Möglichkeiten zu groß, so dass Sie sich nicht entscheiden können. Oder Sie fürchten, einen Fehler zu machen. Oder das Ganze überfordert Sie. Oder Ihr Kopf und Ihr Bauch sind unterschiedlicher Meinung. An vielen Punkten kann man ansetzen, um innere und äußere Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Immer notwendig ist der zündende Funke, der gefühlte Startschuss, das Freisetzen der Energie.

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SES2 Das Ende der Spaltung

09.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~9 Minuten

Schreibkunst Texter Ghostwriter
Foto: p.kopf / pixelio.de

Wenn wir die schmerzhafte Spaltung in unserer Gesellschaft überwinden wollen, müssen wir die Spaltung in uns erkennen: Welche Anteile habe ich abgespalten, weil sie mir so böse erscheinen, dass ich nicht einmal im stillen Kämmerlein bei Kerzenschein hinschauen kann? Und genau diesen Teil integrieren.

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SES4 Weise Entscheidungen treffen

23.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~ 6 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Foto: Oliver Mohr / pixelio.deIm Alltag treffen wir viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Hier fließen Millionen von Daten aus unserem Wissen und unseren Erfahrungen in Bruchteilen von Sekunden zusammen. Die Kunst dabei ist, das Unwesentliche zu ignorieren.

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Zur Person

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Petra Weiß ist als Heilpraktikerin mit ihrer Praxis für Homöopathie, Ganzheitsmedizin und Psychotherapie (HeilprG) in Weinheim niedergelassen. Jin Shin Jyutsu war ab 2003 ein wesentlicher Mosaikstein in ihrem Genesungsprozess von einer angeblich unheilbaren Erkrankung. Sie ist seit 2014 als Jin Shin Jyutsu Praktikerin zertifiziert, hält Vorträge für Therapeuten und Laien, gibt Selbsthilfekurse und hat mehrere eigene Themen-Workshops gestaltet.

Zum Weiterlesen

Riegger-Krause, Waltraud: Jin Shin Jyutsu: Die Kunst der Selbstheilung durch Auflegen der Hände. IRISANA 2012
Burmeister, Alice: Heilende Berührung: Körper, Seele und Geist mit Jin Shin Jyutsu behandeln. KNAUR.LEBEN 2019

Das Ende der Spaltung

Schreibkunst Texter Ghostwriter

Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~9 Minuten
Folge 2 der Serie „Jin Shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impulsgeber für das Bewusstsein“

Menschen bei einer tatsächlichen oder angeblichen Verfehlung zu ertappen, ist zum Volkssport geworden. Es gibt uns ein gutes Gefühl der moralischen Überlegenheit. Über gut oder schlecht entscheidet häufig nicht der innere Kompass des Einzelnen, sondern das aktuell gültige Wertesystem. Die Konvention gibt nicht nur vor, welchen Werten wir zu folgen haben, sondern auch in welcher Weise sie sich in unseren Handlungen spiegeln müssen.

Wir können uns mit breiter Rückendeckung über abweichendes Verhalten empören und wähnen uns vollkommen im Recht. Wir tun dann so, als seien wir selbst frei von Makel. Und manchmal glauben wir das sogar. Auf jeden Fall sind wir bemüht, der Welt eine blütenweiße Weste zu zeigen. Aus gutem Grund: Der kleinste Schmutzfleck könnte uns von der ungnädigen Gemeinschaft der Unfehlbaren ausschließen. Wenn wir uns dann nicht in vorauseilendem Gehorsam selbst geißeln, bewerfen uns dieselben Menschen mit Dreck, die eben noch gemeinsam mit uns Seite an Seite gegen andere vorgegangen sind.

Uns mit unseren eigenen Schwächen zu konfrontieren, ist hingegen völlig aus der Mode geraten.

Wenn wir die schmerzhafte Spaltung in unserer Gesellschaft überwinden wollen, müssen wir die Spaltung in uns erkennen: Welche Anteile habe ich abgespalten, weil sie mir so böse erscheinen, dass ich nicht einmal im stillen Kämmerlein bei Kerzenschein hinschauen kann? Und genau diesen Teil integrieren.

Wir leiden kollektiv unter einem besorgniserregenden Selbsthass oder zumindest an einem Mangel an Selbstliebe. Die Schokoladenseiten zu lieben, ist kein Kunststück. Selbstliebe bedeutet, auch die weniger populären Eigenschaften als Teil unseres liebenswerten Selbst zu betrachten, statt sie mit aller Macht verbannen oder mit Gutmenschentum übertünchen zu wollen.

Befassen wir uns etwas näher mit der Frage, was mit dem Wort „böse“ gemeint ist. Darüber gibt es einige philosophische Abhandlungen. Mich interessiert vor allem die psychologische Sicht. Böse ist das Gegenteil von gut. Was als gut gewertet wird, variiert von Kulturkreis zu Kulturkreis und von Epoche zu Epoche. Der jeweils aktuell Zeitgeist bildet sich oft in der Gesetzgebung ab. Suchen wir also nach Gemeinsamkeiten.

Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Leben. Was dem Leben dient, wird allgemein als gut anerkannt. Was dem Leben schadet, zumindest als schlecht, häufig auch als böse, und wird bestraft. Eine objektive Einschätzung zu treffen, ist oft kniffelig bis unmöglich. Daher blicken wir auf das Extrem, an dem das Leben Schaden nehmen kann: Wenn jemand das Leben eines anderen beendet.

Wir werden fündig bei der Gerichtspsychologie. Als böse eingestuft werden Täter, die hinter Gittern sitzen, weil sie jemanden ermordet haben. Insbesondere, wenn sie keine Reue und kein Mitgefühl zeigen. Der Mangel an Empathie ist mitentscheidend für das Strafmaß. Diese Beobachtung deckt sich mit dem Satz „Das Böse beginnt da, wo das Mitgefühl endet.“ Und in der Tat gibt es Verbrechen, die kann man nur bei vollkommener Abwesenheit jedes Mitgefühls begehen. Ist also das Einfühlungsvermögen ein wichtiger Faktor bei der Suche nach dem „Bösen“?

Wenn das so ist, müssen wir uns fragen, wovon das Maß unseres Einfühlungsvermögens abhängt. Wieder gibt es verwirrend viele Faktoren und Betrachtungsweisen. Schauen wir uns zur Klärung das Ende der Empathie-Skala an: Menschen ganz ohne Mitgefühl.

Schätzungen zufolge haben etwa 1 % der Bevölkerung keinen Zugang zu ihren Gefühlen und können somit auch kein Mitgefühl empfinden. Wir bezeichnen diese Menschen als Psychopathen. Ein Prozent kling wenig. Das sind allein in Deutschland aber 830.000 Menschen. Ihr Anteil in Gefängnissen ist bei großer Gewaltbereitschaft und geringem IQ hoch. Sind die Vorzeichen umgekehrt, finden wir sie häufiger in den Top-Führungspositionen: von 14,5 % Psychopathen im Management ist die Rede. Wieso sind die Führungs-Eliten Sammelbecken für Leute ohne Emotionen?

Unbelastet von quälenden Gewissensbissen können diese Menschen ihre Agenda verfolgen. Sie plagt keine Angst – weder vor Entdeckung noch vor Strafe. Warum sollten sie redlich arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Sie können andere manipulieren und absahnen. Ihr Entscheidungskriterium heißt: Nützt mir das? Und nicht: Dient das dem Wohl der Gemeinschaft?

Auf diese Menschen können wir gut mit Fingern zeigen. Sie sind ja ganz anders als wir. Sie manipulieren uns und beuten uns aus. Und warum? Weil sie kein Mitgefühl besitzen! Deshalb fühlen wir uns berechtigt, Ihnen das Mitgefühl zu entziehen. Merken Sie was?

Haben Sie Mitleid mit Menschen, die mitleidlos sind. Auch sie gehören zur Menschheitsfamilie. Sie haben sich das Leben ohne Emotionen nicht ausgesucht. Psychopathie ist sozusagen ein „Geburtsfehler“ oder neutraler formuliert „eine Laune der Natur“. Niemand ist schuld. Und keiner kann etwas dagegen unternehmen.

Natürlich müssen wir ihren Untaten ein juristisches und gesellschaftliches STOPP-Schild entgegensetzen, aber als Monster abwerten dürfen wir diese Menschen nicht. Sie verdienen unser Mitgefühl. Schauen Sie in jedes beliebige Gremium und rechnen Sie aus, wie viele der Mitglieder keinen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen haben. So ein armes Leben! Und wenn es Ihnen gelungen ist, Mitgefühl zu empfinden mit jenen, die skrupellos jedes beliebige Verbrechen begehen können, das ihnen Macht oder Reichtum beschert, dann sind Sie reif für die nächste Stufe: Mitgefühl mit sich selbst.

Hören Sie endlich damit auf, sich für Ihre vermeintlichen Schwächen zu verurteilen. Anerkennen Sie, dass Sie nicht perfekt sind. Betrachten Sie Ihre Schattenseiten, auch wenn es weh tut. Der Blick auf das „Böse“ in uns verleiht Demut und Gnade. Ja, wir sind Menschen. Das Gute und das Böse gehören zum Menschsein dazu. Wir können uns dem stellen und wachsen. Oder es verleugnen und unsere schönes Image polieren, bis uns die Hände krampfen.

Beenden Sie die Spaltung in sich. Begreifen Sie, dass Ihnen Ihr scheinbar untolerierbares Gegenüber ungeliebte Facetten Ihrer eigene Persönlichkeit vor Augen hält, und wenn es nur Ihre Unvollkommenheit ist. Werden Sie sich der Projektion bewusst. Erst dann können Sie sie verhindern.

Integrieren Sie Ihre gesellschaftlich weniger erwünschten Qualitäten. Lieben Sie sich nicht trotz Ihrer Schwächen, sondern mit ihnen. Werden Sie sich aller Facetten Ihrer Persönlichkeit bewusst. Erkennen Sie sich selbst. Gewinnen Sie Verständnis für Ihr So-Sein. Vergeben Sie Ihrem jüngeren Ich, das vielleicht unverzeihliche Fehler gemacht hat (mehr dazu bei SES13). Und dann änZum Weiterlesen:dern Sie, was Sie von sich aus verbessern wollen – aber nicht aus einem Gruppendruck heraus, sondern weil es Ihren tiefen Überzeugungen entspricht (mehr dazu bei SES5 und SES16).

Den Prozess der Selbsterkenntnis unterstützt das Sicherheitsschloss SES2. Es befindet sich am Rücken am oberen Rand des Hüftknochens rechts und links der Wirbelsäule. Mit dem Balancieren von SES2 werden Zweifel, Verzweiflung und Zweitracht gelindert. SES2 schickt den „Richter im Rucksack“ in Urlaub und hilft uns aus dem Drang heraus, mit anderen konkurrieren zu müssen. Dadurch werden Erschöpfungszustände aufgelöst. Ganz nebenbei befreit der Griff Energie, die sich in den Beinen staut, und entlastet allgemein den Rücken. Auf der emotionalen Ebene reguliert SES2 Traurigkeit und Sorgen.




Zur Serie

Die Serie „Jin Shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impuls für das Bewusstsein“ erscheint im Online-Magazin „Weißheiten: vom Ich zum Selbst“. Zwischen September 2020 und Februar 2021 wird jede Woche ein Beitrag gepostet. Sie erfahren, wie Sie mit einfachen Griffen Ihren Energiefluss gezielt harmonisieren können. Ein gut balanciertes Energiesystem fördert Ihre Gesundheit, dient der emotionalen Regulation und unterstützt Ihren Bewusstseinsprozess. Grundlegende Informationen zur Methode und zur Anwendung der Griffe erhalten Sie aus dem…

Pilot-Artikel zur Serie Jin shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impulsgeber für das Bewusstsein

Schreibkunst Redakteur
Foto: Petra Weiß

Weitere Beiträge aus der Serie:

SES1 Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

01.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~5 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Foto: Huskyherz / pixelio.de

Kennen Sie das? Sie wissen genau, was Sie tun müssten, und finden keinen Anfang. Egal, ob es sich um einen Arbeitsauftrag, das Aussortieren Ihrer Kleider oder eine überfällige Bewerbungsaktion handelt. Vielleicht ist die Fülle an Möglichkeiten zu groß, so dass Sie sich nicht entscheiden können. Oder Sie fürchten, einen Fehler zu machen. Oder das Ganze überfordert Sie. Oder Ihr Kopf und Ihr Bauch sind unterschiedlicher Meinung. An vielen Punkten kann man ansetzen, um innere und äußere Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Immer notwendig ist der zündende Funke, der gefühlte Startschuss, das Freisetzen der Energie.

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SES 3 Die Aikido-Abwehr – Angriffe transformieren

15.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~7 Minuten

Schreibkunst Texter Redakteur

Foto: Kurt / pixelio.de

Haben Sie schon einmal eine asiatische Kampfkunst beobachtet? Das schaut ganz anders aus als Boxen. Die Bewegungsabläufe erscheinen anmutig und fließend. Angriffe werden nicht durch eine abwehrende Gegenbewegung gestoppt, sondern geschmeidig in die eigene Bewegung überführt. So nutzt man die Energie des Gegners. Nach diesem Prinzip stärken wir mit Jin Shin Jytsu Ihre Abwehr auf körperlicher und seelischer Ebene.

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SES4 Weise Entscheidungen treffen

23.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~ 6 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Foto: Oliver Mohr / pixelio.deIm Alltag treffen wir viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Hier fließen Millionen von Daten aus unserem Wissen und unseren Erfahrungen in Bruchteilen von Sekunden zusammen. Die Kunst dabei ist, das Unwesentliche zu ignorieren.

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Zur Person

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Petra Weiß ist als Heilpraktikerin mit ihrer Praxis für Homöopathie, Ganzheitsmedizin und Psychotherapie (HeilprG) in Weinheim niedergelassen. Jin Shin Jyutsu war ab 2003 ein wesentlicher Mosaikstein in ihrem Genesungsprozess von einer angeblich unheilbaren Erkrankung. Sie ist seit 2014 als Jin Shin Jyutsu Praktikerin zertifiziert, hält Vorträge für Therapeuten und Laien, gibt Selbsthilfekurse und hat mehrere eigene Themen-Workshops gestaltet.

Zum Weiterlesen

Riegger-Krause, Waltraud: Jin Shin Jyutsu: Die Kunst der Selbstheilung durch Auflegen der Hände. IRISANA 2012
Burmeister, Alice: Heilende Berührung: Körper, Seele und Geist mit Jin Shin Jyutsu behandeln. KNAUR.LEBEN 2019

Woher wissen wir, was wir wissen?

Essay von Petra Weiß. Lesedauer ~ 17 Minuten
Rubrik: Umdenken

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Individuelle Erfahrungen prägen ein Universum von subjektiver Wahrheit. Foto: Carsten Przygoda / pixelio.de

Viele Dinge erfahren wir im Laufe unseres Lebens. Wir nehmen etwas wahr: ein Bild, ein Geräusch, einen Geschmack, einen Duft, eine Bewegung oder eine Berührung. Diese Erfahrungen sind sinnliche Wahrnehmungen. Wir nehmen sie mit unseren Sinnen wahr. Sie erscheinen uns als objektive Wahrheiten. Sind sie das wirklich? Oder ist Objektivität in der Wahrnehmung eine Illusion?

Wenn zwei Menschen dasselbe Bild gezeigt bekommen, beschreiben sie es womöglich mit ähnlichen Worten. „Drei grüne Scheiben und ein rotes Rechteck“, sagt ein Betrachter. Ein anderer meint zu erkennen, hier seien „ein rotes Quadrat und drei grün gefüllte Kreise“. Im Wesentlichen scheinen die Wahrnehmungen übereinzustimmen. Die Zahlen sind identisch, die Formen zumindest ähnlich und die Farben werden gleich beschrieben. Woher wissen wir aber, dass ein anderer Mensch die Farbe Rot in gleicher Weise wahrnimmt wie wir selbst?

Wir alle haben gelernt, eine bestimmte Farbe als Rot zu bezeichnen. Ihre Frequenz ist physikalisch messbar, unsere Wahrnehmung von ihr kann identisch oder unterschiedlich sein. Dass Menschen Farben individuell wahrnehmen, wissen wir spätestens seit Bekanntwerden der Rot-Grün-Blindheit. Sie wird anhand eines einfachen Sehtests festgestellt. Bevor aber diese Menschen einen entsprechenden Test machen oder man die Frequenzen von Rot und Grün gemessen hat: Woher wussten die Betroffenen, dass sie Rot und Grün anders wahrnehmen als ihre Mitmenschen?

Und wenn umgekehrt 99 % aller Menschen eine Rot-Grün-Schwäche hätten, wie würden wir mit denjenigen umgehen, die Rot und Grün unterscheiden können? Hätten wir Angst vor ihrer „übersinnlichen“ Wahrnehmung? Würden wir sie als psychisch krank einstufen und versuchen, sie zu heilen?

Eine Erdbeere ist eine Erdbeere ist eine Erdbeere.

Manchen Sinneswahrnehmungen billigen wir eher zu, subjektiver Natur zu sein. Woher glauben wir zu wissen, dass ein anderer Mensch den Geschmack einer Erdbeere auf die gleiche Weise erlebt wie wir selbst? Vielleicht weil wir das Erlebnis mit denselben Worten beschreiben wie er, z.B. als „süß und fruchtig“. Was genau ein anderer Mensch erlebt, wenn er in eine Erdbeere beißt oder überhaupt etwas Süßes und Fruchtiges isst, können wir nicht wissen, auch wenn wir Zuckergehalt und Fruchtsäure exakt bestimmen können.

Wir geben ihm eine reife Aprikose und freuen uns, dass er auch diese als „süß und fruchtig“ beschreibt. Damit wissen wir, dass in seiner Wahrnehmung beide Früchte ähnliche Erfahrungen verursachen. Ob sie dieselben sind wie bei uns wissen wir immer noch nicht.

Aus diesen Betrachtungen gewinnen wir eine wichtige Erkenntnis: Ich kann nur wissen, wie süß und fruchtig für mich schmeckt und wie Rot für mich ausschaut. Das ist meine subjektive Wahrheit. Wir können vermuten, dass andere Menschen ähnliches erleben, wissen können wir das nicht. Ihre subjektive Wahrheit ist möglicherweise der unseren gleich, aber vielleicht ja auch ganz anders.

In fremde Köpfe blicken

Dank moderner Technologie können wir beobachten, welche Regionen im Gehirn aktiv sind, während ein Mensch in eine Frucht beißt – was er dabei erlebt, kann uns der Apparat nicht sagen. Vor lauter Begeisterung über den Fortschritt dürfen wir unsere Bescheidenheit nicht verlieren.

Den sokratischen Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, hielt ich lange Zeit für den Ausdruck von Demut eines antiken Philosophen. Erst spät habe ich verstanden, dass man die Aussage durchaus wörtlich nehmen darf: Wer glaubt, etwas zu wissen, befindet sich im Irrtum. Wer hingegen weiß, dass er nur glaubt, der ist weise.

Wir verwechseln häufig unsere subjektive Wahrheit mit objektivem Wissen. Wenn wir schon im als gesund eingestuften Zustand im Unklaren sind, ob unsere Wahrnehmungen denen der anderen entsprechen, wie schaut das bei Wahrnehmungen außerhalb der Norm aus?

Wahn und Illusion

Die Psychiatrie diagnostiziert eine Wahnwahrnehmung oder Illusion, wenn jemand etwas anderes mit seinen Sinnen zu erfassen glaubt als die meisten anderen Menschen, die sogenannten Gesunden. So als sei Wahrnehmung etwas Objektives. Dabei wissen wir längst, dass manche Menschen besondere Fähigkeiten haben, sozusagen das Gegenteil einer Rot-Grün-Schwäche.

Es gibt zum Beispiel Personen mit einem extrem feinen Gehör, die Töne oberhalb oder unterhalb des üblicherweise wahrgenommenen Frequenzspektrums hören können. Oder elektrosensible, die Spannungsschwankungen wahrnehmen. Nur weil ihre Fähigkeiten nicht der Allgemeinheit entsprechen, heißt das nicht, dass ihre Wahrnehmungen „falsch“ sind. Bei Strom und Ton können wir die Frequenzen messen und ein Gerät sagt uns, dass die Wahrnehmung eine nachvollziehbare ist, auch wenn sie der allgemeinen nicht entspricht. Da haben die Betreffenden aber Glück gehabt! Könnte man die physikalische Frequenzen nicht messen, würden sie vermutlich als Spinner verlacht.

Letztlich sind alle Annehmen, die wir treffen, Konstrukte unseres Verstandes, um die Welt zu begreifen. Menschen bedienen sich geistiger Konzepte, um sich zu orientieren, um sich sicher zu fühlen, um Entscheidungen zu treffen und manchmal auch, um danach zu handeln. Unsere Annahmen gleichen wir mit den Annahmen unserer Mitmenschen ab.

Glauben viele Menschen dasselbe, halten sie diesen Glauben für Wissen. Diese Verwechslung kann Folgen haben.

Wenn schon unsere direkten sinnlichen Wahrnehmungen weit weg von einer  Objektivität sind, wie kommen wir dann auf die Idee, komplexere Zusammenhänge verobjektivieren zu wollen und damit Wahrheit zu erzeugen, was wir Wissenschaft nennen?

Wie schafft man Wissen?

Gibt es so etwas überhaupt: eine objektive Wahrheit? Sind Menschen in der Lage, sie zu ergründen? Oder können wir uns ihr immer nur nähern? Und welche Disziplin sucht wahrhaftig nach ihr?

„Die Naturwissenschaften!“, werden Sie vielleicht vermuten. Nun ja, hier werden Beobachtungen gemacht, die Fragen aufwerfen. Als mögliche Antwort stellt man eine These auf, die man versucht zu beweisen. Also findet man ein Argument, das für diese These spricht, und nennt das einen Beweis. Auch die Anti-These wird aufgestellt und in gleicher Weise beleuchtet. Am Ende wird aus der Gesamtschau eine Synthese gebildet. Wollen wir das Resultat dieser Abläufe als objektives Wissen bezeichnen? Wenn schon die anfängliche Beobachtung etwas Subjektives ist, von der Fragestellung und den entwickelten Thesen ganz zu schweigen.

Wie gehen wir als Menschheitsfamilie mit den Wahrheiten um, die uns unsere Wissenschaft beschert? Wozu dienen ihre Erkenntnisse, wenn sie keinen Einfluss auf unsere Leben haben?

Sensationelle Erkenntnisse ohne Auswirkung

Die Quantenphysik hat schon vor Jahrzehnten bewiesen, dass der Beobachter das Experiment beeinflusst, und damit eigentlich die bisher angenommene Objektivität wissenschaftlicher Experimente wissenschaftlich widerlegt. Die Erkenntnis dringt nicht in die Köpfe der Menschen vor: Es gibt keine Objektivität – weder im Labor noch im richtigen Leben.

Und noch etwas hat die Quantenphysik festgestellt: ein und derselbe Partikel kann sowohl Teilchen als auch Welle sein und sich auch noch an zwei Orten gleichzeitig befinden. Wird Ihnen schwindelig? Nein? Dann haben Sie die Tragweite dieser wissenschaftlich belegten Tatsache noch nicht begriffen: Unsere physische Welt, wie wir sie erleben, kann so und auch ganz anders sein.

Um noch das Sahnehäubchen draufzusetzen, könnte man an dieser Stelle eine weitere sensationelle Erkenntnis aus der Quantenphysik erwähnen: Zwei Teilchen desselben Ursprungs bleiben miteinander in Verbindung, auch wenn man sie räumlich voneinander trennt. Materie ist auf der Quantenebene miteinander verbunden!!!

Und was machen wir? Wir leben unser Leben weiter in den Ansichten der alten Physik, ohne von den neuen Erkenntnissen zu profitieren.

Sinnvolle Einsichten

Wenn Materie gleichzeitig mehrere Varianten von räumlichen Positionen und Zuständen einnehmen kann, ist unser 3-D-Modell der Realität überholt. Und in der Tat sprechen Experten von weit mehr als den bekannten 3 oder 4 (incl.Zeit) Dimensionen. Dann ist Materie nicht das, wofür wir sie bisher gehalten haben.

Und wenn ein Beobachter als Faktor in sein Experiment einfließt, dann ist das ein klarer Hinweis darauf, dass Bewusstsein Materie beeinflusst. Wir dürfen also hoffnungsfroh sein, zumindest unseren eigenen Körper durch unser Bewusstsein beeinflussen zu können. Von diesem Maß an Selbstwirksamkeit sollte jeder Mensch Kenntnis erhalten, entsprechende Fähigkeiten sollten erforscht und geschult werden.

Wo erfahren wir davon? Welche Veränderungen finden wir im Lehrplan der Schulen und Universitäten seit diesen umwälzenden Forschungsergebnissen? Und wer nutzt diese spektakuläre Erkenntnis zum Wohle der Menschheit?

Wenig genutztes Potenzial

In den 1980er Jahren kam die sogenannte Psychosomatik in Mode und erreichte sogar die Schulmedizin. Die Beteiligung psychischer Ursachen wurde für ein paar auserwählte Krankheiten offiziell anerkannt. Heute forscht die Psychoneuroimmunologie an den generellen Wechselwirkungen zwischen der Psyche und dem Nervensystem, der Abwehr sowie den Hormonen. Hier gibt es bereits beeindruckende Untersuchungen, die darauf hinweisen, wie wichtig ein guter Gemütszustand für die körperliche Gesundheit ist.

Hören Sie davon täglich in den Medien? Legt man Ihnen Yoga oder Entspannungstechniken ans Herz und ruft jemand Sie dazu auf, Ihre Traumata zu bearbeiten, wenn Sie gesund bleiben oder werden wollen? Ist Ihnen bewusst, wie schädlich Angst für Ihr Immunsystem ist?

Da sind wir wieder bei unserer Wahrnehmung und der Frage nach der Wahrheit. Nur wenn wir uns Gelegenheit geben, den Einfluss unseres Seelenlebens auf unser körperliches Wohlbefinden zu erfahren, wird die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche erlebte Realität. Sonst glauben wir, was wir oft genug und von vielen Seiten hören und halten das auch noch für objektives Wissen: Die alleinige Herrschaft über unser aller Gesundheit liegt anscheinend bei den medizinischen Fachleuten.

Nur sie wissen, wie wir gesund bleiben oder werden können. Sie dürfen uns folglich vorschreiben, was wir wie und wann essen sollen, wie oft und in welcher Weise wir uns bewegen sollen und so weiter. Schließlich gibt es wissenschaftliche Studien! Es wird Zeit, dass wir alle uns über das Wesen von Studien bewusst werden und sie ihren falschen Heiligenschein der Objektivität verlieren.

Verzerrte Wahrheit mit Nachkommastellen

Wer sich ausführlich mit Statistik befasst, dem wird irgendwann klar: Studien beweisen, was auch immer der Studiendesigner beweisen will. Man muss die Kriterien für die Gruppen nur geschickt auswählen oder die Daten in einen entsprechenden Rahmen setzen. Zahlen haben das Image von harten Fakten, daher eignen sie sich am Besten dazu, Menschen etwas glauben zu machen, insbesondere, wenn man sie mit Balken- oder Tortendiagrammen grafisch aufbereitet. Damit erzeugt man die scheinbar objektive Wahrnehmung eines Sachverhalts: geometrische Formen und Farben. Erinnern Sie sich an unser Anfangsbeispiel?

Wer prüft schon im Detail, ob ein Studiendesign dazu geeignet ist, das herauszufinden, was ihr Ergebnis angeblich belegt? Machen Sie das doch mal zum Spaß in einem Fachbereich, mit dem Sie sich wirklich gut auskennen. Und dann seien Sie sich gewiss, dass solche Zahlentricksereien allgegenwärtig sind.

Wenn unser gesamtes Weltbild auf einer Objektivität fußt, die es gar nicht gibt, wie können wir dann herausfinden, was wirklich wahr ist?

Zunächst einmal müssen wir begreifen, dass wir keine Sicherheit durch äußere Impulse erlangen werden. Das ist hart für unsere Dauerangst-geplagte und daher auf Sicherheit getrimmte Gesellschaft. Warum sind wir so abhängig von der Sicherheit, die uns irgendjemand im Außen anbietet? Weil wir verlernt haben, Sicherheit in uns zu suchen und zu finden. Niemand kann Ihnen sagen, was Ihre subjektive Wahrheit ist. Sie müssen sie selbst erfahren.

Wahrnehmen statt Denken

Woher wissen Sie, dass etwas wahr ist? Sie haben es mit eigenen Sinnen wahrgenommen. So wird es zu ihrer subjektiven Wahrheit. Oft bekommen Sie aber etwas aus zweiter oder dritter Hand vermittelt. Wie prüfen Sie den Wahrheitsgehalt solcher Botschaften? Wann halten Sie eine Information für vertrauenswürdig? Hat der Überbringer selbst eine Erfahrung gemacht, von der er erzählt? Oder berichtet er von etwas, das auch er irgendwo gehört oder gelesen hat?

Wir halten Informationen für wahr, wenn sie in unser bisheriges Weltbild passen und wenn wir dieselbe Aussage mehrfach aus verschiedenen Quellen hören. Dann denken wir, etwas zu wissen. Und haben wir uns erst einmal dafür entschieden, etwas zu glauben, haben gegenteilige Informationen kaum mehr Zugang zu unserem Kopf.

Haben Sie Ihr eigenes Wissen jemals hinterfragt? Ich empfehle Ihnen, in den nächsten Tagen immer wieder ein inneres Stopp-Schild zu setzen und sich zu fragen „Woher WEISS ich das?“. Vielleicht fällt Ihnen dann in dem ein oder anderen Zusammenhang auf, dass sie verschiedenen „Glaubensgemeinschaften“ angehören. Das ist vollkommen in Ordnung, solange Sie sich dessen bewusst sind oder werden. Aber bitte halten Sie Ihren Glauben nicht für eine objektive Wahrheit.

Wirklichkeit ist der Teil der Realität, der wirkt, das ist Ihre subjektive Wahrheit. Es kann dienlich sein, wenn Sie das Denken hin und wieder zugunsten direkter Wahrnehmung hintenanstellen. Gehen Sie in die Natur, riechen Sie an einer Blume, erfreuen Sie sich an ihrer Schönheit, spüren Sie den Boden unter Ihren Füßen, genießen Sie das Aroma einer Erdbeere und geben Sie jemanden einen Kuss. Damit sind Sie nicht in irgendeiner Objektivität. Und das macht gar nichts. Ihre Subjektivität ist für Ihr Leben wesentlich.