Nur zum Besten

Praxis Lichtblick

Wenn ich mir Gedanken darüber mache, wohin die Menschheit gerade läuft, fallen mir Muster im Alltäglich auf, die sich auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen übertragen lassen. Darf ich Sie zu einer kleinen Analogie einladen?

Im Sommer hat mein Haus einen neuen Anstrich bekommen. Und viel mehr als das: Die Stätte meines Wirkens und Wohnens wurde meinem Stil angeglichen. Als klassisch-sinnlicher Typ mag ich es echt und harmonisch. Darum ist der Sandstein jetzt wieder sandsteinfarben und nicht mehr grau. Der schöne Bruchsteinsockel wurde von dem unpassenden Verputz befreit und restauriert. Briefkasten und Klingelknopf sind gegen geschmackvollere Varianten ausgetauscht worden. Das ehrwürdige Gebäude erfährt auf diese Weise eine Renaissance. Und zwar nicht, weil es eine kostbare Villa ist oder ein schickes Loft, sondern weil es genau das alte Bauernhäuschen ist, als das es 1891 erbaut wurde.

Verstehen Sie die Bedeutung, die diese Rückkehr zum Ursprung für mich hat? Meine Vorbesitzer hatten versucht, aus dem altmodischen Schätzchen eine moderne Doppelhaushälfte zu machen. Das zugemauerte Fenster in der Praxis und mein Badezimmer mit großen Kacheln in leuchtendem Orange zeugen noch von dem Gewaltakt. Das Fenster wird in den Weihnachtsferien „rückgebaut“. Fürs Bad liegen Ornament-Fliesen in Anthrazit und gebrochenem Weiß bereit. Schritt für Schritt kehrt der alte Charme zurück.

Anpassungen an den Zeitgeist, welche das Wesentliche nicht achten, zerstören die Harmonie. Es geht nicht darum, sich dem Fortschritt zu verweigern. Ich heize mit Gas und bin froh, dass überall fließend warmes Wasser läuft. Mein Anliegen ist es, das Wesen zu erkennen, wertzuschätzen und zu seiner Entfaltung zu verhelfen.

Was für so ein Haus gilt, trifft auch auf dem Menschen zu. Jeder von uns ist einzigartig. In seinem Wesenskern ist nichts grundsätzlich Falsches, das verbessert werden müsste. In jedem liegt ein Schatz mehr oder weniger verborgen. Diese Schätze zu heben, ist das große Abenteuer der Persönlichkeitsentwicklung. Modern könnte man von Potentialentfaltung sprechen. Ich verwende lieber Begriffe wie „Selbst-Erkenntnis“ und „Selbst-Treue“. Voraussetzung ist das Bewusstwerden unseres Selbst. Das „Selbst-Bewusstsein“ im Wortsinne.

Niemand muss seinen genetischen Code verbessern, um etwas anderes aus sich zu machen als das, was er von Natur aus ist. Die Schöpfung irrt nicht. Was für eine überhebliche Anmaßung meinem Empfinden nach in genetischen Experimenten liegt, kann ich gar nicht in Worte fassen. Der Entwicklungsstand unserer Ethik steht hinter den technischen Möglichkeiten leider weit zurück. Ich hoffe, dass sich das ändern wird, bevor wir die Menschheit im Machbarkeitswahn zugrunde gerichtet haben.

Die ungesunde Entwicklung zeichnet sich schon länger ab. Wir schnippeln am Leib herum, wie es uns beliebt, hier ein bisschen mehr Brust, dort ein bisschen weniger Nase. Welch Geistes Kind sind Schönheitsoperationen? Außer zum Wiederherstellen des Naturgegebenen z. B. nach einem Unfall. Hat Gott seinen Job nicht gut gemacht? Nicht gut genug? Wie wollen wir jemals mit unserem menschlichen Tun Zufriedenheit erlangen, wenn wir sogar die Natur verbessern müssen?

Glauben Sie, Schönheitsoperationen seien etwas für reiche Spinner? Das Anpassen von körperlichen Merkmalen an ein Ideal ist alltäglicher, als Ihnen vielleicht bewusst ist. Es ist vollkommen normal geworden, Kinder mit Zahnspangen zu quälen, damit sie später ein perfektes Lächeln zeigen können. Wie sehr ihnen das Lachen dabei vergeht, interessiert die geschäftstüchtigen Kieferorthopäden nicht an erster Stelle. Den besorgten Eltern erzählt man, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt, dass sein Kiefer zu schmal sei oder dass der Biss nicht dicht genug schließe. Die Behandlung wird als einziger Weg angepriesen, um dem Kind eine menschenwürdige Zukunft zu ermöglichen. Wer will seinem Sprössling das Lebensglück verweigern? Also legt man 5.000 Euro und mehr auf den Tisch, um viele Monate der Zahnfleischentzündungen und gestörter Sprachentwicklung auf den Weg zu bringen.

Mir sind einige Patienten begegnete, deren Zähne sich nach der Tortur den Weg zurück in die ursprüngliche Form gesucht haben oder die mit der kompletten Statik Probleme haben, die immer wieder korrigiert werden müssen. An so einem Kiefer hängt nämlich ein ganzer Mensch. Die medizinischen Notwendigkeit oder die Nachhaltigkeit des Nutzens will ich hier aber nicht diskutieren. Dazu fehlt mir die zahnmedizinische Expertise. Mir geht es um die psychologische Auswirkung solcher Eingriffe.

Wir zeigen unseren Kleinsten schon früh, dass sie ungenügend sind. Ihr Körper muss gewaltsam zurechtgebogen werden. Dass sie dabei dauerhaft Schmerzen haben, müssen Sie ausblenden, um sich beispielsweise auf die Schule konzentrieren zu können. Auf diese Weise wird die Spaltung des Bewusstseins vom Körper kultiviert. Später wundern wir uns, warum wir uns nicht mehr spüren, warum wir beispielsweise unser Hunger- und Sättigungsgefühl nicht wahrnehmen oder gar nicht merken, dass wir durstig sind oder aufs Klo müssen und warum wir generell unsere eigenen Grenzen nicht beachten.

Dies ist kein Angriff auf einzelne Eltern oder Ärzte, die es gut gemeint haben. Es ist ein Hinweis auf merkwürdige Erscheinungen in unserer Gesellschaft, die für die meisten von uns normal geworden sind und nicht mehr hinterfragt werden.

Mir hat es fast das Herz gebrochen, einen Neunjährigen dabei zu erleben, wie er sich verzweifelt bemüht, mit dem Metall und Plastik im Mund zu sprechen. Genau zu der Zeit, wenn in der Entwicklung die Vernunft erwacht und die Begriffsbildung den Bewusstseinsprozess unterstützt, verdammt man die kleinen Menschen dazu, Unverständliches zu nuscheln. Und das soll zu ihrem Besten sein? Ehrlich?

Viele von uns haben jegliches gesundes Empfinden für das eigene Wohl und damit auch für das Wohl unserer Kinder verloren. Statt auf unseren Körper hören wir auf Autoritäten, die uns sagen, was wir zu ertragen haben. Weil wir uns nicht mehr spüren, kann man uns vorzüglich beeinflussen. Wenn etwas ansprechend klingt, werden wir es glauben. Wir prüfen Worte nicht mehr an der Realität. Würden wir Aussagen über einen Sachverhalt an der Wirklichkeit, also an der Wirkung des Tatsächlichen auf unser Erleben, messen, würde uns bewusst, wie absurd manch Wohlklingendes in Wahrheit ist. Uns kann man alles erzählen. Es muss sich nur gut anhören.

Der Weg zurück in ein gesundes Leben beginnt bei der Verbindung zwischen Körper und Bewusstsein. Das ist die erste Spaltung, die wir überwinden müssen, bevor wir uns über weitere Spaltungen Gedanken machen. Deshalb sind Übungen so kostbar, die Bewusstsein in die Materie, in diesem Fall in den Leib, bringen und so die Verbindung stärken. Solche Übungen können sich auch auf ganz praktische Dinge beziehen, wie beispielsweise eine Renovierung.

Ich komme also zurück zu dem Haus. Kaum haben mein Mann und ich begonnen, unser Bewusstsein als gestalterische Kraft in das Gebäude zu bringen, werden rings um uns Veränderungen sichtbar. Drei Häuser in der Nachbarschaft (von insgesamt 17 Häusern in dieser Straße!) haben gerade den Besitzer gewechselt, ein weiterer Wechsel ist in Vorbereitung. Jede einzelne ist eine Veränderung zum Besseren. Mir kommt es vor, als hätten wir eine weiträumige Bewegung angestoßen.

Die Dunkelheit in meinem Hof ist durch den weißen Anstrich gelichtet und zeitgleich wurde auf dem benachbarten Grundstück der Nadelbaum gefällt, so dass alle Schatten wichen. Eine überschattete Nachbarschaft löst sich durch Eigenbedarf des neuen Besitzers ebenso in Wohlgefallen auf. Mit den bevorstehenden Umbaumaßnahmen wird die junge Familie mehr Leichtigkeit und Lebendigkeit in das Haus bringen. Der Feng-Shui-Berater würde frohlocken. Drei angrenzende Grundstücke – eine Bewegung zum Licht. Die neuen Eigentümer eines anderen Anwesens in unserer Straße teilen unsere Freude am Ursprünglichen und gaben ihre Pläne zur „Retro-Renovierung“ bekannt. In dem Haus wohnten vorher Leute, die niemals jemanden gegrüßt hatten. Jetzt war die ganze Nachbarschaft bei den „Neuen“ schon zu Brezeln und Sekt im Hof eingeladen.

Wenn so ein energetischer Stein einmal ins Rollen geraten ist, zieht er Entwicklungen nach sich, die man nicht zu hoffen gewagt hätte. Und alles begann mit unserer Fassade und der Besinnung auf das wahre Wesen eines Hauses.

Wenn wir das Bild übertragen wollen, besinnen wir uns auf das Wesentliche in uns. Fangen wir an, uns in diese Richtung zu entwickeln, unsere Einzigartigkeit herauszuarbeiten und unser Eigentliches in die Welt zu stellen. Dann ziehen wir damit andere Menschen an, die sich ebenfalls in Richtung Authentizität entwickeln (wollen). Und alle inspirieren und unterstützen sich gegenseitig.

Ihr Ansatz muss nicht so aufwändig sein. Halten Sie Ausschau nach dem Lebensbereich, den Sie mit Freude und Elan neu gestalten wollen. Orientieren Sie sich an Ihrem persönlichen Stil, nicht am Zeitgeist und erst gar nicht an den Erwartungen oder Vorstellungen anderer. Und dann: Legen Sie los. Ihre inneren Entwicklungen wollen sich im Außen zeigen. Ihr wahres Wesen drängt nach Verwirklichung. Dieses Äußern wiederum beflügelt die inneren Veränderungen, und so weiter.

Text und Foto: Petra Weiß

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Die Spinne in der Yucca-Palme. Moderne Märchen für Erwachsene

Vielleicht erinnern Sie sich an die 1980er Jahre. Damals kamen schaurige Geschichten in Mode, die unsere Urängste angesprochen haben und für Gänsehaut am Lagerfeuer sorgten. Eine solche Mär war die Vogelspinne, die je nach Lesart entweder in einer Palme oder in einer Bananenstaude ins heimische Wohnzimmer fand und dort zunächst unentdeckt blieb.

Die Botschaft solcher Gruselgeschichten lautet: “Überall lauert Gefahr. Selbst dort, wo Du Dich sicher fühlst.” Auch wenn ich einer Erzählkunst mit überraschenden Wendungen im Sinne ihres Unterhaltungswertes einiges abgewinnen kann, sehe ich die Dramaturgie aus meiner psychologischen Warte mit wachsamem Blick. Und ich erkenne das Muster heute rings um mich her wieder.

Als Traumatherapeutin weiß ich, dass Gefahren unsere ganze Aufmerksamkeit binden. Darauf haben wir keinen Einfluss. Das hat die Natur für unser Überleben so eingerichtet. Ob es tatsächlich eine Bedrohung gibt, oder ob wir uns nur an ihrem Schauer ergötzen, spielt für das Nervensystem und für die Ausschüttung von Stresshormonen keine Rolle. Auf die biochemischen Auswirkungen bin ich an anderer Stelle bereits eingegangen. Hier will ich mich weiteren Gesichtspunkten widmen.

Narrative lenken unser Bewusstsein. Dafür können wir uns entscheiden. Wir können unser Bewusstsein aber auch auf ganz andere Gedankeninhalte richten. Das liegt in unserer Macht. Wem wir zuhören, was wir lesen, mit welchen Gedanken wir uns im Weiteren auseinandersetzen, ist unsere freie Wahl. Wenn unser Trauma aber erst einmal getriggert ist, kostet es uns viel mehr Energie und Achtsamkeit, um uns aus dem Strudel von Emotionen, Körperempfindungen und Gedanken wieder zu befreien. Manchmal bleiben wir dann im Alarmzustand von einem Angst-Kick bis zum nächsten und kommen gar nicht mehr zur Ruhe.

Wir können uns in ein Trauma regelrecht hineinschrauben. Aber wir müssen das nicht. Wenn wir stattdessen in einem Zustand der Stärke bleiben wollen, wenden wir uns stärkenden Inhalten zu. Das ist für jeden etwas anderes. Der eine schöpft Kraft aus seiner Arbeit, der andere aus seiner Familie, aus seinem Sport oder aus der Natur. Viele wenden sich in harten Zeiten einer Glaubensgemeinschaft zu, auch wenn wir diese nicht als religiös im Wortsinne bezeichnen würden. Sie glauben an etwas oder an jemanden, um Sicherheit und Halt zu gewinnen. Ich freue mich für jeden, bei dem das auf Dauer wirklich funktioniert.

Sich aus weiteren Geschichten mit Hoffnung zu speisen, hat Risiken und Nebenwirkungen. Sie können nämlich zutreffen oder auch nicht. Aus Erfahrung kann ich Ihnen raten, die tatsächlichen Zustände dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Sich in eine wunderbare Welt hineinzuträumen, mag zwar aus einem esoterischen Blickwinkel hilfreich sein. Und ich schließe gar nicht aus, dass wir so eine Schwingungserhöhung für den Planeten erzeugen. Mein Handwerk ist aber nicht die Esoterik, sondern die Psychologie. Und als Fachfrau für das Nervensystem muss ich Ihnen sagen, dass es wichtig ist, mit beiden Beinen auf der Erde zu bleiben. Spannen wir unser Nervensystem durch positives Denken zu sehr in die Friede-Freude-Eierkuchen-Perspektive, dann wird es vollautomatisch zurück schnalzen, wie ein überdehnter Gummi. Autsch, das tut weh.

Besonders ängstliche Menschen sind anfällig für Heilsbringer, Orakel und magische Kalenderdaten. Was ihnen zunächst Entspannung beschert, dient ihnen langfristig oft leider gar nicht. Wenn nämlich das Datum verstreicht, ohne dass das erhoffte goldene Zeitalter nun endlich angebrochen ist. Wenn der Retter sich als ganz normaler Mensch mit eigenen Interessen entpuppt oder wenn das Orakel mit seiner Prophezeiung mal wieder daneben lag. Diese Enttäuschungen sind um so schwerer zu verkraften, je ausschließlicher sich unsere Zuversicht darauf stützte. Wir brauchen also eine Zuversicht, die sich aus unserem Erleben speist und nicht nur aus weiteren Storys.

Beziehen Sie sich in ihren berechtigten Bedürfnis, einen hoffnungsfrohen Glauben zu pflegen, auf reale Erfahrungen mit echten Menschen und eigene spirituelle Erlebnisse. Bleiben Sie in Kontakt mit Ihrem Körper. Spüren sie aufmerksam in sich hinein. Nehmen Sie ihre Empfindungen wahr und benennen Sie diese. Verweilen Sie nicht bei unangenehmen Gefühlen, aber verdrängen Sie sie auch nicht. Bleiben Sie in der Haltung eines aufmerksamen Beobachters.

Gruselgeschichten liefern einen Schein-Grund, warum wir uns als ängstlich erleben (dürfen). Dieser Kunstgriff des Unbewussten ist genauso verständlich wie bedenklich. Wenn wir nämlich unsere tatsächlichen Risiken zur Seite schieben und unsere Angst auf etwas ganz anderes richten, bleibt die eigentliche Bedrohung unbeantwortet. Sinnvolle Vorsichtsmaßnahmen gegen konkrete Risiken zu ergreifen, ist uns dann nicht möglich. Wir sind gefangen in einem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Stattdessen müssen wir in unsere Handlungsfähigkeit zurückfinden, um gut für uns zu sorgen.

In diesen Tagen erleben fast alle Menschen reale Gefahren, derer sie sich mehr oder weniger bewusst sind. Sie haben echte und eingebildete Ängste. Und je mehr wir in Angst sind, desto weiter entfernen wir uns von unserem gesunden Körperempfinden, von unserer klaren Wahrnehmung des Tatsächlichen und von einer Unterscheidungsfähigkeit zwischen theoretischer Möglichkeit und praktischer Wahrscheinlichkeit.

Meine Empfehlung ist eindeutig: Kommen Sie zu sich und beruhigen Sie sich. Sie haben bestimmte Methoden, Ihr Nervensystem zur Ruhe zu bringen. Wenden Sie diese jetzt vermehrt an. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob Sie sich durch Ablenkung beruhigen oder durch Kontakt oder durch naturheilkundliche Mittel wie Bachblüten oder Jin Shin Jyutsu. Sie wissen, was Ihnen dient. Ansonsten lassen Sie sich fachkundig unterstützen.

Bei konkreten Ängsten können Sachinformationen manchmal hilfreich sein. Zahlen, die ein Risiko differenziert darstellen und Ihnen verdeutlichen, wie gering die Gefahr tatsächlich ist, sind dienlich. Finden Sie heraus, wie stark Sie in Wirklichkeit von einer Krankheit, von den Nebenwirkungen einer Therapie, vom Verlust Ihres Arbeitsplatzes oder von Lebensmittelknappheit bedroht sind. Treffen Sie bei Bedarf vernünftige Vorsichtsmaßnahmen, aber beißen Sie sich nicht an einer Fixierung fest, die von nun an Ihr ganzes Leben bestimmt.

Entwickeln Sie einen realistischen Plan B. Immer wieder zeigt sich, dass Plan B bei genauer Betrachtung sogar attraktiver ist als der ursprüngliche Plan. Manchmal sind wir gezwungen, endlich zu tun und zu entscheiden, was sich schon länger als fällig angebahnt hat und noch nicht in die Tat umgesetzt werden konnte. Nehmen Sie Ihr Schicksal im Rahmen Ihrer Möglichkeiten in die Hand, statt auf einen Messias zu warten.

Wenn jeder von uns durch aufrichtiges Handeln seine eigenen Werte in die Welt bringt, gehen wir gemeinsam in eine bessere Zukunft, die weder eine Revolution noch einen Polsprung des Magnetfelds braucht. Warten Sie nicht auf Veränderungen im außen. Forschen Sie in sich, welche Richtung Ihre eigene Entwicklung nehmen soll und gehen Sie beherzt Ihren Weg. Suchen Sie sich passende Weggefährten und ziehen Sie los.

Klingt das gut, aber es fehlt Ihnen der Mut? Auch damit sind Sie nicht allein. Viele meinen, mutig zu sein bedeute, keine Angst zu haben. Das Gegenteil ist der Fall. Menschen ohne Angst sind psychopathisch, nicht mutig. Mut setzt Angst voraus, die man überwindet. Man tut etwas MIT der Angst. Doch, das geht. Wir müssen allerdings genau hinsehen. Sie werden feststellen, dass viele Ängste kleiner werden, wenn wir uns ihnen stellen.

Stellen Sie sich Ihrer Angst vor dem Tod. Denn darum geht es in letzter Konsequenz bei fast allen Ängsten. Das schlimmste was passieren kann, ist das Sie sterben. „Na, und?“ möchte ich Ihnen ein wenig fatalistisch zurufen. Das wird sowieso eines Tages geschehen. Ganz sicher. 100 %. Finden Sie vor diesem Hintergrund und in diesem Zusammenhang einen Glauben, der Ihnen dient, das Leben zu leben. Ihr Leben.

Text: Petra Weiß
Foto: Daniel Bleyenberg / pixelio.de

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Abscheulicher Aberglaube über Verantwortung und Schuld

Schreibkunst Redakteur PR-Text

In meinem Essay „Verantwortung – Licht im Nebel“ habe ich versucht, den Begriff zu entwirren. Meine Leser wissen jetzt, dass sich Verantwortung immer auf eine bewusste Entscheidung bezieht und auf eine Handlung, die aus ihr hervorgeht.

Wie verhält es sich aber, wenn wir etwas getan haben, wofür wir keine Verantwortung tragen? Etwa, weil wir reflexhaft reagierten. Oder weil wir uns über die Folgen unseres Handelns nicht im Klaren waren. Oder weil wir auf dem Weg zu unserer Entscheidung in die Irre geführt wurden.

Der tragische Tod einer Katze

Ich möchte ein glücklicherweise nicht alltägliches Beispiel zur Verdeutlichung heranziehen. Als Fahranfängerin habe ich eine Katze angefahren. Ich bin unzweifelhaft schuld am Verletzen der Katze. Ohne, dass ich zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort gewesen wäre, hätte sie keinen Schaden genommen. Meine Schuld erlebe ich 30 Jahre später noch durch mein  Bedauern, dass das Tier auf mein Fahrzeug geprallt ist. Es tut mir wirklich leid, in dem Sinne, dass ich ein Leid erlebe, wenn ich daran denke. Mein Herz zieht sich zusammen, meine Atmung wird flacher, Traurigkeit fliegt mich an. Ich empfinde Reue: „Wäre ich doch bloß nicht so schnell in die Kurve gefahren!“

Danach waren meine Ausfahrten nie wieder unbeschwert. Vor kurzem erst habe ich ein Fahrsicherheitstraining absolviert, damit ich mich wieder traue, mein “heilx Blechle” beherzter durch Kurven zu steuern. Man könnte sagen, ich habe etwas aus dem tragischen Ereignis gelernt. Man könnte auch sagen, ich war nachhaltig verschreckt. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Vielleicht trifft auch beides zu. Auf jeden Fall hatte ich Schuldgefühle und habe sie noch.

Meine Schuldgefühle entstehen aus meinem Mitgefühl mit dem Lebewesen, dem ich Schmerzen zugefügt habe. Menschen ohne Einfühlungsvermögen haben wohl ein Bewusstsein über ihre Verfehlungen, aber kein Schuldgefühl und keine quälende Reue. Sie haben nicht das Bedürfnis, etwas wieder gut machen zu wollen, um Entschuldigung zu bitten oder gar eine Schuld zu sühnen. Gar nicht selten tun sie es trotzdem – aus Berechnung.

In Dubio pro Cabrio

Nach dem Unfall haben erfahrene Autofahrer versucht, mich zu beruhigen. Auch wenn ich langsamer gefahren wäre: Es gab keine Chance, das Tier rechtzeitig zu sehen, angemessen zu reagieren und so seine Unversehrtheit zu gewährleisten. Die Katze ist direkt vor mir über die Straße gehuscht. Sie kam unter einem parkenden Auto hervorgeschossen. Alles ging viel zu schnell, um das Unglück zu vermeiden.

Selbst vor Gericht hätte man mir die weithin bekannte Schrecksekunde zugebilligt als Verzögerung für ein Ausweichmanöver. Tatsächlich bin ich dem Zusammenstoß gar nicht ausgewichen. Und nüchtern betrachtet war das auch gut so. Die Katze hätte davon keinen Gewinn gehabt, aber ich hätte mich und vielleicht noch andere Menschen gefährdet. Ob auf dem Gehsteig zufällig noch ein Kind war oder nicht, konnte ich aus meiner Position heraus nicht erfassen.

Wofür bin ich verantwortlich?

Ich bin dafür verantwortlich, dass ich an dem Tag entschieden habe, diesen Weg zu nehmen. Mir waren keine besonderen Bedrohungen für mich oder andere auf dieser Strecke bewusst. Um mich zu verantworten, könnte ich nur sagen: Es war der Weg nach Ober-Mumbach, wo ich jemanden besuchen wollte. Dazu gibt es weiter nichts zu rechtfertigen.

Verantwortlich bin ich für die Geschwindigkeit, mit der ich gefahren bin. Die Kurve habe ich viele Male davor mit ähnlicher Geschwindigkeit problemlos gemeistert. Mein damaliger Freund fuhr Motorradrennen. Er hatte mir beigebracht, wie man lenken und Gas geben muss, um stabil durch eine Biegung zu kommen. Ich hatte das tausendmal geübt und Freude an der zunehmenden Präzision meiner Fahrkünste. So kann ich mit gutem Gewissen verantworten, wie schnell ich diesen Punkt passiert habe. Zur Rechtfertigung könnte ich hinzufügen: Beim Autofahren gibt es immer einen Bremsweg. Je höher das Tempo, desto länger der Weg bis zum Stopp. In der Situation hätte ich aber einen Bremsweg von Null gebraucht. Selbst wenn ich mit halbem Tacho gefahren wäre, hätte ich die Katze erwischt.

Wenn ein Hubschrauber direkt vor Ihnen auf die Fahrbahn fällt, während Sie mit 120 über die Autobahn brausen und rechts neben Ihnen ein Laster fährt, können Sie auch nicht bremsen oder ausweichen. Das gilt gleichermaßen für eine Geschwindigkeit von 60 oder 30 km/h.

Nun ja, Hubschrauber fallen auf Schnellstraßen selten vom Himmel. Da rennt schon eher mal eine Katze innerorts über die Fahrbahn. Aber auch das ist eine Ausnahmeerscheinung. Mir ist es seither kein einziges Mal mehr widerfahren. Rehe, Füchse und Hasen sind mir öfter mal auf der Landstraße begegnet, ohne dass es zu einer Kollision kam. Toi, toi, toi!

Um gänzlich unwahrscheinliche Ereignisse sicher zu vermeiden, dürfen wir gar nicht erst ins Auto steigen. In der Entscheidung, ein Auto zu benutzen, liegt meine grundsätzliche Verantwortung. Doch bin ich damit auch für das weitere Geschehen verantwortlich? Es kommt darauf an.

Absicht oder absehbar?

Wenn ich an dem Tag in mein Auto gestiegen wäre, um ein unschuldiges Tier zu ermorden, hätte ich die Verantwortung für den Tod der Katze. Dann wäre mein Handeln aus einer bewussten Entscheidung heraus zielgerichtet gewesen und hätte zu den gewünschten Folgen geführt.

Wenn ich zuvor davon gehört hätte, dass genau in dieser Kurve immer wieder Katzen angefahren werden, und wenn es eine andere Strecke gegeben hätte, wäre die Verantwortung für die Entscheidung, diesem Pfad zu folgen, nicht so leicht zu tragen. Dann müsste ich zugeben, dass ich den Tod einer Katze billigend in Kauf genommen hätte, weil ich schneller am Ziel sein wollte. Ich könnte zu meiner inneren Verteidigung anführen, dass ich die Wahrscheinlichkeit für den Risikoeintritt niedrig eingeschätzt habe. Oder dass ich an der Weggabelung nicht an die Katzen gedacht habe, sondern an jemanden, der ungeduldig auf mich wartet. Oder dass ich dringend aufs Klo musste.

Verstehen Sie die Abstufungen der Rechtfertigung? Wir können etwas rational begründen oder sozial oder biologisch. Viele weitere Gründe kann man nennen. Wenn sie einem selbst genügen, um die Entscheidung zu verstehen, hat man die Verantwortung bewusst übernommen. Und das heißt nicht, dass man seine Wahl im Wissen um die Folgen heute immer noch gut und richtig findet.

Verantwortlich bin ich für die Folgen einer Handlung dann, wenn ich sie beabsichtigt habe oder wenn ich sie absehen konnte. Für das Unvorhergesehene bin ich nicht verantwortlich. Das befreit mich leider nicht von der Schuld.

Minder- oder Desinformation

Unter Umständen könnte man anführen, dass etwas durchaus vorhersehbar gewesen wäre, wenn man mehr, andere oder genauere Informationen gehabt hätte. Ja, das ist so. Mit der Unvollständigkeit unseres Wissens müssen wir leben. Selten kennen wir sämtliche Puzzleteile, um einen Sachverhalt mit all seinen möglichen Folgen bewerten zu können. Damit gehen wir täglich um.

Mich veranlasst es zum Schmunzeln, dass einige Menschen die Hintergründe und Zusammenhänge gar nicht erst wissen wollen, um nicht in die Verantwortung bewusster Entscheidungen und deren Konsequenzen zu geraten. Das hat etwas fast liebenswert Kindliches. Die Schuld für ihre schlecht oder uninformiert getroffenen Entscheidungen bleibt diesen Leuten leider nicht erspart. Wenn sie früher oder später mit den Folgen ihres Tuns konfrontiert sind, werden sie trotzdem Schuldgefühle erleiden, egal wie gut sie sich für ihr Nichtwissen im Nachhinein rechtfertigen können.

Vielleicht finden sie eine Möglichkeit, etwas ausgleichen zu können, oder ihnen widerfährt die Gnade der Vergebung durch das Opfer ihres Handelns. Dann bleibt ihnen immer noch die schwierige Aufgabe der Selbstvergebung. Damit kann man durchaus ein paar Jahre oder Jahrzehnte lang beschäftigt sein.

Die Rechnung geht erfahrungsgemäß nicht auf, Verantwortung zu vermeiden, damit man später keine Schuld empfindet. Im Gegenteil können wir sogar Schuldgefühle empfinden, ohne dass wir tatsächlich an etwas schuldig sind, also daran ursächlich mitgewirkt hätten.

Eingebildet oder eingeredet

Wir können uns Schuldgefühle einbilden wie eine Wahnidee. Das geschieht häufig, wenn einem etwas leid tut. Die landläufige Verwirrung über die Zusammenhänge zwischen Verantwortung, Schuld und Bedauern sehen wir an der Reaktion auf unsere Bekundung von Mitgefühl: “Es tut mir leid, dass es Dir nicht gut geht.” wird häufig beantwortet mit “Dafür kannst Du doch nichts!” Natürlich nicht. Aber leid tun kann es mir trotzdem. Weit verbreitet ist der Irrglaube, es könne einem nur leidtun, woran man Schuld trüge. Oder umgekehrt, man übernehme Verantwortung für Missstände, die man bedauerte. Nichts davon ist wahr. Jede der Regungen darf für sich betrachtet und einzeln erfahren werden.

Es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass wir Schuldgefühle von außen eingeredet bekommen. Weil sie so unerträglich erscheinen, sind sie ein wirksames Manipulationsinstrument. Man schaut lieber gar nicht so genau hin. Schade, so versäumt man vielleicht die Chance zu begreifen, dass einen gar keine Schuld trifft.

Ein gutes Beispiel aus der psychotherapeutischen Sprechstunde ist die sogenannte “Überlebensschuld”: Wenn jemand aus dem Krieg heimkehrt, während seine Kameraden auf dem Schlachtfeld geblieben sind. Oder wenn ein Zwilling überlebt hat, während der andere im Mutterleib gestorben ist. Die Überlebenden tun sich häufig schwer damit, ihr Dasein in die Hand zu nehmen und frei zu gestalten. So als wären sie es dem Toten schuldig, es sich bloß nicht gut gehen zu lassen.

Wir sind nicht die Schöpfer und Entscheider über Leben und Tod. Mit etwas Demut können wir das recht leicht einsehen. Überlebende können nichts dafür, dass sie am Leben sind. Das Schicksal hat entschieden. Und gleichzeitig fühlt es sich falsch an, sich darüber zu freuen, weil jemand anders tot ist. Lösbar ist die Krux nicht durch Sühne, sondern im Gegenteil, durch das Ehren der Toten, indem man das Leben in all seinen Facetten auskostet, es in vollen Zügen genießt, etwas Gutes daraus macht und es bestenfalls sogar weitergibt.

Bewusste Verantwortung hilft

Meinem Erleben nach ist nichts Schreckliches daran, Verantwortung zu übernehmen. Das empfehle ich übrigens auch den Menschen, die Dinge getan haben, auf die sie echt nicht stolz sind. Verantwortungsbewusstsein hilft dabei, die Schuldgefühle zu verarbeiten und öffnet den Weg in die Selbstvergebung.

Bei manchen Schicksalen wundert es einen nicht, wenn die Taten der Vergangenheit bestmöglich ausgeblendet werden. Das ist ein Schutzmechanismus der Psyche. Er heißt Verdrängung und hat seine Berechtigung.

Ich maße mir nicht an, beurteilen zu können, welche Vergehen ein Mensch in der Lage ist, sich einzugestehen. Der eine vielleicht schwerwiegendere als der andere. Wer weiß das schon? Meine Vorstellung ist die, dass wir uns freiwillig oder gezwungenermaßen früher oder später mit unseren wichtigen Erlebnissen befassen.

Die spirituelle Dimension

Mir scheint die Idee einleuchtend, dass unsere Seele die Geschehnisse in umgekehrter Reihenfolge aufarbeitet – also spiegelbildlich ab der Lebensmitte. Je früher ein Trauma stattgefunden hat, desto später erfolgt die Bearbeitung. Traumata können Ereignisse sein, die wir in der Rolle des Opfers oder des Täters erlebt haben. Auf einer universellen Ebene erfolgt ein Ausgleich des Erlebten möglicherweise durch das Einnehmen dieser verschiedenen Blickwinkel über mehrere Inkarnationen.

Aus meiner Sicht als Traumatherapeutin ist das Verarbeiten früher Erlebnisse am Lebensende eine griffige Erklärung für das gehäufte Auftreten von Demenz bei der Nachkriegsgeneration. Was diese Menschen in ihrer Kindheit erleiden mussten, ist kaum zu bewältigen, so dass der Geist sich dafür entscheidet, es lieber zu vergessen – so lautet eine Theorie. Auf der leiblichen Ebene sind dann bestimmte biochemische Mechanismen oder substantielle Faktoren mit im Spiel, die den geistigen Vorgang im materiellen Körper ermöglichen.

Aus der Sterbeforschung wissen wir, dass offene Klärungen den Tod auf verblüffende Weise verzögern können. So als habe die Seele noch etwas zu erledigen, bevor sie gehen kann. Hospizmitarbeiter berichten von unglaublichen Zeitspannen, die Sterbende ohne Nahrung und ohne Wasser überlebt haben, bis endlich ein Verwandter zur Versöhnung ans Totenbett kam. Die Spirale aus Schuld, die auf Irrwege aus Rache und Vergeltung führen kann, ist mächtig – und bindend. Sie bindet weit mehr als man sich das oftmals wünschen kann. Lösend ist die Vergebung.

Falls Sie jetzt innerlich in Widerstand gehen, kann ich das gut verstehen. Über das Wesen von Vergebung hört man allerlei Märchen und Legenden. Diesem Aberglauben und seiner detaillierten Aufklärung widmen wir uns bei baldiger Gelegenheit in einem weiteren Essay.

Mit meinem Beitrag will ich Sie dazu anregen, über die Begriffe nachzudenken und Ihre Gedanken mit Ihren eigenen Gefühlen und Erfahrungen zu verknüpfen. Dabei können Sie auch zu der Erkenntnis gelangen, dass Sie manches ganz anders sehen, bewerten und einsortieren als ich. Das ist vollkommen in Ordnung, solange es Ihrer Bewusstwerdung dient. Wie Sie meine Anregungen für sich nutzen wollen, liegt ganz bei Ihnen.

Text: Petra Weiß
Foto: Dirk Schmidt

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Verantwortung – Licht im Nebel

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Verantwortungsbewusst sein setzt voraus, dass man versteht, was Verantwortung eigentlich ist. Schauen wir uns an, in welchen Zusammenhängen das Wort landläufig Verwendung findet: Da will jemand verantwortlich sein für ein Budget von 4 Millionen Euro. Jemand anders übernimmt die Verantwortung für ein Projekt und ein weiterer fühlt sich für 25 Mitarbeiter verantwortlich. Soso.

Räumen wir doch erst einmal die Missverständnisse aus dem Weg.

Für Menschen verantwortlich sein kann man nur, wenn man ihr Vormund ist, im Rahmen einer Elternschaft beispielsweise. Vormundschaft setzt die Unmündigkeit der Betreffenden voraus. In der Regel gilt das nicht für Mitarbeiter. Erwachsene mündige Menschen sind grundsätzlich für sich selbst verantwortlich. Punkt.

Verantwortung übernehmen kann man schon mal gar nicht. Verantwortung hat man. Und zwar egal, ob einem das passt oder nicht. Verantwortung hat man ohne weiteres Zutun, ohne irgendeine Erklärung oder besondere Bereitschaft – für jede einzelne Entscheidung, die man trifft, für jedes Wort und jede Tat, die einer Entscheidung folgen. Sogar für das Nichtsagen und für das Nichthandeln trägt man Verantwortung. Automatisch. Die Wahl hat man nur, ob man sich seiner Verantwortung bewusst wird und sich ihr stellt. Man kann sie auch leugnen. Das ändert nichts daran, dass man sie hat. Sie geht mit der Entscheidung einher.

Und wenn Sie sich einfach nicht entscheiden? Tja, dann ist das Ihre Entscheidung, deren Verantwortung bei Ihnen liegt. Der Ball ist in Ihrem Feld, sobald eine Entscheidung fällig wird. Obwohl ständig vom Übernehmen und Übertragen von Verantwortung die Rede ist, halte ich diese Formulierungen grundsätzlich für falsch.

Was man übergibt oder übernimmt, ist eine Aufgabe. Wer sie annimmt ist für die Aufgabe dann zuständig. Das wird oft verwechselt. Verantwortlich ist man für alle Entscheidungen, die innerhalb der Erledigung dieser Aufgabe von einem selbst getroffen werden. Nicht mehr und nicht weniger.

In der Geschäftswelt scheint es in Mode gekommen zu sein, möglichst viel sogenannte „Verantwortung“ in Form von Führungsaufgaben oder Budget einzufordern, ohne dass man Verantwortung im eigentlichen Sinne wirklich tragen will.

Ein Budget an sich ist kein Gegenstand irgendeiner Verantwortung. Geld ist nur ein Werkzeug zur Erfüllung einer Aufgabe, für die jemand zuständig ist. Der finanzielle Rahmen ist eine wichtige Bedingung, die er genau prüfen sollte, bevor er entscheidet, einen Job anzunehmen. Für die Entscheidung – Sie ahnen es – ist er verantwortlich. Für seine Beschlüsse über die Verwendung des Geldes im Rahmen seiner Befugnisse trägt er die Verantwortung.

Wie wirken Rahmenbedingungen auf die Verantwortlichkeit?

Hier kommt der Gesichtspunkt von Rahmenbedingungen auf. Sie sind oft von Bedeutung und werden manchmal viel zu wenig beachtet. Unter welchen Umständen übernehme ich beispielsweise eine Aufgabe? Habe ich alle wesentlichen Informationen, um eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen? Kann ich mir schlüssig erklären, warum ich nicht nach diesen oder jenen Konditionen gefragt habe? War ich blauäugig? Habe ich mich verlocken lassen? Womit und warum? Wenn ich meine eigene Entscheidung nachvollziehen kann, auch wenn sie sich später als falsch herausstellt, trage ich bewusst die Verantwortung. Wie leicht oder schwer mir das fällt, hängt damit zusammen, ob ich nach meinen eigenen Werten entschieden habe. Und welche Konsequenzen meine Entscheidung hatte.

Was heißt denn das: verantwortlich sein?

Es geht nicht darum, immer alles richtig zu machen, seine eigenen Ansprüche stets zu 100 % zu erfüllen oder immer gemäß seiner Werte zu handeln (das hieße Selbsttreue). Es geht darum, eine gute Antwort zu haben. Nicht für irgendwen, sondern sich selbst gegenüber. Wenn Sie sich eines Tages fragen, warum Sie sich so oder so entschieden haben, brauchen Sie eine Antwort, die aufrichtig ist. Im besten Fall sind Ihre Worte mit Ihren tiefen Überzeugungen dabei in Einklang. Das meine ich mit einer „guten“ Antwort. Solche Antworten setzen Bewusstheit voraus. Sie müssen sich Ihre Beweggründe für eine Entscheidung gewahr und über Ihre Werte im Klaren sein. Zusätzlich brauchen Sie die Unterscheidungsfähigkeit zwischen eigenen Werten und übernommenen. Das ist eine Übung für Fortgeschrittene.

Verantwortung und Werte

Zur Veranschaulichung betrachten wir ein alltägliches Beispiel: Ich habe die Aufgabe übernommen, einen Beitrag zum Thema „Verantwortung“ zu schreiben. Meine Beweggründe sind mir bewusst: Ich möchte mehr Aufrichtigkeit in die Welt bringen. Aufrichtigkeit steht im Mittelpunkt meiner Werte. Das Klären von Missverständnissen trägt dazu bei. Weil ich beobachtet habe, dass Verwirrung herrscht, ist es mir ein Bedürfnis, den Nebel zu lichten. Ich verfüge über die Fähigkeiten und Mittel, das in Form eines Essays zu tun. Die Verantwortung für die Entscheidung, diese Aufgabe zu erfüllen, kann ich mit Leichtigkeit tragen.

Nehmen wir an, ich würde einen Beitrag schreiben, der mit Aufrichtigkeit nichts zu tun hat und der inhaltlich auch kein anderes aus meiner Sicht ehrenhaftes Ansinnen unterstützt. Vielleicht würde ich so einen Auftrag übernehmen, um Geld zu verdienen. Den Lebensunterhalt sichern zu wollen, ist ein gewöhnlicher Grund zum Arbeiten. Daran ist nichts Ehrenrühriges, Verantwortung inklusive.

Anders schaut es aus, falls ich mit dem Job einen meiner wichtigen Werte verletze. Nehmen wir einmal an, ich könnte einen Beitrag für ein Magazin schreiben, dessen Herausgeber gerade wegen Drogenhandels verurteilt worden ist. Wenn ich selber Dealer aus Überzeugung wäre, machte mir das nichts aus.

Steht sein Nebengeschäft und die damit verbundene Haltung meinen Überzeugungen allerdings entgegen, entsteht ein Werte-Konflikt. Gesetzt der Fall, mir wäre es wichtig, dass Menschen ihr Leben frei gestalten können, dann wäre es für dieses Ziel nicht zweckdienlich, jemanden von einer Substanz abhängig zu machen, erst recht nicht, wenn sie seine Sinne vernebelt. Unterstütze ich einen solchen Chef beim Geldverdienen, dann muss ich damit rechnen, dass die durch mein Zutun gewonnenen Euros in unlautere Geschäfte fließen. Also diene ich indirekt einem Ansinnen jenseits meiner vertretbaren Interessen.

Wann kann ich das verantworten und wann nicht?

Entscheide ich mich für den Job in diesem Wissen, brauche ich dafür triftige Gründe. Wenn ich ebenso für jemand anderen schreiben kann, sind sie schwer zu nennen. Sind alle Verlage in Drogenhandel verstrickt oder an meiner Arbeit nicht interessiert, entfällt das Argument. Habe ich ein sattes Polster und bin auf den Umsatz nicht angewiesen, ist die Entscheidung ebenfalls fragwürdig. Müssen sonst meine Kinder hungern oder ich verliere das Dach über dem Kopf, werde ich in ein paar Jahren noch verstehen können, warum ich mich heute so entschieden habe, auch wenn ich nicht stolz auf diese Wahl bin.

Sehen Sie, worin die Verantwortung besteht? Man braucht hieb- und stichfeste Gründe für eine Entscheidung. Sie müssen nicht für irgendwen griffig sein, sondern nur für einen selbst.

Von Natur aus subjektiv

All diese Betrachtungen stelle ich natürlich nur AUS MEINER WARTE an. Mein Blickwinkel ist durch meine Erfahrungen und durch meine Eigenart genau so entstanden wie er ist. Bestimmt werden Sie auch andere Definitionen und Meinungen finden. Ob Sie einen solchen Sachverhalt ähnlich einschätzen oder ganz anders, hängt von Ihren Werten ab, die ebenfalls ihre Entstehungsgeschichte haben. Sie dürfen von meinen durchaus abweichen und tun das wahrscheinlich auch.

Damit wir uns richtig verstehen: Es ist nicht meine Absicht zu beurteilen, wessen Werte „besser“ oder „schlechter“ sind. Wesentlich ist, ob der Entscheider nach seinen eigenen Werten handelt. Dann wird es ihm leicht fallen, Verantwortung zu tragen.

Rechenschaft ablegen

Vielleicht haben Sie schon einmal den Satz gehört: „Dafür müssen Sie sich vor dem Management/vor Gericht/vor Gott verantworten!“ Was ist nun damit gemeint?

Jemand kann Sie nicht direkt belangen, also schaltet er eine Autorität ein, und diese fordert von Ihnen Rechenschaft. Sie ist Kraft ihres Amtes oder aufgrund ihrer Stellung dazu befugt. Sie müssen ihr Rede und Antwort stehen. Das kann mehr oder weniger angenehm sein, je nachdem wie übereinstimmend Ihre Grundwerte mit denjenigen sind, der diese Autorität folgt. Wenn alles richtig läuft, folgt sie den Richtlinien einer Gemeinschaft, der sie vorsteht.

Sie sind ebenfalls Teil dieser Gemeinschaft, in der bestimmte Regeln gelten, die wiederum auf Werten beruhen. Wenn Sie sich für die „Mitgliedschaft“ entschieden haben, dann sind Sie für diese Entscheidung verantwortlich und anerkennen die entsprechenden Regeln. Sie haben die Verantwortung dafür, wenn Sie die Regeln brechen.

Bei Arbeitsverhältnissen sind Pflichten und Rechte vertraglich grob geregelt, nicht aber die Firmenkultur, der Sie sich durch Ihre Unterschrift anschließen. Ihr Chef oder andere Führungskräfte können von Ihnen verlangen, dass Sie sich und Ihre Entscheidungen erklären. Verantwortlich bleiben Sie weiterhin nur sich selbst gegenüber (oder gegenüber Menschen, für die Sie tatsächlich Verantwortung tragen). Rechenschaftspflichtig können Sie gegenüber anderen Menschen oder Einrichtungen sein.

Knifflig wird es dann, wenn Ihre Verantwortung (nach innen) und Ihre Rechenschaftspflicht (nach außen) verschiedene Werte bedienen müssen, die nicht miteinander vereinbar sind.

Unterschiede in der Rangordnung

Nehmen wir an, ein fleißiges Bienchen arbeitet in einer Hotline. Ihr inneres Bedürfnis ist es, Menschen zu helfen, besonders den benachteiligten. Hilfsbereitschaft ist ihr höchstes Gut. Deshalb hat sie sich für diesen Beruf entschieden. Ihr Chef allerdings will jede Minute abrechnen können. Er kennt kein Pardon, wenn ein Kunde gerade in finanzieller Not ist. Die beiden geraten über die Abrechnung einer Hilfsleistung für diesen Kunden in Streit. Auch der Vorgesetzter ist jemandem verpflichtet. Zum einen den Kunden, was über Verträge geregelt ist, zum anderen gegenüber dem Führungskreis, dem Inhaber und letztlich gegenüber dem Unternehmen an sich.

Ein Unternehmen vertritt neben seiner rechtlichen Haltung in Form von Verträgen aufgrund seiner Allgemeinen Geschäftsbedingungen auch eine Werte-Position nach außen in Form von Werbung und mithilfe der Öffentlichkeitsarbeit. Beides beruht auf einer Strategie. Sie ist das Herz der Firma.

Einverständnis vorausgesetzt

Unterzeichnen Sie niemals einen Arbeitsvertrag, ohne die Strategie des Unternehmens zu kennen. Sie finden diese in der Regel im Internet auf der Website. „Wir sind…“-, „Wir stehen für…“- und „Wir legen Wert auf…“-Sätze sollten Sie aufmerksam lesen. Dort sind die Maßstäbe festgelegt, nach denen Ihre Arbeit bewertet werden wird. Und an diesen Werten wird auch Ihr Vorgesetzter gemessen.

Es ist im Wortsinne wesentlich, ob Sie diese Werte verstehen und mit ihnen in weiten Teilen übereinstimmen. Nur dann werden Ihre Entscheidungen an diesem Arbeitsplatz für Sie leicht verantwortbar sein und Sie können darüber auch guten Gewissens Rechenschaft gegenüber Ihrem Chef ablegen.

Leider finden wir häufig wohlklingende Worthülsen statt aussagekräftiger Texte in den Außenauftritten von Arbeitgebern. Vergleichbares liest man auch in Personalanzeigen. Fragen Sie im Bewerbungsgespräch beharrlich nach, was konkret gemeint ist. Wenn schon der Personalchef keine Ahnung hat, was mit oberflächlichen Begriffen über das Wesen des Unternehmens gesagt werden soll, sind Sie dort nur richtig, falls Sie selbst ein Schwätzer sind.

Zugehörigkeit nicht um jeden Preis

Was für Arbeitsverträge und Firmenstrategien gilt, dürfen Sie auf Vereinszugehörigkeiten und Satzungen übertragen. Nehmen Sie sich Zeit, diese in Ruhe zu studieren und lassen Sie sich nicht durch Ihren Wunsch nach Zugehörigkeit ins Nebulöse drängen. Will der Verein beispielsweise Menschen über ihre Lebensführung belehren, wie viel selbstständigen Gestaltungsspielraum werden Sie dort wohl für Ihre ehrenamtliche Arbeit haben?

Auch ein Blick auf den Gegenstand der Bemühungen ist manchmal hilfreich, um sich ein Bild zu machen: Bietet eine Einrichtung als Seminarschwerpunkt Bastelkurse für Erwachsene an, welchen Grad an Persönlichkeitsentwicklung dürfen Sie dort von den Beteiligten erwarten?

Unfreiwillig dabei

Für die Unterwerfung unter ein Rechtssystem haben wir uns nicht aktiv entschieden. Wir können wählen, in welchem Land wir leben, aber nur bedingt darüber entscheiden, ob wir dort am Rechtssystem teilnehmen wollen oder nicht. Im Zweifel zeigt uns die Staatsgewalt die Grenzen unserer Wahlfreiheit.

In eine Glaubensgemeinschaft werden wir meistens hineingeboren. Viele Menschen sind schon als Kind so von einem bestimmten Weltbild beeinflusst, dass man von einer freien Wahl kaum sprechen kann. Sie können später ihren Glauben ablegen oder einem anderen beitreten. Für diese Entscheidung tragen sie ebenso Verantwortung wie fürs Dabeibleiben.

Falls Sie meinen, heute spiele der Glauben nur noch eine untergeordnete Rolle, irren Sie sich. Das Gegenteil ist der Fall. Zwar haben die „großen Kirchen“ an Einfluss verloren und die Mitgliederzahlen sinken. Das Teilnehmen an gesellschaftlich anerkannten Gruppen, die festgelegte Überzeugungen teilen, hingegen hat häufig ideologische Züge. Ob Sie dabei sind oder sich lieber fernhalten hat dann direkte Auswirkungen auf ihre Zugehörigkeit zu Familie und Freundeskreis und manchmal haben Sie sogar berufliche Nachteile, wenn Sie eine eigene Haltung vertreten.

Mitgefangen, mitgehangen…

Wählen Sie mit Bedacht, wo Sie dabei sein wollen. Sie tragen auch innerhalb einer Gruppe die Verantwortung für alle Ihre Entscheidungen selbst. Das kann Ihnen niemand abnehmen. Sie können zwar sagen: Das haben alle so gemacht, also habe ich es auch so gemacht. Wenn Anpassung Ihre oberste Direktive ist, mag Ihnen diese Erklärung reichen. Vielleicht haben Sie aber auch Werte wie Selbstbestimmtheit, Eigenverantwortung und Individualität. Dann werden Sie sich mit der Verantwortung in solchen Fällen eher schwertun.

Schließen Sie sich Menschen an, die nicht erwarten, dass Sie gegen Ihre inneren Überzeugungen verstoßen, um dabei sein zu dürfen. Am Einfachsten ist das, wenn Sie sich unter Gleichgesinnten aufhalten. Der Entwicklung förderlich ist der Austausch mit Menschen, die zwar eigensinnig sind, aber andere Sichtweisen auch gelten lassen.

Der verständnisvolle Abgleich über unterschiedliche Blickwinkel kann zu einer gemeinsamen Sicht führen. Dazu ist es notwendig, die Unterschiede erst einmal auszuhalten. Das fällt dem einen leichter, dem anderen weniger.

Bewusste Entscheidungen

Manchmal gibt es Lebenslagen, in denen andere Werte gegenüber der Offenheit Vorrang haben. Diplomatie, Harmonie in der Familie oder schlichtweg der Erhalt von Stabilität. Das muss entsprechend der jeweiligen Situation individuell entschieden werden. Sie erinnern sich: Nur Ihnen selbst muss Ihre aufrichtige Begründung für die Entscheidung genügen, ob Sie ins Gespräch oder erst einmal in den Rückzug gegangen sind.

Man kann es nicht immer allen recht machen – auch nicht den eigenen Werten. Wenn sie miteinander im Wettstreit stehen, muss man entscheiden, welcher den Zuschlag bekommt. Mit solchen Beschlüssen werden Sie mitunter nicht glücklich sein. Aber verantworten können Sie jede Entscheidung, die bewusst getroffen wurde.

Nehmen Sie sich also Zeit, Ihre Beweggründe, Ihre Emotionen und Ihre Absichten zu ergründen, wenn schwierige Entscheidungen anstehen

Vergangenheit und Zukunft

Blicken Sie hin und wieder zurück auf vergangene Zeiten und machen Sie sich klar, dass Sie schon immer Entscheidungen getroffen haben – manche haben sich hinterher als richtig, andere als falsch herausgestellt. Und bei sehr vielen können wir unmöglich sagen, wie die Dinge gelaufen wären, wenn wir anders entschieden hätten.

Seien Sie gnädig mit sich. Und haben Sie liebevolles Verständnis für Ihr früheres Ich so wie sie es für einen guten Freund gerne hätten. Das Mitgefühl mit der Person, die Sie einmal waren, erleichtert es Ihnen, heute die Verantwortung für Ihr Leben zu tragen.

Üben Sie sich in der Kunst der Selbstvergebung. Sie ist ein Schlüssel zu einem verantwortungsbewussten und erfüllten Dasein ohne Peinlichkeiten, Scham und Schuldgefühle.

Zu lieben, was wir an uns bewundernswert finden, ist keine Heldentat. Wenn wir uns mit unseren weniger glücklichen oder sogar vielleicht echt verkackten Entscheidungen auseinandersetzen und damit in Frieden kommen, ist das eine gute Grundlage für ein Loslassen der Vergangenheit. Dann wird wieder Energie frei, um die Zukunft bewusst zu gestalten.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Terror braucht Spaltung

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Vor einiger Zeit habe ich einen Radiobeitrag gehört: Ein Psychologe beschäftigt sich mit der Erforschung des Phänomens Terror. Ich dachte immer, wer andere aus ideologischen Gründen quält oder tötet, sei ein Psychopath. Es mangele ihm grundsätzlich an Mitgefühl. Er schere sich nicht um andere. Ihm fehle etwas, das uns als Menschen ausmacht, Empathie, Gewissen, Mitmenschlichkeit. Diese Einschätzung hätte kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein können.

Meine Überraschung war groß zu erfahren, dass man nach den Erkenntnissen des Fachmanns jeden zum Attentäter machen kann, wenn man seiner früh genug habhaft wird. Es ist keine Frage der krankhaften Veranlagung, sondern der geschickten Gehirnwäsche zu einem Zeitpunkt, da das Weltbild noch formbar ist.

Ironischerweise habe ich bei meiner Fehleinschätzung genau den Trugschluss getroffen, der als Schlüssel für die Manipulation eingesetzt wird: die Spaltung in Menschliches und Unmenschliches. Attentäter sind in deren Selbstbild keine bestialischen Monster, sondern heldenhafte Märtyrer. Sie fühlen sich von Gott berufen, oder zumindest einer höheren Moral verpflichtet, Ungerechtigkeiten in Ordnung zu bringen. Dafür foltern, morden und sterben sie.

Ein Psychopath bringt sich nicht für irgendein hehres Ziel um. Er will möglichst gut leben. Vielleicht bildet er Terroristen aus, die er glauben macht, es ginge ihm um eine Religion, um Rache, um das Abwenden einer Bedrohung oder um Weltfrieden. Tatsächlich geht es ihm ausschließlich um sein eigenes Wohlbefinden. Er verkauft Waffen, Menschen oder Drogen, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Aber er bindet sich bestimmt keinen Sprengstoffgürtel um und stellt sich auf den Marktplatz.

Die und wir, statt richtig, gut und schön.

Wie bildet man Terroristen aus? Dieser Frage ging der Psychologe nach. Der Vorgang ist facettenreich. Ein wesentliches Element dabei ist das Schaffen einer Wir-und-die-Sichtweise. Eine Spaltung ist vonnöten, sonst bekommt man niemanden dazu, Terror auszuüben. „Die Anderen“ müssen als entscheidend verschieden von „den Unsrigen“ wahrgenommen werden. Das Verbindende wird ausgeblendet und nur das Trennende betrachtet. Um ein in diesem Sinne tragfähiges Feindbild aufzubauen, ist es unabdingbar, der Gegenseite die Menschlichkeit abzusprechen. Notfalls erfindet man Geschichten, die den Gegner in einem unmenschlichen Licht erscheinen lassen, dichtet ihm blutrünstige Schandtaten an und findet dann lauter „Belege“ für das beabsichtigte Urteil: nicht lebenswert, bedrohlich, unmenschlich – muss vernichtet werden.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.“ heißt ein geflügeltes Wort. Es finden sich immer „gute Gründe“ etwas im ethischen Sinne Schlechtes zu vertreten. Wenn der Zweck die Mittel heiligt. Daher ist es wichtig, immer auch auf die Mittel zu schauen – unabhängig vom Zweck. Denn der Zweck kann frei erfunden sein.

Nehmen Sie für einen Moment den (angeblichen) Zweck beiseite und betrachten Sie einfach nur, was tatsächlich geschieht. Ist das Geschehen 1. WAHR im Sinne von ehrlich oder den Tatsachen entsprechend? Und ist es 2. GUT im Sinne von dem Leben dienlich? Seien Sie bedächtig in Ihrem Urteil: Als GUT werden uns alle möglichen Dinge angepriesen, deren vorgeblicher Zweck ehrenwert ist. Als oberste Messlatte allerdings bewerten wir sinnvollerweise den Dienst am Leben. Wenn es die Menschheit retten könnte, dass jemand ein unschuldiges Kind abmeuchelt, rechtfertigt dann der gute Zweck die böse Tat? Ist es vertretbar, dass ein Mensch leidet, um etwas (vordergründig) Gutes zu bewirken? Mit solchen Fragen begeben wir uns philosophisch auf ganz dünnes Eis.

Wenn etwas nicht WAHR ist, kann es so gut sein wie es will, und bleibt dennoch falsch. Wenn es weder WAHR noch GUT ist, fühlt es sich vielleicht 3. SCHÖN an. Diesem angenehmen Bauchgefühl zu folgen, ohne die ersten beiden Kriterien (WAHR und GUT) zu berücksichtigen, ist im Kindesalter der Entwicklung angemessen. Bei Erwachsenen können Entscheidungen dieser Art auf direktem Wege ins Verderben führen. Vielleicht kennen Sie den Ausdruck „Bauchpinseln“. Wessen Bauchgefühl hofiert wird, soll auf diesem Weg möglicherweise dazu gebracht werden, unwissentlich und unwillentlich eine böse Absicht zu unterstützen.

Der Missbrauch von Menschlichkeit

Zurück ins Trainingscamp für Nachwuchs-Terroristen. Niemand würde ihnen sagen „Wir benutzen Dich für unsere politischen Absichten. Du sollte unschuldige Menschen umbringen, damit wir mehr Waffen verkaufen können.“ Diese Strategie hätte wenig Erfolgsaussichten. Nein. Man arbeitet ausgerechnet mit ur-menschlichen Werten und Bedürfnissen. Kameradschaft und Loyalität werden groß geschrieben: niemanden im Stich lassen, sich für andere einsetzen, an gemeinsamen Zielen arbeiten, der Gemeinschaft dienen, sich gegenseitig unterstützen, Vertraulichkeit wahren, etc. Wäre der Zweck ein anderer, könnte man diese Grundlagen des Miteinanders durchaus als erstrebenswert einstufen. So gehen die jungen Leute den Rattenfängern auf den Leim. Man schneidet sie nicht von ihrer Menschlichkeit ab, sondern man beschränkt diese auf die Gruppe und betont sie dort. Der Kontrast zwischen Wir-Gut und Die-Böse muss möglichst schwarz-weiß sein. Deshalb ist es wichtig, „die Anderen“ als Unmenschen abzustempeln. So wird das gemacht.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich Meldungen über angeblich Unmenschliches. In den letzten Monaten häufen sich Vermutungen, Außerirdische, Klone oder irgendwelche Wesenheiten terrorisierten die Erde. Mancher will in einem Politiker einen Reptiloiden erkannt haben.

Ob das Mumpitz ist oder nicht, kann ich nicht sagen. Vielleicht haben die Spekulationen sogar einen wahren Kern. Wer weiß das schon?! Mir geht es um die psychologische Sicht auf diese Erklärungsversuche. Ich kann sehr gut verstehen, dass man sich wünscht, das Böse läge außerhalb des Menschlichen. Es ist einfacher zu glauben, eine fremde Wesenheit habe von jemandem Besitz ergriffen als dass ein Mensch abgrundtief Böses tut. Was damit geschaffen wird, ist eine Wir-und-die-Sicht, die im Wortsinne wesentlich ist.

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, ob Verbrecher gegen die Menschlichkeit außerhalb der Menschheit stehen? Bitte seien Sie gnädig mit sich: Sie befinden sich in erlauchtem Kreise. Selbst spirituelle Lehrer tappen in diese verlockende Falle der Spaltung. Ihre Grundlage ist unsere Unterscheidungsfähigkeit, welche eigentlich eine wunderbare Eigenschaft ist. Wir können dadurch uns und andere in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmen und wertschätzen. Nur der Irrglaube, alle müssten gleich sein, steht dem entgegen. Die Begriffe werde verwechselt oder verdreht: Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, Gleichheit, Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung seien dasselbe. Durch Gleichmacherei wird den Menschen ihre naturgegebene Einzigartigkeit abgesprochen. Merkmale werden (von Menschen!) festgelegt, die jemand nicht haben darf, wenn er als „Mensch“ bezeichnet werden will.

Zugehörigkeit

Warum sprechen ausgerechnet die Friedensforscher unter den Historikern von einer „Menschheitsfamilie“? Weil sie sich damit beschäftigt haben, welche Sicht notwendig ist, um einen Krieg in Gang zu setzen, nämlich die der Trennung. Sie betonen mit dem Wort die Verbundenheit durch das pure Menschsein und die gemeinsame Abstammung.

Hat Sie schon einmal jemand terrorisiert? Sind Sie schon einmal jemandem absichtlich auf die Nerven gegangen? Welche Absichten haben Sie hinter dem Handeln vermutet? Welche Absichten haben Sie selbst verfolgt? Welche Annahmen gingen dem voraus?

Mir geht es nicht darum, jeden von der Verantwortung für üble Taten freizusprechen, ganz im Gegenteil. Mir geht es darum, zu begreifen, was Verantwortung ist. Wenn wir jemanden gepiesackt haben, weil er irgendetwas tun sollte, was wir für gut und richtig hielten, war der Zweck vielleicht rein, das Mittel aber fragwürdig. Und wenn Sie an irgendeinem Punkt in Ihrem Leben Ihrer Impulse nicht kontrollieren konnten oder wollten und in voller Absicht etwas Böses getan haben? Sind Sie dann kein Mensch mehr?

Innere Spaltung

Durch diesen gedachten Ausschluss aus der Menschheit verhindern wir Entwicklung. Der entsprechende Persönlichkeitsanteil muss abgespalten werden. Doch so geht er natürlich nicht verloren. Im dunklen Keller der Seele führt er fortan sein Dasein. Dort können wir ihn leider nicht heilen. Er wird weiter sein Unwesen treiben, unbemerkt, verdrängt, schöngeredet. Heilung geschieht durch Anerkennen, Verdauen und Wandeln. Als Erstes müssen wir hinsehen und wahrnehmen. Je hartnäckiger wir wegsehen, desto unbeirrter wird ein Anteil ans Licht drängen.

Mir kommt das Symbol für Yin und Yang in den Sinn: In jedem Schwarz ist ein Hauch von Weiß und umgekehrt. Dieses Bild dient uns heute mehr denn je. In jedem noch so guten Menschen ist ein winziger Anteil Böses, auch wenn es nicht zum Ausdruck kommt. Und in jedem Schwerverbrecher ist gewiss auch Gutes vorhanden, selbst wenn wir nichts davon sehen. Anerkennen wir das Unehrenhafte in uns, kann es in die Gesamtpersönlichkeit eingefügt und möglicherweise gewandelt werden. Das geht leichter, wenn uns klar wird, warum wir diese Eigenschaft entwickelt haben. Sie gehört vermutlich zur Anpassung an die Gegebenheiten. Vielleicht diente sie einst dem Überleben. Bevor wir eine Eigenart würdigen, werden wir sie nicht los. Das heißt nicht, dass wir sie GUT finden müssen. Gar nicht.

Selbstliebe

Immer wieder höre ich, dass man jede seiner Eigenheiten lieben soll. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich sinnlos abrackern, um dieses Ansinnen in die Tat umzusetzen. Ich halte den Anspruch für eine Terrormaßnahme, die zur Spaltung der Persönlichkeit führt, was wiederum Terror hervorbringt.

Ihr Selbst können Sie problemlos lieben. Es ist rein und vollkommen. Dem ist nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen. Es zu lieben ist unser natürlicher Zustand. Anders schaut es beim Ego aus: Die Persönlichkeit, die aus Ihnen geworden ist, besteht aus vielen Facetten, die mit Ihrem Selbst, mit dem wahren Wesen, mit Ihrer Essenz nicht das Geringste zu tun haben. Es gibt keine Notwendigkeit, diese zu lieben. Das Vorhaben halte ich für nutzlos und für eine echte Entwicklung sogar für schädlich.

Wieso sollten Sie – gesetzt der Fall – das feige und gemeine Arschloch lieben, das Sie geworden sind? Lassen Sie das. Lieben Sie stattdessen den Menschen, der Sie in der Tiefe sind – werden Sie sich der Merkmale bewusst, die unabhängig von den Erfordernissen des Lebens in Ihnen liegen und davon auch nicht verdrängt werden konnten. Das ist Selbstliebe im eigentlichen Sinne. Mit diesem gestärkten Rückgrat können Sie Ihre Persönlichkeit mit all den unliebsamen Teilen annehmen:

Ja, so bin ich. Das ist meine Persönlichkeit an diesem Punkt in meinem Leben. Es gab Gründe, warum ich so geworden bin. Und einiges kann ich ändern, wenn ich das will. Ich werde sorgfältig prüfen, welche Merkmale zu meinem Wesenskern gehören und welche ich verabschieden will. Das Meine werde ich liebevoll integrieren, das Fremde werde ich nach und nach loslassen.

Das geht nicht über Nacht. Der Vorgang kann Beharrlichkeit und Zeit erfordern. Was sich dabei lohnt, ist dass man sich Tag für Tag weiter entwickelt – auf sich selbst zu.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Dem Selbst treu sein

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Seit geraumer Zeit bin ich dabei, meine Sprache in einen Wortschatz zu wandeln, der von Herzen kommt. Es ist mir wichtig, die Menschen nicht nur auf der Ebene des Verstandes, sondern auch auf der Seelenebene zu erreichen. Dazu ist meinem Empfinden nach notwendig, Fremdwörter weitestgehend zu verbannen.

Ausgerechnet bei einer Eigenschaft, die ich für wesentlich halte, habe ich lange überlegt, wie das lateinische Wort angemessen zu ersetzen ist: Integrität.

Wie drückt man das mit einem einzigen Wort unmissverständlich aus? Eine Weile habe ich den Begriff Aufrichtigkeit verwendet. Er gefällt mir, weil er etwas Bildhaftes hat und weil der Leser sofort die Erinnerung an ein Erleben dazu abrufen kann: Jeder weiß, wie es sich anfühlt, den eigenen Leib aufzurichten, die Wirbelsäule zu strecken, den Kopf zu heben. Diese Körperhaltung sagt viel über die innere Haltung aus. Sprichwörter sind oft aufschlussreich, um tiefere Bedeutungen zu ergründen. Vielleicht kennen Sie die Redewendung, dass jemand „Rückgrat zeigt“? Sieht man das Gegenteil, erkennt man daraus schon von weitem die Gestimmtheit eines Menschen: Eine gebückte, gekrümmte oder eingesunkene Figur deutet nicht auf ein heiteres, freies und leichtes Gemüt hin.

Die Definition von Integrität stiftet Verwirrung. Auf Wikipedia können wir lesen: Die „persönliche“ Integrität ist erreicht, wenn man gemäß seiner Werte spricht und handelt. Ich würde diese Beschreibung so ergänzen, dass Denken, Fühlen, Sprechen und Handeln in Einklang sind. Was natürlich auch viel zu platt ist. Denn unser Wertesystem beinhaltet reichlich Aufgezwungenes, das nicht aus uns selbst erwachsen ist. Das Wort „persönlich“ setze ich hier in Anführungszeichen, weil die Person ja gerade das Resultat der Anpassung an äußere Erfordernisse ist. Also das Gegenteil von Integrität. Sie sehen: Mit dieser offiziellen Verlautbarung kommen wir nicht wirklich zum Ziel.

Forschen wir weiter, welche Bedeutungen das Fremdwort noch hat, dann finden wir einen wertvollen Hinweis: In der Biologie und im Völkerrecht hat Integrität etwas mit Unversehrtheit zu tun. Aha. Star-Trek-Zuschauer kennen den Begriff der „Hüllen-Integrität“. Gemeint ist, ob die Schutzhülle des Raumschiffs noch hält. Vielleicht dient uns dieses Bild, bei unserer Betrachtung. Was bleibt heil oder ganz, wenn meine Taten und mein Reden meinen inneren Überzeugungen gemäß sind? Was wird verletzt, wenn ich stattdessen die Welt oder mich selbst belüge durch unaufrichtige Worte oder unstimmiges Handeln?

Es ist die Treue zu mir selbst. Mein Selbst ist mein Kern, meine Essenz, mein wahres Wesen. Dieses Selbst verraten viele von uns im Alltag, indem sie scheinbaren Sachzwängen folgen. Wir tun etwas entgegen unserer Überzeugung. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, die ich hier nicht darlegen will. Stattdessen richte ich meine Aufmerksamkeit auf die Folgen des sogenannten Selbstbetrugs.

Warum schreibe ich „sogenannt“? Auch dieser Begriff ist knapp daneben. Das Selbst kann man nicht „betrügen“, weil es sich nicht täuschen lässt. Ganz im Gegenteil: Unsere Empfindungen sind ein Kompass auf dem Weg in die Integrität. Man muss sie schon ausblenden, um sie nicht mehr wahrzunehmen. Dann ist das Selbst um seine Verwirklichung gebracht. Das ist eher ein Raub als eine Betrug. Wir spüren sehr wohl, wenn wir unsere Überzeugungen verraten, egal, welche wohlklingenden Beweggründe wir vordergründig anführen. Das fühlt sich gar nicht gut an.

Viele tun es trotzdem. Sie schieben das schlechte Gefühl beiseite und verdrängen ihre innere Stimme. Es ist zugegebenermaßen auch nicht leicht, unsere ur-eigene Stimme von all dem anderen Gesäusel zu unterscheiden, das wir im Laufe unseres Daseins von unseren Mitmenschen übernommen haben. Die Einflussnahme ist allgegenwärtig. Sie durchdringt jeden Lebensbereich. Unter zahllosen eingeimpften Ansichten liegt irgendwo unsere eigene Betrachtungsweise. Unterscheidungsfähigkeit ist die Eigenschaft, die hier ganz dringend gebraucht wird, sonst vergessen wir, wer wir in der Tiefe sind, und halten uns für die Person, die sich an der Oberfläche zeigt.

Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen werden oft als Wunsch in meiner psychologischen Beratung genannt. Die meisten Menschen verwenden diese Begriffe, ohne sich zu vergegenwärtigen, was sie eigentlich bedeuten. Daher wissen sie auch nicht, was zu tun ist, um ihr Ziel zu erringen. Nur wenn wir uns unseres Selbst bewusst sind, können wir ihm vertrauen. Und nur, wenn wir ihm vertrauen, werden wir ihm folgen. Stattdessen hat eine erschreckend große Anzahl der Leute keine Ahnung, wer sie sind.

Wozu führt diese Selbst-Vergessenheit?

Wir leben an uns vorbei. Wir erfüllen äußere Anforderungen und anderer Leute Bedürfnisse, statt unser Selbst in die Welt zu bringen und dabei unsere einzigartigen Gaben zu verwirklichen. Wenn wir uns aber daran erinnern, wer wir sind – und diese Möglichkeit geht niemals verloren – dann haben wir immer die Wahl, ob wir danach leben wollen oder nicht. Die Treue zu unserem Selbst, die Selbst-Treue, ist unser freier Wille. Wir können uns auch gegen sie entscheiden. Anscheinend ehrenwerte Gründe können dafür benannt werden, das eigene Selbst zu verraten: die viel gepriesene Solidarität gleich vorneweg, das Wohl anderer vor dem eigenen, der Gemeinschaftssinn, blablabla.

Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der die Menschen sich selbst verraten müssen, um sich gut einfügen zu können. Wer sich selbst verrät, verliert seine Selbst-Achtung. Möglicherweise ist das von bestimmten Kräften so gewollt. Mit einem Menschen ohne Selbst-Achtung kann man letztlich alles machen, weil er abhängig ist. Er benötigt dauernd Bestätigung von außen wie ein Junkie, der ständig die Dosis steigern muss, um seinen Kick zu erhalten. Für diese Anerkennung tut er alles und verrät dabei immer mehr sein Selbst, wodurch die Selbst-Achtung weiter sinkt. Das ist ein Teufelskreis. Und bei diesen sich selbst verstärkenden Spiralen hilft immer nur eins: Sie setzen beherzt einen Fuß dort heraus. Während Sie im Hamsterrad einfach weiter rennen, kommt es nie zum Stillstand. Vielleicht ist weniger Mut erforderlich als Sie denken, und wenn doch, lohnt sich der Einsatz.

Jede noch so kleine Handlung, die dem Inneren im Wesen entspricht, ist Balsam für die Seele. Damit würdigen Sie die Mühe, die sich Ihre Seele gemacht hat, um geboren zu werden, damit sie Ihr Selbst in die Welt bringen kann. Sie hatte gute Gründe dafür, das genau hier zu tun. In Ihrer Einzigartigkeit können Sie einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit an diesem Punkt der Geschichte leisten. Nicht im Mittelalter und nicht in 500 Jahren, sondern genau jetzt.

Lauschen Sie in sich hinein, welche Werte Ihre eigenen sind, und lassen Sie aufgepfropfte Weltanschauungen los. So erlangen Sie Selbst-Bewusstsein. Sie müssen ja nicht gleich zum Gesetzlosen werden wie in einem amerikanischen Western. Wählen Sie mit Bedacht, wo Sie damit beginnen, Ihr wahres Wesen behutsam ans Licht der Welt zu bringen. Sie würden ein Kind auch nicht im Supermarkt gebären. Es ist wichtig, dass die Umgebung und das Umfeld dem Geschehen gemäß sind.

Machen Sie Erfahrungen. Lernen Sie aus den unangenehmen und schöpfen Sie Zuversicht aus den angenehmen. So bauen Sie Ihr Selbst-Vertrauen auf. Fangen Sie damit an, sich selbst treu zu sein. Jeden Tag ein bisschen mehr. Die so errungene Selbst-Achtung macht Sie unabhängig und frei, Ihr Leben nach Ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Warum ich so viel Wert auf den präzisen Einsatz von Worten lege? Sprachliche Genauigkeit ist bedeutsam für psychologische Fragestellungen. Ich möchte damit einen Aufruf senden: Lassen Sie sich nicht verwirren von einem Mangel an Trennschärfe bei der Beschreibung ganz wesentlicher Begriffe. Internet-Lexika sind nicht das Maß der Dinge. Hinterfragen Sie Definitionen und treffen Sie notfalls lieber Ihre eigenen. Sprache ist elementar. Sie dient uns dabei, innere Landkarten zu erstellen, an denen wir uns bei unserer Entwicklung entlangtasten. Kaum eine Sprache hat so eine Klarheit in den Details wie die deutsche. Wir lassen sie uns von schicken Fremdwörtern nicht nehmen.

Text: Petra Weiß
Foto: Alexandra H. / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

 

Der Second Hand Shop in uns

Texter, Schriftsteller, Essayist

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich hobbymäßig mit Mode. Wer meinen Veröffentlichungen folgt, hat schon Anklänge davon gefunden. Gerade ist mir klar geworden, warum ich vor allem Schätzchen aus zweiter Hand so anziehend finde.

Man könnte meinen, dieses Steckenpferd drehte sich um Schnäppchenjagd, um Nachhaltigkeit oder darum, das Besondere zu entdecken. Mag sein, dass all das eine Rolle spielt. Aber im Grunde geht es mir auch bei meinen privaten Interessen um Selbstausdruck und Wertschätzung.

Anlass für diesen Beitrag ist die Aktion einer Modebloggerin. Sie hat Ihre Kolleginnen ermutigt, in ihren eigenen Kleiderschränken 2nd Hand shoppen zu gehen. Wie soll man sich das vorstellen?

Die stilbewussten Damen fischen aus Koffern und Kisten, von Regalen und Kleiderstangen sogenannte Schrankhüter. Das sind Teile, die man zwar schon ewig nicht mehr trägt, von denen man sich aber dennoch nicht trennen kann. Vielleicht kennen Sie so etwas. Das Auffinden von Ungetragenem ist an sich noch nichts Aufregendes. Berichtenswert finde ich, dass der Auftrag lautete, diese Stücke in zeitgemäße und tragbare Outfits zu integrieren.

Ich denke in Analogien und betrachte solche Dinge immer auf der psychologischen Ebene. Worum geht es hier im übertragenen Sinne? Teile, die zu uns gehören, aber nicht genutzt werden, betten wir sinnvoll ein, damit sie uns dienen können. Das erinnert mich an abgespaltene Persönlichkeitsanteile, die integriert werden wollen. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Spaltung im Außen, in unserer Gesellschaft, nur überwinden, wenn jeder von uns seine innere Spaltung bewusst angeht. Daher hat mich der Ansatz sehr berührt.

Was einmal für wert befunden wurde, zu uns zu gehören, darf einen Platz haben. Das Vorhandene mit ein paar Tricks gut unterzubringen, macht mehr Mühe, als es durch etwas Neues zu ersetzen. Das hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Nimmt man die genannte Analogie, geht es hier um einen Weg in die Selbst-Wertschätzung.

Natürlich kann bei der Aktion auch herauskommen, dass ein Teil nie wirklich passend war, sondern wir einer Mode nachgelaufen sind. Das wäre auch eine hilfreiche Erkenntnis. Dann verabschieden wir uns mit Dank und Wertschätzung. Schließlich hat uns das Teil jetzt gezeigt, wie wir nicht sind. Diese Einsicht ist kostbar. Wir werfen es nicht in den Müll. Vielleicht bieten wir es im Freundeskreis an oder bringen es in einen Second-Hand-Laden.

Machen Sie sich doch einmal auf die Suche nach solchen Kleidungsstücken in Ihrer Garderobe. Während Sie ausprobieren, wie Sie ein altes Teil in ein schickes Ensemble einbetten, regt das Ihr Unterbewusstsein dazu an, Seelenanteile wieder in die Ganzheit Ihrer Persönlichkeit einzubinden, die bisher ein Schattendasein führten. Weniggetragenes kann andererseits auch ein klares Nein in uns hervorrufen und dient so der inneren Abgrenzung gegen Unpassendes. Wir haben weder Leistungsanspruch noch Zeitdruck. Beginnen Sie mit einer einfachen Übung, nicht mit dem Meisterstück. Starten Sie mit einem Tüchlein oder einer Krawatte, nicht mit dem Hochzeitskleid oder der Ledertasche aus Studienzeiten oder mit der Taschenuhr aus dem Erbe ihres Onkels. Dann erleben Sie auf spielerische Weise einen Vorgang der Unterscheidung zwischen „gehört zu mir“ und „gehört nicht (mehr) zu mir“.

Dass Persönlichkeitsanteile in den Hintergrund getreten sind, kann vielerlei Gründe haben. Oft wird uns eine Eigenschaft als Kind aberzogen, weil sie unbequem für die Erwachsenen ist oder weil Eltern glauben, sie würde später Probleme mit sich bringen. Entdeckerfreude, Bewegungsdrang oder Willensstärke sind beispielsweise solche Eigenheiten. Neugierde gehört ebenfalls zum gesunden Kindsein. Hartnäckiges Hinterfragen hat schon so manches Elternteil genervt. „Warum, warum, warum?“, kann einem zugegebenermaßen den letzten Nerv rauben. Das Gegenteil ist aber in seinen Folgen auch nicht erstrebenswert: Was passiert, wenn wir die Gegebenheiten nicht mehr hinterfragen, sehen wir allerorts.

Besonderheiten, die in unserer Kindheit unerwünscht waren, können uns im Erwachsenenalter durchaus dienen. Kleidung kann ein Wegweiser zu den verschütteten Eigenarten sein. Daher lohnt sich ein Blick in die Entwicklung unserer Garderobe zuweilen. Haben Sie noch Kinderbilder im Zugriff? Betrachten Sie Ihre Kleider von damals. Finden Sie alte Vorlieben wieder – Farben, Schnitte, Muster, Stoffe? Wann haben Sie aufgehört, solche Sachen zu tragen? Oder gibt es sie noch?

Warum sollten Sie sich mit Ihrer „zweiten Haut“ befassen?

Lösungen für Alltagsprobleme zu finden, führt zu einem Erleben der eigenen Fähigkeit und Begabung, mit Herausforderungen umzugehen. Das kann man natürlich auf allen möglichen Gebieten üben. Manche stellen sich gerne handwerklichen Aufgaben. Wer schon einmal ein Haus renoviert, ein Möbelstück restauriert oder so etwas selbst gebaut hat, weiß wovon ich spreche. Dabei werden auf ganz natürliche Weise unsere Fähigkeiten geschult, Entscheidungen zu treffen, mit Unerwartetem umzugehen, Niederlagen zu verkraften, sich den Gegebenheiten anzupassen, über Umwege zum Ziel zu gelangen und vieles mehr. Kleidung als Interessengebiet für solche Übungen ist im Wortsinne naheliegend. Wir alle haben damit täglich zu tun.

Also zurück in die Ankleide: Die Wertschätzung für vergessene Hüte, Hosen oder Hemden in den dunklen Gefilden des Schranks, dient unserer Achtung vor den unbeleuchteten Ecken unserer Seele. Vielleicht müssen wir sie gar nicht leugnen oder ausgrenzen. Möglicherweise lassen sie sich heute in unser Leben viel gewinnbringender einbinden, als wir denken. Probieren Sie es aus.

Während Sie Ihren abgeliebten Poncho betrachten, fragen Sie sich: „Womit verbinde ich dieses Kleidungsstück?“, „Was bedeutet es mir?“. Vielleicht fallen Ihnen bestimmte Ereignisse ein, zu denen Sie den Fummel vor 20 Jahren getragen haben. Welche Gefühle rufen diese Erinnerungen hervor? Gibt es da noch etwas zu befrieden? Oder wollen Sie im Gegenteil, die Zeit an der Stelle anhalten, weil sie so schön war? Nehmen Sie sich für diese Fragen Zeit.

Solche inneren Betrachtungen führen zu mehr Verständnis, wenn man sie aufrichtig anstellt. Dann erklären sich die Gründe, die Schrankleiche nicht zu tragen, ebenso schlüssig wie das Nicht-Loslassen derselbigen.

Eine alte Motorrad-Jacke ist möglicherweise schon seit 10 Jahren zu eng, um sie zu schließen. Und seit 5 Jahren hat man keine Runden auf zwei Rädern mehr gedreht. Warum bleibt sie ungenutzt im Schrank? Hat das gute Stück die Freiheit konserviert, die mir einst beim Biken zuteil wurde? Vielleicht lasse ich die Jacke einfach offen, ich brauche mich ja beim Stadtbummel oder in der Kneipe nicht vor dem Fahrtwind zu schützen. Wenn man will, findet man Möglichkeiten. Sogar bürofein kann ich die Lederjacke kombinieren, z.B. mit Bleistiftrock und Bluse. Biker-Look und Romantik? Geht auch: Man kann die Jacke zum Blumenkleid tragen, wenn man der Blümchen-Typ ist und ein Rocker-Gen besitzt. Ein gekonnter Stilmix macht das Outfit spannend – vorausgesetzt, man hat beide Stilanteile in der eigenen Persönlichkeit. Dann dient er dem authentischen Selbstausdruck. Sonst wirkt das eher albern. Hier ist die Frage, ob der jeweilige Stil wirklich zu mir gehört, wesentlich.

Das Leo-Kleid im Allover-Print trage ich niemals, weil es meinem klassisch-sinnlichen Stil nicht entspricht. Wenn ich solche Teile trotzdem immer wieder kaufe, kann das ein Hinweis darauf sein, dass etwas in mir wilder ist, als ich gemeinhin zu erkennen gebe. War ich als Kind eine unerschrockene Wikingerin, der kein Baum zu hoch war? Bin ich mit 10 aus dem Kirschbaum gefallen, habe mir die Schneidezähne ausgeschlagen und einen gehörigen Schreck erlebt, so dass ich fortan meine Abenteuerlust gemäßigt habe? Vielleicht kann ich diese wilde Seite in einer altersgemäßen Weise wiederbeleben. Man muss ja nicht gleich auf Bäume klettern. Eine winzige Dosis Animalprint als Applikation am Schuh oder als dezentes Tuch an der Handtasche setzen vielleicht den letzten Mosaikstein für ein rundes Bild, das alle Facetten der Persönlichkeit zeigt.

Wenn ich eine höhere Dosis Tierisches vertrage, kann ich die Wildkatze durch einen Blazer zähmen und mithilfe von Perlenschmuck veredeln, so dass sie für den klassischen Stiltyp (er-)tragbar wird. Andere Stiltypen würden dem Raubtier mit einer lässigen Jeansjacke und einfachen Turnschuhen eine gute Portion Bodenständigkeit verleihen.

Verstehen Sie das Prinzip?

Was uns gestern lieb und teuer war, darf bleiben und wird dem heutigen Stand der Entwicklung angemessen integriert. So erfährt es eine Würdigung, die sich weit über die Auswahl und den Einsatz unserer Kleidung hinaus erstreckt.

Ich wünsche uns allen, dass wir das Eigene wieder mehr zu schätzen lernen und es geschmeidig in unser Selbstbild einfügen, um unsere Einzigartigkeit angemessen in die Welt zu bringen.

Viel Freude bei Ihren Versuchen, mit Kleidung oder anderen kreativen Ansätzen gestalterisch ihren authentischen Selbstausdruck zu finden.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Besser ist der Feind von Gut.

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Essay von Petra Weiß. Lesedauer ~20 Minuten
Rubrik: Umdenken

In meiner Praxis begegnen mir häufig Menschen, die sich auf unbestimmte Weise irgendwie nicht gut genug fühlen. Sie leisten Großartiges und ernten vielfach Anerkennung. Trotzdem erscheinen ihnen ihr Tun und ihr Sein niemals als ausreichend. Es genügt ihnen nicht und sie haben den Eindruck, bestimmten Leuten oder der Welt im Allgemeinen nicht gerecht zu werden.

Der Beitrag beleuchtet verschiedene Gründe für das „Nicht-gut-genug“-Phänomen.

Als Frau der Sprache begebe ich mich zuerst hier auf Ursachenforschung.

In der Psychologie ist die Erscheinung schon lange bekannt und weit verbreitet. Sie wird wie eine Krankheit behandelt. Führer hat man von „Minderwertigkeitskomplexen“ gesprochen. Allein die Bezeichnung klingt in meinen Ohren wie ein Schimpfwort, als sei jemand gestört und müsse sich dafür auch noch schämen. Heutzutage sagt man eher „Selbstwertschätzung“ und meint damit gar nicht die Wertschätzung für das Selbst, sondern die Wertschätzung für die eigene Person, das Ich oder das Ego. Entsprechende Bemühungen, daran zu arbeiten, sind schon aufgrund dieser Verwechslung wenig erfolgversprechend. Vielleicht liegt genau hier ein Teil der Lösung.

Ein verhängnisvolles Missverständnis

Das Selbst ist ein unveränderlicher Teil von uns, es wird auch das wahre Wesen oder die Essenz genannt. Wir können dem Selbst nichts wegnehmen und nichts hinzufügen. Das Wort „Selbst-Optimierung“ ist daher schon in sich ein Widerspruch. Wer antritt, sein Selbst zu optimieren, hat keine Chance auf Erfolg. Und keine wahre Wertschätzung für sein Selbst. Das Selbst will einfach nur in die Welt gebracht werden, damit es dort wirken kann. Merkwürdig, dass der Begriff oft in abwertender Weise verwendet wird: die Selbst-Verwirklichung.

Etwas ganz anderes ist die Persönlichkeit. Dieses Ich ist das Ergebnis unserer Anlagen und all der Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben. Deshalb besteht sie unter anderem aus Abwehrmechanismen, Vermeidungsstrategien, Glaubenssätzen, Verletzungen und vielem Weiteren, was wir sonst noch so angesammelt haben. Die Ursachen dieser Anteile liegen in der Vergangenheit. Vielleicht waren sie einmal lebensrettend. Ihre Entstehungsgeschichte zu kennen und ihren ursprünglichen Zweck zu achten, kann uns mit unserem So-Sein versöhnen. Das heißt nicht, dass wir so bleiben (müssen). Ganz im Gegenteil: Wenn wir anerkennen, wer wir geworden sind, weil wir unsere Geschichte verstehen, wird der Weg frei für eine ehrliche und tiefgreifende Veränderungen. Wir sind in gewissem Sinne „ver-wickelt“ in unsere früheren Erlebnisse. Wenn wir also etwas „ent-wickeln“ wollen, dann die Persönlichkeit.

Diesseits von Gut und Böse.

Menschen, die glauben, sie seinen nicht gut genug, fühlen sich immerzu getrieben, noch mehr zu leisten und dabei ständig besser zu werden. Wussten Sie, dass „besser“ vom Wortstamm her verwandt ist mit „böse“? Ich würde so weit gehen zu sagen: „Besser“ ist der Feind von „Gut“. Durch das Streben nach „besser“ verhindern wir „zufrieden“ und „gelassen“ und viele andere Worte, die mit kraftvollen Zuständen verbunden sind.

Sich „optimieren“ zu wollen, ist in Mode gekommen. Für das Fremdwort „optimieren“ gibt es bezeichnender Weise keine deutsche Entsprechung, die genau dasselbe aussagt. Es ist ein Kunstwort. Das Optimieren hat nichts Natürliches. Es zeugt von der Verdrehung unseres naturgegebenen Drangs nach Entwicklung in ein mit Macht herbeigezwungenes Hinbiegen auf ein Ziel zu, das nicht erreichbar ist: das unverbesserliche „Optimum“. Ich hasse dieses Wort.

Was mich bei meiner Suche nach den gesamtgesellschaftlichen Ursachen des Perfektionswahns regelrecht anspringt, ist die Bezeichnung der Schulnoten im Zeugnis. Wer kam nur auf die Idee, den Schülern die Bewertungen „sehr gut“ und „gut“ zu geben? Was bedeutet es, wenn sie dieses Niveau nicht erreichen? Fragen wir doch mal nach der Logik: Was liegt außerhalb von „gut“, bzw. was ist das Gegenteil von „gut“? Je nach Blickwinkel gibt es zwei mögliche Antworten: Im Leistungssinne ist das, was nicht gut ist, „schlecht“. Im moralischen Sinne ist das Nicht-Gute sogar „böse“.

Können Sie sich vorstellen, was so eine Bandmarkung in einer Kinderseele hinterlässt, auch wenn oder vielleicht gerade weil sie unausgesprochen im Raum steht?

Und es wird noch schlimmer: „befriedigend“ ist nicht gut genug, um als „gut“ zu gelten. Da muss man sich über Spätfolgen der Benotung für das Unterbewusstsein nicht wundern. Wie sollten wir denn mit dem „befriedigenden“ Ergebnis unserer Bemühungen jemals zufrieden sein, wenn wir von Kindesbein an lernen, dass das Zufriedenstellende es nicht verdient hat, als „gut“ zu gelten? Von „mangelhaft“ und „ungenügend“ ganz zu schweigen!

Kleine Anpassung, große Wirkung

Machen Sie sich frei, von dem Wort „besser“. Probieren Sie aus, womit Sie es ersetzen wollen. „lieber“ ist häufig zutreffend, wenn der Zusammenhang ein allgemeiner ist. „Lass uns besser/lieber am Montag treffen.“

Wenn es um einen Optimierungsversuch geht, kann es sehr erhellend sein, das „Besser“ genau zu benennen. Dann fällt einem häufig auf, wie unsinnig das Ansinnen eigentlich ist.

Wollen Sie zum Beispiel eine „bessere Hausfrau“ werden: Was genau wollen Sie verändern? Ist der Anspruch realistisch? Welches Ergebnis versprechen Sie sich davon? Wie werden Sie erkennen, dass Ihr Bestreben erfolgreich war? Ist Ihr Gradmesser für den Zweck überhaupt geeignet?

Sie nehmen sich beispielsweise vor, dass Sie für mehr Ordnung und Sauberkeit in Ihrem Zuhause sorgen wollen. Das erkennen Sie daran, dass Ihr Mann nicht mehr meckert? Wirklich? Der Gradmesser ist denkbar ungeeignet. Ihr Mann ist vielleicht ein notorischer Nörgler. Dann werden Sie Ihr Ziel nie erreichen. Merken Sie etwas? Wenn Ihr Gradmesser untauglich ist, hat das ganze Vorhaben keinen Sinn.

Lobhuddelei und ihre Folgen

Den Maßstab für die Bewertung des eigenen Verhaltens einem anderen Menschen in die Hand zu legen, ist selten eine gute Idee. Leider sind wir daran so gewöhnt, dass uns das im Alltag nicht einmal mehr auffällt. Wir lechzen so nach Anerkennung, dass wir jedes Lob aufsaugen, egal wer sich gerade anmaßt, uns belobigen zu wollen und wofür.

Wann ist es angemessen, dass uns ein anderer Mensch sagt „Das hast Du gut gemacht!“ Welche Rollenverteilung tönt da mit? Lob ist wie Wasser: Es fließt grundsätzlich von oben nach unten. Wer uns lobt, stellt sich über uns. Das setzt eine Hierarchie voraus, die es in manchen Zusammenhängen tatsächlich gibt: zwischen Eltern und Kindern, zwischen älteren und jüngeren Geschwistern, zwischen Lehrern und Schülern oder zwischen Professoren und Studenten. Auch im Geschäftsleben wird gelobt. Es mag angemessen sein, dass ein Chef seine Mitarbeiter lobt oder ein Auftraggeber den Dienstleister. Wir nennen das neudeutsch „Feedback“.

Ehrliche Rückmeldungen erkennen Sie daran, dass etwas ganz Bestimmtes lobend erwähnt wird, und zwar eine Ihrer Eigenschaften in Zusammenhang mit einer konkreten Leistung z.B. Ihre Zuverlässigkeit in der Terminplanung oder Ihre Kreativität beim Design des neuen Produktes oder Ihre Fachkenntnisse in diesem oder jenem Bereich.

Statt sich beide Beine auszufreuen, dass man Ihnen ein Krönchen aufsetzt, fragen Sie sich, ob der Kollege sich gerade in die Chef-Rolle aufschwingt, wenn er Ihnen ein Lob ausspricht. Und auch wenn die Rollen passen, lohnt es sich, ein Kompliment zu hinterfragen. Betrifft es eine Eigenschaft, für die Sie geschätzt werden wollen. Wenn man Sie so mit Arbeit zumüllt, dass Sie kaum mehr atmen können und trotzdem haben Sie einen wichtigen Termin gehalten, dann bedeutet das Lob Ihrer Termintreue: “Prima, wir können Dich weiterhin ausnutzen und Deine Bedürfnisse ignorieren. Du funktionierst trotzdem.”

Häufig wird die ausgesprochene Anerkennung für bestimmte Zwecke genutzt und verliert damit jeden Glanz. Solange wir von der Wertschätzung durch andere abhängig sind, wirken Lob und Tadel wie Zuckerbrot und Peitsche: Sie konditionieren uns auf ein gewünschtes Verhalten.

Führungskräfte lernen, dass sie ihre Mitarbeiter durch Lob motivieren müssen, damit diese noch mehr, noch effektiver, noch flexibler etc. zu arbeiten oder einfach, um bei der Stange zu bleiben. Manch ein Angestellter vergisst im Freudentaumel des Gelobtwordenseins, dass ihm längst eine Gehaltserhöhung zustünde. Oder er nimmt einen unliebsamen Auftrag an, weil man ihm Honig um den Bart geschmiert hat.

Diese Schein-Wertschätzung als Hilfsmittel der Manipulation hat viel Misstrauen in den Austausch von Freundlichkeiten gebracht. Schade. Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal dabei erwischt, dass Ihnen jemand etwas Nettes sagt und Sie denken reflexhaft „Was will der von mir?“ Es ist sehr traurig, dass die Frage durchaus berechtigt sein kann. In modernen Kommunikationstrainings wird den Leuten beigebracht, dass sie zuerst etwas loben müssen, bevor sie die Kritikkeule auspacken. Im Zweifel schlucken Sie dann leichter, wenn Sie jemand im Anschluss beleidigt und beschimpft. Die oft geforderte Kritikfähigkeit nehmen wir aber ein andermal auseinander. Heute liegt unser Schwerpunkt auf dem Lob.

Wertschätzung, die von Herzen kommt

Sie sehen: Lob hat Risiken und Nebenwirkungen. Wann ist es aber angebracht, dass man eine Rückmeldung gibt und in welcher Weise?

Aufrichtigkeit und Verbundenheit sind Voraussetzungen für Wertschätzung, die in Form von Worten zwischen zwei Menschen liebevoll fließt.

So könnte das Lob der Termintreue ausschauen, das man bedenkenlos annehmen kann: „Ich war so erleichtert, dass Du trotz der technischen Schwierigkeiten den Termin eingehalten hast! Der Kunde hat sich auf mein Versprechen verlassen. Ich stand bei ihm im Wort. Beim nächsten Auftrag dieser Art planen wir 5 % mehr Puffer in den Zeitplan ein, damit Deine Arbeitsgruppe am Ende des Projekts keine Nachtschichten machen muss.“ Diese Rückmeldung ist persönlich und wertschätzend, sie würdigt nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Weg dorthin, und zielt nicht auf weitere Ausbeutung.

„Deine Torte schmeckt mir so gut! Die Füllung erinnert mich an den Erdbeerkuchen von meiner Oma, den ich so geliebt habe.“ hört sich ganz anders an als „Die Torte hast Du gut gemacht. Die Füllung ist cremig und der Teig ist schön fluffig geworden. “ Die zweite Fassung klingt nach Gefälle. Zwischen dem Konditormeister und seinem Lehrling ist das passend. Am Kaffeetisch bei Schwiegermuttern kann eine solche Aussage diplomatische Verwicklungen nach sich ziehen.

Achten Sie darauf, was Sie bei anderen wahrnehmen und natürlich auch, was Sie selbst von sich geben. Ich-Botschaften sind in der Regel gute Vermittler für Anerkennung und Dank.

Bei sich selbst beginnen…

Egal, wie herzlich eine wertschätzende Aussage gemeint ist: Wenn wir uns selbst – oder treffender gesagt: unser Selbst – nicht angemessen wertschätzen, kommt jeder Versuch von Wertschätzung durch unser Umfeld entweder gar nicht oder schräg an.

Bei einem Mangel an Selbstwertschätzung warten wir auf das Lob von außen wie eine Spinne im Netz. Wir tun viel dafür, damit es endlich kommt. Wir verausgaben uns bis zum Letzten, um ein Kompliment zu erhaschen. Und wenn es dann da ist, reicht es uns nicht. Es ist zu wenig. Genügt nicht. In einem Akt der Projektion verleihen wir dem Lob dieselbe Note, die wir uns selbst gegeben haben: „ungenügend“ oder „mangelhaft“, weil nicht „gut“ oder „sehr gut“, und in keiner Hinsicht „befriedigend“.

Meine Empfehlung: Machen Sie sich möglichst unabhängig von Wertschätzung aus Ihrem Umfeld. Freuen Sie sich ruhig, wenn jemand Ihnen etwas Liebes sagt, das ist zutiefst menschlich. Aber gieren Sie nicht danach. Die Wertschätzung kommt eh nicht an, wenn Ihre Antennen dafür fehlen oder verkümmert sind.

Wie richten wir diese Antennen aus, um überhaupt mitzubekommen, dass jemand uns echte Wertschätzung entgegenbringt?

Ein guter erster Schritt ist es, wenn Sie sich darüber klar zu werden, welche Fähigkeiten Ihnen Freude bereiten, die Ihnen in die Wiege gelegt sind, oder die Sie mit Leichtigkeit hervorgebracht haben. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass diese Eigenschaften etwas mit Ihrem natürlichen So-Sein zu tun haben. Seien Sie stolz darauf, auch und gerade wenn Ihnen bestimmte Tätigkeiten keine Mühe bereiten. Wir haben ja oft gelernt, dass unsere Leistungen nichts wert sind, wenn wir uns nicht anstrengen. Das Gegenteil ist der Fall. Was Ihnen besonders leicht von der Hand geht, wird unterstützt durch eine Gabe. Unsere Talente gehören nicht zu unserem Tun, sondern zu unserem Sein. Diese selbst zu schätzen, macht das Leben einfacher und glücklicher. Freuen Sie sich an ihren Schätzen! Sie gehören zu Ihnen. Erforschen Sie Ihre Gaben, schreiben Sie sie auf, wenn Sie das wollen.

Fällt Ihnen die Übung schwer? Dann schimpfen Sie bitte nicht mit sich. Bei vielen Menschen herrscht seit frühester Kindheit ein innerer Kritiker mit das Zepter der Bewertung. Diese Gewohnheit ist meist unbewusst und reflexhaft. Sie zu verändern, erfordert Beharrlichkeit und Ausdauer. Aber es lohnt sich.

Erschwernisse auf dem Weg

Der Richter im Rucksack ist besonders ungnädig nach narzisstischem Missbrauch. Durch einen Narzissten erfahren wir ein hohes Maß an mehr oder weniger offen feindseliger Abwertung. Während wir direkte Angriffe erkennen und uns klar dagegen stellen können, werden kaum greifbare Vorhaltungen früher oder später vom Opfer verinnerlicht.

Lob vom Narzissten ist in der Regel vergiftet. Zu Beginn des Kontakts überschwemmt er seine Opfer mit Komplimenten aus Kalkül, er wickelt sie darin ein und macht sie davon abhängig. Später verpackt er in scheinbar freundliche Äußerungen kleine Spitzen der  Gehässigkeit, oder das Gelobte hat man (angeblich) ihm zu verdanken, und er lobt indirekt nur sich selbst. Kein Wunder, dass manche Kinder narzisstisch gestörter Eltern später kaum ertragen, belobigt zu werden. Sie müssen es mühsam lernen, dass wirklich sie gemeint sind und es keinen Haken an der Sache gibt.

Es muss aber nicht unbedingt etwas vorgefallen sein, um eine problematische Beziehung zur eigenen Selbstwertschätzung zu haben.

Nicht jeder Mensch hat die gleiche Anlage dafür, mich sich zufrieden sein zu können. Es gibt Typen, die sich damit schwertun, sich mit der eigenen Unvollkommenheit abzufinden.

Gerne greife ich zur Verdeutlichung auf die Typenlehre des Enneagramms zurück: Der Typ EINS hat sogar den Beinamen „der Perfektionist“. Seine Wahrnehmung ist dergestalt, dass er immer sieht, was nicht genau passt, was man noch verbessern könnte. Sein Radar ist stets auf Optimierungspotenzial gerichtet. Daher entspringen sein Tatendrang, seine Bedächtigkeit und seine Präzision. Und leider oft auch seine Melancholie, sein Pessimismus und sein Weltschmerz. Er hat eine große Sehnsucht nach Vollkommenheit, weil das die Erinnerung ist, die er aus der Einheit mitgebracht hat. Außer im Paradies, wird sie natürlich nirgends erfüllt. Versucht man einen Menschen dieses Typs zu loben, wird er es überhören oder abwiegeln und aufzählen, was alles noch nicht gut ist. Der Zaubertrunk für die EINS heißt „Gut ist gut genug.“

Aus der Homöopathie kennen wir mehrere Konstitutionen, die sich (und/oder ihr Umfeld) mit dem Anspruch auf eine perfekte Welt quälen (Arsenicum, Lycopodium, Kalium etc.). Wenn man mit so einer Veranlagung geboren wird, löst sie sich nicht in Luft auf, wenn man nur hart genug an sich arbeitet. Aber man kann versuchen, sich insgesamt in eine ausgeglichene Balance zu bringen, damit man leichter Fünfe grade sein lassen kann. Und im Zweifel hilft ein Kügelchen, die heftigsten Ausschläge auf der Enttäuschungsskala etwas zu glätten.

Ein Blick ins Horoskop hilft manchmal herauszufinden, ob der hohe Anspruch an sich selbst und an die Mitmenschen gottgegeben ist. Die Jungfrau steht in dem Ruf, immer etwas zu finden, woran sie herummäkeln kann. Ihr Streben nach Reinheit gibt ihr andererseits etwas kindlich-naiv Bezauberndes. Wenn Sie wissen wollen, ob Sie solch eine Anlage mitgebracht haben: Betrachten Sie nicht nur das Sonnenzeichen, sondern immer auch die restlichen Planeten und vor allem den Aszendenten.

Erste Schritte in die Schwerelosigkeit

Was unterstützt Sie bei Ihrer Bewusstwerdung auf dem Weg zur Selbstwertschätzung?

Die genannten Denkanstöße dienen Ihnen im Alleingang oder im vertrauensvollen Austausch mit einem wertschätzenden Gegenüber. Narzisstische Erfahrungen verarbeiten Sie in der Regel nicht in Eigenregie, insbesondere wenn es sich um Kindheitserlebnisse handelt. Suchen Sie sich fachkundige Hilfe. Und achten Sie darauf, dass Sie nicht – aufgrund der Resonanz – an einen narzisstischen Therapeuten geraten.

Ihr homöopathisches Konstitutionsmittel finden Sie in der Begleitung eines erfahrenen Mediziners. Eine laienhafte Ruck-Zuck-Homöopathie a la 3×5 Kügelchen D6 ist hier nicht angebracht.

Kraftvoll und sanft wirken Bachblüten. Sie eignen sich zur Selbstbehandlung und sind für kleines Geld rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Ich empfehle für die Selbstwertschätzung folgende Mischung:

    • Crab Apple: Vernünftige Ansprüche an sich und an die Welt richten.
    • Rock Water: Raus aus der Rigidität.
    • Larch: Selbstvertrauen und innere Sicherheit.
    • Rock Rose: Nachwirkungen traumatischer Erlebnisse auflösen.
    • Impatiens: Geduld mit sich und anderen.
    • Pine: Schuldgefühle loslassen.

Falls Sie das Bedürfnis verspüren, mir eine Rückmeldung zu dem Beitrag zu senden, können Sie das bei Bedarf gleich üben: Bleiben Sie bei SICH und sagen Sie mir, wie der Artikel auf Sie gewirkt hat und was Sie für sich daraus ziehen können.

Dass ich mein Wissen und meine Erfahrungen in geschmeidige Worte fassen kann, weiß ich schon 🙂 Das fällt mir leicht. Es ist meine Gabe.
Und falls kein Mensch mir eine Rückmeldung für diese Arbeit gibt, bin ich trotzdem ganz zufrieden.

Text: Petra Weiß
Foto: twinlili / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Wie Sprache unser Zeitempfinden beeinflusst

Schreibkunst Texter Fachjournalist

Viele von uns haben in der Schule unter Fremdwort-beladenen Grammatik-Stunden gelitten. Haben Sie sich als Teenager für Plumperquatsch-Perfekt und nummerierte Zukünfte begeistern können? Ich habe damals nicht verstanden, wie mir diese Kenntnisse für mein Leben nützlich sein sollen. Stattdessen hätten wir lieber gelernt, wie uns der bewusste Einsatz unserer schönen Sprache dient, um glücklich und selbst-bestimmt zu leben. Der Sprachgebrauch hat viel mit unseren Gewohnheiten zu tun. Wir können durch ein paar kleine Anpassungen einfach und wirkungsvoll unsere Wahrnehmung und unser Erleben zum Guten verändern.

Vielleicht haben Sie das schon einmal beobachtet: Wenn uns ein früheres Ereignis noch ganz nah ist, verfallen wir beim Erzählen in die Jetzt-Zeit: „Bei der Abschlussfeier waren alle pünktlich bis auf Uli. Und dann kommt er auch noch mit einem ungeladenen Gast!“ Oder wir holen Künftiges sprachlich in die Gegenwart: „Morgen fahre ich nach Mannheim.“ Oft bemerken wir das gar nicht. Oder wir halten es für nebensächlich. Das ist es aber nicht.

Menschen, die durch ihre Art zu reden das Kommende immer schon hier haben, neigen zu Stress. Falls Sie zu den Menschen gehören, die unter Termindruck leiden, kann es ausgesprochen hilfreich sein, wenn Sie genau unterscheiden, was tatsächlich eben gerade passiert und was erst später: „Ich sitze gerade im Garten. Morgen werde ich nach Mannheim fahren.“ Diese Umstellung entschleunigt Ihr Leben und packt alle Vorhaben in die Zukunft, wo sie hingehören.

Wenn Sie inneren Abstand zu unerfreulichen Erlebnissen bekommen wollen, sind Sie gut beraten, die Vergangenheitsform bewusst zu wählen. Es hat eine sehr unterschiedliche Wirkung auf die gefühlte Aktualität, wenn Sie sagen „Er gibt mir eine Ohrfeige“ oder „Er hat mir eine Ohrfeige gegeben.“ oder „Er gab mir eine Ohrfeige.“ Die Energie der Tat ist bei „gibt“ ganz präsent. Sie wirkt bei „hat gegeben“ noch in die Gegenwart hinein. Die Formulierung „gab“ entfernt die Ohrfeige aus dem Jetzt. Das Ereignis ist wirklich vorbei.

Bei Vorgängen, die sehr rasch abgelaufen sind, ist die Geschwindigkeit eines der Probleme. Alles scheint gleichzeitig zu passieren, was uns völlig überfordert. Dann bringt die genaue Abfolge beim Erzählen Klarheit und eine Gliederung der Erlebnisse. Das spendet Halt und Orientierung.

Als praktisches Beispiel dient uns die Beschreibung eines Autounfalls: „Das Auto fuhr in die Seitenstraße ein. Dann hat es einen lauten Knall gegeben. Davor war noch ein leises Zischen zu hören.“ Erschließt sich Ihnen spontan, was hier geschah? Wann genau war das Zischen zu hören?

Günstiger für die Verarbeitung des Geschehens wäre folgende Ausdrucksweise: „Erst war ein leises Zischen zu hören. Dann gab es einen lauten Knall. Und danach fuhr das Auto in die Seitenstraße.“ Alle Wahrnehmungen sind abgeschlossen (war, gab, fuhr). Die Reihenfolge ist nicht nur eindeutig. Sie entspricht auch dem Vorgang, so wie er sich ereignet hat.

Wenn wir über Ursache und Wirkung sprechen, scheint es unerheblich, was davon wir zuerst erwähnen. Tatsächlich dient es uns sehr, wenn wir die Ursache voranstellen. Also statt: „Das Glas liegt auf der Erde, weil ich es umgestoßen habe aufgrund meiner Unkonzentriertheit. Ich hatte zuvor einen aufwühlenden Bericht gelesen.“ schreiben wir lieber „Ich habe einen aufwühlenden Bericht gelesen, daher war ich unkonzentriert und habe das Glas umgestoßen. Also liegt es jetzt am Boden.“ Das Gehirn muss sich nicht so verrenken, um zu begreifen, was sich ereignet hat.

Wann immer wir Orientierung brauchen, hilft Klarheit – gerade in turbulenten Zeiten.

A propos Klarheit: Hier geht es darum, was Sie für sich tun können, wenn Sie das wollen. Sie müssen es nicht. Sie dürfen auch einfach so bleiben wie Sie sind. Sprachgewohnheiten sind etwas sehr Persönliches, über viele Jahre gewachsen und gehören zu uns wie ein lieb-gewonnener Schlafanzug.

Lassen Sie sich bitte nicht verleiten, an anderer Leute Sprache herumzumäkeln, falls Ihnen die Beziehung zu diesem Menschen etwas bedeutet. Kritiksucht und Missionarseifer sind fehl am Platz. An solchen Übergriffen können Sie auch mit sprachlichen Kniffen nichts beschönigen. Ihre “gut gemeinten” Verbesserungsvorschläge können zu Recht als Angriff auf die Identität Ihres Opfers gewertet werden. 

Meine Empfehlung:

Gehen Sie es spielerisch an. Versuchen Sie nicht, alle Tipps gleichzeitig zu befolgen. Fischen Sie sich eine Anregung heraus, die Sie besonders ansprechend finden, und starten Sie damit ohne übertriebenen Ehrgeiz. Freuen Sie sich jedes Mal, wenn Ihnen der „Fehler“ auffällt, statt sich darüber zu grämen, dass Sie ihn noch nicht ausgemerzt haben.

Ich würde am Anfang gar nicht auf das Ersetzen der Formulierung zielen, sondern nur auf das Entdecken. Pirschen Sie sich behutsam an solche Veränderungen heran, statt etwas übers Knie brechen zu wollen. Die moderne Hirnforschung hat bestätigt, was wir alle schon seit unserer Schulzeit wussten: Mit Freude lernt es sich am Leichtesten!

Text: Petra Weiß
Foto: Timo Klostermeier / pixelio.de

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Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Das gute Schenken.

Bild zum Beitrag Das gute Schenken.

Lesedauer ~17 Minuten

Möchten Sie jemandem etwas zu Weihnachten schenken, worüber er oder sie sich freut? Ein passendes Geschenk zu finden, ist gar nicht so einfach. Viele Leute haben ja schon das meiste, was sie brauchen. Oder ganz konkrete Vorstellungen, was sie wollen, die man nicht erahnen kann.

Mir schenken Menschen manchmal feine Pralinen – ein Klassiker, mit dem man nichts falsch machen kann. Oder doch? Die Idee trifft meine Freude am Genuss und ist insofern genau in die richtige Richtung gedacht. Leider habe ich eine Schokoladen-Allergie (Wie fies ist das denn?!) Damit kann nun wirklich keiner rechnen.

Weil viele Geschenke gut gemeint und trotzdem individuell unpassend sind, geht nach dem Fest das große Umtauschen los. Besonders unangenehm ist es, wenn wir uns dem Schenker verpflichtet fühlen und z.B. glauben, eine Vase aufstellen zu müssen, die so gar nicht zu unserer Einrichtung passt. Damit ist niemandem gedient. Wir freuen uns nicht über das Präsent, sondern quälen uns jeden Tag, wenn wir unser Ästhetik-Empfinden der vermeintlichen Pflichterfüllung oder falsch verstandenen Loyalität opfern.

Machen Sie dem irren Konsumtreiben ein Ende durch offene Kommunikation und Klarheit. Das fördert nicht nur eine gesunde Kultur des Schenkens, sondern auch die aufrichtige Beziehung zwischen den Beteiligten.

Fragen Sie im Zweifel einfach nach, womit Sie dem Adressaten Ihrer Gabe eine kleine, mittlere oder große Freude machen können. Vielleicht werden Sie sich wundern, welch einfache Dinge Ihre Lieben glücklich machen können. In diesen Tagen gewinnen Symbole der Verbundenheit eine neue Bedeutung, wie eine Einladung zum Kaffeetrinken oder ein gemeinsamer Spaziergang am See.

Kleine Aufmerksamkeiten wie selbst gemachte Marmelade oder eine Seife brauchen nur dann eine vorherige Abstimmung, wenn man Allergien und Abneigungen berücksichtigen will. Sonst zählt bei diesen Dingen vor allem die wohlmeinende Geste.

Bei engen Freunden weiß man manchmal schon, was der andere bevorzugt. Doch auch dabei ist man vor Überraschungen nicht sicher. Seit 10 Jahren dieselbe Creme geschenkt? Was damals genau passend war, kann heute vielleicht voll daneben sein. Geschmäcker ändern sich…

Wessen Bedürfnis wird gerade erfüllt? Mit der aufrichtigen Antwort auf diese Frage fallen alle Verlegenheitsgeschenke schon mal weg. Denn diese dienen in erster Linie dem Schenkenden.

Aufschlussreich kann eine Antwort auf diese Frage beim Schenken von Charity-Aktionen sein. Wenn ich weiß, der Beschenkte unterstützt die Organisation auch ohne mein Geschenk, mag das gehen. Sonst ist es eine bevormundende Grenzüberschreitung, für ihn zu entscheiden, wem er eine Spende zukommen lassen will. Bei so viel demonstrativer Wohltätigkeit wird der Beschenkte sich kaum trauen zu sagen: „Ich hätte mich gefreut, wenn Du MIR etwas geschenkt hättest, nicht einer Hilfsaktion, zu der ich null persönlichen Bezug habe.“ Schließlich will man ja nicht als egoistisch gelten, besonders nicht beim Fest der Nächstenliebe.

Umgekehrt ist das Thema Charity genauso problematisch: Wenn Sie um eine Spende für eine gemeinnützige Einrichtung bitten als Ersatz für ein persönliches Geschenk. Damit lehnen Sie das Geschenk eigentlich ab. Und Sie schreiben dem anderen vor, dass er gefälligst etwas Gutes tun soll. Falls Sie mit diesem Menschen eine persönliche Verbindung haben wollen, würde ich das nicht empfehlen. Fragen Sie sich lieber, warum Sie von dieser Person kein Geschenk haben möchten. Oder warum es Ihnen generell schwerfällt, Geschenke anzunehmen, falls das so ist. Die Energie, die in dem persönlichen Geschenk liegt und an Sie gerichtet ist, lenken Sie an sich vorbei und woanders hin, wenn Sie daraus eine Spendenaktion machen. Prüfen Sie Ihre Motive. Wollen Sie, dass jeder sieht, was für ein guter Mensch Sie sind? Wie aufopferungsvoll und selbstlos!

Wenn Sie etwas spenden wollen, machen Sie das jederzeit. Wahre Wohltätigkeit fließt von Herz zu Herz. Sie braucht keine Bühne und keinen Applaus.

Tiefere Bedeutungen sind nicht immer offenkundig. Natürlich ist der Vorgang des Schenkens wie alle menschlichen Handlungen stets im Gesamtzusammenhang zu sehen. In einem scheinbar unpersönlichen Geschenk kann eine Symbolik liegen, die den Schenker und den Geschenkten auf liebevolle Weise verbindet. Als Beispiel fällt mir eine Mutter ein, die ihrem Kind jedes Jahr ein Los der “Aktion Sorgenkind” geschenkt hat. Darin kam zum Ausdruck, dass sie selbst eine gruselige Kindheit hatte und leider auch ihre Tochter nicht vor solch einem Schicksal bewahren konnte. Ihr Beitrag zum Wohlergehen von notleidenden Kindern kann man als symbolische Geste im Sinne eines Wiedergutmachungsversuchs werten – an ihrem inneren Kind und auch auch ihren Nachkommen. Es ist sinnig, die jeweilige Motivation zu durchblicken. Leicht ist das nicht, weil sie mitunter dem Schenkenden selbst nicht bewusst ist. Falls Sie wissen, warum Sie etwas schenken, dessen Bedeutung sich nicht spontan erschließt, sprechen Sie es einfach aus.

Ich empfehle Ihnen aus meiner Erfahrung, prinzipiell anzunehmen, dass der andere es gut meint.

Im beruflichen Umfeld kann man seine Kollegen oder Geschäftspartner aus diplomatischen Gründen nicht immer davon abhalten, einem Dinge zu geben, die man weder will noch braucht oder ausgleichen möchte. Dann sprechen Sie schlicht die Wahrheit aus: “Oh, Sie haben das Bedürfnis, mir etwas zu schenken.” Allein diese Feststellung kann sehr entlastend für Sie und möglicherweise sogar erhellend für den anderen sein.

Manchmal ist weniger mehr. Bitte denken Sie daran, dass Beschenkte grundsätzlich den Wunsch empfinden, für das Gute, das sie erhalten haben, etwas ausgleichen zu wollen. Das ist ein ganz natürliches Bedürfnis. Was die wenigsten wissen: Ist das Bedürfnis nach Ausgleich nicht erfüllbar, etwa weil das Geschenk viel zu groß ist, kann der Beschenkte wütend werden über die Schuld, in der er nun steht. Diese Wut ist für beide Seiten überraschend und häufig unverständlich. Sie wird mitunter nicht direkt ausgedrückt, sondern auf den Umweg des Sarkasmus oder der Stichelei. Happy X-mas!

Einzig Eltern dürfen ihren Kindern alles schenken, ohne dass ein energetischer Ausgleich notwendig ist. Das gilt in milderer Form auch für Geschenke zwischen Schwiegereltern und Schwiegersöhnen oder -töchtern. Kinder müssen ihren Eltern eigentlich gar nichts schenken. Mein Tipp: Drücken Sie Ihre Dankbarkeit gegenüber Mutter und Vater auf andere Weise aus. Wertschätzende Worte berühren Eltern mehr als ein paar Wollsocken oder eine Designer-Handtasche.

Was, wenn das Präsent den angemessenen Rahmen sprengt? In der Regel hat ein übergroßes Geschenk einen Grund. Dieser Grund richtet sich in die Vergangenheit, was in Ordnung ist, oder in die Zukunft, was nach Manipulation riecht. Hilfreich ist es, eine Erklärung anzubieten, welche das übergroße Präsent bereits als Ausgleich für etwas Erbrachtes bezeichnet: „Oh, das ist ja ein extrrem üppiger Blumenstrauß, den Du mir dieses Jahr schenkst. Damit möchtest Du Dich bestimmt dafür bedanken, dass ich Dir neulich bei den Bewerbungen geholfen habe. Deine Wertschätzung kommt an. Vielen Dank.“ An der Reaktion des Schenkenden können Sie erkennen, ob Sie richtig lagen.

Geschenke werden manchmal für hintergründige Zwecke missbraucht, die den Beteiligten gar nicht bewusst sind. Das muss nicht sein. Wir klären das einfach offen. Fragen Sie im Zweifel direkt nach: „Das Geschenk ist so groß, dass ich Dir kaum etwas Angemessenes zurück schenken kann. Was erwartest Du von mir, wenn ich Deine Gabe annehme?“ Ein Deal kommt nur zustande, wenn Sie sich darauf einlassen. Kluges Erwartungsmanagement hat schon so manchen Konflikt im Vornherein verhindert.

Falls die Größe des Geschenks nichts mit Ihnen zu tun hat, sondern nur die Großartigkeit des Schenkers darstellt, hat das ganze Geschenk vermutlich nichts mit Ihnen zu tun. Nehmen Sie es, wenn Sie es wollen, aber nehmen Sie es nicht persönlich.

Gerechtigkeit ist nicht möglich. Der Versuch ist zwar ehrenwert, aber sinnlos. Wie wir sehen, ist das passende Geschenk etwas höchst Individuelles. Wie soll es jemals gerecht sein, zwei Menschen dasselbe zu schenken? Der Ansatz ist gut gemeint, setzt aber alle unter Druck und verfehlt häufig sein Ziel.

Erhält die neue Freundin des Sohnes dieselbe Schmuckschatulle wie die Tochter des Hauses, ist das gerecht? Die Tochter ist viel länger in der Familie und steht den Eltern natürlich näher als die noch fremde junge Frau. Und ob die neue Freundin eine Schatulle braucht, geschweige denn ob diese ihren Geschmack trifft, weiß niemand.

Bei “gleichrangigen” Geschenke-Empfängern kann man versuchen, den Wert anzupassen. Wenn eine gute Resonanz besteht, passiert das hin und wieder sogar automatisch. Im ersten Jahr meiner Beziehung haben mein Freund und ich uns “zufällig” etwas exakt Gleichwertiges geschenkt, obwohl die Geschenke ganz verschieden waren. Vor zwei Jahren lagen unterm Tannenbaum sogar dieselben Geschenke von ihm und von mir! Daraufhin haben wir beschlossen, das nächste Weihnachtsgeschenk einfach gemeinsam auszuwählen.  

Euro schenken? Geld zu schenken kann ein Versuch sein, Gerechtigkeit zu produzieren. Persönlich ist das Geben von Münzen und Scheinen freilich nicht. Ob man den Mangel an Individualität über eine aufwändige Verpackung wettmachen kann oder sollte, da habe ich so meine Zweifel.

Sich Geld zu wünschen drückt aus, dass ich dem anderen nicht zutraue, meine Wünsche zu erfassen, auch wenn ich sie ihm nenne. Diese Befürchtung kann durchaus berechtigt sein. Das finde ich traurig unter Menschen, die sich eigentlich nahestehen könnten. Möglicherweise geben Sie Ihren eigenen Bedürfnissen aber auch nur zu wenig Raum. Vielleicht wagen Sie bei Gelegenheit einen Versuch, sich und Ihre Bedürfnisse dem Schenkenden zuzumuten. Erwarten Sie beim ersten Mal kein Wunder in puncto Stimmigkeit und Passung – aber seien Sie auch nicht allzu schockiert, wenn eines geschieht. Bei wichtigen Beziehungen dürfen ruhig ein bisschen Zeit und Geduld in das Finetuning fließen.

Als Ausgleich für große Events mag es angemessen erscheinen, sich von weitläufigen Bekannten lieber Geld zu wünschen. Das hat ganz pragmatische Gründe: um die Kosten für die Veranstaltung tragen zu können oder um sich einen lange gehegten Wunsch mit dem gesammelten Betrag zu erfüllen.

Was tun, wenn Sie etwas erhalten, was Sie nicht haben wollen? Es kommt es auf Ihre Beziehung zu dem Schenker an. Bedanken Sie sich auf jeden Fall für die gute Absicht. Denn eine solche steht – hoffentlich – hinter (fast) jedem Akt des Schenkens.

Wägen Sie ab, ob Sie das ungeliebte Teil weiterverschenken wollen. Doch, das DÜRFEN Sie! Es gehört ja jetzt Ihnen. Ein Geschenk ist niemals an Bedingungen geknüpft. Sonst ist es kein Geschenk, sondern Teil eines Tauschhandels, auf den Sie sich bewusst einlassen können, aber nicht müssen.

Falls Sie meinen, keine Wahl zu haben, seien Sie wachsam. In solchen Fällen kann viel Unmut vermieden werden, indem man eine Aussprache über die eigenen Befürchtungen und Phantasien – ohne Vorwurf und ohne Unterstellung – herbeiführt. Vielleicht fühlen Sie sich grundlos unter Zwang. Weisen Sie Geschenke zurück, mit denen Sie manipuliert werden sollen. Kein Geschenk der Welt ist es wert, unterm Tannenbaum Zugeständnisse zu machen, die Sie eigentlich nicht wollen.

Wählen Sie für klärende Gespräche prinzipiell einen geeigneten Zeitpunkt und ein passendes Setting. Wir wollen ja nicht, dass der ganzen Familie der köstliche Gänsebraten vor Schreck im Halse steckenbleibt.

Wenn Sie ein vertrauensvolles Verhältnis zu dem Schenkenden haben, können Sie entscheiden, ob Sie einfach Danke sagen und das Präsent weiterreichen. Oder ob Sie offen ansprechen, dass es leider nicht Ihren Bedürfnissen entspricht. Haben Sie bei dem Gedanken ein ungutes Gefühl? Dann klären Sie die Lage möglichst bevor die unangenehme Situation entstehen kann, also im Vorfeld.

Geschenken bestimmte Bedeutungen zuzusprechen, kann Weihnachten und andere Anlässe zu einem wahren Fettnäpfchen-Parcours machen. Die Größe oder Art des Geschenks lässt keine Rückschlüsse darauf zu, was dem anderen die Beziehung zu Ihnen Wert ist oder wie nahe er Ihnen steht.

Manche Menschen drücken Ihre Gefühle in der Tat durch Präsente aus, andere, indem sie etwas für Ihre Lieben tun und wieder andere durch Worte oder durch gemeinsam verbrachte Zeit. Auch Körperkontakt kann eine Sprache der Liebe sein. Der emotionale Ausdruck ist höchst individuell, und man vertut sich immer in der Bewertung der Ausdrucksweisen, wenn zwei Menschen hier unterschiedliche Sprachen sprechen. 

Ich wünsche Ihnen freudvolle Gelassenheit beim Schenken und beim Empfangen von Präsenten, entspannte Feiertage mit sich und vielleicht auch mit weiteren netten Menschen. Genießen Sie die Zeit und lassen Sie es sich gut gehen – so wie es Ihnen gemäß ist.

Frohes Fest!

Text und Foto: Petra Weiß

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Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und Fachjournalistin für das Ressort Medizin & Gesundheit. Seit 2006 ist sie in ihrer Praxis für Ganzheitsmedizin und Psychotherapie niedergelassen. Sie hat sich auf Traumatherapie und systemische Familientherapie spezialisiert. Ihr Wissen und ihrer Erfahrungen teilt sie in ihrer Sprechstunde, in ihren Workshops sowie in Form von Text- und Video-Beiträgen mit der Welt. Sie gibt das Online-Magazin Weißheiten: vom Ich zum Selbst heraus.