Ist Ihnen auch so heiß?

Heilpraktikerin Weinheim Petra Weiß

Sie werden sich wundern, was dieser scheinbar harmlose Satz im ursprünglichen Wortsinne bedeutet. Und künftig genau abwägen, wem Sie eine solch delikate Frage stellen. Dieser Beitrag fasst meine Gedanken zur Bedeutung von sinngetreuen Formulierungen zusammen und gibt weitere Beispiele für die unbewusste Sexualisierung unserer Sprache.

Die Sprache „verwörtlicht“ unsere äußeren Eindrücke, inneren Bilder und Empfindungen. Sie gibt ihnen einen Namen und damit unserem Erleben Struktur und Ordnung. Das wirkt auf die Psyche wie eine Landkarte, mit deren Hilfe wir uns im Leben besser zurechtfinden.

Eine spezifische Bezeichnung für einen Gegenstand, ein Gefühl oder eine Sinneswahrnehmung zu haben, ist ein wichtiger Schritt in jeder individuellen Entwicklung. Das trifft nicht nur auf Kleinkinder zu, sondern für die Menschheit als Ganzes.

So wie der Wortschatz eines Kindes sich ausbildet, erwächst die Sprache eines Volkes auf natürlich Weise. Sie kommt aus der Bildsprache und verfeinert sich über die Zeit immer weiter. Worte aus benachbarten Ländern oder von Reisenden fließen in einem organischen Prozess mit ein. Manchmal kommt es zu gewaltsamen Veränderungen der Sprache durch einen Krieg oder die Besetzung eines Landes. Oder durch eine amtlich verordnete „Reform“.

Aufgrund der internationalen Verflechtungen der vergangenen Jahrzehnte haben wir in kurzer Zeit eine große Anzahl von Worten aus weit entfernten Regionen der Erde in unsere Sprache übernommen. Das erleichtert einerseits die weltweite Kommunikation, verwässert andererseits das Sprachgefühl der Menschen. Keine Fremdsprache geht uns so zu Herzen, berührt unsere tiefen Empfindungen und erzeugt lebendige Bilder in uns wie unsere Muttersprache.

Für diese exklusiven Eigenschaften spielt die Prägung der ersten Lebensjahre eine Rolle und möglicherweise das morphogenetische Feld. Der Begriff geht auf den Harvard-Professor Rupert Sheldarke zurück, der in seiner Forschung von „Wissenden Informationsfeldern“ ausgeht, welche bis in die Formgebung von Organismen hineinwirken. Im Russischen nennt man solche geistigen Gebilde Egregoren und versteht sie als Wesenheiten. Diese Sichtweise muss uns gar nicht fremd sein. Wir sprechen im Deutschen vom Bildungswesen, vom Finanzwesen und vom Gesundheitswesen.

Seit unzähligen Generationen sind die Erfahrungen der Menschen in morphogenetischen Feldern gespeichert, unter anderem die Bezüge zwischen Klängen, Schriftzeichen und Erfahrungen. Wir haben oft ein Gefühl für die genaue Bedeutung eines Begriffs. Althergebrachte Worte wurden traditionell in bestimmten Zusammenhängen gebraucht. Sie sind im morphischen Feld dieser Sprache mit ganz speziellen emotionalen oder wertenden Färbungen versehen. Deshalb lösen manchmal Redewendungen etwas in uns aus, obwohl wir sie noch nie bewusst gehört haben. Wir empfangen den Zusammenhang unbewusst und ohne weiteres Zutun aus dem Feld. An dieses Feld sind wir angeschlossen. Das Feld verbindet Menschen, welche dieselbe Sprache sprechen.

Jede Sprache entwickelt sich weiter. Neue Erfindungen verlangen nach Begriffen, die sie genau beschreiben. Wir setzen neue Wörter aus den bestehenden zusammen. Oder wir erschaffen ganz neue Begrifflichkeiten. Belegen wir ein Ding mit einem Wort aus einer fremden Sprache, erscheint es neu und anders. Dadurch ist es exakt definiert – unabhängig davon, was der Begriff in seiner Ursprungssprache eigentlich bedeutet. Oder ob es ihn in der vermeintlichen Sprache überhaupt gibt.

Von Chop Suey bis Tamagochi

Viele Menschen in Deutschland haben eine klare Vorstellung von dem Geschmack einer Speise, die den Beinamen „Chop Suey“ trägt. Tatsächlich bedeuten die beiden Wörter nichts weiter als „klein geschnitten“ und sagen über die Gewürze nicht das geringste aus. Der Begriff findet sich in Asien nicht auf Menükarten. Er wurde für Europäer erfunden und kennzeichnet Gerichte, die eben gar nicht landestypisch gewürzt worden sind.

Wenn Sie meiner Generation entstammen, wissen Sie genau, was ein Tamagotchi ist. Sie brauchen dafür keine Ahnung vom Ursprung des Ausdrucks oder seiner Bedeutung zu haben, oder zu wissen, dass das Japanische Wort für Ei (tamago) und das englische Wort für Uhr (watch) für die Bezeichnung eines elektronischen Spielzeugs in einem Kunstwort verschmolzen worden sind. Wir verwenden viele solcher Worte, ohne uns darüber gewahr zu werden, ob der Begriff den Gegenstand unserer Betrachtung treffend beschreibt oder was er eigentlich/ursprünglich/tatsächlich bedeutet.

Um verdrehte Bedeutungen zu bestaunen, müssen wir nicht nach Asien blicken. Schlagen Sie einfach eine Zeitung auf oder unterhalten Sie sich ganz belanglos mit dem Nachbarn übers Wetter. Wenn er Sie über den Gartenzaun anspricht „Ist Ihnen auch so heiß?“ überschreitet er dabei – sicher ohne Absicht – eine Ihrer intimsten Grenzen. Vermutlich hat er die Temperatur gemeint und wollte wissen, ob die Wärme Ihnen zu schaffen macht. Im ursprünglichen Wortsinne hat er gerade nach Ihrer Paarungsbereitschaft gefragt. Nur weil sich alle einig sind, das Wort mit der Bedeutung von sehr warm zu verwenden, verliert es nicht die sexuelle Färbung im kollektiven Bewusstseinsfeld.

Geiz macht nicht geil

Seit Jahren wundere ich mich, wenn jemand begeistert ausruft „Das ist ja GEIL!“ Falls das Lob sich auf eine anziehende Frau oder einen attraktiven Mann bezieht, mag der Ausdruck angemessen erscheinen. Dann hätte ich mir halt ein anderes Pronomen gewünscht. Da sich der Grad sexueller Erregung nicht so ohne weiteres erkennen lässt, müssten wir uns von der Geilheit der Person erst einmal überzeugen. Dazu möchte ich hier freilich niemanden aufrufen.

Vollkommen daneben ist aus meiner Sicht der inflationären Gebrauch dieses Modewortes, das wir allenthalben finden. Als geil wird heutzutage ein beschwingtes Lied bezeichnet oder eine fruchtige Limonade, ein kunstvoll gearbeitetes Schmuckstück oder eine Tüte Chips.

Was dabei passiert ist, dass die Sprache und mit ihr das Denken und Empfinden in seiner Vielfalt verarmt. Indem wir sagen, etwas sei geil, geben wir dem Objekt nicht den an sich passenden Ausdruck mit. Wir müssen nicht sagen, auf welche Eigenschaft der Chips sich unsere Freude bezieht. Sind sie knusprig? Schmackhaft gewürzt? Hauchdünn geschnitten? Für solche präzise Beschreibungen sind die im Deutschen haarfein zu unterscheidenden Adjektive – früher nannte man sie sprechend Eigenschaftswörter – nämlich da. Mit dem Mangel an Differenzierung verblasst die psychische Landkarte, wird ungenau und lückenhaft.

Ich plädiere nicht dafür, sich jedes Mal mit lüsternem Grinsen wonnig in den Schritt zu greifen, sobald wir das Wort geil aussprechen. Allerdings wären wir dann wieder am ursprünglichen Sinn angelangt und würden uns gewahr, was wir da so von uns geben…

Meine Kritik am Verzerren von Wortbedeutungen schließt nicht aus, dass auch mir hin und wieder ein solcher Faux-pas unterläuft. Zumindest bin ich mir dessen bewusst. Meistens. Schauen wir auf das gerade Geschriebene: Faux pas stammt aus dem Französischen und heißt wörtlich „falscher Schritt“. Ja, genau das hatte ich gemeint.

In dem Zusammenhang bemerke ich eine vollkommen unbeabsichtigte Doppeldeutigkeit. Herrlich! Natürlich wollte ich nicht schlüpfrig sein. Und es ist mir trotzdem passiert. Obwohl es mir ein bisschen peinlich ist, lasse ich die Passage im Text – zur Veranschaulichung.

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Dieser Text ist ausschließlich für Ihren persönlichen Gebraucht gedacht. Sie können daraus Erkenntnisse für Ihre eigene Ausdrucksweise gewinnen. Sie wählen frei, ob Sie mit diesem Wissen bei Ihren bisherigen Sprachgewohnheiten bleiben wollen oder ob Sie bei Bedarf Veränderungen in Ihrer Wortwahl vornehmen. Ich maße mir nicht an, Ihnen vorzuschreiben, wie Sie reden oder schreiben sollen. Dasselbe darf auch für Sie gelten: Bitte laufen Sie jetzt nicht umher und belehren Ihre Mitmenschen, wie sie sich ausdrücken müssen. Denn das wäre ein Eingriff ins Allerintimste, der weder mir noch Ihnen zusteht.

Text: Petra Weiß
Foto: Volker Kraus / pixelio.de

Danke schön

Mein Anliegen ist es, mit meinen Beiträgen an der Entwicklung der Menschheit in Richtung Aufrichtigkeit mitzuwirken. Das Schreiben liegt mir und ich habe etwas zu sagen, das gerade jetzt sehr gebraucht wird. Daher teile ich mein psychologisches Wissen, meine Praxis-Erfahrungen und meine Überlegungen mit Ihnen.

Ich freue mich über jeden Leser, der mich selbst gefunden hat oder über eine Empfehlung auf meiner Weltnetzseite landet. Danke fürs Weiterleiten meiner Beiträge! Und danke auch für Ihre wertschätzenden Kommentare.

Mit großem Vertrauen bin ich zuversichtlich, dass all das Gute, welches ich in die Welt gebe, auf irgendwelchen Wegen zu mir zurückfinden wird. Manchmal sogar in Euro. Herzlichen Dank an alle, die meine freiberufliche Tätigkeit durch einen Energieausgleich würdigen.

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin, psychologische Beraterin und Therapeutin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Als Fachjournalistin für das Ressort Medizin und Gesundheit mit den Schwerpunkten Naturheilkunde und Psychologie hat sie zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht.

An mehreren Sachbüchern hat sie als Lektorin und Co-Autorin mitgewirkt. Ihr Buch SO BIN ICH ECHT ist im Februar 2022 im Hardcover erschienen. Ihr neues Buch PERLENTAUCHER DER REDEKUNST wird voraussichtlich im Herbst 2022 geboren.

Seit Sommer 2020 gibt sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus. Mit psychologisch fundierten Essays, praktischen Tipps und Denkanstößen begleitet sie Menschen, die sich weiterentwickeln wollen, auf ihrer spannenden Reise zu sich selbst.

 

 

 

 

 

 

Gelobt, geschworen, gebrochen.

Redaktion, Texter, Schriftsteller, Ghostwriter, Lektor

Jedes Versprechen schafft eine energetische Verbindung. Der Versprechen-Gebende bindet sich mit dem Versprechen an den Annehmenden und umgekehrt. Wird das Versprechen eingelöst, verschwindet diese Ebene der Verbindung zwischen den Beteiligten und befreit beide von dem Pakt.

Kann ein Versprechen nicht eingelöst werden, braucht es das Eingeständnis dieses Nichteinlösens, um die Verbindung zu kappen. Sonst bleibt etwas Unausgesprochenes offen. Ein Versprechen nicht einzulösen und so zu tun als sei nichts gewesen, bewirkt das Erleben von Betrug. Kommt der Betrug dem Betrogenen ins Bewusstsein, ist diese Beziehung zu Ende, sogar wenn sie rein äußerlich fortzubestehen scheint.

Vielleicht kennen Sie solche Verstrickungen in Zusammenhang mit „Schulden“. Wenn Ihnen jemand etwas schuldig bleibt, dann muss dieser Umstand geklärt werden, damit beide wieder frei sind von dem „Vertrag“. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Klärung und Lösung:

Der Schuldner findet einen anderen Ausgleich, den der Gläubiger annehmen kann. Das ist der Ausgleich im Guten. Oder der Gläubiger verübt seinerseits einen Betrug an dem Schuldner. Das ist der Ausgleich im Schlechten. Geht er ein bisschen über das Maß des ersten Betrugs hinaus, eskaliert die Situation, weil dann erneut ein Ausgleich provoziert wird und so weiter. Ist der zweite Betrug etwas kleiner als der erste, kann damit die Verbindung gelöst sein.

Wenn gar kein Ausgleich möglich ist, muss der Gläubiger auf das Versprochene bewusst verzichten. Das nennt man Vergebung. Sie befreit den Gläubiger. Sein Verzicht muss vom Schuldner anerkannt werden. Das befreit den Schuldner.

Wie immer möchte ich Ihr Augenmerk auf die Worte lenken. In diesem Fall leiten sich einige Begriffe aus konkreten Handlungen ab, die bestimmte Auswirkungen haben.

Es macht einen Unterschied, ob Sie etwas (nur) zusagen oder ob Sie es versprechen. Und ob eine bedeutungsvolle Geste die Worte begleitet. Nicht ohne Grund wirken Formulierungen wie „ich gebe Dir mein Wort darauf“ vertrauensfördernd. Früher wurden Verträge zwar nur mündlich vereinbart, aber mit einem Handschlag „besiegelt“. Die Vereinbarung galt. Mit dem Reichen der Hände verbinden wir unsere Herzenergie mit dem anderen. Sie strömt aus der Mitte der Handflächen. Daher werden die Handflächen in vielen Religionen aneinandergelegt, wenn man eine „höhere Macht“ anruft.

Symbolisch steht das Herz für den Ausgleich unserer feurigen Begehrlichkeiten, die im Bauchraum verortet werden, und den kühlen Überlegungen im Kopfbereich. Wenn sich etwas durch Lustgewinn angenehm anfühlt oder kraft unserer Gedanken als vernünftig erscheint, muss es noch lange nicht als gut bewertet werden. Für diese Einordnung ist das Herz zuständig, daher sind Herzensentscheidungen so kostbar. Sie blenden Instinkt und Intellekt nicht aus, sondern integrieren beide. So verbindet sich das Schöne (Bauchgefühl) mit dem Wahren (Verstandesleistung) und dem Guten (Abwägung der Übereinstimmung mit den eigenen Werten).

„Besiegeln“ ist in diesem Zusammenhang ein aufschlussreicher Begriff. Das Siegel dient beim schriftlichen Vertrag als Zeichen, dass sein Inhalt so bleibt wie er ist. Daher spricht man auch von einem Vertrags“abschluss“. Das Siegel beschließt einen Vertrag. Nach dem Besiegeln darf in dem Dokument nichts mehr verändert werden. Der Abdruck des Siegels im Siegelwachs soll das sicherstellen und gibt dem Vertrag damit eine Qualität von Bleibendem und Echtheit.

Manchmal wird ein Versprechen zu einem Schwur geadelt. Dann hat es eine andere Verbindlichkeit. Mit dem Wort ist oft ein Ritual verbunden. Beispielsweise wird eine Hand zum Schwur erhoben. Als Wirkkraftverstärker wird manchmal auf ein wichtiges Schriftstück geschworen (Bibel, Verfassung, etc). Oder man schwört bei etwas, das einem wertvoll ist, z.B. „beim Leben meiner Kinder“. Damit soll der Inhalt des Schwurs glaubwürdiger erscheinen. So als wäre das Leben der Kinder eine Art „Einsatz“, der auf dem Spiel stünde, falls der Schwur gebrochen würde. Mit solcherlei Aussagen sollte man nicht allzu leichtfertig umgehen. Sie bewirken etwas auf der energetischen Ebene, oder wenn Sie so wollen: in der geistigen Welt.

Wenn jemand auf die Bibel schwört, der ein gläubiger Christ ist, dann bedeutet ihm dieser Schwur etwas und man darf seine Beteuerungen für bare Münze nehmen. Schwört ein Atheist auf dasselbe Buch, dann legt er nur eine Hand auf einen Gegenstand. Wesentlich ist, was der Schwörende mit dem Dokument, auf das er schwört, verbindet. In vielen Ländern schwören Regierungschefs auf die Verfassung. Ich kann nur jedem raten, sich die Inhalte solcher Schwüre aufmerksam durchzulesen oder anzuhören und dann die Realität mit dem Versprechen zu vergleichen. Dann wissen Sie welche Wertigkeit das jeweilige Dokument für den Staatsmann oder die Staatsmännin hat.

Eine besondere Form des Schwurs ist der Eid. Sie kennen das vielleicht aus Gerichtserfahrungen: Wer unter Eid etwas Falsches aussagt, wird härter bestraft als ohne den Eid. Der Eid hat oft einen amtlichen Anstrich. Beamte leisten einen Amtseid, Soldaten einen Fahneneid.

In der Bundesrepublik Deutschland hängt der Grad des feierlichen Treueversprechens gegenüber Staat und Volk vom Status des Soldaten ab. Wehrdienstler geloben, Berufssoldaten schwören. Zweitere ergänzen ihren Schwur noch mit der Formel „So wahr mir Gott helfe“. Andersgläubige dürfen zwar unter Umständen einen für sie passenderen Text sprechen, aber sie müssen es nicht. Christen sind also durch den Schwur stark gebunden, weil er mit ihrem Glauben gekoppelt ist – Atheisten, Nihilisten, Anhänger einer Naturreligion oder eines Vielgötterglaubens sowie Teufelsanbeter bindet der Schwur genaugenommen gar nicht. Aha.

Wichtige öffentliche Ämter beinhalten beim Prozedere der Einsetzung eines Beamten einen Diensteid, vom Bundesminister über den Bundespräsidenten bis zum Richter am Bundesverfassungsgericht. Die Texte bei der Vereidigung unterscheiden sich je nach Art des Amtes. In einem Punkt sind sie alle gleich: Zum Schluss darf man die Formulierung „So wahr mir Gott helfe“ verwenden Unsere amtierende Kanzlerin hat diesen Satz bei ihrer Amtseinführung ebenfalls gesprochen. Sofern sie sich als Mensch versteht, dem von Gott geholfen wird, ist ihr Versprechen, den Nutzen des deutschen Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden, dem Wortlaut nach als wahr zu werten, dann ist der Schwur rechtlich sowie energetisch bindend.

Lassen Sie diese Erkenntnis einmal auf sich einwirken.

Wer heute gar nicht mehr vereidigt wird, ist die Ärzteschaft. Viele Menschen gehen davon aus, dass der bekannte Hippokratische Eid von allen Medizinern geschworen wird. Da muss ich Sie leider enttäuschen. Das war einmal. Ärzte bekennen sich zu einer Berufsordnung, die Einzelheiten ärztlicher Ethik benennt und sich an die Genfer Deklaration anlehnt. Den aktuellen Wortlaut finden Sie bei Bedarf im Netz. Er wird alle paar Jahre geändert und ist nicht rechtswirksam. Ein verbindlicher Schwur wird gar nicht geleistet. Dennoch fühlen sich viele Ärzte den hippokratischen Prinzipien aus ihrer eigenen Ethik heraus verbunden. Das dürfen sie, aber sie müssen es nicht.

Die Berufsethik der Journalisten, also was in dem Berufsstand der schreibenden Zunft als „sittlich einwandfrei“ oder „moralisch“ gilt, ist im “Pressekodex” geregelt. Er wird an Journalistenschulen gelehrt, ist aber nicht rechtsverbindlich. Zwar hat eine Meldestelle den Auftrag, Verfehlungen zu überprüfen, dennoch halten sich manche Journalisten an die Grundsätze, andere offenkundig nicht. Es gibt keinen Schwur oder ähnliches. Das hätte uns jetzt auch gewundert.

Sie sehen, wir können uns im Außen auf wenig verlassen, nicht einmal, wenn uns jemand etwas geschworen hat. Versprechen, deren Einlösung nicht gewollt ist, nützen niemandem. Es gibt immer Mittel und Wege, sich aus den Verpflichtungen herauszuwinden.

Wie gehen wir also damit um?

Die Versuchung ist riesengroß, das allgegenwärtige Thema der leeren Versprechungen durch Empörung und Wut zu beantworten. Rein emotionale Reaktionen sind zwar berechtigt, bringen Sie aber nicht weiter. Werden Sie sich des Verlusts bewusst. Sie haben eine Beziehung verloren, vielleicht auch eine Illusion, in welchem Verhältnis jemand zu Ihnen stand, und womöglich ist sogar Ihr Weltbild ins Wanken geraten. Hier will etwas betrauert werden.

Falls Sie aus der soeben durch einen Betrug beendeten Beziehung noch etwas Neues gestalten wollen, wird viel Energie vonnöten sein. Und der andere muss sein Nichterfüllen eines Versprechens mit der gebührenden Reue eingestehen. Beobachten Sie genau, wie er damit umgeht: Kann er sein Verhalten schlüssig erklären? Tut es ihm wirklich leid? Übernimmt er die Verantwortung? Dann gehen Sie ins Mitgefühl und finden Sie gemeinsame eine gute Lösung. Oder schiebt er Gründe vor, die Dritte zu Schuldigen machen sollen? Lassen Sie ab von unrettbaren Verbindungen.

Geben Sie die Beteiligten frei, indem Sie entweder klar formulieren, wie etwas im Guten wiedergutgemacht werden soll, indem Sie selbst einen kleinen Ausgleich im Schlechten vollziehen oder indem Sie vergeben – was eine Übung für Fortgeschrittene ist. 

Nehmen Sie diese äußeren Umstände zum Anlass, Ihren eigenen Umgang mit Versprechen gründlich unter die Lupe zu nehmen. Werden Sie sich dabei Ihrer selbst bewusst. Und bleiben Sie bitte gnädig. Sie müssen nicht alles perfekt machen. Sie dürfen ein Mensch sein.

Wir starten – wie immer – bei uns selbst: Bevor Sie andere an deren Versprechen erinnern, blicken Sie in sich hinein und klären Sie auch schmerzhafte Brüche. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt dafür. Geben Sie nur Versprechen ab, die Sie wirklich einlösen wollen und voraussichtlich auch können. Schränken Sie Ihre Zusagen nachvollziehbar ein, falls es notwendig ist. Stehen Sie zu dem, was Sie gesagt haben – auch ohne Schwur oder Eid.

Zu etwas zu stehen, kann manchmal bedeuten, ein Versprechen zurücknehmen oder brechen zu müssen. Falls das der Fall sein sollte, vermitteln wir das nicht en passant, sondern ganz bewusst mit viel Achtsamkeit und Einfühlungsvermögen. Unsere Glaubwürdigkeit und die Beziehung zu einem Menschen stehen auf dem Spiel.

Wie gehen wir  mit den Versprechen um, die wir uns selbst gegeben haben? Werden Sie sich Ihrer inneren Abmachungen gewahr, prüfen Sie, ob diese noch von Bestand sind, ob sie eingelöst werden wollen oder einer Änderung bedürfen. Nehmen Sie sich dafür Zeit für das Beantworten solcher Fragen, statt Ihre Lebensenergie auf gelenkte Empörung zu verschwenden. Die Übung dient Ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Ihrem inneren Wachstum:

Was haben Sie sich selbst gegenüber geschworen oder feierlich gelobt? Welche Versprechen haben Sie bereits eingelöst? Welche sind noch offen? Von welchen Versprechen müssen Sie Abstand nehmen? Wie wollen Sie den dabei entstandenen Verlust wieder gut machen? Treffen Sie mit sich darüber eine verbindliche Vereinbarung, die realistisch betrachtet einzuhalten sein wird.

Durch gelebte Selbst-Treue erfahren wir Halt und Stabilität. Sie fördert unsere Selbst-Achtung. In einer Welt, in der im Außen die Sicherheit bröckelt, brauchen wir zunehmend die Sicherheit in uns. Ihre Basis ist die Wahrhaftigkeit: Folgen Sie Ihren Überzeugungen.

Text: Petra Weiß
Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Duzt Du noch oder siezen Sie schon?

Schreibkunst Redaktion

Die Beeinflussung unserer Gefühle, Gedanken und Handlungen erfolgt auf vielen Kanälen: über Bilder, Formen und Farben, über die Stimmlage und die optische Erscheinung eines Sprechers, über Hintergrundgeräusche oder Musik, über haptische Eindrücke, sogar durch Düfte werden uns subtile Botschaften vermittelt. Jeder Frequenzbereich hat eine spezifische Wirkung. Und diese wird genutzt.

Wir können unmöglich alle Einflüsse im Blick haben, die auf uns wirken. Daher beschränke ich mich auf meinen Fachbereich, die Sprache. Und selbst hier gibt es ein ganzes Universum zu entdecken, das ich Ihnen häppchenweise in Form alltäglicher Beispiele eröffnen will. 

Früher habe ich mich gewundert, warum ich mich so unwohl damit fühle, dass ich ungefragt in einem Einrichtungshaus von wildfremden Menschen geduzt werde. Anderen Kunden scheint das gar nichts auszumachen. Offen gesprochen, macht es mich ärgerlich. Ich erlebe dieses Überschreiten der sprachlichen Vertraulichkeitsschwelle ohne vorherige Abstimmung als Grenzverletzung durch Worte.

Wir sind ja nicht auf dem Fußballplatz oder in der Kneipe und treffen uns zur gemeinsamen Freizeitgestaltung, sondern hier soll sich ein Geschäft anbahnen. Ich bin als potenzielle Vertragspartnerin und Kundin in dem Laden. Die Rolle macht den Unterschied. Halten Sie meine Sichtweise für überholt? Würden Sie den Bankdirektor beim ersten Gespräch zur Kreditvergabe für Ihr Haus duzen? Oder den Sachbearbeiter beim Finanzamt? Wie sprechen Sie die Kassiererin im Supermarkt an? Und wie Ihren Arzt? Haben es nur “Respektspersonen” verdient, mit dem Sie geehrt zu werden? Ich denke, Respekt dürfen wir vor allen Menschen haben, unabhängig von Ihrem gesellschaftlichen Rang.

Freilich gibt es Ansichten, die für einen jovialen Umgang im geschäftlichen Umfeld Partei ergreifen. Das Übernehmen von Gepflogenheiten aus anderen Ländern, vornehmlich aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum, zum Zweck der Globalisierung scheint dafür zu sprechen. Fluch und Segen der weltweiten Vernetzung können wir heute deutlicher sehen denn je. Das politische Thema will ich nicht weiter vertiefen. Mir geht es um psychologische Zusammenhänge.

Man mag anführen, dass es beispielsweise im Englischen gar keine Unterscheidung zwischen dem Du und dem Sie gibt. Das stimmt. Ob wir die Feinheit und Präzision unserer Muttersprache für die Anpassung und Gleichmachung aufgeben wollen, steht auf einem anderen Blatt.

Aus psychologischer Sicht ermöglichen genau diese Besonderheiten im Deutschen eine außergewöhnlich nuancierte Benennung und damit auch ein feingliedriges Bewusstsein über die eigenen Emotionen und Gefühle. Dieser Grad der Differenzierung unterstützt uns dabei, unsere facettenreiche Innenwelt anderen Menschen verständlich zu machen. Die deutsche Sprache dient also in ihrer Eigenart der Beziehung zu uns selbst und zu unserem Umfeld.

Mit der Entscheidung über Du oder Sie kann man die Qualität einer Beziehung innerhalb der Beteiligten und nach außen sichtbar kennzeichnen. Das Mehr an Vertraulichkeit wird traditionell durch das Du beschrieben. Ein Duzfreund steht mir näher als ein Bekannter.

Die Ausdruckskraft von Worten wird durch einen Gebrauch abseits ihrer ursprünglichen Bedeutung verfälscht und verzerrt. Wenn ich 5.000 „Freunde“ auf einer Internet-Plattform habe, von denen ich 4.850 noch nie begegnet bin, was bedeutet dann das Wort „Freund“? Was macht es mit unserem Erleben von Beziehung, wenn wir diesem Begriff keine Eindeutigkeit mehr zugestehen? War ein Freund nicht mal jemand, auf den Verlass ist? Der mir treu zur Seite steht? Dem ich mich anvertrauen kann? Und umgekehrt. Was geschieht mit diesen Werten, wenn wir den Begriff verwässern? Dann ist ein Freund plötzlich jemand, den ich einmal auf irgendeiner Messe getroffen habe. Wem nützt es, wenn dieser Mensch, auf den nicht einmal der Begriff „Bekannter“ wirklich zutrifft, mir zum Geburtstag gratuliert? Hat er meinen Namen in sein Notizbuch geschrieben oder wurde er als automatische Erinnerung ausgespuckt?

Wir sind darauf gepolt, „Netzwerke“ zu pflegen und strategisch auszubauen. Jeder Karriereratgeber sagt uns, das „Networken“ sei von großem Vorteil für unser berufliches Vorankommen. Mir kommt dabei die Echtheit von Beziehungen zu kurz. Verbindungen, die zum gegenseitigen Nutzen betrieben werden, statt unserem tiefen Herzenswunsch zu entspringen, und trotzdem das Prädikat “Freundschaften” erhalten, sind mir zuwider.

Gegen rein berufliche Beziehungen ist natürlich nicht das Geringste einzuwenden – beidseitige Wertschätzung eingeschlossen. Man muss sich mit Kollegen, Vorgesetzten, Mitarbeitern oder Kunden nicht anfreunden, um in angenehmer Weise mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Aus dienstlichen Kontakten heraus kann mitunter ein freundschaftliches Band geknüpft werden. Das ist dann eine organische Entwicklung und kein planvoller Prozess. Privat wie dienstlich sollten sich alle Beteiligten über die Art ihrer Beziehungen grundsätzlich bewusst sein. Im Zweifel hilft ein offenes Gespräch zur Klärung.

Viel zu selbstverständlich ist es geworden, einen anderen Menschen als Mittel zum Zweck zu sehen. Ohne böse Absicht setzen Eltern in ihre Nachkommen bestimmte Erwartungen. Was sollen die Zöglinge alles verkörpern, um Mami oder Papi eine Freude zu bereiten?! Tatsächlich wird das Vorbeischauen an der Einzigartigkeit des Buben oder Mädchen und das Pressen des Abkömmlings in Anforderungsschablonen als eine mögliche Ursache des allgegenwärtigen Narzissmus angenommen. Die Folge sind eine Verleugnung des Selbst und letztlich dessen Vergessen. Selbst-Vergessenheit ist kein erstrebenswertes Ziel. Solche Identitätslosigkeit führt in den Bau von Fassaden, die nur allzu leicht ins Bröckeln geraten und dann um jeden Preis aufrecht erhalten werden müssen. Der Verlust dieser Ersatz-Identität wird “ums Verrecken” vermieden.

Aus meiner Sicht ist das Benutzen von Menschen für bestimmte Zwecke eine alltägliche Form von Missbrauch. Der Gehirnforscher Prof. Gerald Hüther spricht von der Würde des Menschen, die dabei auf der Strecke bleibt, wenn wir andere zum Objekt machen. Jemanden in seiner Einzigartigkeit als Mensch, der besondere Fähigkeiten und Bedürfnisse hat, die geachtet werden wollen, nicht wahrzunehmen und stattdessen in erster Linie seinen Gebrauch für das eigene Wohl im Blick zu haben, ist wahrlich unwürdig.

Mir machen Verwechslungen auf diesem Gebiet schwer zu schaffen, wenn ich feststellen muss, dass jemand sich als „Freund“ darstellt, während er schaut, welchen Profit er aus seiner Beziehung zu mir schlagen kann. Bei bestimmten Typenmustern kommt dieses Verhalten häufiger vor als bei anderen. Es gehört zu ihrem Selbstverständnis und sie sind sogar stolz darauf, wieder jemand Nützlichen in ihr Netzwerk eingebunden zu haben. Gleichzeitig fördert unsere Karriere-orientierte Ellenbogengesellschaft grundsätzlich derlei Haltung.

Vielleicht nehmen Sie diesen Beitrag zum Anlass, sich darüber Gedanken zu machen, was für Sie Freundschaft bedeutet und wer in Ihrem Umfeld die Bezeichnung „Freund“ verdient hat. Damit Sie nicht in eine Schwarz-Weiß-Betrachtungsfalle tappen, wählen Sie am besten eine Skala der Freundschaftsqualität: Busenfreund, enger Freund, Duzfreund, Freund, Kumpel, Bekannter, weitläufiger Bekannter. Bei Bedarf machen Sie die Kategorie erst einmal an äußeren Beziehungsmerkmalen fest wie: Verwandter, Nachbar, Kollege, etc.

Kommen wir zurück zum Du.

In den 1980er Jahren konnte ich eine Innenansicht auf die damals vorherrschende Maxime in der Verkaufssprache erhalten. Es galt als zweckdienlich, die „Sprache der 5- bis 7-Jährigen“ zu verwenden. Sie haben richtig gelesen. Nicht die erwachsene Ebene im Käufer soll angesprochen werden, sondern eine kindliche. „Keep it simple and stupid“ war entsprechend der Leitsatz der damaligen Zeit. Einfach und für Dumme wollte die Ansprache im Verkaufsgespräch sein.

Während meiner Zeit im Marketing in den 1990ern durfte ich lernen, wie man diese Maßgabe praktisch umsetzt. Es gibt klare Regeln für das Texten auf Kinderniveau: einfacher Satzbau, kurze Sätze, nicht mehr als 7 Worte in Überschriften, bildhafte Formulierungen, optische Hervorhebung der Kernbotschaft, positive und aktive Wortwahl, konkrete Handlungsaufforderungen am Ende – kurzum: es dem Leser so einfach wie nur möglich machen, um die gewünschte Handlung bei ihm auszulösen. Sogar mit der Augenkamera wird analysiert, wohin der Betrachter in einem Text schaut, damit man genau dort werbewirksame Wörter platziert. Werbetexten ist eine ausgefeilte Kunst.

Während meiner Ausbildung zur Hypnosetherapeutin in der Dekade nach der Jahundertwende lernte ich das Neurolinguistische Programmieren (NLP). Die Bezeichnung macht gar keinen Hehl daraus, dass man das Gehirn seines Gegenübers durch Sprache programmieren will. Aha. Hier ist eine Schnittstelle zwischen der Rhetorik in der Werbung und der gezielten Verwendung von Sprache zu therapeutischen Zwecken. Die Anliegen der beiden Anwendergruppen sind aufgrund der Natur ihrer Berufe vollkommen unterschiedlich.

Ein verantwortungsvoller Therapeut wird den Clienten immer in seine Absichten einweihen und an den per Behandlungsauftrag abgestimmten Zielen des Clienten richtet sich die gemeinsame Arbeit aus. Der Verkäufer hingegen ist in erster Linie seinem Unternehmen verpflichtet. Seine Aufgabe ist es, dem Kunden etwas zu verkaufen. Das ist kein Geheimnis. Warum manche Kunden gutherzig davon ausgehen, dass ein Verkäufer stets nur das Beste für sie will und seiner Beratung blauäugig vertrauen, ist mir schleierhaft.

Aus meiner Warte kann ich die Vorbehalte gegenüber der professionellen Beeinflussung durch Sprache nachvollziehen: Das NLP wird mit gutem Grund misstrauisch beäugt. Es ist ein machtvolles Mittel der Manipulation. Ich versuche, mein Wissen über Rhetorik nicht unbewusst zu verwenden und stattdessen Menschen darüber aufzuklären. Wie bei vielen Tricks aus der Redekunst, ist man deutlich im Hintertreffen, wenn das Gegenüber sie beherrscht und man selbst sie nicht durchblickt.

Unter Hypnose wird der Therapeut den Patienten in der Regel duzen, weil das Unterbewusstsein auf diese Weise direkter angesprochen werden kann. Während einer Familienaufstellung nutzt er ebenfalls das Du, um bei Bedarf mit frühen Lebensphasen arbeiten zu können. Psychologen wissen sehr wohl, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man jemanden duzt oder siezt. Wir gehen sehr sorgsam mit diesem Instrument um.

Meine Hypnoausbildung hat mich hochgradig darauf sensibilisiert, dass während einer Trance alle Geräusche im Raum ins Unterbewusstsein eindringen. Jedes Wort erzeugt ein Störgefühl, wenn es nicht exakt passend gewählt ist. Das Wiederholen des genauen Wortlauts aus den Äußerungen des Patienten ist wesentlich für den reibungslosen Verlauf einer Sitzung. Feinste Nuancen werden wahrgenommen. Durch Wiederholung werden Programmierungen gefestigt. Man ankert sie durch das Koppeln von gewünschten Gedankeninhalten an bestimmte Reize.

Für eine Rauchentwöhnung kann das außerordentlich hilfreich sein. Das Wissen, welches in der Psychotherapie in Abstimmung mit dem Patienten zu seinem Vorteil bewusst und gezielt eingesetzt wird, kann in anderen Zusammenhängen ohne dessen Zustimmung zum Nachteil eines Menschen verwendet werden.

Aktiviert man eine bestimmte Ebene des Denkens durch das Du, wirkt Werbung auf unser Unbewusstes, auf unser Kindliches und spricht damit Bedürfnisse auf eine Weise an, die sich unserem wachen Verstand entzieht. Das ist Manipulation. Und wenn es zur Belohnung nach dem Einkauf noch ein Softeis zum Spottpreis gibt, haben wir gerade unser Geld im Kindergarten gelassen und gehen mit einem seligen Grinsen nach Hause. Unsere neuen „Spielsachen“ haben Namen wie damals der Teddybär. Ich bin voller Bewunderung für die Marketingstrategen, die durch diesen Trick unsere Bücherregale und Spülbürsten zu unseren neuen „Freunden“ machen.

Ich weiß, dass das Du in den sogenannten sozialen Medien üblich ist. Das ist einer der Gründe, warum ich dort nicht heimisch geworden bin. Meine Arbeit richtet sich an die erwachsene Ebene, an den vernünftigen Verstand, der Instinkte, Emotionen und Gefühle integriert. An diesem Punkt ihrer Entwicklung stehen natürlich nicht alle und manche fühlen sich deshalb von mir nicht abgeholt. Ihr Empfinden ist richtig.

„Der kleine Lukas will im Schmalland abgeholt werden“, fällt mir da ein und ich muss schallend lachen, weil ich mir vorstelle, wie die Lautsprecherdurchsage im Sie klingt „Der kleine Herr Müller will im Schmalland abgeholt werden“.

Nein, das ist nicht meine Aufgabe, Erwachsene auf der Kinderebene einzufangen. Und es ist ebenso wenig in meinem Interesse, sie zu “pampern”, „nachbeeltern“ sagt man im Psychologen-Deutsch. Mir ist daran gelegen, dass Menschen in ihre Kraft kommen und entdecken, dass sie in der Lage sind, selbst für sich zu sorgen. Sie erkennen dann, dass sie keine Eltern mehr brauchen, die sich um sie kümmern, und deshalb auch keine Autoritäten hinnehmen müssen, die sie bevormunden wollen.

Menschen, die in diesem Sinne erwachsen sind, treten im Wortsinne selbst-bewusst für ihre Bedürfnisse ein. Sie müssen niemanden manipulieren, der ihre Sehnsüchte stillen soll, und sie lassen sich auch nicht als Bedürfniserfüller anderer einspannen. Dieses Für-sich-stehen-Können ist eine gute Grundlage für eine Beziehung auf Augenhöhe. Gerade in Liebesbeziehungen finden wir häufig kindliche Muster von Trotz, Bedürftigkeit oder Gefallen-Wollen auf der einen und elterliche Anmaßungen von Fürsorge oder Erziehung ohne Auftrag auf der anderen Seite – und gerne auch im Wechsel. Mit dem Verlassen solcher Rollen ist die Beziehung nicht zu Ende, dort fängt sie erst an.

Wie Sie das Du und das Sie handhaben wollen, bleibt natürlich ganz Ihnen überlassen. Mir ist es nur wichtig, dass Sie sich über die Wirkung im Klaren sind und eine bewusste Wahl treffen.

Text: Petra Weiß
Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Danke schön

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Wie Sprache unser Zeitempfinden beeinflusst

Schreibkunst Texter Fachjournalist

Viele von uns haben in der Schule unter Fremdwort-beladenen Grammatik-Stunden gelitten. Haben Sie sich als Teenager für Plumperquatsch-Perfekt und nummerierte Zukünfte begeistern können? Ich habe damals nicht verstanden, wie mir diese Kenntnisse für mein Leben nützlich sein sollen. Stattdessen hätten wir lieber gelernt, wie uns der bewusste Einsatz unserer schönen Sprache dient, um glücklich und selbst-bestimmt zu leben. Der Sprachgebrauch hat viel mit unseren Gewohnheiten zu tun. Wir können durch ein paar kleine Anpassungen einfach und wirkungsvoll unsere Wahrnehmung und unser Erleben zum Guten verändern.

Vielleicht haben Sie das schon einmal beobachtet: Wenn uns ein früheres Ereignis noch ganz nah ist, verfallen wir beim Erzählen in die Jetzt-Zeit: „Bei der Abschlussfeier waren alle pünktlich bis auf Uli. Und dann kommt er auch noch mit einem ungeladenen Gast!“ Oder wir holen Künftiges sprachlich in die Gegenwart: „Morgen fahre ich nach Mannheim.“ Oft bemerken wir das gar nicht. Oder wir halten es für nebensächlich. Das ist es aber nicht.

Menschen, die durch ihre Art zu reden das Kommende immer schon hier haben, neigen zu Stress. Falls Sie zu den Menschen gehören, die unter Termindruck leiden, kann es ausgesprochen hilfreich sein, wenn Sie genau unterscheiden, was tatsächlich eben gerade passiert und was erst später: „Ich sitze gerade im Garten. Morgen werde ich nach Mannheim fahren.“ Diese Umstellung entschleunigt Ihr Leben und packt alle Vorhaben in die Zukunft, wo sie hingehören.

Wenn Sie inneren Abstand zu unerfreulichen Erlebnissen bekommen wollen, sind Sie gut beraten, die Vergangenheitsform bewusst zu wählen. Es hat eine sehr unterschiedliche Wirkung auf die gefühlte Aktualität, wenn Sie sagen „Er gibt mir eine Ohrfeige“ oder „Er hat mir eine Ohrfeige gegeben.“ oder „Er gab mir eine Ohrfeige.“ Die Energie der Tat ist bei „gibt“ ganz präsent. Sie wirkt bei „hat gegeben“ noch in die Gegenwart hinein. Die Formulierung „gab“ entfernt die Ohrfeige aus dem Jetzt. Das Ereignis ist wirklich vorbei.

Bei Vorgängen, die sehr rasch abgelaufen sind, ist die Geschwindigkeit eines der Probleme. Alles scheint gleichzeitig zu passieren, was uns völlig überfordert. Dann bringt die genaue Abfolge beim Erzählen Klarheit und eine Gliederung der Erlebnisse. Das spendet Halt und Orientierung.

Als praktisches Beispiel dient uns die Beschreibung eines Autounfalls: „Das Auto fuhr in die Seitenstraße ein. Dann hat es einen lauten Knall gegeben. Davor war noch ein leises Zischen zu hören.“ Erschließt sich Ihnen spontan, was hier geschah? Wann genau war das Zischen zu hören?

Günstiger für die Verarbeitung des Geschehens wäre folgende Ausdrucksweise: „Erst war ein leises Zischen zu hören. Dann gab es einen lauten Knall. Und danach fuhr das Auto in die Seitenstraße.“ Alle Wahrnehmungen sind abgeschlossen (war, gab, fuhr). Die Reihenfolge ist nicht nur eindeutig. Sie entspricht auch dem Vorgang, so wie er sich ereignet hat.

Wenn wir über Ursache und Wirkung sprechen, scheint es unerheblich, was davon wir zuerst erwähnen. Tatsächlich dient es uns sehr, wenn wir die Ursache voranstellen. Also statt: „Das Glas liegt auf der Erde, weil ich es umgestoßen habe aufgrund meiner Unkonzentriertheit. Ich hatte zuvor einen aufwühlenden Bericht gelesen.“ schreiben wir lieber „Ich habe einen aufwühlenden Bericht gelesen, daher war ich unkonzentriert und habe das Glas umgestoßen. Also liegt es jetzt am Boden.“ Das Gehirn muss sich nicht so verrenken, um zu begreifen, was sich ereignet hat.

Wann immer wir Orientierung brauchen, hilft Klarheit – gerade in turbulenten Zeiten.

A propos Klarheit: Hier geht es darum, was Sie für sich tun können, wenn Sie das wollen. Sie müssen es nicht. Sie dürfen auch einfach so bleiben wie Sie sind. Sprachgewohnheiten sind etwas sehr Persönliches, über viele Jahre gewachsen und gehören zu uns wie ein lieb-gewonnener Schlafanzug.

Lassen Sie sich bitte nicht verleiten, an anderer Leute Sprache herumzumäkeln, falls Ihnen die Beziehung zu diesem Menschen etwas bedeutet. Kritiksucht und Missionarseifer sind fehl am Platz. An solchen Übergriffen können Sie auch mit sprachlichen Kniffen nichts beschönigen. Ihre “gut gemeinten” Verbesserungsvorschläge können zu Recht als Angriff auf die Identität Ihres Opfers gewertet werden. 

Meine Empfehlung:

Gehen Sie es spielerisch an. Versuchen Sie nicht, alle Tipps gleichzeitig zu befolgen. Fischen Sie sich eine Anregung heraus, die Sie besonders ansprechend finden, und starten Sie damit ohne übertriebenen Ehrgeiz. Freuen Sie sich jedes Mal, wenn Ihnen der „Fehler“ auffällt, statt sich darüber zu grämen, dass Sie ihn noch nicht ausgemerzt haben.

Ich würde am Anfang gar nicht auf das Ersetzen der Formulierung zielen, sondern nur auf das Entdecken. Pirschen Sie sich behutsam an solche Veränderungen heran, statt etwas übers Knie brechen zu wollen. Die moderne Hirnforschung hat bestätigt, was wir alle schon seit unserer Schulzeit wussten: Mit Freude lernt es sich am Leichtesten!

Text: Petra Weiß
Foto: Timo Klostermeier / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Wer die Sprache beherrscht, beherrscht seine Mitmenschen.

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Lesedauer ~9 Minuten
Rubrik: Manipulative Muster.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Manipulation anderer, wobei der Begriff Manipulation durchaus nicht negativ besetzt ist. Es handelt sich hierbei lediglich um eine gezielte Beeinflussung von Individuen unter Berücksichtigung der Wirkung von verschiedenen rhetorischen Stilmitteln auf die menschliche Psyche und das hieraus resultierende Verhalten.

Diese Wirkung hängt stets vom Zusammenspiel von gesprochener Sprache und Körpersprache ab, d.h. ein Redner wirkt nur dann überzeugend, wenn die Art seiner Kleidung, seine Gestik, Mimik und Körperhaltung seine Werte unterstreichen und bekräftigen. Die Körpersprache muss stimmen. Sie stellt jedoch nur die Grundlage für eine überzeugende Rede dar. Wir wollen uns hier also mit dem Hauptmedium zur Übermittlung von Botschaften befassen, nämlich mit dem Wort.

Sprache vermittelt nicht nur Wissen, sondern vor allem auch Gefühle. Psychologen haben längst herausgefunden, welche Wortkombinationen und Formulierungen sogenannte Schlüsselreize auslösen, und nicht nur kluge Köpfe aus der Werbebranche machen sich diese Erkenntnisse seit Jahrzehnten zunutze. Kurze, prägnante Sätze oder Satzfragmente überwiegen hier und zielen zumeist auf die emotionale Ebene der potenziellen Käufer.

Wie Elmar Leterman in seinem Buch „Verkaufen durch Showmanship“ sehr einleuchtend darstellt, besteht Verkauf im weitesten Sinne zu 90 % aus „Emotion/Illusion“, gewissenhaft verpackt, in sorgfältig überlegte Worte, erzielen sie meist die gewünschte Wirkung. Die Verkaufszahlen werbeintensiver Firmen beweisen dies. Letermans These trifft auch auf andere Bereiche des „Verkaufs“ zu, die nicht direkt etwas mit dem Erwerb von Gütern oder Dienstleistungen zu ttun haben, und zwar mit dem „Verkauf“ von Information oder Meinung.

Ein Blick in die Vergangenheit konkretisiert diese Aussage. Gemeint ist Adolf Hitler als Beispiel für die negativen Auswirkungen, wenn ein Mensch andere mit Hilfe von Sprache beherrscht. Hitler hielt keine Reden, er hatte Auftritte, denn seine Kundgebungen waren wahre Meisterwerke der Rhetorik. Jedes einzelne Wort war mit aller Sorgfalt ausgewählt, jede Pause gezielt platziert und jeder „Gefühlsausbruch“ perfekt gespielt. In dem Film „Hitler – eine Karriere“ wird anschaulich gemacht, wie er durch emotionsgeladene Auftritte die Massen bewegte.

Doch die Zeiten der Manipulation durch sprachliche Mittel sind längst nicht vorbei. Die Ausführungen unserer Politiker verdeutlichen dies sehr gut. Als aktuelles Beispiel hierfür sind die Wahlreden der amerikanischen Präsidentschaftskandidatur zu nennen, die mit Hilfe ausgeklügelter Formulierungen unsere berechenbare Psyche durchdringen und in Verbindung mit den durch sie ausgelösten Emotionen die gewünschte Wirkung erzielen. Wesentlich ist oft nicht (nur) die Botschaft, sondern deren Präsentation, die „Verpackung“.

Doch nicht nur auf nationaler oder internationaler Ebene, nicht nur in der Werbung und im Verkauf, sondern auch im privaten Bereich spielt die Beherrschung der Sprache zur Beeinflussung der Mitmenschen eine entscheidende Rolle. Wer seine Argumente geschickt formuliert und in entsprechender Art und Weise zum richtigen Zeitpunkt artikuliert, wird kaum Schwierigkeiten haben, seine Meinung durchzusetzen.

Negative Folgen hieraus können sich nur dann ergeben, wenn die „Adressaten“ die Argumentationstaktiken des „Absenders“ von Information oder Meinung nicht durchschauen bzw. erkennen können, denn dann laufen sie Gefahr, nicht überzeugt, sondern überredet zu werden.

Genau das passierte im Dritten Reich. Kein Mensch, der bei halbwegs klarem Verstand ist, kann davon überzeugt sein, dass es gut ist, Juden zu töten, deshalb halte ich den Ausdruck „ein überzeugter Anhänger Hitlers“ für falsch. Es ist aber, wie die Vergangenheit zeigt, sehr gut möglich, Tausende von Menschen emotional für eine Sache zu begeistern, die man rational nicht logisch begründen kann. Nun ist die Nazi-Zeit ein sehr krasses Beispiel für das Problemfeld, das mit der Beherrschung der Menschen durch die Beherrschung der Sprache in Zusammenhang steht.

Kleinere Katastrophen durch Massenmanipulation mit Hilfe von sprachlichen Mitteln laufen auch heute zum Beispiel in Frankreich – hier sei der Name Le Pen erwähnt – oder in Südafrika ab.

Eine weitaus harmlosere Form der Beeinflussung wird durch psychologische Tricks in der Werbung erzielt, die zum Kauf eines bestimmten Produkts stimulieren sollen, denn nur zirka 10 % der Werbung bezieht sich sachlich auf die Eigenschaften desselben, doch hier gehen Manipulation und rationale Überzeugung fließend ineinander über.

Auch im privaten Bereich hat berechnendes, die Reaktion des anderen miteinbeziehendes Verhalten einen negativen Touch, und doch kommt es immer wieder erfolgreich zur Anwendung, denn viele wenden sprachliche Mittel völlig unbewusst an und erzielen – ohne dass sie eigentlich genau wissen warum – den gewünschten Erfolg.

Jeder sollte sich aber bewusst mit der Wirkung von Sprache auf andere beschäftigen, obgleich Beherrschung von Sprache gleichbedeutend mit Macht über andere sein kann, dennoch ist die genaue Kenntnis des „Machtinstrumentes“ Sprache wichtig, um die Mitmenschen überzeugen zu können und die eigenen Ziele zu erreichen, und sie ist geradezu unerlässlich, wenn es darum geht, Machtmissbrauch zu vermeiden, indem man die Manipulationsversuche anderer erkennt und sich ihnen in geeigneter Weise entziehen kann.

Dieser Deutschaufsatz stammt aus dem Jahr 1988, damals war ich 18 Jahre alt. An dem Aufsatz habe ich als Text-Profi mit mehr als 20 Jahren Erfahrung nichts Wesentliches auszusetzen, außer dass einige Sätze etwas zu lang sind. Um ehrlich zu sein, bin ich ganz schön stolz auf den Teenager, der ich einmal war.

Ein Germanist mit überkämmter Glatze und schlecht sitzendem Anzug hat mir damals 8 von 15 Punkten gegeben und mein Heft mit seinem Rotstift über und über verunziert. Eine ganze Seite lang ist seine unberechtigte Kritik. Am meisten erheitert mich heute sein Satz „Achten Sie auf die Formulierungen“ mit dem Vorwurf, es mangle ihnen an Präzision. Ich hoffe und bete, dass Pädagogen heutzutage Ausnahmetalente erkennen, wenn sie im Klassenzimmer vor ihnen sitzen und sie angemessen fördern.

Text und Foto: Petra Weiß

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Schatz, der Mülleimer ist voll! Warum wir nicht sagen was wir meinen

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Essay von Petra Weiß. Lesedauer ~20 Minuten.

In den letzten Wochen höre ich immer wieder, dass sich die Menschen manipuliert fühlen. Mag sein, dass die Manipulation in unserer Gesellschaft Formen angenommen hat, die schwer zu ertragen sind. Wenn wir die Kultur ändern wollen, fangen wir am Besten bei uns selbst an. „Ich manipuliere doch niemanden!“ werden manche jetzt entrüstet ausrufen. Falls Sie tatsächlich Ihre Bedürfnisse deutlich aussprechen, ohne jemanden emotional unter Druck zu setzen: Prima! Glückwunsch! Die meisten von uns haben das nicht gelernt. Deshalb grämen Sie sich bitte nicht, wenn Sie sich ab und zu dabei erwischen, dass auch Sie die Kunst der Beeinflussung anwenden. Wie sieht Manipulation in unserem ganz normalen Alltag aus? Warum greifen wir zu solchen Methoden? Und welche alternativen Kommunikationsmuster sind denkbar?

„Schatz, der Mülleimer ist voll!“ Wie würden Sie diesen Satz beantworten. „Da hast Du Recht.“ vielleicht? Nein, Sie würden wissen, dass von Ihnen erwartet wird, etwas zu unternehmen. Warum eigentlich? Weil wir diese Form der Manipulation gewohnt sind. Statt zu sagen, was wir wollen, werfen wir etwas anderes in den Raum. Und unser Gegenüber soll gefälligst die passenden Schlüsse ziehen. Probieren Sie einmal, solche Manipulationsversuche großzügig zu übersehen. Statt loszuspurten, um den Abfall zu entsorgen, sagen Sie doch einfach mal „Aha.“ Das kann sehr interessante Reaktionen auslösen. Eine zielführende Erwiderung könnte lauten „Das stimmt. Möchtest Du mir damit noch etwas anderes sagen?“ Gehen Sie nicht stillschweigend darüber hinweg, wenn andere Leute sie manipulieren. Machen Sie den Versuch transparent. Das muss ja nicht im Bösen sein. Sie dürfen dabei ruhig lachen, wenn die Situation es erlaubt.

Bedürfnisse und was keine sind

Oft sind wir uns unserer eigentlichen Bedürfnisse gar nicht bewusst. Nehmen wir mal an, Sie möchten, dass Ihr Mann im Keller die Heizung hochdreht, weil sie frieren. „Mir ist kalt.“ werden Sie vielleicht vorwurfsvoll in den Raum stellen und erwarten, dass Ihr Mann ins Handeln geht. Er wird schon wissen, dass er jetzt in den Keller muss, um die Temperatur zu regeln.

Ist es Ihr Bedürfnis, dass der Mann in den Keller geht? Nein. Sie haben ein Bedürfnis nach WÄRME. Und dieses kann auf verschiedene Arten gestillt werden. EINE davon ist das Heizunghochdrehen durch den werten Gatten. Fallen Ihnen noch weitere Lösungen ein? Es ist wichtig, sich darüber bewusst zu werden, um welches Bedürfnis es geht, damit Sie verstehen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt. Insbesondere, gilt es herauszufinden, mit welchen Optionen Sie sich Ihren Wunsch selbst erfüllen können. Das entlastet Ihre Beziehungen wesentlich.

Sie könnten zum Beispiel in einen wärmeren Raum gehen. Oder einen dicken Pulli anziehen. Oder sich eine Wärmflasche machen. Oder den Kreislauf in Schwung bringen. Oder sich einen heißen Tee zubereiten. Oder etwas essen. Oder selbst die Heizung hochdrehen. Oder, oder, oder. Merken Sie was?

Die Vielfalt der Möglichkeiten bringt Ihnen Handlungsoptionen. Handlungsoptionen sind das Gegenteil von Ohnmacht. Sie müssen sich nicht ausgeliefert und hilflos fühlen.

Satte Gewinne durch die Opferhaltung

Obwohl ich zugeben muss, dass die gute alte Opferhaltung natürlich auch Vorteile bringt. Man kann sich in Selbstmitleid suhlen. Man erhält Zuwendung und Aufmerksamkeit, wenn man über sein Schicksal klagt. Man kann mit einer Freundin über die Männer schimpfen und durch das gemeinsame Feindbild Verbundenheit erleben. Man kann dem Mann irgendetwas Fieses antun, ohne sich schlecht zu fühlen. Und so weiter. Das gilt für Männer umgekehrt natürlich genauso. Über die Vorzüge des Jammerns und Piensens könnte ich einen eigenen Beitrag schreiben. Darum geht es hier aber nicht primär. Wir schauen darauf, warum wir überhaupt ins Manipulieren kommen.

Ein weiterer Grund kann sein, dass wir nicht Nein sagen können und diese Schmach auch keinem anderen zumuten wollen. Oder – die Kehrseite derselben Medaille – dass wir auf gar keinen Fall Ablehnung erleben wollen. Wenn ich nicht klar frage, muss der andere nicht direkt antworten. Big Deal! Ich lasse die Frage unausgesprochen durch den Äther schweben und kann in die (Nicht-)Reaktion alles hineininterpretieren, was mir beliebt. Erfahrungsgemäß ist das häufig nichts Erquickliches. „Dem ist egal, ob ich mir den A… abfriere.“ ist eine der üblichen Phantasien in so einem Zusammenhang. Kann sein. Kann aber auch ganz anders sein. Erfahren werde ich es nur, wenn ich offen kommuniziere. Am Besten, bevor ungute Phantasien die Stimmung verderben.

„Schatz, mir ist kalt. Könntest Du bitte die Heizung hochdrehen?“ Damit wäre alles erledigt.

Gewaltfrei Klarheit schaffen

Ist die Stimmung schon verrutscht, hilft uns die Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg. Sie wirkt der Manipulation entgegen, indem Sie die Sachebene und die Gefühlsebene klar trennt und Verwechslungen zwischen Realität und Phantasie beseitigt.

Der Ablauf ist schlicht:

  1. Tatsache benennen, möglichst sachlich, am Besten eine konkrete Beobachtung.
  2. Phantasie aussprechen und als solche kennzeichnen.
  3. Emotion ansprechen, die durch die Phantasie entstanden ist.
  4. Umsetzbaren Wunsch äußern.

In unserem Beispiel:

  1. „Hier hat es 19 Grad. Ich friere.“
  2. „Bei mir ist die Phantasie entstanden, dass es dir gleichgültig ist, wie es mir geht.“
  3. „Das macht mich traurig.“
  4. „Ich wünsche mir, dass Du die Heizung hochdrehst.“

Wenn wir noch nicht ganz in unserem Film von „Keine kümmert sich um mich“ versunken sind, fällt uns vielleicht sogar auf, wie absurd die Vorstellung ist, dass der Mann kein Interesse an unserem Wohlergehen hat.

Für den Fall, dass wir einen solchen Mangel an Interesse tatsächlich für Realität halten, wird es Zeit für eine Klärung. Und die spielt sich nicht in unserem Kopf ab, sondern im Austausch.

Meistens handelt es sich bei derlei Phantasien um uralte Glaubenssätze. Deshalb sind solche Situationen wertvoll für die eigene Bewusstseinsentwicklung. Lassen wir das Thema in dieser Stelle ungeklärt, können wir uns weiter einbilden, der andere sei schuld an unserem Leid. Konfrontieren wir ihn aber mit unseren Gedanken, dann kann er dazu Stellung nehmen. Außer, wenn Sie mit einem Psychopathen oder pathologischen Narzissten zusammen sind, wird es Ihren Partner sehr wohl interessieren, wie es Ihnen geht. Er wird vermutlich über Ihre merkwürdige Annahme aufrichtig bestürzt sein. Mit mitfühlender Anteilnahme wird er ihrer traurigen Weltsicht begegnen.

Rollenverwechslung als Wurzel des Übels

Geben Sie ihm Gelegenheit, sich zu Ihren Ideen zu äußern, löst sich Ihre Phantasie aller Wahrscheinlichkeit nach in Luft auf. Für ihre falsche Interpretationen muss es aber einen Grund geben. Nun können Sie sich darüber klarwerden, dass Sie hier möglicherweise noch ein Thema zu bearbeiten haben. Vielleicht sogar ein ganz grundlegendes: Zum Beispiel, dass sie den Partner mit Ihrem Papa verwechseln und er deshalb immer für Sie sorgen soll. Oha! Solche Verwechslungen sind gar nicht so selten und bereiten vielen Paaren Ungemach. Die Mama-Verwechslung umgekehrt natürlich auch. Mit falschen Rollen ist jeder Mensch langfristig überfordert. Das kann nur in Enttäuschung und Vorwürfen enden.

Wenn wir hier Paardynamiken betrachten, dann vor allem deshalb, weil sie die beliebteste Projektionsfläche für unsere ungelösten Seelenthemen und unterschwelligen Konflikte bieten. Ersetzen Sie Partner wahlweise mit Chefin, Nachbar oder Schwester. Häufig betrifft die Rollen-Verwirrung Personen, denen wir nicht ohne weiteres ausweichen können.

Das Feld ist breit, warum wir glauben, jemanden manipulieren zu müssen. Ihn in eine unpassende Position schieben zu wollen, ist ein möglicher Grund, der meist unerkannt bleibt.

Häufig begegnen mir Menschen, die – ohne es zu ahnen – als alleingeborene Zwillinge stets auf der Suche nach einem „Ersatz-Zwilling“ sind. Sie locken oder pressen andere in diese Rolle, der niemand gewachsen sein kann. Und dabei empfinden sie ihre Ansprüche als vollkommen berechtigt. Die Verwechslung ist ihnen ja nicht bewusst. Sie bekommen nicht, was ihnen anscheinend zusteht. Also lassen sie sich allerlei Tricks einfallen, um den anderen doch noch dazu zu bringen, ihre große Sehnsucht zu stillen. Vergeblich.

Mein Bedürfnis – meine Verantwortung

Im ersten Schritt müssen wir uns darüber bewusst werden, dass wir als  erwachsener Mensch selbst für das Erfüllen unsere Bedürfnisse verantwortlich sind, dass wir keine Eltern mehr brauchen, um unsere Existenz zu sichern, und dass wir – in den allermeisten Fällen – dazu selbst in der Lage sind.

Das heißt nicht, dass wir isoliert von der Außenwelt leben und nichts von anderen annehmen dürfen oder sollen. Die innere Haltung dabei ist entscheidend: In der Regel geht es nicht darum, Hilfe anzunehmen, sondern Unterstützung. Der Unterschied ist wesentlich. Hilfe heißt: Ich kann es nicht allein und brauche deshalb andere zur Bedürfniserfüllung. Unterstützung hingegen bedeutet: Ich könnte es auch allein, aber durch das Mitwirken anderer wird es schöner, besser, leichter, schneller etc. Hilfsbedürftigkeit erleben wir als Schwäche. Sich passende Unterstützung zu holen, ist ein Ausdruck von Kompetenz. In diesem Sinne können Sie die Suche nach Unterstützung nicht als persönliches Versagen, sondern im Gegenteil als aktive Selbstfürsorge (um-)bewerten.

Selbstwertschätzung – zu viel und zu wenig

Etwas zu wollen, das uns eigentlich nicht zusteht, ist also ein Grund für Manipulation. Die gegenteilige Ursache kann zum selben Ergebnis führen: Man glaubt, das was man braucht, eigentlich nicht verdient zu haben bzw. es nicht wert zu sein. Der Mangel an Selbstwertschätzung ist leider ein weit verbreitetes Phänomen. In diesem Fall wird man ebenfalls nicht direkt um etwas bitten. Man wird darauf entweder verzichten oder versuchen, das Objekt der Begierde mit List und Tücke zu erschleichen und hoffen, dass niemand den Schwindel bemerkt.

List und Tücke sind übrigens nicht für alle Menschen verabscheuungswürdig. Je nach kultureller Prägung, Familientradition oder Typenmuster kann man sogar einen Volkssport daraus machen. Mal sehen, wie weit man gehen kann, bis der andere bemerkt, dass er über den Tisch gezogen wurde. Es gibt Leute, die haben diebische Freude an einem kleinen Betrug, einige brüsten sich sogar damit. Ich habe schon erlebt, dass jemand sich durch clevere Gaunereien beweist, dass er kein Dummer ist. Manchen gibt der Adrenalinstoß einen Kick.

Wenn das Leid des „Opfers“ beim Beurteilen einer Tat gar keine oder eine sehr untergeordnete Rolle, sind wir aber eher wieder bei den psychischen Störungen. Insbesondere der Narzissmus verhindert eine offene Kommunikation über die Bedürfnisse. Das gilt nicht nur für narzisstische Persönlichkeitsstörungen, sondern in abgemilderter Form auch den sogenannten Alltagsnarzissmus.

Fühlt sich ein Narzisst doch als Nabel der Welt und erwartet von seinem Umfeld ein gewisses Maß an Hellsichtigkeit. Er erwartet vorauseilenden Gehorsam, man soll ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen. Wenn er sich dazu äußern muss, kommt das einer Majestätsbeleidigung gleich. Und umgekehrt interessieren ihn die Bedürfnisse der anderen herzlich wenig. Wie kommen sie dazu, diese in seiner erlauchten Gegenwart äußern zu wollen?!

Ich will das Thema Narzissmus hier nicht weiter vertiefen. Diese Anteile nehmen naturgemäß sowieso zu viel Raum ein. Mein Tipp an dieser Stelle: Hören Sie nicht auf die Worte eines Narzissten, sondern schauen Sie auf seine Taten. Wollen Sie dieses Verhalten in Ihrem Leben? Beachten Sie auch die Übereinstimmung Ihrer eigenen Worte mit Ihren Handlungen. Ein bisschen Narzissmus steckt in jedem von uns.

Konflikte auflösen

Die wenigsten Leute lieben es, sich zu streiten. Aber es gibt auch regelrecht konfliktscheue Menschen. Das kann vielfältige Gründe haben. Verlustängste und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit stehen weit oben auf der Liste. Eine ausgeprägte Konfliktscheu macht ebenfalls manipulativ. Konflikte gehören zum menschlichen Miteinander. Wenn sie nicht zutage treten dürfen, ist es wichtig, Klarheit zu vermeiden. Das gelingt durch nebulöse Aussagen, durch Unausgesprochenes und Mehrdeutiges.

Fragen Sie schlicht: „Würdest Du das für mich tun?“ und der Angesprochene hat andere Bedürfnisse, die sich mit Ihrem Wunsch nicht in Einklang bringen lassen, dann ist das ein Konflikt. Wird er gezwungen, „nein“ zu sagen, ist der Konflikt für alle sichtbar auf dem Tisch.

Wie man Konflikte souverän und erwachsen handhaben kann, lernen die wenigsten von Kindesbein an. Wir haben nicht erfahren, dass Konflikte zum Leben ganz selbstverständlich dazugehören und aufgelöst werden. Den äußeren Konflikten können wir ja oft ganz gut ausweichen. Für die inneren Konflikte ist das kein gangbarer Weg. Darum lernen wir das doch lieber im Außen, dann steht es uns auch für das gesunde Wachstum unserer Innenwelt zur Verfügung.

Was hinter der Manipulation liegt…

Die Selbstaufrichtigkeit ist nicht bei allen gleich stark ausgeprägt. Vielleicht werden manche ihre Konfliktscheu, Ihren Narzissmus oder Ihre Verwechslungen vor sich selbst und vor anderen rechtfertigen und kaschieren.

Beliebt sind dabei Erklärungen wie „Ich wollte diplomatisch sein.“, „…dem anderen Gelegenheit geben, sein Gesicht zu wahren.“, „…auf seine Gefühle Rücksicht nehmen.“ und so zu. Es ist verständlich, sich den eigenen Motiven nicht immer stellen zu wollen, um ein gutes Image zu erhalten. Das Selbstbild dient der Stabilität. Aber nur, wenn es aufrichtig ist.

Ihrer Persönlichkeitsentwicklung förderlich ist das Streben nach Authentizität. Seien Sie die Person, die aus Ihnen geworden ist, haben sie Verständnis und Mitgefühl mit ihr. Und dann wenden Sie sich dem Menschen zu, der Sie sein können, der in Ihnen angelegt ist wie eine Blaupause: ihr Selbst.

Das Bewusstwerden von Manipulationsversuchen stoppt nicht nur die Manipulation. Es gibt den Blick frei auf tiefliegende Ursachen, die das eigentliche Problem sind. Und ermöglicht so erst eine ursächliche Lösung. Schon allein für diese Chance lohnt es sich, sich auf den Weg in eine faire und bewusste Kommunikation zu wagen. Das Heilungspotenzial für unsere Beziehungen ist immens: für die Beziehung zu unserem Mitmenschen und zu uns selbst.

Text und Foto: Petra Weiß

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