Vom Glück keine falsche Anerkennung zu ernten

Unter Menschen ist es normal, dass wir uns gegenseitig Anerkennung spenden. Die Anerkennung drückt sich in wertschätzenden Worten aus, in Lob und Komplimenten, in Dankbarkeit und manchmal auch in symbolischen Auszeichnungen wie Orden, Prädikaten oder Titeln.

In dem Wort Anerkennung ist das „Erkennen“ enthalten. Wir können nur etwas oder jemanden anerkennen, das oder den wir erkannt haben. Was mag das sein? Bestenfalls erkennen wir den anderen in seiner Einzigartigkeit und wertschätzen diese. Das ist die Version für „Erleuchtete“. Im Alltag reicht es, wenn wir bestimmte Eigenschaften am anderen ausmachen.

Loben für Fortgeschrittene heißt nicht „Sie sind eine tolle Mitarbeiterin“, sondern „Sie haben die Quartalszahlen wieder sehr präzise und gleichzeitig übersichtlich dargestellt. Ich schätze Ihre Zuverlässigkeit, Ihre strukturierte Vorgehensweise und Ihren Blick fürs Wesentliche.“

Häufig erhalten wir aber Anerkennung für eine Leistung oder eine Tat. Und viele denken, dass das so sein müsste. Das ist ein Trugschluss, der uns sehr in die Irre führen kann und viele sinnlose Bemühungen nach sich zieht. Kaum etwas ist so aussichtslos und kräftezehrend wie der ständige Huzzle um Anerkennung für das Tun. Stattdessen sollten wir uns wünschen, für unser So-Sein wertgeschätzt zu werden. Sonst kann man uns durch Lob und Tadel beliebig lenken und für Zwecke einspannen, die wir sonst gar nicht unterstützen würden.

Das Thema begegnet mir immer wieder in der Sprechstunde. Daher will ich hier mit eine paar weit verbreiteten Missverständnissen aufräumen. Das Schwierigste zuerst: Wir haben keinen Anspruch auf Anerkennung. Wie sollten wir auch? Manche Menschen liegen auf einer derart abweichenden Wellenlänge zu der eigenen, dass wir nicht erwarten können, sie mögen uns erkennen geschweige denn anerkennen. Das hat viel mit der Unterschiedlichkeit von Eigenschaften und Fähigkeiten zu tun, aber auch mit verschiedenen Erfahrungen, Glaubensätzen und Wertesystemen.

Mit einem ausführlichen Beispiel aus meiner eigenen Biografie will ich Ihnen verdeutlichen, wie viel Leid falsche Vorstellungen von Anerkennung hervorbringen und welche andere Haltung hilfreich sein kann.

Autobiografisches Fallbeispiel

Als junge Frau war ich nach meiner kaufmännischen Ausbildung in einem großen Konzern als Sekretärin des Vertriebsleiters gelandet. Was nach einem perfekten Einstieg ins Berufsleben für eine 21-Jährige klang, entpuppte sich als Einöde. Ich langweilte mich zu Tode. Der Chef war selten da. Außer ein paar routinemäßigen Statistiken, die ich für ihn auswertete, und dem Sammeln von Telefonnotizen hatte ich kaum etwas zu tun.

Den anderen Damen auf der Geschäftsleitungsetage schien die Ereignislosigkeit ihres Arbeitstags nichts auszumachen. Die meiste Zeit gingen sie ihren Hobbys oder Zweitberufen nach, hielten Schwätzchen und lackierten sich die Nägel. Ihre Haupttätigkeit war das Buchen, Stornieren und Umorganisieren der zahlreichen Dienstreisen ihrer Vorgesetzten sowie das Sortieren von Korrespondenz und Ablage. Wenn der Boss dann doch einmal vor Ort war, schwangen sie emsig den Telefonhörer und zitierten Abteilungsleiter und Stabsstellen-Chefs herbei. Mit ihrer (Un-)Tätigkeit verdienten sie aus meiner damaligen Sicht ein Vermögen. Dieser “Traumjob” war nichts für mich. Ich war jung und energiegeladen und brannte darauf, meinen Tag mit einer sinnvollen Beschäftigung auszufüllen.

Meine Zeit füllte ich mit einer berufsbegleitenden Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und hielt die Augen nach einer Wechselmöglichkeit offen. Nach einem Jahr fand ich eine Stelle als Direktionsassistentin in einem aufstrebenden Großunternehmen der IT-Branche mit internationalen Verbindungen. Der Chef war mir sympathisch, die Aufgaben waren wesentlich breiter gefächert und das Umfeld mit einem jungen engagierten Team wirkte deutlich lebendiger. Die Produktpalette bestand aus Homecomputern zum Discount-Preis. Unser gemeinsames Ziel war es, den technischen Fortschritt der 1990er Jahre für jedermann zugänglich zu machen. Damals schien uns das eine gute Idee zu sein. Gleichzeitig machte ich einen Gehaltssprung von 30 % und weiteren 10 % nach der Probezeit. Ich hatte allen Grund zu frohlocken.

Als ich meine überschäumende Freude mit meiner Familie teilen wollte, erlebte ich eine Überraschung: Statt mir begeistert zu dem Karriereschritt zu gratulieren, bekam ich mit entrüstetem Tonfall zu hören „Das hat es in unserer Familie noch nie gegeben, dass jemand den sicheren Arbeitsplatz in einem Konzern aufgibt!“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Anerkennung und Mitgefühl hätte ich mir gewünscht. Unverständnis und Verurteilung habe ich geerntet.

Zwar habe ich zwischenzeitlich verstanden, auf welchen Werten und Erfahrungen dieser Kommentar beruhte. Ich ziehe sogar in Betracht, dass eine gute Absicht vorhanden war. Verletzt hat der Ausspruch mich damals als junge Frau trotzdem und war lange prägend für meine eigene Bewertung meines beruflichen Tuns. Stets befand ich mich in einem Zwiespalt zwischen meinen eigenen Bedürfnissen und den (ausgesprochenen und unterschwelligen) Erwartungen aus dem Elternhaus.

Falsche Erwartungen werden enttäuscht

Die Erzählung ist wie eine Miniatur dessen, was Menschen allenthalben erleben, wenn sie mit der Erwartung von Anerkennung auf andere zugehen: Sie werden enttäuscht. Natürlich nicht immer. Es hängt von der gemeinsamen Wellenlänge, dem daraus entstehenden Verständnis und dem Maß an Mitgefühl ab, das jemand zu entwickeln in der Lage ist.

Die Enttäuschung ist zwangsläufig, wenn der andere uns nicht (er-)kennt , wenn er sich für unsere Sichtweise nicht interessiert oder für unseren Blickwinkel nicht offen ist, wenn er sein Weltbild und Wertesystem für das einzig richtige hält und wenn er außerdem kein Mitgefühl für unser Freude empfindet – das geht nämlich auch unabhängig vom Verständnis für die abweichende Position.

Mein berufliches Bestreben zielte nicht auf Sicherheit und möglichst lange Betriebszugehörigkeit, sondern auf Sinnhaftigkeit und Selbstverwirklichung. Das hätte ich seinerzeit noch nicht so klar ausdrücken können. Ich merkte nur, dass ich in den unpassenden Situationen einfach nicht verweilen konnte. Ich wusste, dass ich noch etwas anderes wollte, auch wenn ich gar nicht genau sagen konnte, was das sein würde.

Auch der Folgejob hat mich nur kurz erfüllt. Rasch war ich darüber hinaus gewachsen und brauchte neue Tätigkeitsfelder, die ich zunächst als Personalreferentin, später als Projektmanagerin und letztlich in der Selbstständigkeit fand, wo sich meine Arbeit und mein Bewusstseinsstand parallel weiterentwickeln konnten. Die Entwicklung an sich ist für mich entscheidend. Umfelder, die mein inneres Wachstum behindern, dienen mir nicht. Und mehr als das: Ich halte sie nicht aus, ohne krank zu werden.

Dieses So-sein wurde nicht wahrgenommen. Dafür kann ich niemanden anklagen. Wenn jemand eine Rot-Grün-Schwäche hat, sieht er diese Farben einfach nicht. Lebenskonzepte sind wie Schwingungsmuster, für die der eine ein waches Auge hat und der andere gar keinen Blick. Oder er missdeutet sie.

Was also hätte jemand anerkennen können?

Im Idealfall hätte er mich als einzigartiges Wesen gesehen, das einen ganz eigenen Weg einschlagen wird, bei dem es sich individuell entwickeln darf. Das ist natürlich viel verlangt.

Weil der Schritt für mich mit Angst verbunden war, die ich überwunden habe, hätte ich mir gewünscht, dass jemand meinen Mut bewundert, aus der sicheren Position heraus freiwillig ins kalte Wasser einer neuen Stelle zu springen – mit all den Unsicherheiten, die ein solcher Schritt mit sich bringt. Aus einem hierarchischen Weltbild heraus hätte er stolz sein können, dass ausgerechnet ich unter den vielen Kandidatinnen ausgewählt wurde, um diese wichtige Funktion für den Vorstandsvorsitzenden auszufüllen. Er hätte sich aus seinem Wertesystem heraus an meinem Fleiß erfreuen können, der es mir unmöglich machte, in dem lauen Job weiterhin vor mich hinzudümpeln.

Stattdessen hielt er mich in meinem jugendlichen Leichtsinn für unfähig, die Chance zu erkennen, die mir das Leben bot. Für vermessen zu denken, ich könne noch etwas Besseres haben oder sein. Und für undankbar. Das war das Schlimmste.

Seine Sichtweise scheint auf den ersten Blick etwas Wohlwollendes und vielleicht sogar Beschützendes haben zu können. Auf den zweiten scheint es mir an meinem eigentlichen Sosein vollkommen vorbei gesehen. Ja, mein Sosein wurde sogar um 180 Grad verdreht. Gerade WEIL ich die Chance erkannte, die mir das Leben bot, ergriff ich diese Gelegenheit. Dort machte ich viele wertvolle Erfahrungen, von denen ich heute noch gerne erzähle. Die Zeit hat mich menschlich und fachlich sehr bereichert. Und dafür bin ich dankbar. Seither habe ich mich immer weiterentwickelt. Dadurch waren meine beruflichen Aufgaben und Umfelder auch im steten Wandel. Mir geht es nicht darum, etwas Besseres zu haben oder zu sein, sondern den für mich passende Platz im (Berufs-)Leben zu finden. Und da bin ich jetzt.

Hätte ich mit aller Konsequenz um die Anerkennung dieser Person gerungen, hätte ich Physik studiert und mich beim Max-Planck-Institut für Kernforschung beworben. Was dann wohl aus mir geworden wäre? Eine mittelmäßige Wissenschaftlerin in einem frustrierenden Job. Wir werden nicht gut in dem, was uns nicht entspricht. Nur wenn wir unser Selbst in die Welt bringen, entfalten sich unsere einzigartigen Gaben und Talente zu etwas ganz besonderem.

Angenommen, die Qualität, mit der ich diese Position ausfülle, wäre dem Erwartungsanträger egal: Wie wäre es mir mit seinem Lob, seinem Stolz und seiner Wertschätzung wohl ergangen?

Wir stellen uns die Anerkennung immer so labend vor wie einen Zaubertrunk, ein Elixier, nach dem wir so lange gedürstet haben. Vermutlich wären die meisten von uns sehr enttäuscht von dem Resultat der Bemühungen in einem Fall wie oben beschrieben. Anerkennung für das, was uns nicht entspricht, berührt uns nicht, weil sie uns als Mensch gar nicht meint, sondern nur etwas, das wir vorgeben zu sein.

Das ist also auch keine Lösung.

Ein hoffnungsfroher Weg, wahrhaftige Wertschätzung zu erfahren, liegt darin, unser wahres Wesen zu leben. Wer uns darin anerkennt und erkennt, kennt uns wirklich. Seine Resonanz erquickt unser Herz, weil sie aufrichtig ist. Ja, wir sind gemeint, nicht irgendetwas, das wir getan haben, sondern unsere ureigene Art.

Ein guter erster Schritt ist es, dass wir uns selbst erkennen, unser wahres Wesen hinter all den Persönlichkeitsmerkmalen suchen, dessen Kern sich wie ein ganz bestimmter Unterton, eine Art definiertes Grundrauschen durch unsere komplette Existenz zieht. Daraus erfolgt die Anerkennung.

Ironischerweise ist die Kernforschung genau mein Metier geworden, aber anders als gedacht: Ich forsche nach dem Wesenskern von Menschen, zuvorderst natürlich nach meinem eigenen. Und genau das empfehle ich Ihnen auch.

Praktische Tipps

Sie dürfen mit einer leichten Aufgabe einsteigen: Finden Sie heraus, welche Ihrer starken Eigenarten Sie mögen und schreiben Sie sie auf. Spenden Sie sich selbst Anerkennung. Schicken Sie den kleinen Richter in Urlaub, den Sie in Ihrem Rucksack umhertragen, wenn er Ihnen mit dem Aufzählen von Ausnahmen auf den Zeiger geht und Ihnen vorwerfen will, dass Sie nicht perfekt sind. Schreiben Sie auf Ihre Anerkennungsliste, wenn Sie wollen: „Ich bin seit 52 Jahren nicht vollkommen und komme damit klar.“ Das nimmt den Druck raus.

Den inneren Perfektionisten können wir manchmal mit einer Skala überlisten. Statt sich zu fragen „Bin ich eher aufgeschlossen oder eher verbohrt?“ Könnten wir fragen „Auf einer Skala von 0 bis 10: Wie aufgeschlossen bin ich?“ Die Welt ist nicht nur schwarz-weiß.

Das Anerkennen des eigenen Selbst strahlt in die Welt und hat gleich eine ganze Reihe erfreulicher Folgen:

    • Wenn wir uns selbst anerkennen, verbiegen wir uns nicht mehr so sehr, um anderen zu gefallen, deren Anerkennung für das Ergebnis des Verbiegens uns ohnehin nicht dient.
    • Durch das Mehr an Authentizität geben wir uns Gelegenheit, Anerkennung von jenen, zu erhalten, die unser eigentliches So-Sein wertschätzen.
    • Niemand fühlt sich mehr unter Druck, uns Anerkennung zollen zu müssen, weil wir uns dieses Bedürfnis ja selbst erfüllen. Folglich erhalten wir nur noch aufrichtige Komplimente und echte Wertschätzung.
    • Wenn wir unser Wesen wahrhaftig in die Welt stellen, spart uns das viel Energie fürs Verbiegen. Unsere Aufmerksamkeit können wir anderen Dingen zuwenden.
    • Unser Blick für den Wesenskern wird geschärft, so dass wir auch bei anderen besser erkennen, wie sie im Grunde sind.
    • Ohne Stress können wir Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen uns und anderen bemerken und uns an ihnen erfreuen. Der ewige Konkurrenzkampf hört auf.

Verabschieden Sie sich ganz bewusst von dem Anspruch, es allen recht machen zu wollen. Lassen Sie ihr kindliches Bemühen los, Liebe durch Leistung erzwingen zu müssen. Die traurige Wahrheit ist: Solche “Liebe” ist keine. Diese Einsicht bedeutet den Verzicht auf Anerkennung.

Unterstützende Bewusstseinsübungen

Sprechen Sie den Satz für sich im stillen Kämmerlein, aber im Geiste an eine bestimmte Gruppe oder Person gerichtet aus „Ich verzichte bewusst auf Eure/Deine Anerkennung“. Üben Sie diesen Satz täglich bis er in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Bei Bedarf unterstützen Sie den Prozess durch ein Loslass-Ritual, eine Familienaufstellung oder ein naturheilkundliches Medikament. Die Bachblüte Larch beispielsweise stärkt das Selbstvertrauen. Man kann auch nach einem homöopathischen Konstitutionsmittel Ausschau halten. Und bestimmt gibt es noch viele andere Unterstützungen, die Sie für sich finden können.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie schon bald die befreiende Wirkung Ihres neuen Umgangs mit Ihrem Bedürfnis nach Anerkennung spüren werden.

Text: Petra Weiß
Foto: Patti1902 / PIXELIO

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin, psychologische Beraterin und Therapeutin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Als Fachjournalistin für das Ressort Medizin und Gesundheit mit den Schwerpunkten Naturheilkunde und Psychologie hat sie zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht.

An mehreren Sachbüchern hat sie als Lektorin und Co-Autorin mitgewirkt. Ihr neues Buch SO BIN ICH ECHT ist im Februar 2022 im Hardcover erschienen.

Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus. Mit psychologisch fundierten Essays, praktischen Tipps und Denkanstößen begleitet sie Menschen, die sich weiterentwickeln wollen, auf ihrer spannenden Reise zu sich selbst.

 

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