Kleine Karos mit Zeitsprung

Schreibkunst Texter Essayist Journalist

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir rhetorische Tricks, die der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer in seinem Büchlein „Die Kunst Recht zu behalten“ dokumentiert hat.

Unser Ziel ist es, diese Kunstgriffe bei sich selbst und bei anderen zu erkennen, zu bemerken, wann wir andere manipulieren oder selbst manipuliert werden, und beziehungsförderlichere Wege des Austauschs zu finden.

Zur Verdeutlichung schauen wir uns eine alltägliche Szene an. Unser Alltagsbeispiel findet am Esstisch statt: Die Mutter möchte, dass der Nachwuchs Spinat verzehrt. Das Kind ist anderer Meinung und versucht, das Grünzeug mit allen Mitteln zu vermeiden.

Heute lernen Sie einen meiner Lieblingstricks kennen. Er ist bestechend einfach und greift auf eine antrainierte Reaktion zurück: Wir neigen dazu, Fragen zu beantworten, die uns gestellt werden, egal wie sinnvoll sie an dieser Stelle sind.

Wie funktioniert der Trick?

Durch besonders klein karierte Klugscheißerei: Sie sezieren die Begriffe, die Ihr Gegenüber verwendet – ohne Notwendigkeit oder inhaltlichen Mehrwert. Das machen Sie natürlich nicht gleich. Sondern Sie notieren sich (in Gedanken) alles mit etwas Phantasie Diskutierbare. Dann warten Sie auf einen günstigen Moment, z.B. auf den Zeitpunkt, da Ihnen das Wasser bis zum Halse steht und Sie eigentlich kleinbeigeben müssten.


Jetzt holen Sie den Satz von eingangs des Disputs hervor. „Darf ich nochmal auf einen wichtigen Punkt zurückkommen? Da hast du gesagt, Spinat sei ein Lebensmittel. Wie genau definierst du diesen Begriff? Und wie grenzt du ihn ab vom Begriff Nahrungsmittel?“ Oder „Du meintest, Spinat habe viele Nährstoffe. Fasst du darunter auch alle Vitalstoffe?“ Oder „Du hast Spinat als Gemüse bezeichnet. Könnte man auch sagen, Spinat sei eine Frucht?“

Vielleicht bemerken Sie beim Lesen der Fragen, dass Sie im Geiste schon anfangen, mögliche Antworten zu formulieren. Die meisten von uns sind darauf dressiert, Tests zu bestehen, indem wir Fragen beantworten. Für dieses Verhalten wurden wir von Klein auf belohnt. Mit Kindern macht man das in unserer Gesellschaft so. Ob das gut ist oder nicht, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren. Wir gehen hier nur mit dem Bestehenden um und nutzen es als Erklärungsmodell.

Anzuzweifeln, ob eine Frage berechtigt ist, dem nachzugehen, warum sie überhaupt im Raum steht, weshalb sie an dieser Stelle kommt oder zu hinterfragen, welches Ziel damit verfolgt wird, gehört zum Verhaltensrepertoire eines Erwachsenen. Sobald wir an diesem Punkt der Entwicklung stehen, schiebt sich der Verstand bewusst zwischen Reiz und Reaktion. Jenseits des 21. Lebensjahres wird es höchste Zeit, damit anzufangen. Wir müssen nicht wie pawlow‘sche Hündchen jedem Knochen hinterherrennen, den jemand für uns wirft.

Das Verlassen der Gewohnheit erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit. Es wird Ihnen nicht immer spontan gelingen. Manchmal wird uns erst nach einer Diskussion klar, in welcher Weise das Gegenüber die Aufmerksamkeit und den Gesprächsfluss gelenkt hat. Solche Nachbetrachtungen können sich sehr lohnen. Dabei stellt sich gar nicht so selten heraus, dass man den anderen im nächsten Zug schachmatt gesetzt hätte.

Nur geborene Gaukler wenden Taschenspielertricks ohne besonderen Grund an. Der Durchschnittsbürger nutzt sie als letztes Mittel der Verzweiflung, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Greift also jemand zur unfairen Kriegsführung in einem Disput, können Sie davon ausgehen, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Bleiben Sie ruhig und bedächtig. Wenn Sie sich jetzt nicht aufs Glatteis locken lassen, haben Sie schon gewonnen. In diesem Bewusstsein müssen Sie Ihr Gegenüber nicht bloßstellen. Entscheiden Sie aus der Position der Stärke heraus, ob Sie auf den Triumph verzichten, und dem anderen Gelegenheit geben, sein Gesicht zu wahren. In einem gesunden Austausch geht es nicht um Unterwerfung und Macht , sondern um Verständnis und Klärung.

Und wenn Sie das nächste Mal – aus Versehen oder aus Gewohnheit – selbst unlautere Mittel einsetzen, freuen Sie sich darüber, dass Ihr Gesprächspartner ebenso gnädig mit Ihrer Unvollkommenheit umgeht.

Text: Petra Weiß
Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Abscheulicher Aberglaube über Verantwortung und Schuld

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In meinem Essay „Verantwortung – Licht im Nebel“ habe ich versucht, den Begriff zu entwirren. Meine Leser wissen jetzt, dass sich Verantwortung immer auf eine bewusste Entscheidung bezieht und auf eine Handlung, die aus ihr hervorgeht.

Wie verhält es sich aber, wenn wir etwas getan haben, wofür wir keine Verantwortung tragen? Etwa, weil wir reflexhaft reagierten. Oder weil wir uns über die Folgen unseres Handelns nicht im Klaren waren. Oder weil wir auf dem Weg zu unserer Entscheidung in die Irre geführt wurden.

Der tragische Tod einer Katze

Ich möchte ein glücklicherweise nicht alltägliches Beispiel zur Verdeutlichung heranziehen. Als Fahranfängerin habe ich eine Katze angefahren. Ich bin unzweifelhaft schuld am Verletzen der Katze. Ohne, dass ich zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort gewesen wäre, hätte sie keinen Schaden genommen. Meine Schuld erlebe ich 30 Jahre später noch durch mein  Bedauern, dass das Tier auf mein Fahrzeug geprallt ist. Es tut mir wirklich leid, in dem Sinne, dass ich ein Leid erlebe, wenn ich daran denke. Mein Herz zieht sich zusammen, meine Atmung wird flacher, Traurigkeit fliegt mich an. Ich empfinde Reue: „Wäre ich doch bloß nicht so schnell in die Kurve gefahren!“

Danach waren meine Ausfahrten nie wieder unbeschwert. Vor kurzem erst habe ich ein Fahrsicherheitstraining absolviert, damit ich mich wieder traue, mein “heilx Blechle” beherzter durch Kurven zu steuern. Man könnte sagen, ich habe etwas aus dem tragischen Ereignis gelernt. Man könnte auch sagen, ich war nachhaltig verschreckt. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Vielleicht trifft auch beides zu. Auf jeden Fall hatte ich Schuldgefühle und habe sie noch.

Meine Schuldgefühle entstehen aus meinem Mitgefühl mit dem Lebewesen, dem ich Schmerzen zugefügt habe. Menschen ohne Einfühlungsvermögen haben wohl ein Bewusstsein über ihre Verfehlungen, aber kein Schuldgefühl und keine quälende Reue. Sie haben nicht das Bedürfnis, etwas wieder gut machen zu wollen, um Entschuldigung zu bitten oder gar eine Schuld zu sühnen. Gar nicht selten tun sie es trotzdem – aus Berechnung.

In Dubio pro Cabrio

Nach dem Unfall haben erfahrene Autofahrer versucht, mich zu beruhigen. Auch wenn ich langsamer gefahren wäre: Es gab keine Chance, das Tier rechtzeitig zu sehen, angemessen zu reagieren und so seine Unversehrtheit zu gewährleisten. Die Katze ist direkt vor mir über die Straße gehuscht. Sie kam unter einem parkenden Auto hervorgeschossen. Alles ging viel zu schnell, um das Unglück zu vermeiden.

Selbst vor Gericht hätte man mir die weithin bekannte Schrecksekunde zugebilligt als Verzögerung für ein Ausweichmanöver. Tatsächlich bin ich dem Zusammenstoß gar nicht ausgewichen. Und nüchtern betrachtet war das auch gut so. Die Katze hätte davon keinen Gewinn gehabt, aber ich hätte mich und vielleicht noch andere Menschen gefährdet. Ob auf dem Gehsteig zufällig noch ein Kind war oder nicht, konnte ich aus meiner Position heraus nicht erfassen.

Wofür bin ich verantwortlich?

Ich bin dafür verantwortlich, dass ich an dem Tag entschieden habe, diesen Weg zu nehmen. Mir waren keine besonderen Bedrohungen für mich oder andere auf dieser Strecke bewusst. Um mich zu verantworten, könnte ich nur sagen: Es war der Weg nach Ober-Mumbach, wo ich jemanden besuchen wollte. Dazu gibt es weiter nichts zu rechtfertigen.

Verantwortlich bin ich für die Geschwindigkeit, mit der ich gefahren bin. Die Kurve habe ich viele Male davor mit ähnlicher Geschwindigkeit problemlos gemeistert. Mein damaliger Freund fuhr Motorradrennen. Er hatte mir beigebracht, wie man lenken und Gas geben muss, um stabil durch eine Biegung zu kommen. Ich hatte das tausendmal geübt und Freude an der zunehmenden Präzision meiner Fahrkünste. So kann ich mit gutem Gewissen verantworten, wie schnell ich diesen Punkt passiert habe. Zur Rechtfertigung könnte ich hinzufügen: Beim Autofahren gibt es immer einen Bremsweg. Je höher das Tempo, desto länger der Weg bis zum Stopp. In der Situation hätte ich aber einen Bremsweg von Null gebraucht. Selbst wenn ich mit halbem Tacho gefahren wäre, hätte ich die Katze erwischt.

Wenn ein Hubschrauber direkt vor Ihnen auf die Fahrbahn fällt, während Sie mit 120 über die Autobahn brausen und rechts neben Ihnen ein Laster fährt, können Sie auch nicht bremsen oder ausweichen. Das gilt gleichermaßen für eine Geschwindigkeit von 60 oder 30 km/h.

Nun ja, Hubschrauber fallen auf Schnellstraßen selten vom Himmel. Da rennt schon eher mal eine Katze innerorts über die Fahrbahn. Aber auch das ist eine Ausnahmeerscheinung. Mir ist es seither kein einziges Mal mehr widerfahren. Rehe, Füchse und Hasen sind mir öfter mal auf der Landstraße begegnet, ohne dass es zu einer Kollision kam. Toi, toi, toi!

Um gänzlich unwahrscheinliche Ereignisse sicher zu vermeiden, dürfen wir gar nicht erst ins Auto steigen. In der Entscheidung, ein Auto zu benutzen, liegt meine grundsätzliche Verantwortung. Doch bin ich damit auch für das weitere Geschehen verantwortlich? Es kommt darauf an.

Absicht oder absehbar?

Wenn ich an dem Tag in mein Auto gestiegen wäre, um ein unschuldiges Tier zu ermorden, hätte ich die Verantwortung für den Tod der Katze. Dann wäre mein Handeln aus einer bewussten Entscheidung heraus zielgerichtet gewesen und hätte zu den gewünschten Folgen geführt.

Wenn ich zuvor davon gehört hätte, dass genau in dieser Kurve immer wieder Katzen angefahren werden, und wenn es eine andere Strecke gegeben hätte, wäre die Verantwortung für die Entscheidung, diesem Pfad zu folgen, nicht so leicht zu tragen. Dann müsste ich zugeben, dass ich den Tod einer Katze billigend in Kauf genommen hätte, weil ich schneller am Ziel sein wollte. Ich könnte zu meiner inneren Verteidigung anführen, dass ich die Wahrscheinlichkeit für den Risikoeintritt niedrig eingeschätzt habe. Oder dass ich an der Weggabelung nicht an die Katzen gedacht habe, sondern an jemanden, der ungeduldig auf mich wartet. Oder dass ich dringend aufs Klo musste.

Verstehen Sie die Abstufungen der Rechtfertigung? Wir können etwas rational begründen oder sozial oder biologisch. Viele weitere Gründe kann man nennen. Wenn sie einem selbst genügen, um die Entscheidung zu verstehen, hat man die Verantwortung bewusst übernommen. Und das heißt nicht, dass man seine Wahl im Wissen um die Folgen heute immer noch gut und richtig findet.

Verantwortlich bin ich für die Folgen einer Handlung dann, wenn ich sie beabsichtigt habe oder wenn ich sie absehen konnte. Für das Unvorhergesehene bin ich nicht verantwortlich. Das befreit mich leider nicht von der Schuld.

Minder- oder Desinformation

Unter Umständen könnte man anführen, dass etwas durchaus vorhersehbar gewesen wäre, wenn man mehr, andere oder genauere Informationen gehabt hätte. Ja, das ist so. Mit der Unvollständigkeit unseres Wissens müssen wir leben. Selten kennen wir sämtliche Puzzleteile, um einen Sachverhalt mit all seinen möglichen Folgen bewerten zu können. Damit gehen wir täglich um.

Mich veranlasst es zum Schmunzeln, dass einige Menschen die Hintergründe und Zusammenhänge gar nicht erst wissen wollen, um nicht in die Verantwortung bewusster Entscheidungen und deren Konsequenzen zu geraten. Das hat etwas fast liebenswert Kindliches. Die Schuld für ihre schlecht oder uninformiert getroffenen Entscheidungen bleibt diesen Leuten leider nicht erspart. Wenn sie früher oder später mit den Folgen ihres Tuns konfrontiert sind, werden sie trotzdem Schuldgefühle erleiden, egal wie gut sie sich für ihr Nichtwissen im Nachhinein rechtfertigen können.

Vielleicht finden sie eine Möglichkeit, etwas ausgleichen zu können, oder ihnen widerfährt die Gnade der Vergebung durch das Opfer ihres Handelns. Dann bleibt ihnen immer noch die schwierige Aufgabe der Selbstvergebung. Damit kann man durchaus ein paar Jahre oder Jahrzehnte lang beschäftigt sein.

Die Rechnung geht erfahrungsgemäß nicht auf, Verantwortung zu vermeiden, damit man später keine Schuld empfindet. Im Gegenteil können wir sogar Schuldgefühle empfinden, ohne dass wir tatsächlich an etwas schuldig sind, also daran ursächlich mitgewirkt hätten.

Eingebildet oder eingeredet

Wir können uns Schuldgefühle einbilden wie eine Wahnidee. Das geschieht häufig, wenn einem etwas leid tut. Die landläufige Verwirrung über die Zusammenhänge zwischen Verantwortung, Schuld und Bedauern sehen wir an der Reaktion auf unsere Bekundung von Mitgefühl: “Es tut mir leid, dass es Dir nicht gut geht.” wird häufig beantwortet mit “Dafür kannst Du doch nichts!” Natürlich nicht. Aber leid tun kann es mir trotzdem. Weit verbreitet ist der Irrglaube, es könne einem nur leidtun, woran man Schuld trüge. Oder umgekehrt, man übernehme Verantwortung für Missstände, die man bedauerte. Nichts davon ist wahr. Jede der Regungen darf für sich betrachtet und einzeln erfahren werden.

Es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass wir Schuldgefühle von außen eingeredet bekommen. Weil sie so unerträglich erscheinen, sind sie ein wirksames Manipulationsinstrument. Man schaut lieber gar nicht so genau hin. Schade, so versäumt man vielleicht die Chance zu begreifen, dass einen gar keine Schuld trifft.

Ein gutes Beispiel aus der psychotherapeutischen Sprechstunde ist die sogenannte “Überlebensschuld”: Wenn jemand aus dem Krieg heimkehrt, während seine Kameraden auf dem Schlachtfeld geblieben sind. Oder wenn ein Zwilling überlebt hat, während der andere im Mutterleib gestorben ist. Die Überlebenden tun sich häufig schwer damit, ihr Dasein in die Hand zu nehmen und frei zu gestalten. So als wären sie es dem Toten schuldig, es sich bloß nicht gut gehen zu lassen.

Wir sind nicht die Schöpfer und Entscheider über Leben und Tod. Mit etwas Demut können wir das recht leicht einsehen. Überlebende können nichts dafür, dass sie am Leben sind. Das Schicksal hat entschieden. Und gleichzeitig fühlt es sich falsch an, sich darüber zu freuen, weil jemand anders tot ist. Lösbar ist die Krux nicht durch Sühne, sondern im Gegenteil, durch das Ehren der Toten, indem man das Leben in all seinen Facetten auskostet, es in vollen Zügen genießt, etwas Gutes daraus macht und es bestenfalls sogar weitergibt.

Bewusste Verantwortung hilft

Meinem Erleben nach ist nichts Schreckliches daran, Verantwortung zu übernehmen. Das empfehle ich übrigens auch den Menschen, die Dinge getan haben, auf die sie echt nicht stolz sind. Verantwortungsbewusstsein hilft dabei, die Schuldgefühle zu verarbeiten und öffnet den Weg in die Selbstvergebung.

Bei manchen Schicksalen wundert es einen nicht, wenn die Taten der Vergangenheit bestmöglich ausgeblendet werden. Das ist ein Schutzmechanismus der Psyche. Er heißt Verdrängung und hat seine Berechtigung.

Ich maße mir nicht an, beurteilen zu können, welche Vergehen ein Mensch in der Lage ist, sich einzugestehen. Der eine vielleicht schwerwiegendere als der andere. Wer weiß das schon? Meine Vorstellung ist die, dass wir uns freiwillig oder gezwungenermaßen früher oder später mit unseren wichtigen Erlebnissen befassen.

Die spirituelle Dimension

Mir scheint die Idee einleuchtend, dass unsere Seele die Geschehnisse in umgekehrter Reihenfolge aufarbeitet – also spiegelbildlich ab der Lebensmitte. Je früher ein Trauma stattgefunden hat, desto später erfolgt die Bearbeitung. Traumata können Ereignisse sein, die wir in der Rolle des Opfers oder des Täters erlebt haben. Auf einer universellen Ebene erfolgt ein Ausgleich des Erlebten möglicherweise durch das Einnehmen dieser verschiedenen Blickwinkel über mehrere Inkarnationen.

Aus meiner Sicht als Traumatherapeutin ist das Verarbeiten früher Erlebnisse am Lebensende eine griffige Erklärung für das gehäufte Auftreten von Demenz bei der Nachkriegsgeneration. Was diese Menschen in ihrer Kindheit erleiden mussten, ist kaum zu bewältigen, so dass der Geist sich dafür entscheidet, es lieber zu vergessen – so lautet eine Theorie. Auf der leiblichen Ebene sind dann bestimmte biochemische Mechanismen oder substantielle Faktoren mit im Spiel, die den geistigen Vorgang im materiellen Körper ermöglichen.

Aus der Sterbeforschung wissen wir, dass offene Klärungen den Tod auf verblüffende Weise verzögern können. So als habe die Seele noch etwas zu erledigen, bevor sie gehen kann. Hospizmitarbeiter berichten von unglaublichen Zeitspannen, die Sterbende ohne Nahrung und ohne Wasser überlebt haben, bis endlich ein Verwandter zur Versöhnung ans Totenbett kam. Die Spirale aus Schuld, die auf Irrwege aus Rache und Vergeltung führen kann, ist mächtig – und bindend. Sie bindet weit mehr als man sich das oftmals wünschen kann. Lösend ist die Vergebung.

Falls Sie jetzt innerlich in Widerstand gehen, kann ich das gut verstehen. Über das Wesen von Vergebung hört man allerlei Märchen und Legenden. Diesem Aberglauben und seiner detaillierten Aufklärung widmen wir uns bei baldiger Gelegenheit in einem weiteren Essay.

Mit meinem Beitrag will ich Sie dazu anregen, über die Begriffe nachzudenken und Ihre Gedanken mit Ihren eigenen Gefühlen und Erfahrungen zu verknüpfen. Dabei können Sie auch zu der Erkenntnis gelangen, dass Sie manches ganz anders sehen, bewerten und einsortieren als ich. Das ist vollkommen in Ordnung, solange es Ihrer Bewusstwerdung dient. Wie Sie meine Anregungen für sich nutzen wollen, liegt ganz bei Ihnen.

Text: Petra Weiß
Foto: Dirk Schmidt

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Der Trick mit der gezinkten Goldwaage

Wünschen auch Sie sich einen offenen und ehrlichen Austausch mit Ihren Mitmenschen? Dann dient es Ihnen, listige Wortjonglagen zu enttarnen – bei sich und bei anderen.

Herzlich willkommen bei einer weiteren Folge aus unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“. Wir beleuchten hier Tricks und Kniffe, mit denen man einen Disput trotz schwacher Argumente für sich entscheiden kann. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ aufgezeigt.

Vielleicht wurden Sie schon einmal Opfer der Redekunst oder Sie wenden selbige (unbewusst) selbst an. In beiden Fällen ist es nützlich, das Vorgehen zu erkennen, um es zu vermeiden oder um darauf angemessen reagieren zu können. So führen Sie die Diskussion auf fruchtbares Terrain zurück.

Ein griffiges Anwendungsbeispiel zur Verdeutlichung der Gesprächskunst entnehmen wir dem Alltäglichen: dem Gezerre am Esstisch. Unser Junior soll Spinat essen und will das nicht. Schauen wir zu, wie er sich trickreich wehren könnte…

Wenn unser Gesprächspartner sein Fähnchen nach dem Wind hängt, ist das keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung. Wir wollen uns darauf verlassen können, dass morgen noch gilt, was heute gesagt wurde.

Allerdings gibt kaum jemand rund um die Uhr Weisheiten von sich, die einer durchgängigen Logik folgen. Daher werden wir bei jedem Menschen Aussagen finden, die sich inhaltlich widersprechen. Sei es, weil man etwas mit Absolutheit gesagt hat, was bestimmt auch Ausnahmen bedingt. Sei es, weil man die eigene Meinung weiterentwickelt hat (doch, doch: Das darf man!). Sei es, weil manche Feststellungen im Zusammenhang einer bestimmten Erfahrung berechtigt sind, in anderen Situationen aber nicht.

Im Alltag kann man nicht jeden Satz auf die Goldwaage legen, als schriebe man ein wissenschaftliches Buch. Diese unberechtigte Anspruchshaltung eignet sich aber hervorragend für eine wahrlich schikanöse Gesprächsführung. Kehren wir zurück zur Gemüsedebatte:

Mit scharfer Zunge und ebensolchem Verstand gesegnet, findet der Zögling scheinbare Widersprüchlichkeiten zu früheren Aussagen der Frau Mama: „Gestern hast du noch gesagt, dass der Körper schon weiß, was er braucht. Und jetzt soll ich essen, was mein Körper ablehnt.“ Dass es gestern um die Dosis der Bachblütentropfen ging und nicht um die Ernährung, wird geflissentlich übersehen. Und weil die Aussage grundsätzlich einiges für sich hat, gibt die Mutter an der Stelle den Esslöffel mit etwas Glück verdattert ab. Probieren kann man es ja mal!

Alternativ beruft sich der Filius auf Regeln in der Gemeinschaft: „In unserer Familienkonferenz haben wir doch beschlossen, dass die Meinung der Kinder auch gehört wird. Und jetzt ist dir meine Meinung pupegal!“ Nun ja: Die Meinung zu hören heißt nicht, dass sie immer ausschlaggebend für alle Entscheidungen sein muss. Trotzdem kann der Punkt ganz schnell an den Spinathasser gehen, weil Eltern rasch ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man sie so aussehen lässt, als ob sie sich an gemeinsam Beschlossenes nicht halten.

Mit etwas Übung kann man diesen Trick geschmeidig kombinieren, zum Beispiel mit dem Einsatz oder dem Auseinandernehmen von Verallgemeinerungen, mit dem Kniff, Metaphern wörtlich zu verstehen, oder mit anderen absichtlich herbeigeführten Missverständnissen.

Text: Petra Weiß
Foto: Marco Barnebeck(Telemarco) / pixelio

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Verwirren mit Details

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Einzelheiten genau zu betrachten ist mühsam und zeitaufwändig. Unsere Gewohnheit ist es längst geworden, uns auf Experten zu verlassen. Sie haben sich in der Tiefe mit allen Details auseinandergesetzt. Wir nutzen ihr Wissen und ihre Erkenntnisse und gewinnen daraus so eine Art “Instant-Meinung” – ein lauwarmer Aufguss als Auszug aus echter Fachkenntnis. Doch nicht jeder Spezialist hat wohlmeinende Absichten.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir sprachliche Kunstgriffe, die schon seit der Antike verwendet werden. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ verewigt.

Bereits erschienen sind die Beiträge:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Richtungsweisend

Wenn Absurdes obsiegt

Zur Veranschaulichung dient uns ein alltägliches Beispiel: der Disput am Esstisch. Der Nachwuchs verweigert beharrlich das Gemüse, während seine Eltern versuchen, ihm das Grünzeug schmackhaft zu machen.

Mit einer Fülle von Einzelheiten kann der Gesprächspartner den Eindruck gewinnen, man hätte wirklich Ahnung von der Sache. Detailreichtum kann natürlich auf eine breite Fachkenntnis zurückgehen. Ein winziges Detail allerdings kann auch aus der Schublade gezogen werden, um den anderen Schachmatt zu setzen, wenn einem die echten Argumente ausgehen. Das braucht ein bisschen taktische Raffinesse.

Der Trick ist nicht so einfach zu durchschauen. Meist hinterlässt er ein unbestimmtes Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein, oder einfach nur Verwirrung – und das ist durchaus beabsichtigt.

Wie geht man dabei vor? Sie brauchen nur eine einzige Information, von der Sie ganz bestimmt wissen, dass sie zutrifft, die man aber grundsätzlich auch infrage stellen kann. Und sie benötigen einen Beweis für diese Tatsache als Ass im Ärmel. Mit diesem winzigen Ausschnitt an Kompetenz können Sie besserwisserisch als Experte glänzen. Und wenn man Ihr Wissen anzweifelt? Um so besser: Dann liefern Sie den Beweis und lassen den anderen dumm dastehen. Den Rest erledigen unzulässige Verallgemeinerungen für Sie. Das klingt jetzt sehr theoretisch, schauen wir uns den Kunstgriff am lebendigen Beispiel an:

Unser Gemüseverächter postuliert „Spinat ist oft mit Schadstoffen belastet.“ Die Mutter kann an dieser Stelle nur verlieren. Gibt sie dem Sohnemann Recht, geht der Punkt klar an ihn und das Grünzeug landet auf der Sondermülldeponie.

Widerspricht sie, zieht er einen Fachartikel hervor, der die Belastung von Tiefkühlspinat mit Cadmium und Nitrat belegt – und gleichzeitig die Expertise des Sprößlings. Dass der Zankapfel, der in Form von gedünstetem Blattspinat auf dem Teller liegt, aus der Frischgemüseabteilung stammt und gar keine Minustemperaturen erlebt hat, kann man frostig ignorieren.

Wieder ist der Tipp: Lassen Sie sich den Wind nicht aus den Segeln nehmen. Und hören Sie GENAU hin, was jemand sagt. Der anmaßende Spezialist kann ganz rasch jeden Glanz verlieren, wenn Sie direkt ansprechen, dass er gerade etwas anderes bewiesen hat, als das, worum es tatsächlich geht. Sprechen Sie offen aus, dass er eine logisch unzulässige Verallgemeinerung in den Raum gestellt hat. Bleiben Sie gelassen. Das kann er ja gerne versuchen, es geht aber leider nicht durch. Nice try, Darling!

Text: Petra Weiß
Foto: Harald Wanetschka / pixelio

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Wenn Absurdes obsiegt

Emotionale Erpressung ist ein machtvolles Mittel der Beeinflussung fühlender Menschen. Durch unseren vorhersehbaren Wunsch, gut zu sein und das Richtige zu tun, ist unser Verhalten durch weniger ehrenhaften Kräfte berechenbar. Weil das Thema ernst genug ist, habe ich Ihnen gleich zwei sprachliche Kunstgriffe mitgebracht, die ich ausgesprochen amüsant finde.

Heute widmen wir uns wieder den rhetorischen Tricks, die Arthur Schopenhauer uns in seinem Büchlein „Die Kunst Recht zu behalten“ vermacht hat. Den Auftakt-Artikel zur gleichnamigen Reihe finden Sie hier: Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…

Als Alltagsbeispiel dient uns das Gezuchtel am Esstisch, mit dem der Nachwuchs durch allerlei Kniffe dazu gebracht werden soll, Spinat zu verzehren, und die wehrhaften Versuche desselben, dem Grünzeug mit List und Tücke zu entgehen.

Übertreibung des Gegenteils.

Ein bisschen Drama hat noch keiner unfairen Diskussion geschadet. Das Stilmittel der Übertreibung ist dafür bestens geeignet. Besonders, wenn man den Tragik-Faktor verstärkt und das ohnehin unzulässige Argument durch ein absurdes Entweder-Oder würzt.

Die Mutter könnte eine Prise Macbeth in die Diskussion einbringen, indem sie ausruft: „Möchtest du den Spinat jetzt essen oder lehnst du meine mütterliche Fürsorge generell ab?“ Zumindest das Überraschungsmoment hat man mit solch einer Groteske auf seiner Seite. Der andere ist bestürzt über die Unterstellung und beißt mit etwas Glück in den anscheinend weniger sauren Apfel.

Halten Sie Ihre Augen offen: Sie werden jeden Tag solche unlauteren Vorgehensweisen finden, Ihnen eine ganz normale und berechtigte Haltung als Ausdruck eines unerträglichen Verhaltens, einer unmenschlichen Absicht oder eines geradezu barbarischen Ansinnens zu verkaufen. Vielleicht ist Ihnen schon einmal begegnete, dass Sie angeblich andere Leute umbringen, wenn Sie auf die von Ihnen gewählte Art und Weise gut für sich sorgen. Solche Aussagen sind in jedem Fall kritisch zu hinterfragen. Und wenn Ihnen das Hinterfragen madig gemacht wird? Dann erst recht.

Grundloser grandioser Triumpf.

Schallend gelacht habe ich beim Studium des Schopenhauer´schen Urtextes an dieser Stelle. Auf so eine unverfrorene Idee muss man erst mal kommen: Man stellt ein paar Unumstößlichkeiten in den Raum, die weit entfernt mit dem Thema zu tun haben. Dann stößt man einen triumphierenden Schrei aus und tut einfach so, als hätte man damit alles bewiesen. Herrlich!

Für unser Beispiel heißt das, dass der Gemüsehasser folgert: „Spinat gehört zu den grünen Gemüsesorten. Gemüse gehört zu den Früchten. Früchte haben schon die Dinosaurier vor Jahrmillionen verzehrt. Und die sind ausgestorben. Ha! Da haben wir es!“

Nicht nur kleine Halunken bedienen sich solcher Schamlosigkeiten, um ihre Ziele zu erreichen. Wir finden die Wortkünstler und Sprachjongleure in jedem Alter und in allen Positionen unserer Gesellschaft.

Solche Übungen sind weit mehr als eine schöne sprachliche Spielerei für Intellektuelle. Während wir uns mit diesen Techniken befassen und sie in unseren eigenen und den Reden anderer finden, schulen wir unseren logischen Verstand. Mir scheint es heute wichtiger denn je, immer wieder zu fragen: Ist das so? Haben wir es hier tatsächlich mit Ursache und Wirkung zu tun? Kann es auch einen anderen Zusammenhang geben?

In der Reihe bereits erschienen sind die Folgen:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Richtungsweisend

Hier finden Sie weitere Beiträge aus der Rubrik Manipulative Muster erkennen.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Terror braucht Spaltung

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Vor einiger Zeit habe ich einen Radiobeitrag gehört: Ein Psychologe beschäftigt sich mit der Erforschung des Phänomens Terror. Ich dachte immer, wer andere aus ideologischen Gründen quält oder tötet, sei ein Psychopath. Es mangele ihm grundsätzlich an Mitgefühl. Er schere sich nicht um andere. Ihm fehle etwas, das uns als Menschen ausmacht, Empathie, Gewissen, Mitmenschlichkeit. Diese Einschätzung hätte kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein können.

Meine Überraschung war groß zu erfahren, dass man nach den Erkenntnissen des Fachmanns jeden zum Attentäter machen kann, wenn man seiner früh genug habhaft wird. Es ist keine Frage der krankhaften Veranlagung, sondern der geschickten Gehirnwäsche zu einem Zeitpunkt, da das Weltbild noch formbar ist.

Ironischerweise habe ich bei meiner Fehleinschätzung genau den Trugschluss getroffen, der als Schlüssel für die Manipulation eingesetzt wird: die Spaltung in Menschliches und Unmenschliches. Attentäter sind in deren Selbstbild keine bestialischen Monster, sondern heldenhafte Märtyrer. Sie fühlen sich von Gott berufen, oder zumindest einer höheren Moral verpflichtet, Ungerechtigkeiten in Ordnung zu bringen. Dafür foltern, morden und sterben sie.

Ein Psychopath bringt sich nicht für irgendein hehres Ziel um. Er will möglichst gut leben. Vielleicht bildet er Terroristen aus, die er glauben macht, es ginge ihm um eine Religion, um Rache, um das Abwenden einer Bedrohung oder um Weltfrieden. Tatsächlich geht es ihm ausschließlich um sein eigenes Wohlbefinden. Er verkauft Waffen, Menschen oder Drogen, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Aber er bindet sich bestimmt keinen Sprengstoffgürtel um und stellt sich auf den Marktplatz.

Die und wir, statt richtig, gut und schön.

Wie bildet man Terroristen aus? Dieser Frage ging der Psychologe nach. Der Vorgang ist facettenreich. Ein wesentliches Element dabei ist das Schaffen einer Wir-und-die-Sichtweise. Eine Spaltung ist vonnöten, sonst bekommt man niemanden dazu, Terror auszuüben. „Die Anderen“ müssen als entscheidend verschieden von „den Unsrigen“ wahrgenommen werden. Das Verbindende wird ausgeblendet und nur das Trennende betrachtet. Um ein in diesem Sinne tragfähiges Feindbild aufzubauen, ist es unabdingbar, der Gegenseite die Menschlichkeit abzusprechen. Notfalls erfindet man Geschichten, die den Gegner in einem unmenschlichen Licht erscheinen lassen, dichtet ihm blutrünstige Schandtaten an und findet dann lauter „Belege“ für das beabsichtigte Urteil: nicht lebenswert, bedrohlich, unmenschlich – muss vernichtet werden.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.“ heißt ein geflügeltes Wort. Es finden sich immer „gute Gründe“ etwas im ethischen Sinne Schlechtes zu vertreten. Wenn der Zweck die Mittel heiligt. Daher ist es wichtig, immer auch auf die Mittel zu schauen – unabhängig vom Zweck. Denn der Zweck kann frei erfunden sein.

Nehmen Sie für einen Moment den (angeblichen) Zweck beiseite und betrachten Sie einfach nur, was tatsächlich geschieht. Ist das Geschehen 1. WAHR im Sinne von ehrlich oder den Tatsachen entsprechend? Und ist es 2. GUT im Sinne von dem Leben dienlich? Seien Sie bedächtig in Ihrem Urteil: Als GUT werden uns alle möglichen Dinge angepriesen, deren vorgeblicher Zweck ehrenwert ist. Als oberste Messlatte allerdings bewerten wir sinnvollerweise den Dienst am Leben. Wenn es die Menschheit retten könnte, dass jemand ein unschuldiges Kind abmeuchelt, rechtfertigt dann der gute Zweck die böse Tat? Ist es vertretbar, dass ein Mensch leidet, um etwas (vordergründig) Gutes zu bewirken? Mit solchen Fragen begeben wir uns philosophisch auf ganz dünnes Eis.

Wenn etwas nicht WAHR ist, kann es so gut sein wie es will, und bleibt dennoch falsch. Wenn es weder WAHR noch GUT ist, fühlt es sich vielleicht 3. SCHÖN an. Diesem angenehmen Bauchgefühl zu folgen, ohne die ersten beiden Kriterien (WAHR und GUT) zu berücksichtigen, ist im Kindesalter der Entwicklung angemessen. Bei Erwachsenen können Entscheidungen dieser Art auf direktem Wege ins Verderben führen. Vielleicht kennen Sie den Ausdruck „Bauchpinseln“. Wessen Bauchgefühl hofiert wird, soll auf diesem Weg möglicherweise dazu gebracht werden, unwissentlich und unwillentlich eine böse Absicht zu unterstützen.

Der Missbrauch von Menschlichkeit

Zurück ins Trainingscamp für Nachwuchs-Terroristen. Niemand würde ihnen sagen „Wir benutzen Dich für unsere politischen Absichten. Du sollte unschuldige Menschen umbringen, damit wir mehr Waffen verkaufen können.“ Diese Strategie hätte wenig Erfolgsaussichten. Nein. Man arbeitet ausgerechnet mit ur-menschlichen Werten und Bedürfnissen. Kameradschaft und Loyalität werden groß geschrieben: niemanden im Stich lassen, sich für andere einsetzen, an gemeinsamen Zielen arbeiten, der Gemeinschaft dienen, sich gegenseitig unterstützen, Vertraulichkeit wahren, etc. Wäre der Zweck ein anderer, könnte man diese Grundlagen des Miteinanders durchaus als erstrebenswert einstufen. So gehen die jungen Leute den Rattenfängern auf den Leim. Man schneidet sie nicht von ihrer Menschlichkeit ab, sondern man beschränkt diese auf die Gruppe und betont sie dort. Der Kontrast zwischen Wir-Gut und Die-Böse muss möglichst schwarz-weiß sein. Deshalb ist es wichtig, „die Anderen“ als Unmenschen abzustempeln. So wird das gemacht.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich Meldungen über angeblich Unmenschliches. In den letzten Monaten häufen sich Vermutungen, Außerirdische, Klone oder irgendwelche Wesenheiten terrorisierten die Erde. Mancher will in einem Politiker einen Reptiloiden erkannt haben.

Ob das Mumpitz ist oder nicht, kann ich nicht sagen. Vielleicht haben die Spekulationen sogar einen wahren Kern. Wer weiß das schon?! Mir geht es um die psychologische Sicht auf diese Erklärungsversuche. Ich kann sehr gut verstehen, dass man sich wünscht, das Böse läge außerhalb des Menschlichen. Es ist einfacher zu glauben, eine fremde Wesenheit habe von jemandem Besitz ergriffen als dass ein Mensch abgrundtief Böses tut. Was damit geschaffen wird, ist eine Wir-und-die-Sicht, die im Wortsinne wesentlich ist.

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, ob Verbrecher gegen die Menschlichkeit außerhalb der Menschheit stehen? Bitte seien Sie gnädig mit sich: Sie befinden sich in erlauchtem Kreise. Selbst spirituelle Lehrer tappen in diese verlockende Falle der Spaltung. Ihre Grundlage ist unsere Unterscheidungsfähigkeit, welche eigentlich eine wunderbare Eigenschaft ist. Wir können dadurch uns und andere in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmen und wertschätzen. Nur der Irrglaube, alle müssten gleich sein, steht dem entgegen. Die Begriffe werde verwechselt oder verdreht: Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, Gleichheit, Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung seien dasselbe. Durch Gleichmacherei wird den Menschen ihre naturgegebene Einzigartigkeit abgesprochen. Merkmale werden (von Menschen!) festgelegt, die jemand nicht haben darf, wenn er als „Mensch“ bezeichnet werden will.

Zugehörigkeit

Warum sprechen ausgerechnet die Friedensforscher unter den Historikern von einer „Menschheitsfamilie“? Weil sie sich damit beschäftigt haben, welche Sicht notwendig ist, um einen Krieg in Gang zu setzen, nämlich die der Trennung. Sie betonen mit dem Wort die Verbundenheit durch das pure Menschsein und die gemeinsame Abstammung.

Hat Sie schon einmal jemand terrorisiert? Sind Sie schon einmal jemandem absichtlich auf die Nerven gegangen? Welche Absichten haben Sie hinter dem Handeln vermutet? Welche Absichten haben Sie selbst verfolgt? Welche Annahmen gingen dem voraus?

Mir geht es nicht darum, jeden von der Verantwortung für üble Taten freizusprechen, ganz im Gegenteil. Mir geht es darum, zu begreifen, was Verantwortung ist. Wenn wir jemanden gepiesackt haben, weil er irgendetwas tun sollte, was wir für gut und richtig hielten, war der Zweck vielleicht rein, das Mittel aber fragwürdig. Und wenn Sie an irgendeinem Punkt in Ihrem Leben Ihrer Impulse nicht kontrollieren konnten oder wollten und in voller Absicht etwas Böses getan haben? Sind Sie dann kein Mensch mehr?

Innere Spaltung

Durch diesen gedachten Ausschluss aus der Menschheit verhindern wir Entwicklung. Der entsprechende Persönlichkeitsanteil muss abgespalten werden. Doch so geht er natürlich nicht verloren. Im dunklen Keller der Seele führt er fortan sein Dasein. Dort können wir ihn leider nicht heilen. Er wird weiter sein Unwesen treiben, unbemerkt, verdrängt, schöngeredet. Heilung geschieht durch Anerkennen, Verdauen und Wandeln. Als Erstes müssen wir hinsehen und wahrnehmen. Je hartnäckiger wir wegsehen, desto unbeirrter wird ein Anteil ans Licht drängen.

Mir kommt das Symbol für Yin und Yang in den Sinn: In jedem Schwarz ist ein Hauch von Weiß und umgekehrt. Dieses Bild dient uns heute mehr denn je. In jedem noch so guten Menschen ist ein winziger Anteil Böses, auch wenn es nicht zum Ausdruck kommt. Und in jedem Schwerverbrecher ist gewiss auch Gutes vorhanden, selbst wenn wir nichts davon sehen. Anerkennen wir das Unehrenhafte in uns, kann es in die Gesamtpersönlichkeit eingefügt und möglicherweise gewandelt werden. Das geht leichter, wenn uns klar wird, warum wir diese Eigenschaft entwickelt haben. Sie gehört vermutlich zur Anpassung an die Gegebenheiten. Vielleicht diente sie einst dem Überleben. Bevor wir eine Eigenart würdigen, werden wir sie nicht los. Das heißt nicht, dass wir sie GUT finden müssen. Gar nicht.

Selbstliebe

Immer wieder höre ich, dass man jede seiner Eigenheiten lieben soll. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich sinnlos abrackern, um dieses Ansinnen in die Tat umzusetzen. Ich halte den Anspruch für eine Terrormaßnahme, die zur Spaltung der Persönlichkeit führt, was wiederum Terror hervorbringt.

Ihr Selbst können Sie problemlos lieben. Es ist rein und vollkommen. Dem ist nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen. Es zu lieben ist unser natürlicher Zustand. Anders schaut es beim Ego aus: Die Persönlichkeit, die aus Ihnen geworden ist, besteht aus vielen Facetten, die mit Ihrem Selbst, mit dem wahren Wesen, mit Ihrer Essenz nicht das Geringste zu tun haben. Es gibt keine Notwendigkeit, diese zu lieben. Das Vorhaben halte ich für nutzlos und für eine echte Entwicklung sogar für schädlich.

Wieso sollten Sie – gesetzt der Fall – das feige und gemeine Arschloch lieben, das Sie geworden sind? Lassen Sie das. Lieben Sie stattdessen den Menschen, der Sie in der Tiefe sind – werden Sie sich der Merkmale bewusst, die unabhängig von den Erfordernissen des Lebens in Ihnen liegen und davon auch nicht verdrängt werden konnten. Das ist Selbstliebe im eigentlichen Sinne. Mit diesem gestärkten Rückgrat können Sie Ihre Persönlichkeit mit all den unliebsamen Teilen annehmen:

Ja, so bin ich. Das ist meine Persönlichkeit an diesem Punkt in meinem Leben. Es gab Gründe, warum ich so geworden bin. Und einiges kann ich ändern, wenn ich das will. Ich werde sorgfältig prüfen, welche Merkmale zu meinem Wesenskern gehören und welche ich verabschieden will. Das Meine werde ich liebevoll integrieren, das Fremde werde ich nach und nach loslassen.

Das geht nicht über Nacht. Der Vorgang kann Beharrlichkeit und Zeit erfordern. Was sich dabei lohnt, ist dass man sich Tag für Tag weiter entwickelt – auf sich selbst zu.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Richtungsweisend

Schreibkunst Texter Ghostwriter

Warum hinterlassen manche Nachrichten einen schalen Nachgeschmack? Wir zucken kurz und lesen dann weiter, ohne zu wissen, was uns gerade begegnet ist. Wurde möglicherweise unsere Blickrichtung gerade gedreht? Heute habe ich Ihnen eine praktische Übung mitgebracht, um Ihre Achtsamkeit für sogenannte Spins zu schulen.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ haben wir schon einige Kunstgriffe der Redekunst aus dem Buch “Die Kunst, Recht zu behalten” von Arthur Schopenhauer beleuchtet:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Heute haben wir es mit einem besonders raffinierten Trick zu tun. Er ist zwar leicht erklärt und eigentlich auch gut erkennbar. Leider ist dieser Kniff in unserer Alltagssprache so üblich geworden, dass er uns nur auffällt, wenn wir aufmerksam hinhören.

In einem scheinbar neutralen Text flechten wir Begriffe ein, die in sich bereits eine bestimmte Färbung mitbringen. Sie sind selbst angehaucht oder erinnern (absichtlich) an ein Wort, das wir eindeutig mit einer Wertung verbinden.

Bleiben wir gedanklich am Esstisch in unserer Szene mit Mutter und Kind, um das zu verdeutlichen. Ich habe Ihnen eine kleine Übung mitgebracht.

In der Liste finden Sie viele verschiedene Ausdrücke, mit denen man den Jungen bezeichnen könnte. Lesen Sie ausgewählte Worte ganz bewusst, laut oder leise. Schließen Sie nach jedem einzelnen Begriffe die Augen und lauschen Sie in sich hinein, welche Gedanken, Bilder und Gefühle in Ihnen aufsteigen.

Junge

Jüngling

Knabe

Knäblein

Racker

Sproß

Sprößling

Bub

Kleiner

Sohn

Sohnemann

Kind

Balg

Göre

Bastard

Nachfahre

Nachkomme

Abkömmling

Brut

Stammhalter

Bursche

Zwerg

Erbe

Kerl

Bengel

Lümmel

Junior

Filius

Sie werden feststellen, dass die einzelnen Begriffe mit unterschiedlichen Empfindungen einhergehen. Manche der Ausdrücke haben ein „Gschmäckle“. Indem wir etwas mit solch einem tendenziösen Wort benennen, geben wir ihm bereits eine Wertung mit. Das kann auf natürliche Weise geschehen und enthüllt dann die Haltung des Sprechers bzw. Schreiberlings. Oder absichtlich, um der Rede oder dem Text einen bestimmten „Spin“ (Dreh) zu geben. In der Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations) tragen besonders Erfolgreiche PR-Manager daher den Namen „Spin-Master“.

Meine Beiträge sind in der Regel Essays oder Kommentare. Essays sind, wie das Wort schon sagt, Versuche. Der Schriftsteller versucht, eine Beobachtung aus seiner Weltsicht zu beleuchten und so schlüssig zu erklären. Kommentare fügen einer Beobachtung eine persönliche Sichtweise hinzu. Diese Formate beinhalten also meine Haltung und meine Meinung. Logisch: Ich teile meine persönlichen Erfahrungen mit Ihnen. Hätten meine Texte den Anspruch, Sie wie ein Nachrichten-Artikel neutral über einen Sachverhalt zu informieren, wäre das überaus unpassend.

Für Nachrichten, Dokumentationen oder wissenschaftliche Beiträge ist Neutralität ein wichtiges Richtmaß. Prüfen Sie solche Texte einmal spaßeshalber auf ihren Grad an Ausgewogenheit. Möglicherweise wird Ihnen bald klar, dass diese die Stimmung der Leser, Hörer oder Zuschauer in eine gewisse Richtung lenken.

Es kann sehr erhellend sein, anscheinend wertfreie Berichte auf solche Spins hin zu betrachten.

Um noch einmal kurz zu unserem Beispiel zurückzukommen, das sich durch diese Reihe zieht: der Machtkampf am Esstisch. Der Sohn würde den ungeliebten Spinat möglicherweise als Grünzeug bezeichnen, während die Mutter seine gesunde Wirkung unterstreichen könnte, indem sie im Gegenteil von einer Vitalstoffbombe spricht.

Wenn Sie Freude daran haben, üben Sie doch einmal, verschiedene Worte mit unterschiedlicher Färbung für Alltagsbegriffe zu finden. Das stärkt Ihre geistige Beweglichkeit und schärft Ihren Sinn für Manipulation durch Sprache. Viel Spaß beim Ausprobieren.

Text: Petra Weiß
Abbildung: DS / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Peinlich, peinlich…

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Haben Sie sich schon einmal geirrt? Echt jetzt? Dann ist Ihnen womöglich ein peinlicher Fehler passiert. Damit kann man Sie im Nachhinein wunderbar manipulieren. In unserer Gesellschaft tun wir ja oft so, als sei es möglich, fehlerfrei durchs Leben zu schreiten.

Na, ja: Das Schreiten sieht eher aus wie ein Eiertanz, wenn man versucht, um jedes Fettnäpfchen herum zu manövrieren. Das geht natürlich nicht. Wir sind Menschen. Wir machen nun mal Fehler. Durch Lernen kann daraus Entwicklung entstehen.

Aus Ihrem schamvollen Aberglauben, unfehlbar sein zu müssen, kann Ihr Gegenüber einen Vorteil ziehen. Jemanden mit seinen früheren Verfehlungen zu konfrontieren, um ihm jedwede Kompetenz abzusprechen, ist ein beliebtes Totschlag-Argument in trickreichen Wortgefechten (“unfair warfare”).

In der Reihe “Sie baden gerade Ihr Gehir darin…” hangeln wir uns an den rhetorischen Kunstgriffen entlang, die Arthur Schopenhauer den Diskussionen antiker Philosophen entnommen hat. Er hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ niedergeschrieben.

Bereits erschienen sind die Beiträge

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

In der letzten Ausgabe haben wir gesehen, wie hilfreich es für eine tückische Gesprächsführung ist, den anderen emotional in Wallung zu bringen.

Zur Veranschaulichung der Kunstgriffe zeigen wir die Tricks anhand einer alltäglichen Szene auf, die sich in vielen Familien so oder ähnlich schon zugetragen hat: dem Machtspiel um die Ernährung. Ein Kind soll Spinat essen und will das partout nicht.

Wenn man einen schönen Wutausbruch sehen will, hat es sich bewährt, aus Einzelfällen Verallgemeinerungen abzuleiten, die nicht schicklich für den anderen sind.

Gibt die Mutter zu „Als du klein warst, hast du den Möhrenbrei immer wieder ausgespuckt. Später hat sich herausgestellt, dass du gegen Möhren allergisch bist.“ hat der Sprössling sie am Schlafittchen: „Wir wissen ja schon, dass ich bei dir gegen meinen Willen Sachen essen muss, die ungesund für mich sind.“

So eine Anekdote eignet sich für den Dauergebrauch. Sie lässt sich pausenlos aufs Butterbrot schmieren und verdirbt der Mama vor lauter schlechtem Gewissen den Appetit auf weitere Diskussionen.

Falls Sie mit solchen Taktiken Bekanntschaft machen, wechseln Sie auf die Meta-Ebene und sprechen Sie den falschen Rückschluss als solchen an: „Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Du hattest in diesem Punkt Recht und ich hatte Unrecht. Das bedeutet aber nicht, dass Du nun immer im Recht bist und dass alles, was ich ab jetzt sage, falsch sein wird.“

Text: Petra Weiß
Foto: Elisabeth Patzal / pixelio.de

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Kopfsalat statt Spinat

Schreibkunst Texter Schriftsteller

Sind Sie schon einmal völlig verwirrt aus einer Besprechung getaumelt? Sie gingen als Verlierer aus der Diskussion hervor, obwohl Sie hieb- und stichfeste Argumente auf Ihrer Seite hatten. Warum nur gewann trotz Ihres Punktsiegs am Ende Ihr Widersacher das Match?

Wieder ziehen wir die Aufzeichnungen des Deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer zurate. In seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ hat er verschiedene Kunstgriffe der Rhetorik aufgeschrieben, die Aufschluss darüber geben, welche perfiden Techniken des „unfair warfare“ (ugs. tückisches Kriegsführung) in Wortgefechten genutzt werden.

Heute lichten wir den Nebel und sorgen für klare Sicht, damit Sie erkennen, wenn Sie jemand in seinen Wortschwall einhüllen will.

Zur Veranschaulichung nutzen wir Beispiele aus einer für viele wohlbekannten Lebenssituation: die Debatte am Esstisch. Eltern bemühen sich, ihrem Nachwuchs den Genuss von Gemüse schmackhaft zu machen. Und die Kleinen wehren sich einfallsreich gegen den Erziehungsversuch.

Sind keine sinnvollen Argumente griffbereit, hat es sich bewährt, die Nebelmaschine einzuschalten. Man redet den anderen einfach schwindelig. Das funktioniert besonders gut mit wohlmeinenden Eltern, die pädagogisch wertvoll auf Ihre Kinder einwirken wollen.

Wir alle sind daran gewöhnt, an uns gerichtete Fragen bestmöglich zu beantworten. Deshalb kann man Aufmerksamkeit durch Fragen sehr wirksam binden. Will ich diese psychologische Eigenart der Menschen für eine Nebelaktion nutzen, werfe ich meinem Gegenüber eine ganze Reihe von Fragen in schneller Folge an den Kopf.

Unser kleiner Gemüsehasser könnte also mit forderndem Blick seinen Vater anblaffen: „Welche ach so wertvollen Inhaltsstoffe soll der Spinat denn enthalten? Wie wirken die im Körper? Ist das wissenschaftlich erwiesen? Auf welche Studie geht das zurück? Ist die noch aktuell? Wer hat die gemacht? Und wann? Wurde das noch in anderen Untersuchungen bestätigt? Bist du sicher, dass ich so viel Eisen überhaupt brauche? Und welches Gemüse hat sonst noch Eisen? Sollte ich dann gleichzeitig Vitamin C zu mir nehmen? Oder muss ich dazu Kaffee trinken?“ und so weiter.

Mit dem Ringen um sinnvolle Antworten zu solchen Detailfragen hält er den Papa stundenlang in Atem. Die Taktik zerstreut seine Energie und beschäftigt ihn unproduktiv. Hossa!

Niemals nicht verneinen. Wenn der schlaue Nebelmeister es auf die Spitze treiben will, kann er noch ein paar mehrfache Verneinungen einbauen „Du willst also nicht, dass ich keinen Spinat auf dem Teller niemals liegenlasse?“ Bis der Satz verstanden ist, kann er sich in Ruhe weitere heitere Ablenkungsmanöver ausdenken. Strike!

Adrenalin setzt Verstand außer Kraft. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, macht man den Gegner ärgerlich. Das ist gar nicht so schwer. Unverschämt sein, reicht meist aus. Vor allem, wenn der Vater sich Mühe gegeben hat, seine Brut gut zu versorgen: „Du willst ja gar nicht, dass ich gesund bin, sondern nur, dass ich deinen faden Fraß esse, den meine Schwester auch nicht mag. Hat sie mir gesagt.“

Die eine oder andere unbewiesene Behauptung ist das Sahnehäubchen auf der Strategie. Wozu diese dient: Der Vater verliert die Freude an dem Gespräch. Im Idealfall wendet er sich genervt, empört oder verletzt ab. Prima. Der Spinat kann liegenbleiben. Auf jeden Fall behindern die Stresshormone, die seinen Körper jetzt fluten, das logische Denken. Das verschafft dem Kind einen taktischen Vorteil.

Natürlich ist Gewalt nie eine gute Lösung. Es wäre falsch, jemanden zu schlagen. Wir wollen nicht zur Rohrstock-Pädagogik zurück. Aggressive Impulse hingegen sind zutiefst menschlich. Und wir schämen uns dafür – selbst wenn wir sie noch so verlässlich unter Kontrolle haben. Scham ist ein machtvolles Gefühl. Es hält uns davon ab zu erkennen, dass der andere mit genau diesem Reflex gerechnet hat und ihn für seine Zwecke benutzt. Kennen Sie den Ausdruck “jemanden zur Weißglut bringen”. Es gibt talentierte Menschenkenner, die genau wissen, welche roten Knöpfe sie drücken müssen, um Wut und Zorn hervorzurufen.

Langfristig hilft nur eins: Die eigenen sensiblen Punkte kennen, sich ihrer Auswirkungen bewusst werden und an den Ursachen arbeiten, damit die Rot-Knopf-Drücker ihre Macht verlieren. 

In der akuten Situation empfehle ich ein Vorgehen zur Schadensbegrenzung. Bitte seien Sie gnädig mit sich, falls Sie ein bisschen üben müssen, bis es gelingt. Auch, wenn der Spinat dann erst mal liegenbleibt: Verlassen Sie sofort den Raum, sobald Ihre Adern an den Schläfen hervorzutreten beginnen. Je nach Veranlagung haben manche Menschen eine kürzere Zündschnur als andere. Feurige Reaktionen zu beherrschen, kostet sehr viel Energie.

Kühlen Sie Ihr Gemüt. Dafür gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Finden Sie etwas, das Sie beruhigt. Aber zwingen Sie sich nicht in die Ruhe, wenn Ihr Blut noch kocht. Bewegung ist oft eine große Hilfe. Sie dient dem rascheren Adreanlin-Abbau. Nach einem gehörigen Wutanfall braucht es 6 Stunden, bis das Hormon im Körper wieder auf einem normalen Pegel ist. Adrenalin setzt bekanntermaßen Verstand außer Kraft. Sprechen Sie mit dem Streitpartner erst dann erneut, wenn Ihr Gehirn hormonell in der Lage ist, sachliche Argumente vorzubringen und zu hören. Wir wollten ja nicht, dass das Wortgefecht im Gemetzel endet.

Vier Beiträge sind bereits in der Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ erschienen:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Falls Sie erst später zugeschaltet haben, finden Sie alle Beiträge zu den „Schopenhauereien“ unter dem Begriff „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“ per Mouseklick.

Text: Petra Weiß
Foto: Horst Schröder / pixelio.de

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Haben Sie es schon einmal erlebt, dass Sie plötzlich als Verlierer eines Disputs dastehen, obwohl Sie gar nicht wissen, was Ihnen gerade widerfahren ist? Sie bleiben mit einem unklaren Eindruck zurück, dass man Sie irgendwie an die Wand geredet hat, und hatten gefühlt keine Chance, sich zu wehren.

Es gibt Menschen, die beherrschen die hohe Kunst der Manipulation durch Sprache. Um ihren Argumentationskünsten wirksam zu begegnen, müssen wir lernen, die Tricks zu durchschauen. Das ist der Zweck der Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“

In den letzten beiden Teilen haben wir uns schon mit verschiedenen Taktiken von „unfair warfare“ (ugs. tückische Kriegsführung) im Wortgefecht beschäftigt:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Heute widmen wir uns einer anderen Strategie: dem bewusst herbeigeführten Missverständnis.

Zur Veranschaulichung betrachten wir wieder eine Szene mit Alltagscharakter: Wir folgen dem Versuch einer wohlmeinenden Mutter, ihr Kind zu einer gesunden Ernährung zu bewegen, und den durchaus kreativen Lösungsansatz des Sprösslings, kein Gemüse essen zu müssen:

Ein bisschen fadenscheiniger als die beiden vorherigen Taktiken, aber zuweilen erheiternd ist es, doppeldeutige Begriffe bewusst falsch zu verstehen. Sagt beispielsweise die Mutter „Wenn du den Spinat isst, wirst du groß und kräftig“, kann der Bub sich auf den übergewichtigen Nachbarsjungen beziehen und entgegnen „So kräftig wie der dralle Kalle?“ So hat Muttern die Aussage selbstverständlich nicht gemeint. Das ist aber wurscht. Man will an dieser Stelle ja nur ihr Argument vom Esstisch fegen.

Manchmal nutzen Menschen Parabeln und Vergleiche, um ein Prinzip deutlich zu machen. Dieses Vorgehen kann sehr einleuchtend sein. Oder gezielt auf die Schippe genommen werden wie im folgenden Beispiel.

Eltern versuchen, Ihren Zöglingen Sachverhalte kindgerecht zu erklären und greifen dabei oft auf Geschichten und Figuren zurück, die den Kleinen schon vertraut sind. Das ist grundsätzlich eine gute Idee, birgt allerdings auch Gefahren für den weiteren Verlauf des Gesprächs, wie wir gleich sehen werden:

Der Seemann Popeye entwickelt übermenschliche Kräfte, sobald er Spinat isst. Es wäre naheliegend für die Mutter, sich auf diese Comicfigur zu berufen, um ihren Sohn das Grünzeug schmackhaft zu machen: „Dann wirst du so stark wie Popeye!“ Nun muss unser Spinatverweigerer nur ignorieren, dass es sich dabei logischerweise um eine Metapher handelt. Er könnte eine konkrete Szene aus der Phantasiegeschichte dem Anschein nach für bare Münze nehmen und fragen „Dann kann ich ein Schiff mit einer Hand in die Höhe heben? Wirklich?“ Und schon wäre das Argument der Frau Mama am Esstisch verpufft, noch bevor der Spinat erkaltet.

Text und Bild: Petra Weiß

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