Moment mal

Schreibkunst Redakteur Texter Autor Essayist

In unserer Serie „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“ beleuchten wir uralte rhetorische Tricks, die bis zum heutigen Tage nicht das Geringste an Aktualität verloren haben. Dabei orientieren wir uns an den Aufzeichnungen von Arthur Schopenhauer. Er hat die überlieferten Wortgefechte der antiken Philosophen studiert und 36 Kunstgriffe herausgearbeitet. Sein Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ ist die Grundlage für meine Beiträge dieser Reihe.

Ich habe die Texte für Sie in eine zeitgemäße Sprache übersetzt und mit Beispielen aus unserem normalen Alltagserleben illustriert: Wir beobachten ein Kind am Mittagstisch, das keinen Spinat essen will und mit trickreichen Wortjonglagen versucht, dem Gemüse zu entgehen.

In dieser Folge befassen wir uns mit einer bewährten Technik in der unfairen Kriegsführung: die taktische Unterbrechung. Unendlich platt und dennoch immer wieder erfolgreich ist es, gezielt an passender Stelle die Stop-Taste zu drücken.

Nähert sich eine Diskussion dem Punkt, an dem man sich eigentlich geschlagen geben müsste, wird stattdessen eine Gesprächspause erwirkt. Das kann auf jede erdenkliche Weise geschehen. Hauptsache der Gegner vergisst, was er sagen wollte, lässt sich ablenken und vernebeln. Zur Not verlässt man einfach den Raum. Besser ist es aber, den anderen zu beschäftigen.

In unserem Alltagsbeispiel könnte der Bub plötzlich ganz dringend Pipi müssen. Oder ein Becher fällt „aus Versehen“ herunter. Oder der kleine Spinatverweigerer verkleckert sich großflächig mit dem unliebsamen Grünzeug.

Zum Unterbrechen ist jeder noch so vorgeschobene Grund geeignet. Selbst wenn dem Widersacher vollkommen klar ist, dass er gerade manipuliert wird. Was soll´ s?! Hauptsache nicht als Verlierer aus der Situation hervorgehen. Bei einer richtigen Rechthaberei ist alles besser, als klein beizugeben.

Natürlich möchte ich Sie nicht ermutigen, solche Tricks gegen Ihre Gesprächspartner anzuwenden. Mir geht es darum, dass sie die Kunstgriffe erkennen, wenn Sie Ihnen begegnen.

Bitte gehen Sie mit Ihrem neuen Wissen achtsam um. Nicht jeder, der während einer Debatte zur Toilette will, unterbricht das Gespräch aus unlauteren Beweggründen. Vielleicht muss er einfach nur aufs Klo. Oder er bemerkt, dass die Gemüter erhitzt sind, und verschafft sich und dem anderen eine kleine Pause der Abkühlung.

Das Verhalten eines Menschen anhand eines Merkmals bewerten zu wollen, ist ohnehin nicht sinnvoll. Beobachten Sie Ihr Gegenüber weiträumiger, bevor Sie sich ein Urteil erlauben. Rechnen Sie damit, dass Sie gelenkt werden sollen, aber bleiben Sie dafür offen, dass die Welt viel freundlicher sein könnte, als Sie gerade glauben.  

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Zur Autorin

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Der Schwarze Contergan-Peter

Schreibkunst Essay Petra Weiß

Jahrestage nehme ich immer gerne zum Anlass, in die Vergangenheit zu blicken, um daraus Erkenntnisse für die Gegenwart zu gewinnen.

Am 1. August 1961 wurde das Beruhigungsmittel Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid rezeptpflichtig. Zuvor war es für jedermann ohne ärztliche Verschreibung in der Apotheke erhältlich. Es dauerte noch bis zum 27. November 1961, bis Contergan endlich verboten wurde, obwohl der Bundestag bereits am 14. Mai 1958 eine fruchtschädigende Wirkung des Mittels neben anderen möglichen Ursachen diskutiert hat. Nachdem man zunächst gar nicht zugeben wollte, dass es überhaupt eine Häufung von Fehlgeburten und Fehlbildungen gab.

Wie alles begann

Die Vorgeschichte liest sich wie ein Bericht aus dem Sommerferien-Camp von Jugend forscht: Contergan wurde 1954 von drei deutschen Wissenschaftlern für das Unternehmen Chemie Grünenthal in Nordrhein-Westfalen entwickelt. Im Tierversuch zeigte es keinerlei Wirkung – weder erwünschte noch unerwünschte. Dann wurde das Medikament an Epilepsie Patienten getestet. Dort stellte sich heraus, dass es sich als Beruhigungsmittel einsetzten lies. Als solches wurde Contergan von 1957 bis 1961 vermarktet. Da es unter anderem bei Schwangerschaftsübelkeit helfen sollte, nahmen viele werdende Mütter die Arznei arglos ein.

Die Missbildungen der unter Contergan-Einfluss gereiften Babys schrieb man zunächst den Nachwirkungen von Atomwaffentests zu. Nachforschungen über die wahre Ursache wurden durch ideologische Fallstricke behindert, die man heute political correctness nennen würde: Das Erfassen von Missbildungen bei Neugeborenen brachte man mit rechten Gesinnungen in Verbindung. So wurde das Ausmaß der Katastrophe erst viel zu spät sichtbar.

Ende 1960 wandte sich ein Arzt mit einem Leserbrief in einem renommierten Zeitschrift an die Fachschaft und stellte den Zusammenhang zwischen dem Contergan-Wirkstoff und neuronalen Schäden her, was Chemie Grünenthal zunächst bestritt. Fast ein ganzes Jahr lang blieben die Verdachtsmomente ohne angemessene Konsequenzen, selbst die Rezeptpflicht wurde nur schleppend in den verschiedenen Bundesländern umgesetzt. Zuletzt in Bayern am 1. Januar 1962. Obwohl einige Wissenschaftler die Nebenwirkungen längst erkannt hatten und entsprechende Beiträge in angesehenen medizinischen Magazinen publiziert waren.

Verspätete Aufklärung

Die breite Öffentlichkeit lies man so lange im Unklaren darüber, dass es überhaupt ein Problem gab, bis es per Verbot der Arznei gar nicht mehr zu leugnen war. Ende November 1961 titelte die WELT: „Mißbildungen durch Schlaftabletten?“ Und am 6. Dezember 1961 las man dann auch im Spiegel: „Bis zum Montag vergangener Woche wußten die Bundesbürger nichts von der ‚Mißbildungs-Epidemie“

Die mit der Aufklärung beauftragten Fachleute versuchten, die Schuld den Müttern in die Schuhe zu schieben, die sich angeblich nicht gesund genug ernährt hätten. Da kann einem schon übel werden – mit und ohne Schwangerschaft.

Traurige Zahlen und solche die fehlen

Allein, dass es bis heute keine konkreten Daten gibt, erzeugt bei mir einen Würgereiz. Von 5.000 bis 10.000 Kindern ist die Rede. Was für ein Zynismus! Als mache es keinen Unterschied ob 5.000 Menschen mehr oder weniger von derart lebensbeeinträchtigenden Umständen betroffen seien. Und betroffen von solchen Schicksalsschlägen ist nicht nur der beeinträchtigte Mensch, sondern seine ganze Familie.

Die Anzahl der durch das Medikament im Mutterleib verstorbenen wird nicht einmal geschätzt. Nicht nur, dass ein Mensch nicht ins Leben kam – für viele Schwangere ist der Verlust ihres ungeborenen Kindes traumatisch und hat zum Teil jahrzehntelange Nachwirkungen, die ihr, dem Kindsvater und auch den Spätergeborenen zu schaffen machen.

Bei der systemischen Familientherapie zeigt sich immer wieder, wie dramatisch einerseits Verluste im Mutterleib sein können und andererseits wie folgenreich es sogar für die ganze Sippe der „Täter“ ist, dass jemand (auch unabsichtlich) den Tod eines Menschen herbeigeführt hat. Derartige Schuld wird unbewusst manchmal über Generationen hinweg gesühnt.

Auf die Anzahl der heute noch lebenden kann man nur mittels der bekanntgegebenen Schadenersatzzahlungen schließen. Mindestens 6.880 sind so schwer fehlgebildet, dass sie jetzt noch monatliche Zahlungen aus einem Fonts erhalten, der teils von den verursachenden Pharmaunternehmen, teils von uns Steuerzahlern getragen wird.

Im August 2020 (!) kam erst heraus, dass in einem Krankenhaus, das von der Caritas betrieben wurde, 1960 Versuche an Säuglingen und Kindern mit Contergan gemacht wurden. Der offizielle Tenor mit meinen Worten wiedergegeben: Oh, das kann man sich gar nicht erklären, wie es dazu wohl nur gekommen sein mag. Aber natürlich tut es einem leid. Das war‘s. Keine Untersuchung, keine Daten.

Offensichtlich will es niemand so genau wissen, wenn medizinische Fehleinschätzungen bleibenden Schaden anrichten. Schwamm drüber.

Maßnahmen aus dem Schlamassel

Damit so etwas nie wieder geschieht, wurde die Zulassung medizinischer Wirkstoffe streng reglementiert. Als Maßnahme aus den leidvollen Erfahrungen verlangen die Behörden von den Pharmaunternehmen, die Wirkung sowie unerwünschte Nebenwirkungen der Medikamente unter Laborbedingungen zu untersuchen, bevor sie für den Einsatz am Patienten freigegeben werden. Der Ablauf solcher Zulassungsverfahren ist im Detail geregelt.

Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen, die erlauben, dass eine vom Standardvorgehen abweichende Notzulassung erteilt wird. Lebensbedrohliche Gefahr im Verzug und eine positive Einschätzung zur Nutzen-Risiko-Bilanz ermöglichen, dass zugunsten der sofortigen Verfügbarkeit eine Zulassung erteilt wird, ohne dass alle üblicherweise erforderlichen Studien abgeschlossen sind. Auf jedem Fall muss ein akuter Bedarf an einer solchen Arznei bestehen. Sie wird dringend gebraucht und kein bereits zugelassenes Medikament kann die Gefahr der betreffenden Erkrankung abwenden.

Um die restlichen Studienergebnisse einzureichen hat der Antragsteller dann 12 Monate Zeit. Währenddessen hat die Arznei eine „bedingte Zulassung“. Sie ist also zugelassen, aber eben nur „bedingt“.

Die bedingte Zulassung läuft nach einem Jahr aus. Wenn die nachgereichten Studienergebnisse die Wirksamkeit und Sicherheit der Arznei belegen, kann die Zulassung zunächst um 5 Jahre verlängert werden, bevor sie dann ggf. ohne Zeitbeschränkung erteilt wird.

Die Daten der im Rahmen des „Feldeinsatzes“ mit dem Notfallmedikament behandelten Patienten werden nicht systematisch erhoben und ausgewertet. Sie sind insofern nicht Teil einer Studie und ihre Erfahrungen fließen nicht in die Zulassungsbewertung ein. Das ist eigentlich schade. So gehen wertvolle Erkenntnisse verloren.

Verständnis aus psychologischer Sicht

Wenn ich heute auf die Ereignisse zurückblicke, kann ich für alle Beteiligten Verständnis entwickeln. Ich verstehe, dass Wissenschaftler die Früchte ihrer fleißigen Arbeit gerne der Welt zur Verfügung stellen wollen. Auch kann ich nachvollziehen, dass ein Unternehmen nach der aufwändigen Entwicklung eines Medikaments mit dem Präparat Geld verdienen will und muss.

Falls dann schwerwiegende Folgen zutage treten, möchte niemand daran die Schuld tragen. Wer will schon für dem Tod von ungeborenen Babys und die Fehlbildungen von Neugeborenen verantwortlich sein? Ich kann verstehen, dass Grünenthal jeden Zusammenhang mit ihrem Produkt abstritt. Von den drohenden finanziellen Konsequenzen mal ganz abgesehen, die bestimmt niemand tragen wollte.

Wohin mit der Schuld?

Statt der Wahrheit ins Auge zu blicken, wird der Schwarze Peter hin und her geschoben. Lieber nimmt man an, eine abstrakte und entfernte Ursache wie radioaktive Strahlung sei verantwortlich als ein von bestimmten Menschen hergestelltes, vermarktetes und gekauftes Produkt.

Ich könnte mir vorstellen, dass auch einige der Mütter gerne den Erklärungen Glauben schenkten, Atomwaffen seien die Ursache des Übels und nicht die von ihnen gutgläubig eingenommen Arzneien. Selbst dieser vergleichsweise kleine Beitrag zu dem schweren Schicksal ist für einen Menschen kaum zu ertragen.

Das Unterdrücken der Vermutung, Contergan könne ursächlich an den Fehlbildungen beteiligt sein, ist wissenschaftlich fatal und gesellschaftlich kann man es natürlich nicht vertreten.

Aus psychologischer Sicht ist die Nicht-Reaktion von Ärzteschaft und Medien dennoch verständlich. Noch keine Generation war vergangen, da hatten Ärzte sich blutige Hände geholt an den ideologisch gefärbten Vorstellungen von „unwertem“ Leben. Lieber kniff man beide Augen kräftig zu als auch nur im Entferntesten den Eindruck einer Nazi-Haltung zu erwecken. Wer hätte sich schon einem grollenden Sturm der Empörung stellen wollen?

Der Versuch, den ohnehin schon von Schuldgefühlen geplagten und mit den praktischen Ergebnissen des misslungen Menschen-Experiments belasteten Müttern die Verantwortung zuzuweisen, brachte vermutlich die Wendung. Muttis fühlen sich sowieso immer schuldig, wenn in der Schwangerschaft oder bei der Geburt ihres Kindes irgendetwas schief läuft und machen sich zeit ihres Lebens Vorwürfe. Das konnten die Frauen nicht mehr dulden – und ihre Ärzte auch nicht.

Zwar hatte man die Mediziner durch die Rezeptpflicht zu Mitschuldigen gemacht und damit die Aufklärung erheblich erschwert. Wer verwickelt ist in solch ein Verbrechen, wird weder sich selbst noch seine Standesgenossen anklagen und wohl kaum als Zeuge belasten. Doch letztlich waren Gewissen und Moral entscheidend.

Mehrere Mutige hat es gebraucht, um den Stein endlich ins Rollen zu bringen: einen beherzten Arzt, einen unerschrockenen Chefredakteur und letztlich Juristen, die sich von Macht und Geld nicht beeindrucken ließen.

Die Lehre aus dem Contergan-Skandal

Forscher haben gelernt, dass man jede Verantwortung abgeben kann, wenn man sich an die behördlichen Vorschriften hält. Arzneimittelhersteller haben gelernt, dass sie die Haftung für Medikamente ohne reguläre Zulassung besser nicht übernehmen sollten. Die Presse hat gelernt, dass es ihr niemand dauerhaft übel nimmt, wenn sie unliebsame Wahrheiten verschweigt. Politiker haben gelernt, dass es immer gut ist, einen Sündenbock parat zu haben.

Was haben wir alle gelernt?

Wir haben erlebt, dass das Undenkbare geschehen kann. Wir haben gesehen, wie unmöglich es für manche Menschen ist, ihre Verantwortung zu übernehmen, wenn die Folgen ihrer Entscheidungen derart schwerwiegend sind. Wir konnten verfolgen, dass die Schuldigen lieber mit wehenden Fahnen weiter in die falsche Richtung rennen, als (sich und anderen gegenüber) ihre unverzeihlichen Fehler einzugestehen.

Wenn wir daraus nichts gelernt haben, war das Leid der Contergan-Geschädigten, die Bürde der Verursacher und der Mitschuldigen an der verzögerten Aufklärung vergebens.

Text: Petra Weiß
Foto: Kolja Fleischer  / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Abscheulicher Aberglaube über Verantwortung und Schuld

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In meinem Essay „Verantwortung – Licht im Nebel“ habe ich versucht, den Begriff zu entwirren. Meine Leser wissen jetzt, dass sich Verantwortung immer auf eine bewusste Entscheidung bezieht und auf eine Handlung, die aus ihr hervorgeht.

Wie verhält es sich aber, wenn wir etwas getan haben, wofür wir keine Verantwortung tragen? Etwa, weil wir reflexhaft reagierten. Oder weil wir uns über die Folgen unseres Handelns nicht im Klaren waren. Oder weil wir auf dem Weg zu unserer Entscheidung in die Irre geführt wurden.

Der tragische Tod einer Katze

Ich möchte ein glücklicherweise nicht alltägliches Beispiel zur Verdeutlichung heranziehen. Als Fahranfängerin habe ich eine Katze angefahren. Ich bin unzweifelhaft schuld am Verletzen der Katze. Ohne, dass ich zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort gewesen wäre, hätte sie keinen Schaden genommen. Meine Schuld erlebe ich 30 Jahre später noch durch mein  Bedauern, dass das Tier auf mein Fahrzeug geprallt ist. Es tut mir wirklich leid, in dem Sinne, dass ich ein Leid erlebe, wenn ich daran denke. Mein Herz zieht sich zusammen, meine Atmung wird flacher, Traurigkeit fliegt mich an. Ich empfinde Reue: „Wäre ich doch bloß nicht so schnell in die Kurve gefahren!“

Danach waren meine Ausfahrten nie wieder unbeschwert. Vor kurzem erst habe ich ein Fahrsicherheitstraining absolviert, damit ich mich wieder traue, mein “heilx Blechle” beherzter durch Kurven zu steuern. Man könnte sagen, ich habe etwas aus dem tragischen Ereignis gelernt. Man könnte auch sagen, ich war nachhaltig verschreckt. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Vielleicht trifft auch beides zu. Auf jeden Fall hatte ich Schuldgefühle und habe sie noch.

Meine Schuldgefühle entstehen aus meinem Mitgefühl mit dem Lebewesen, dem ich Schmerzen zugefügt habe. Menschen ohne Einfühlungsvermögen haben wohl ein Bewusstsein über ihre Verfehlungen, aber kein Schuldgefühl und keine quälende Reue. Sie haben nicht das Bedürfnis, etwas wieder gut machen zu wollen, um Entschuldigung zu bitten oder gar eine Schuld zu sühnen. Gar nicht selten tun sie es trotzdem – aus Berechnung.

In Dubio pro Cabrio

Nach dem Unfall haben erfahrene Autofahrer versucht, mich zu beruhigen. Auch wenn ich langsamer gefahren wäre: Es gab keine Chance, das Tier rechtzeitig zu sehen, angemessen zu reagieren und so seine Unversehrtheit zu gewährleisten. Die Katze ist direkt vor mir über die Straße gehuscht. Sie kam unter einem parkenden Auto hervorgeschossen. Alles ging viel zu schnell, um das Unglück zu vermeiden.

Selbst vor Gericht hätte man mir die weithin bekannte Schrecksekunde zugebilligt als Verzögerung für ein Ausweichmanöver. Tatsächlich bin ich dem Zusammenstoß gar nicht ausgewichen. Und nüchtern betrachtet war das auch gut so. Die Katze hätte davon keinen Gewinn gehabt, aber ich hätte mich und vielleicht noch andere Menschen gefährdet. Ob auf dem Gehsteig zufällig noch ein Kind war oder nicht, konnte ich aus meiner Position heraus nicht erfassen.

Wofür bin ich verantwortlich?

Ich bin dafür verantwortlich, dass ich an dem Tag entschieden habe, diesen Weg zu nehmen. Mir waren keine besonderen Bedrohungen für mich oder andere auf dieser Strecke bewusst. Um mich zu verantworten, könnte ich nur sagen: Es war der Weg nach Ober-Mumbach, wo ich jemanden besuchen wollte. Dazu gibt es weiter nichts zu rechtfertigen.

Verantwortlich bin ich für die Geschwindigkeit, mit der ich gefahren bin. Die Kurve habe ich viele Male davor mit ähnlicher Geschwindigkeit problemlos gemeistert. Mein damaliger Freund fuhr Motorradrennen. Er hatte mir beigebracht, wie man lenken und Gas geben muss, um stabil durch eine Biegung zu kommen. Ich hatte das tausendmal geübt und Freude an der zunehmenden Präzision meiner Fahrkünste. So kann ich mit gutem Gewissen verantworten, wie schnell ich diesen Punkt passiert habe. Zur Rechtfertigung könnte ich hinzufügen: Beim Autofahren gibt es immer einen Bremsweg. Je höher das Tempo, desto länger der Weg bis zum Stopp. In der Situation hätte ich aber einen Bremsweg von Null gebraucht. Selbst wenn ich mit halbem Tacho gefahren wäre, hätte ich die Katze erwischt.

Wenn ein Hubschrauber direkt vor Ihnen auf die Fahrbahn fällt, während Sie mit 120 über die Autobahn brausen und rechts neben Ihnen ein Laster fährt, können Sie auch nicht bremsen oder ausweichen. Das gilt gleichermaßen für eine Geschwindigkeit von 60 oder 30 km/h.

Nun ja, Hubschrauber fallen auf Schnellstraßen selten vom Himmel. Da rennt schon eher mal eine Katze innerorts über die Fahrbahn. Aber auch das ist eine Ausnahmeerscheinung. Mir ist es seither kein einziges Mal mehr widerfahren. Rehe, Füchse und Hasen sind mir öfter mal auf der Landstraße begegnet, ohne dass es zu einer Kollision kam. Toi, toi, toi!

Um gänzlich unwahrscheinliche Ereignisse sicher zu vermeiden, dürfen wir gar nicht erst ins Auto steigen. In der Entscheidung, ein Auto zu benutzen, liegt meine grundsätzliche Verantwortung. Doch bin ich damit auch für das weitere Geschehen verantwortlich? Es kommt darauf an.

Absicht oder absehbar?

Wenn ich an dem Tag in mein Auto gestiegen wäre, um ein unschuldiges Tier zu ermorden, hätte ich die Verantwortung für den Tod der Katze. Dann wäre mein Handeln aus einer bewussten Entscheidung heraus zielgerichtet gewesen und hätte zu den gewünschten Folgen geführt.

Wenn ich zuvor davon gehört hätte, dass genau in dieser Kurve immer wieder Katzen angefahren werden, und wenn es eine andere Strecke gegeben hätte, wäre die Verantwortung für die Entscheidung, diesem Pfad zu folgen, nicht so leicht zu tragen. Dann müsste ich zugeben, dass ich den Tod einer Katze billigend in Kauf genommen hätte, weil ich schneller am Ziel sein wollte. Ich könnte zu meiner inneren Verteidigung anführen, dass ich die Wahrscheinlichkeit für den Risikoeintritt niedrig eingeschätzt habe. Oder dass ich an der Weggabelung nicht an die Katzen gedacht habe, sondern an jemanden, der ungeduldig auf mich wartet. Oder dass ich dringend aufs Klo musste.

Verstehen Sie die Abstufungen der Rechtfertigung? Wir können etwas rational begründen oder sozial oder biologisch. Viele weitere Gründe kann man nennen. Wenn sie einem selbst genügen, um die Entscheidung zu verstehen, hat man die Verantwortung bewusst übernommen. Und das heißt nicht, dass man seine Wahl im Wissen um die Folgen heute immer noch gut und richtig findet.

Verantwortlich bin ich für die Folgen einer Handlung dann, wenn ich sie beabsichtigt habe oder wenn ich sie absehen konnte. Für das Unvorhergesehene bin ich nicht verantwortlich. Das befreit mich leider nicht von der Schuld.

Minder- oder Desinformation

Unter Umständen könnte man anführen, dass etwas durchaus vorhersehbar gewesen wäre, wenn man mehr, andere oder genauere Informationen gehabt hätte. Ja, das ist so. Mit der Unvollständigkeit unseres Wissens müssen wir leben. Selten kennen wir sämtliche Puzzleteile, um einen Sachverhalt mit all seinen möglichen Folgen bewerten zu können. Damit gehen wir täglich um.

Mich veranlasst es zum Schmunzeln, dass einige Menschen die Hintergründe und Zusammenhänge gar nicht erst wissen wollen, um nicht in die Verantwortung bewusster Entscheidungen und deren Konsequenzen zu geraten. Das hat etwas fast liebenswert Kindliches. Die Schuld für ihre schlecht oder uninformiert getroffenen Entscheidungen bleibt diesen Leuten leider nicht erspart. Wenn sie früher oder später mit den Folgen ihres Tuns konfrontiert sind, werden sie trotzdem Schuldgefühle erleiden, egal wie gut sie sich für ihr Nichtwissen im Nachhinein rechtfertigen können.

Vielleicht finden sie eine Möglichkeit, etwas ausgleichen zu können, oder ihnen widerfährt die Gnade der Vergebung durch das Opfer ihres Handelns. Dann bleibt ihnen immer noch die schwierige Aufgabe der Selbstvergebung. Damit kann man durchaus ein paar Jahre oder Jahrzehnte lang beschäftigt sein.

Die Rechnung geht erfahrungsgemäß nicht auf, Verantwortung zu vermeiden, damit man später keine Schuld empfindet. Im Gegenteil können wir sogar Schuldgefühle empfinden, ohne dass wir tatsächlich an etwas schuldig sind, also daran ursächlich mitgewirkt hätten.

Eingebildet oder eingeredet

Wir können uns Schuldgefühle einbilden wie eine Wahnidee. Das geschieht häufig, wenn einem etwas leid tut. Die landläufige Verwirrung über die Zusammenhänge zwischen Verantwortung, Schuld und Bedauern sehen wir an der Reaktion auf unsere Bekundung von Mitgefühl: “Es tut mir leid, dass es Dir nicht gut geht.” wird häufig beantwortet mit “Dafür kannst Du doch nichts!” Natürlich nicht. Aber leid tun kann es mir trotzdem. Weit verbreitet ist der Irrglaube, es könne einem nur leidtun, woran man Schuld trüge. Oder umgekehrt, man übernehme Verantwortung für Missstände, die man bedauerte. Nichts davon ist wahr. Jede der Regungen darf für sich betrachtet und einzeln erfahren werden.

Es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass wir Schuldgefühle von außen eingeredet bekommen. Weil sie so unerträglich erscheinen, sind sie ein wirksames Manipulationsinstrument. Man schaut lieber gar nicht so genau hin. Schade, so versäumt man vielleicht die Chance zu begreifen, dass einen gar keine Schuld trifft.

Ein gutes Beispiel aus der psychotherapeutischen Sprechstunde ist die sogenannte “Überlebensschuld”: Wenn jemand aus dem Krieg heimkehrt, während seine Kameraden auf dem Schlachtfeld geblieben sind. Oder wenn ein Zwilling überlebt hat, während der andere im Mutterleib gestorben ist. Die Überlebenden tun sich häufig schwer damit, ihr Dasein in die Hand zu nehmen und frei zu gestalten. So als wären sie es dem Toten schuldig, es sich bloß nicht gut gehen zu lassen.

Wir sind nicht die Schöpfer und Entscheider über Leben und Tod. Mit etwas Demut können wir das recht leicht einsehen. Überlebende können nichts dafür, dass sie am Leben sind. Das Schicksal hat entschieden. Und gleichzeitig fühlt es sich falsch an, sich darüber zu freuen, weil jemand anders tot ist. Lösbar ist die Krux nicht durch Sühne, sondern im Gegenteil, durch das Ehren der Toten, indem man das Leben in all seinen Facetten auskostet, es in vollen Zügen genießt, etwas Gutes daraus macht und es bestenfalls sogar weitergibt.

Bewusste Verantwortung hilft

Meinem Erleben nach ist nichts Schreckliches daran, Verantwortung zu übernehmen. Das empfehle ich übrigens auch den Menschen, die Dinge getan haben, auf die sie echt nicht stolz sind. Verantwortungsbewusstsein hilft dabei, die Schuldgefühle zu verarbeiten und öffnet den Weg in die Selbstvergebung.

Bei manchen Schicksalen wundert es einen nicht, wenn die Taten der Vergangenheit bestmöglich ausgeblendet werden. Das ist ein Schutzmechanismus der Psyche. Er heißt Verdrängung und hat seine Berechtigung.

Ich maße mir nicht an, beurteilen zu können, welche Vergehen ein Mensch in der Lage ist, sich einzugestehen. Der eine vielleicht schwerwiegendere als der andere. Wer weiß das schon? Meine Vorstellung ist die, dass wir uns freiwillig oder gezwungenermaßen früher oder später mit unseren wichtigen Erlebnissen befassen.

Die spirituelle Dimension

Mir scheint die Idee einleuchtend, dass unsere Seele die Geschehnisse in umgekehrter Reihenfolge aufarbeitet – also spiegelbildlich ab der Lebensmitte. Je früher ein Trauma stattgefunden hat, desto später erfolgt die Bearbeitung. Traumata können Ereignisse sein, die wir in der Rolle des Opfers oder des Täters erlebt haben. Auf einer universellen Ebene erfolgt ein Ausgleich des Erlebten möglicherweise durch das Einnehmen dieser verschiedenen Blickwinkel über mehrere Inkarnationen.

Aus meiner Sicht als Traumatherapeutin ist das Verarbeiten früher Erlebnisse am Lebensende eine griffige Erklärung für das gehäufte Auftreten von Demenz bei der Nachkriegsgeneration. Was diese Menschen in ihrer Kindheit erleiden mussten, ist kaum zu bewältigen, so dass der Geist sich dafür entscheidet, es lieber zu vergessen – so lautet eine Theorie. Auf der leiblichen Ebene sind dann bestimmte biochemische Mechanismen oder substantielle Faktoren mit im Spiel, die den geistigen Vorgang im materiellen Körper ermöglichen.

Aus der Sterbeforschung wissen wir, dass offene Klärungen den Tod auf verblüffende Weise verzögern können. So als habe die Seele noch etwas zu erledigen, bevor sie gehen kann. Hospizmitarbeiter berichten von unglaublichen Zeitspannen, die Sterbende ohne Nahrung und ohne Wasser überlebt haben, bis endlich ein Verwandter zur Versöhnung ans Totenbett kam. Die Spirale aus Schuld, die auf Irrwege aus Rache und Vergeltung führen kann, ist mächtig – und bindend. Sie bindet weit mehr als man sich das oftmals wünschen kann. Lösend ist die Vergebung.

Falls Sie jetzt innerlich in Widerstand gehen, kann ich das gut verstehen. Über das Wesen von Vergebung hört man allerlei Märchen und Legenden. Diesem Aberglauben und seiner detaillierten Aufklärung widmen wir uns bei baldiger Gelegenheit in einem weiteren Essay.

Mit meinem Beitrag will ich Sie dazu anregen, über die Begriffe nachzudenken und Ihre Gedanken mit Ihren eigenen Gefühlen und Erfahrungen zu verknüpfen. Dabei können Sie auch zu der Erkenntnis gelangen, dass Sie manches ganz anders sehen, bewerten und einsortieren als ich. Das ist vollkommen in Ordnung, solange es Ihrer Bewusstwerdung dient. Wie Sie meine Anregungen für sich nutzen wollen, liegt ganz bei Ihnen.

Text: Petra Weiß
Foto: Dirk Schmidt

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Der Trick mit der gezinkten Goldwaage

Wünschen auch Sie sich einen offenen und ehrlichen Austausch mit Ihren Mitmenschen? Dann dient es Ihnen, listige Wortjonglagen zu enttarnen – bei sich und bei anderen.

Herzlich willkommen bei einer weiteren Folge aus unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“. Wir beleuchten hier Tricks und Kniffe, mit denen man einen Disput trotz schwacher Argumente für sich entscheiden kann. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ aufgezeigt.

Vielleicht wurden Sie schon einmal Opfer der Redekunst oder Sie wenden selbige (unbewusst) selbst an. In beiden Fällen ist es nützlich, das Vorgehen zu erkennen, um es zu vermeiden oder um darauf angemessen reagieren zu können. So führen Sie die Diskussion auf fruchtbares Terrain zurück.

Ein griffiges Anwendungsbeispiel zur Verdeutlichung der Gesprächskunst entnehmen wir dem Alltäglichen: dem Gezerre am Esstisch. Unser Junior soll Spinat essen und will das nicht. Schauen wir zu, wie er sich trickreich wehren könnte…

Wenn unser Gesprächspartner sein Fähnchen nach dem Wind hängt, ist das keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung. Wir wollen uns darauf verlassen können, dass morgen noch gilt, was heute gesagt wurde.

Allerdings gibt kaum jemand rund um die Uhr Weisheiten von sich, die einer durchgängigen Logik folgen. Daher werden wir bei jedem Menschen Aussagen finden, die sich inhaltlich widersprechen. Sei es, weil man etwas mit Absolutheit gesagt hat, was bestimmt auch Ausnahmen bedingt. Sei es, weil man die eigene Meinung weiterentwickelt hat (doch, doch: Das darf man!). Sei es, weil manche Feststellungen im Zusammenhang einer bestimmten Erfahrung berechtigt sind, in anderen Situationen aber nicht.

Im Alltag kann man nicht jeden Satz auf die Goldwaage legen, als schriebe man ein wissenschaftliches Buch. Diese unberechtigte Anspruchshaltung eignet sich aber hervorragend für eine wahrlich schikanöse Gesprächsführung. Kehren wir zurück zur Gemüsedebatte:

Mit scharfer Zunge und ebensolchem Verstand gesegnet, findet der Zögling scheinbare Widersprüchlichkeiten zu früheren Aussagen der Frau Mama: „Gestern hast du noch gesagt, dass der Körper schon weiß, was er braucht. Und jetzt soll ich essen, was mein Körper ablehnt.“ Dass es gestern um die Dosis der Bachblütentropfen ging und nicht um die Ernährung, wird geflissentlich übersehen. Und weil die Aussage grundsätzlich einiges für sich hat, gibt die Mutter an der Stelle den Esslöffel mit etwas Glück verdattert ab. Probieren kann man es ja mal!

Alternativ beruft sich der Filius auf Regeln in der Gemeinschaft: „In unserer Familienkonferenz haben wir doch beschlossen, dass die Meinung der Kinder auch gehört wird. Und jetzt ist dir meine Meinung pupegal!“ Nun ja: Die Meinung zu hören heißt nicht, dass sie immer ausschlaggebend für alle Entscheidungen sein muss. Trotzdem kann der Punkt ganz schnell an den Spinathasser gehen, weil Eltern rasch ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man sie so aussehen lässt, als ob sie sich an gemeinsam Beschlossenes nicht halten.

Mit etwas Übung kann man diesen Trick geschmeidig kombinieren, zum Beispiel mit dem Einsatz oder dem Auseinandernehmen von Verallgemeinerungen, mit dem Kniff, Metaphern wörtlich zu verstehen, oder mit anderen absichtlich herbeigeführten Missverständnissen.

Text: Petra Weiß
Foto: Marco Barnebeck(Telemarco) / pixelio

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Verwirren mit Details

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Einzelheiten genau zu betrachten ist mühsam und zeitaufwändig. Unsere Gewohnheit ist es längst geworden, uns auf Experten zu verlassen. Sie haben sich in der Tiefe mit allen Details auseinandergesetzt. Wir nutzen ihr Wissen und ihre Erkenntnisse und gewinnen daraus so eine Art “Instant-Meinung” – ein lauwarmer Aufguss als Auszug aus echter Fachkenntnis. Doch nicht jeder Spezialist hat wohlmeinende Absichten.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir sprachliche Kunstgriffe, die schon seit der Antike verwendet werden. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ verewigt.

Bereits erschienen sind die Beiträge:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Richtungsweisend

Wenn Absurdes obsiegt

Zur Veranschaulichung dient uns ein alltägliches Beispiel: der Disput am Esstisch. Der Nachwuchs verweigert beharrlich das Gemüse, während seine Eltern versuchen, ihm das Grünzeug schmackhaft zu machen.

Mit einer Fülle von Einzelheiten kann der Gesprächspartner den Eindruck gewinnen, man hätte wirklich Ahnung von der Sache. Detailreichtum kann natürlich auf eine breite Fachkenntnis zurückgehen. Ein winziges Detail allerdings kann auch aus der Schublade gezogen werden, um den anderen Schachmatt zu setzen, wenn einem die echten Argumente ausgehen. Das braucht ein bisschen taktische Raffinesse.

Der Trick ist nicht so einfach zu durchschauen. Meist hinterlässt er ein unbestimmtes Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein, oder einfach nur Verwirrung – und das ist durchaus beabsichtigt.

Wie geht man dabei vor? Sie brauchen nur eine einzige Information, von der Sie ganz bestimmt wissen, dass sie zutrifft, die man aber grundsätzlich auch infrage stellen kann. Und sie benötigen einen Beweis für diese Tatsache als Ass im Ärmel. Mit diesem winzigen Ausschnitt an Kompetenz können Sie besserwisserisch als Experte glänzen. Und wenn man Ihr Wissen anzweifelt? Um so besser: Dann liefern Sie den Beweis und lassen den anderen dumm dastehen. Den Rest erledigen unzulässige Verallgemeinerungen für Sie. Das klingt jetzt sehr theoretisch, schauen wir uns den Kunstgriff am lebendigen Beispiel an:

Unser Gemüseverächter postuliert „Spinat ist oft mit Schadstoffen belastet.“ Die Mutter kann an dieser Stelle nur verlieren. Gibt sie dem Sohnemann Recht, geht der Punkt klar an ihn und das Grünzeug landet auf der Sondermülldeponie.

Widerspricht sie, zieht er einen Fachartikel hervor, der die Belastung von Tiefkühlspinat mit Cadmium und Nitrat belegt – und gleichzeitig die Expertise des Sprößlings. Dass der Zankapfel, der in Form von gedünstetem Blattspinat auf dem Teller liegt, aus der Frischgemüseabteilung stammt und gar keine Minustemperaturen erlebt hat, kann man frostig ignorieren.

Wieder ist der Tipp: Lassen Sie sich den Wind nicht aus den Segeln nehmen. Und hören Sie GENAU hin, was jemand sagt. Der anmaßende Spezialist kann ganz rasch jeden Glanz verlieren, wenn Sie direkt ansprechen, dass er gerade etwas anderes bewiesen hat, als das, worum es tatsächlich geht. Sprechen Sie offen aus, dass er eine logisch unzulässige Verallgemeinerung in den Raum gestellt hat. Bleiben Sie gelassen. Das kann er ja gerne versuchen, es geht aber leider nicht durch. Nice try, Darling!

Text: Petra Weiß
Foto: Harald Wanetschka / pixelio

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Wenn Absurdes obsiegt

Emotionale Erpressung ist ein machtvolles Mittel der Beeinflussung fühlender Menschen. Durch unseren vorhersehbaren Wunsch, gut zu sein und das Richtige zu tun, ist unser Verhalten durch weniger ehrenhaften Kräfte berechenbar. Weil das Thema ernst genug ist, habe ich Ihnen gleich zwei sprachliche Kunstgriffe mitgebracht, die ich ausgesprochen amüsant finde.

Heute widmen wir uns wieder den rhetorischen Tricks, die Arthur Schopenhauer uns in seinem Büchlein „Die Kunst Recht zu behalten“ vermacht hat. Den Auftakt-Artikel zur gleichnamigen Reihe finden Sie hier: Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…

Als Alltagsbeispiel dient uns das Gezuchtel am Esstisch, mit dem der Nachwuchs durch allerlei Kniffe dazu gebracht werden soll, Spinat zu verzehren, und die wehrhaften Versuche desselben, dem Grünzeug mit List und Tücke zu entgehen.

Übertreibung des Gegenteils.

Ein bisschen Drama hat noch keiner unfairen Diskussion geschadet. Das Stilmittel der Übertreibung ist dafür bestens geeignet. Besonders, wenn man den Tragik-Faktor verstärkt und das ohnehin unzulässige Argument durch ein absurdes Entweder-Oder würzt.

Die Mutter könnte eine Prise Macbeth in die Diskussion einbringen, indem sie ausruft: „Möchtest du den Spinat jetzt essen oder lehnst du meine mütterliche Fürsorge generell ab?“ Zumindest das Überraschungsmoment hat man mit solch einer Groteske auf seiner Seite. Der andere ist bestürzt über die Unterstellung und beißt mit etwas Glück in den anscheinend weniger sauren Apfel.

Halten Sie Ihre Augen offen: Sie werden jeden Tag solche unlauteren Vorgehensweisen finden, Ihnen eine ganz normale und berechtigte Haltung als Ausdruck eines unerträglichen Verhaltens, einer unmenschlichen Absicht oder eines geradezu barbarischen Ansinnens zu verkaufen. Vielleicht ist Ihnen schon einmal begegnete, dass Sie angeblich andere Leute umbringen, wenn Sie auf die von Ihnen gewählte Art und Weise gut für sich sorgen. Solche Aussagen sind in jedem Fall kritisch zu hinterfragen. Und wenn Ihnen das Hinterfragen madig gemacht wird? Dann erst recht.

Grundloser grandioser Triumpf.

Schallend gelacht habe ich beim Studium des Schopenhauer´schen Urtextes an dieser Stelle. Auf so eine unverfrorene Idee muss man erst mal kommen: Man stellt ein paar Unumstößlichkeiten in den Raum, die weit entfernt mit dem Thema zu tun haben. Dann stößt man einen triumphierenden Schrei aus und tut einfach so, als hätte man damit alles bewiesen. Herrlich!

Für unser Beispiel heißt das, dass der Gemüsehasser folgert: „Spinat gehört zu den grünen Gemüsesorten. Gemüse gehört zu den Früchten. Früchte haben schon die Dinosaurier vor Jahrmillionen verzehrt. Und die sind ausgestorben. Ha! Da haben wir es!“

Nicht nur kleine Halunken bedienen sich solcher Schamlosigkeiten, um ihre Ziele zu erreichen. Wir finden die Wortkünstler und Sprachjongleure in jedem Alter und in allen Positionen unserer Gesellschaft.

Solche Übungen sind weit mehr als eine schöne sprachliche Spielerei für Intellektuelle. Während wir uns mit diesen Techniken befassen und sie in unseren eigenen und den Reden anderer finden, schulen wir unseren logischen Verstand. Mir scheint es heute wichtiger denn je, immer wieder zu fragen: Ist das so? Haben wir es hier tatsächlich mit Ursache und Wirkung zu tun? Kann es auch einen anderen Zusammenhang geben?

In der Reihe bereits erschienen sind die Folgen:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Richtungsweisend

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Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Dem Selbst treu sein

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Seit geraumer Zeit bin ich dabei, meine Sprache in einen Wortschatz zu wandeln, der von Herzen kommt. Es ist mir wichtig, die Menschen nicht nur auf der Ebene des Verstandes, sondern auch auf der Seelenebene zu erreichen. Dazu ist meinem Empfinden nach notwendig, Fremdwörter weitestgehend zu verbannen.

Ausgerechnet bei einer Eigenschaft, die ich für wesentlich halte, habe ich lange überlegt, wie das lateinische Wort angemessen zu ersetzen ist: Integrität.

Wie drückt man das mit einem einzigen Wort unmissverständlich aus? Eine Weile habe ich den Begriff Aufrichtigkeit verwendet. Er gefällt mir, weil er etwas Bildhaftes hat und weil der Leser sofort die Erinnerung an ein Erleben dazu abrufen kann: Jeder weiß, wie es sich anfühlt, den eigenen Leib aufzurichten, die Wirbelsäule zu strecken, den Kopf zu heben. Diese Körperhaltung sagt viel über die innere Haltung aus. Sprichwörter sind oft aufschlussreich, um tiefere Bedeutungen zu ergründen. Vielleicht kennen Sie die Redewendung, dass jemand „Rückgrat zeigt“? Sieht man das Gegenteil, erkennt man daraus schon von weitem die Gestimmtheit eines Menschen: Eine gebückte, gekrümmte oder eingesunkene Figur deutet nicht auf ein heiteres, freies und leichtes Gemüt hin.

Die Definition von Integrität stiftet Verwirrung. Auf Wikipedia können wir lesen: Die „persönliche“ Integrität ist erreicht, wenn man gemäß seiner Werte spricht und handelt. Ich würde diese Beschreibung so ergänzen, dass Denken, Fühlen, Sprechen und Handeln in Einklang sind. Was natürlich auch viel zu platt ist. Denn unser Wertesystem beinhaltet reichlich Aufgezwungenes, das nicht aus uns selbst erwachsen ist. Das Wort „persönlich“ setze ich hier in Anführungszeichen, weil die Person ja gerade das Resultat der Anpassung an äußere Erfordernisse ist. Also das Gegenteil von Integrität. Sie sehen: Mit dieser offiziellen Verlautbarung kommen wir nicht wirklich zum Ziel.

Forschen wir weiter, welche Bedeutungen das Fremdwort noch hat, dann finden wir einen wertvollen Hinweis: In der Biologie und im Völkerrecht hat Integrität etwas mit Unversehrtheit zu tun. Aha. Star-Trek-Zuschauer kennen den Begriff der „Hüllen-Integrität“. Gemeint ist, ob die Schutzhülle des Raumschiffs noch hält. Vielleicht dient uns dieses Bild, bei unserer Betrachtung. Was bleibt heil oder ganz, wenn meine Taten und mein Reden meinen inneren Überzeugungen gemäß sind? Was wird verletzt, wenn ich stattdessen die Welt oder mich selbst belüge durch unaufrichtige Worte oder unstimmiges Handeln?

Es ist die Treue zu mir selbst. Mein Selbst ist mein Kern, meine Essenz, mein wahres Wesen. Dieses Selbst verraten viele von uns im Alltag, indem sie scheinbaren Sachzwängen folgen. Wir tun etwas entgegen unserer Überzeugung. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, die ich hier nicht darlegen will. Stattdessen richte ich meine Aufmerksamkeit auf die Folgen des sogenannten Selbstbetrugs.

Warum schreibe ich „sogenannt“? Auch dieser Begriff ist knapp daneben. Das Selbst kann man nicht „betrügen“, weil es sich nicht täuschen lässt. Ganz im Gegenteil: Unsere Empfindungen sind ein Kompass auf dem Weg in die Integrität. Man muss sie schon ausblenden, um sie nicht mehr wahrzunehmen. Dann ist das Selbst um seine Verwirklichung gebracht. Das ist eher ein Raub als eine Betrug. Wir spüren sehr wohl, wenn wir unsere Überzeugungen verraten, egal, welche wohlklingenden Beweggründe wir vordergründig anführen. Das fühlt sich gar nicht gut an.

Viele tun es trotzdem. Sie schieben das schlechte Gefühl beiseite und verdrängen ihre innere Stimme. Es ist zugegebenermaßen auch nicht leicht, unsere ur-eigene Stimme von all dem anderen Gesäusel zu unterscheiden, das wir im Laufe unseres Daseins von unseren Mitmenschen übernommen haben. Die Einflussnahme ist allgegenwärtig. Sie durchdringt jeden Lebensbereich. Unter zahllosen eingeimpften Ansichten liegt irgendwo unsere eigene Betrachtungsweise. Unterscheidungsfähigkeit ist die Eigenschaft, die hier ganz dringend gebraucht wird, sonst vergessen wir, wer wir in der Tiefe sind, und halten uns für die Person, die sich an der Oberfläche zeigt.

Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen werden oft als Wunsch in meiner psychologischen Beratung genannt. Die meisten Menschen verwenden diese Begriffe, ohne sich zu vergegenwärtigen, was sie eigentlich bedeuten. Daher wissen sie auch nicht, was zu tun ist, um ihr Ziel zu erringen. Nur wenn wir uns unseres Selbst bewusst sind, können wir ihm vertrauen. Und nur, wenn wir ihm vertrauen, werden wir ihm folgen. Stattdessen hat eine erschreckend große Anzahl der Leute keine Ahnung, wer sie sind.

Wozu führt diese Selbst-Vergessenheit?

Wir leben an uns vorbei. Wir erfüllen äußere Anforderungen und anderer Leute Bedürfnisse, statt unser Selbst in die Welt zu bringen und dabei unsere einzigartigen Gaben zu verwirklichen. Wenn wir uns aber daran erinnern, wer wir sind – und diese Möglichkeit geht niemals verloren – dann haben wir immer die Wahl, ob wir danach leben wollen oder nicht. Die Treue zu unserem Selbst, die Selbst-Treue, ist unser freier Wille. Wir können uns auch gegen sie entscheiden. Anscheinend ehrenwerte Gründe können dafür benannt werden, das eigene Selbst zu verraten: die viel gepriesene Solidarität gleich vorneweg, das Wohl anderer vor dem eigenen, der Gemeinschaftssinn, blablabla.

Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der die Menschen sich selbst verraten müssen, um sich gut einfügen zu können. Wer sich selbst verrät, verliert seine Selbst-Achtung. Möglicherweise ist das von bestimmten Kräften so gewollt. Mit einem Menschen ohne Selbst-Achtung kann man letztlich alles machen, weil er abhängig ist. Er benötigt dauernd Bestätigung von außen wie ein Junkie, der ständig die Dosis steigern muss, um seinen Kick zu erhalten. Für diese Anerkennung tut er alles und verrät dabei immer mehr sein Selbst, wodurch die Selbst-Achtung weiter sinkt. Das ist ein Teufelskreis. Und bei diesen sich selbst verstärkenden Spiralen hilft immer nur eins: Sie setzen beherzt einen Fuß dort heraus. Während Sie im Hamsterrad einfach weiter rennen, kommt es nie zum Stillstand. Vielleicht ist weniger Mut erforderlich als Sie denken, und wenn doch, lohnt sich der Einsatz.

Jede noch so kleine Handlung, die dem Inneren im Wesen entspricht, ist Balsam für die Seele. Damit würdigen Sie die Mühe, die sich Ihre Seele gemacht hat, um geboren zu werden, damit sie Ihr Selbst in die Welt bringen kann. Sie hatte gute Gründe dafür, das genau hier zu tun. In Ihrer Einzigartigkeit können Sie einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit an diesem Punkt der Geschichte leisten. Nicht im Mittelalter und nicht in 500 Jahren, sondern genau jetzt.

Lauschen Sie in sich hinein, welche Werte Ihre eigenen sind, und lassen Sie aufgepfropfte Weltanschauungen los. So erlangen Sie Selbst-Bewusstsein. Sie müssen ja nicht gleich zum Gesetzlosen werden wie in einem amerikanischen Western. Wählen Sie mit Bedacht, wo Sie damit beginnen, Ihr wahres Wesen behutsam ans Licht der Welt zu bringen. Sie würden ein Kind auch nicht im Supermarkt gebären. Es ist wichtig, dass die Umgebung und das Umfeld dem Geschehen gemäß sind.

Machen Sie Erfahrungen. Lernen Sie aus den unangenehmen und schöpfen Sie Zuversicht aus den angenehmen. So bauen Sie Ihr Selbst-Vertrauen auf. Fangen Sie damit an, sich selbst treu zu sein. Jeden Tag ein bisschen mehr. Die so errungene Selbst-Achtung macht Sie unabhängig und frei, Ihr Leben nach Ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Warum ich so viel Wert auf den präzisen Einsatz von Worten lege? Sprachliche Genauigkeit ist bedeutsam für psychologische Fragestellungen. Ich möchte damit einen Aufruf senden: Lassen Sie sich nicht verwirren von einem Mangel an Trennschärfe bei der Beschreibung ganz wesentlicher Begriffe. Internet-Lexika sind nicht das Maß der Dinge. Hinterfragen Sie Definitionen und treffen Sie notfalls lieber Ihre eigenen. Sprache ist elementar. Sie dient uns dabei, innere Landkarten zu erstellen, an denen wir uns bei unserer Entwicklung entlangtasten. Kaum eine Sprache hat so eine Klarheit in den Details wie die deutsche. Wir lassen sie uns von schicken Fremdwörtern nicht nehmen.

Text: Petra Weiß
Foto: Alexandra H. / pixelio.de

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All-gemeine Argumente

Schreibkunst Texter Schriftsteller

Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…
Klappe die zweite.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir sprachliche Tricks und Kniffe, die Ihnen täglich in Ihrem privaten und dienstlichen Umfeld begegnen und die Sie möglicherweise manchmal unbewusst auch selbst verwenden.

Arthur Schopenhauer hat 38 rhetorische Kunstgriffe aus antiken Diskussionen in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ notiert. An diesem Manuskript hangeln wir uns entlang.

Ich verwende ein Beispiel, dass viele von Ihnen vielleicht aus dem eigenen Erleben kennen: das alltägliche Machtspiel am Esstisch. Eine wohlmeinende Mutter besteht darauf, dass ihr Kind etwas verspeist, was dieses partout nicht will.

Die erste Runde des Wortgefechts lesen Sie im BeitragScheinargumente mit Tradition“.

Schauen wir doch einmal, wie die Debatte weitergehen könnte…

Den Rahmen erweitern. Eine recht einfache und damit auch leicht durchschaubare Taktik ist die der Erweiterung. Nehmen wir an, das spinathassende Kind müsste sich gegen die Ernährungserziehung durchsetzen, könnte es zu diesem Trick greifen:

„Grünes Gemüse ist nicht gesund für mich. Erst gestern hatte ich üble Bauchschmerzen nach dem Brokkoli!“

Es geht also gar nicht mehr um den Spinat im Besonderen, sondern um die Eingruppierung des Spinats in die Kategorie „grünes Gemüse“ – mit dem Ziel, das mütterliche Ernährungskonzept zu umgehen.

All-gemein. Geschickt wäre es, wenn der Sohn vorher seine Mutter dazu bringen könnte, eine Verallgemeinerung zu gebrauchen. Das ist gar nicht so schwer, weil wir oft reflexhaft antworten. Unser Verhalten ist vorhersehbar und dadurch gut zu lenken.

Der Junge könnte einfach behaupten „Rotes Gemüse ist gesund!“ Die Mutter freut sich ja, wenn der Zögling das Grünzeug mag, und nutzt die scheinbare Gelegenheit, ihren Spinat zu bewerben. Sie würde vermutlich drehbuchgemäß retournieren „Grünes Gemüse ist auch gesund!“. Schon hätte das Kind die Mutter genau da, wo sie selbst die Erweiterung in den Raum stellt. Dann kommt der Brokkoli zum Einsatz. Touché!

Ein Gegenbeispiel reicht. Das Terrain der Verallgemeinerungen ist glitschig wie ein lehmiger Abhang nach einem Gewitterregen. Sie sind selten wahr. Wenn man den Gegner zu einer pauschalen Aussage nötigen kann, ist dieses Match schon entschieden. Jede noch so unbedeutende Ausnahme dient als „Brokkoli in der Hinterhand“. Ein einziges Gegenbeispiel entkräftet die Aussage und lässt den Sprecher wie einen Lügner dastehen. Das reicht dann für Spiel, Satz und Sieg.

Text: Petra Weiß
Foto: knipseline / pixelio.de

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Scheinargumente mit Tradition

Schreibkunst Texter Autor Redakteur

Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…
Klappe, die erste!

Schon in der Antike beschäftigten sich die Gelehrten damit, wie man auf verlorenem Posten Wortgefechte durch Ausweichmanöver, unsinnige Scharmützel und Verdrehung des Gesprochenen doch noch gewinnen kann.

Arthur Schopenhauer (1788-1860) hat die überlieferten Gespräche der griechischen Philosophen eingehend untersucht. Ihm sind wiederkehrende Muster aufgefallen, mit denen sie versuchten, Recht zu bekommen, auch wenn sie nicht richtig lagen. Sein schlaues Buch “Die Kunst Recht zu behalten” ließ er in der Schublade. Es wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Möglicherweise wollte Schopenhauer vermeiden, dass sich die Kniffe der Sprachkunst verbreiten. Es ist trotzdem geschehen. Wir begegnen ihnen jeden Tag. Aus meiner Sicht wird es Zeit, dass die Allgemeinheit erfährt, mit welchen teils plumpen, teils raffinierten Beeinflussungen sie gelenkt wird.

Manipulative Muster aufzudecken, schützt uns davor, ihnen arglos auf dem Leim zu gehen. Und es bewahrt uns auch davor, sie unbewusst selbst anzuwenden.

Mich fasziniert es, wie ausgeklügelt manche Taktiken sind, mit denen Menschen sich gegenseitig übers Ohr hauen. Gleichzeitig bin ich immer wieder erstaunt, mit welch einfachen Taschenspielertricks das ebenfalls gelingt.

Tauchen Sie mit mir ein in die vielschichtige Welt der Masken und Täuschungen.

In der Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ hangeln wir uns inhaltlich an dem Manuskript entlang, das in Schopenhauers Nachlass gefunden wurde. Dass er noch keine Überschriften hinzugefügt hatte, legt den Schluss nahe, dass seine Gliederung noch nicht fertig gewesen ist. Daher erlaube ich mir, ein paar Feinheiten zu verändern. Die Reihenfolge entspricht nicht immer dem Original. Hier und da fasse ich mehrere Kunstgriffe zu einem Punkt zusammen.

Erinnern Sie sich an unsere Gemüse-Debatte zur Mittagsmahlzeit? Wir bleiben bei dem Beispiel. Hier also frisch auf den Tisch die ersten Kunstgriffe aus der Trickkiste der Wortjongleure:

Scheinargumente mit Tradition.

Vielleicht wird die Mutter ihr Kind emotional unter Druck setzen, damit es sein Gemüse verzehrt: „Die Mama muss sich Sorgen um deine Gesundheit machen, wenn du den Spinat nicht isst.“ oder sie beruft sich auf eine Autorität: „Der Onkel Doktor hat gesagt, dass du Spinat essen sollst.“ Oder sie verbindet beide Varianten: „Der Papa ist traurig, wenn du den Spinat nicht isst.“

Beliebt ist auch immer wieder das Mitleidsargument „Jetzt habe ich mir so viel Mühe mit dem Essen gegeben, und du lässt es einfach stehen.“

Den Gemeinschaftssinn anzusprechen, kann ebenfalls beeindruckend sein „Dein Bruder und ich, wir lieben Spinat.“ Artverwandt ist das Isolationsargument „Du bist der einzige in unserer Familie, der keinen Spinat mag.“

Motivation und Drohung liegen nah beisammen in einer Wenn-dann-sonst-Andeutung wie „Wenn du den Spinat isst, wirst Du groß und stark…“ Als würde das Kind jämmerlich verkümmern, wenn das Grünzeug auf dem Teller bliebe.

Der Zögling kann dann mit einem Traditionsargument kontern „Ich habe doch noch nie Spinat gegessen!“ Das ist schon ein bisschen platt, aber solche schlichten Totschläger sind erfahrungsgemäß verblüffend wirksam.

Arthur Schopenhauer hat insgesamt 38 Kunstgriffe beschrieben. 18 davon habe ich bereits für kommende Beiträge für Sie ausgearbeitet. Viel Spaß beim Entdecken der alltäglichen “Schopenhauereien”, die Ihnen bei Ihren eigenen und den Reden der anderen begegnen werden!

Text: Petra Weiß
Foto: SueSchi / pixelio.de

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Heilpraktiker psychologische Beratung Weinheim

Die eigenen Bedürfnisse dürfen bei unserer Lebensgestaltung an erster Stelle stehen. Oft erfüllen wir stattdessen anderer Leute Erwartungen und Wünsche. Das geschieht nicht immer freiwillig. Häufig durchblicken wir unterschwellige Botschaften gar nicht, von denen wir uns beeinflussen lassen.

Damit ist jetzt Schluss. In der Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ erforschen wir gemeinsam die bunte Palette der Redensarten, mit denen Emotionen gesteuert, Stimmung gemacht, Meinung gelenkt und Verhalten beeinflusst werden kann.

Seit Generationen werden bestimmte Berufsgruppen mit Wissen über die Redekunst ausgestattet. Verkäufer, Politiker, Führungskräfte, Juristen, PR-Manager und Werbetreibende, aber auch Therapeuten und Journalisten sind darin ausgebildet, wie man sich der Macht des Wortes bedient. Wenn sie ihren Einfluss im Dienste der Menschen nutzen, ist dagegen nichts einzuwenden. Sind ihre Absichten jedoch fraglich oder bösartig, tun wir gut daran, ihre Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen.

Grenzenloses Vertrauen ist ebenso unangebracht wie zwanghaftes Misstrauen. Eine gesunde Wachsamkeit soll durchaus schon mal berechtigt gewesen sein.

Es wird höchste Zeit, die Trickkiste der Wortakrobaten vor aller Augen zu öffnen. Die Kniffe zu kennen, schützt uns vor ihrem unlauteren Gebrauch. Wir können einordnen, welchen Winkelzug unser Gegenüber gerade anwenden will. Oder wenn wir selbst aus Versehen in Begriff sind, unsere schöne Sprache auf diese Weise zu entehren.

Starten wir mit einer Klärung, als was wir hier Manipulation betrachten wollen und wie sie sich von der alltäglichen Beeinflussung unterscheidet.

Nicht jeder Versuch, Ihrer Meinung oder Ihrem Verhalten eine Richtung zu geben, ist als Manipulation zu werten. Nach meiner Lesart hat Manipulation im Grunde etwas mit verschleierten Absichten und undurchsichtigen Beweggründen zu tun. Schauen wir erst einmal, was keine Manipulation ist.

Überzeugen – überreden – überrumpeln.

Will eine Mutter beispielsweise ihrem Nachwuchs den Verzehr von Gemüse nahebringen, wird sie all ihre Überzeugungskraft zum Wohle des Kindes einsetzen. Wenn das nicht fruchtet, wird sie versuchen, den Zögling zu überreden. Vielleicht wird sie ihre Argumente wiederholen oder neue Vorzüge des Gemüseessens hervorbringen. Am Schluss wird sie möglicherweise etwas Grünzeug unter die geliebte Lasagne mischen. Vielleicht lässt der Bub oder das Mädchen sich auf diese Art zum Kosten verleiten.

Ist das Manipulation? Nein. Dem Kind und der Mutter ist vollkommen klar, was sie von ihm will und warum ihr das so wichtig ist. Das Kind soll Gemüse essen. Damit es gut gedeihen kann. Diese Form der Beeinflussung kann man nicht als Manipulation einstufen, weil Beweggründe und Absichten offensichtlich sind. Der Verschleierungscharakter fehlt.

Schmeckt Ihnen die Gemüse-Debatte? Hoffentlich. Das Alltagsbeispiel dient mir nämlich in den kommenden Folgen dazu, Ihnen den Facettenreichtum häufig verwendeter Manipulationstechniken lebensnah aufzuzeigen.

Text: Petra Weiß
Foto: Gerhard Hermes / pixelio.de

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Petra Weiß ist Herausgeberin der Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst”. Ihr Anliegen ist es, mit Ihrer Schreibkunst etwas mehr Aufrichtigkeit in die Welt zu bringen. Diese Absicht verwirklicht sie über Ihre Beiträge und über psychologische Beratungen in ihrer Sprechstunde. Sie ist als Heilpraktikerin in Weinheim niedergelassen.