Der Second Hand Shop in uns

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich hobbymäßig mit Mode. Wer meinen Veröffentlichungen folgt, hat schon Anklänge davon gefunden. Gerade ist mir klar geworden, warum ich vor allem Schätzchen aus zweiter Hand so anziehend finde.

Man könnte meinen, dieses Steckenpferd drehte sich um Schnäppchenjagd, um Nachhaltigkeit oder darum, das Besondere zu entdecken. Mag sein, dass all das eine Rolle spielt. Aber im Grunde geht es mir auch bei meinen privaten Interessen um Selbstausdruck und Wertschätzung.

Anlass für diesen Beitrag ist die Aktion einer Modebloggerin. Sie hat Ihre Kolleginnen ermutigt, in ihren eigenen Kleiderschränken 2nd Hand shoppen zu gehen. Wie soll man sich das vorstellen?

Die stilbewussten Damen fischen aus Koffern und Kisten, von Regalen und Kleiderstangen sogenannte Schrankhüter. Das sind Teile, die man zwar schon ewig nicht mehr trägt, von denen man sich aber dennoch nicht trennen kann. Vielleicht kennen Sie so etwas. Das Auffinden von Ungetragenem ist an sich noch nichts Aufregendes. Berichtenswert finde ich, dass der Auftrag lautete, diese Stücke in zeitgemäße und tragbare Outfits zu integrieren.

Ich denke in Analogien und betrachte solche Dinge immer auf der psychologischen Ebene. Worum geht es hier im übertragenen Sinne? Teile, die zu uns gehören, aber nicht genutzt werden, betten wir sinnvoll ein, damit sie uns dienen können. Das erinnert mich an abgespaltene Persönlichkeitsanteile, die integriert werden wollen. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Spaltung im Außen, in unserer Gesellschaft, nur überwinden, wenn jeder von uns seine innere Spaltung bewusst angeht. Daher hat mich der Ansatz sehr berührt.

Was einmal für wert befunden wurde, zu uns zu gehören, darf einen Platz haben. Das Vorhandene mit ein paar Tricks gut unterzubringen, macht mehr Mühe, als es durch etwas Neues zu ersetzen. Das hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Nimmt man die genannte Analogie, geht es hier um einen Weg in die Selbst-Wertschätzung.

Natürlich kann bei der Aktion auch herauskommen, dass ein Teil nie wirklich passend war, sondern wir einer Mode nachgelaufen sind. Das wäre auch eine hilfreiche Erkenntnis. Dann verabschieden wir uns mit Dank und Wertschätzung. Schließlich hat uns das Teil jetzt gezeigt, wie wir nicht sind. Diese Einsicht ist kostbar. Wir werfen es nicht in den Müll. Vielleicht bieten wir es im Freundeskreis an oder bringen es in einen Second-Hand-Laden.

Machen Sie sich doch einmal auf die Suche nach solchen Kleidungsstücken in Ihrer Garderobe. Während Sie ausprobieren, wie Sie ein altes Teil in ein schickes Ensemble einbetten, regt das Ihr Unterbewusstsein dazu an, Seelenanteile wieder in die Ganzheit Ihrer Persönlichkeit einzubinden, die bisher ein Schattendasein führten. Weniggetragenes kann andererseits auch ein klares Nein in uns hervorrufen und dient so der inneren Abgrenzung gegen Unpassendes. Wir haben weder Leistungsanspruch noch Zeitdruck. Beginnen Sie mit einer einfachen Übung, nicht mit dem Meisterstück. Starten Sie mit einem Tüchlein oder einer Krawatte, nicht mit dem Hochzeitskleid oder der Ledertasche aus Studienzeiten oder mit der Taschenuhr aus dem Erbe ihres Onkels. Dann erleben Sie auf spielerische Weise einen Vorgang der Unterscheidung zwischen „gehört zu mir“ und „gehört nicht (mehr) zu mir“.

Dass Persönlichkeitsanteile in den Hintergrund getreten sind, kann vielerlei Gründe haben. Oft wird uns eine Eigenschaft als Kind aberzogen, weil sie unbequem für die Erwachsenen ist oder weil Eltern glauben, sie würde später Probleme mit sich bringen. Entdeckerfreude, Bewegungsdrang oder Willensstärke sind beispielsweise solche Eigenheiten. Neugierde gehört ebenfalls zum gesunden Kindsein. Hartnäckiges Hinterfragen hat schon so manches Elternteil genervt. „Warum, warum, warum?“, kann einem zugegebenermaßen den letzten Nerv rauben. Das Gegenteil ist aber in seinen Folgen auch nicht erstrebenswert: Was passiert, wenn wir die Gegebenheiten nicht mehr hinterfragen, sehen wir allerorts.

Besonderheiten, die in unserer Kindheit unerwünscht waren, können uns im Erwachsenenalter durchaus dienen. Kleidung kann ein Wegweiser zu den verschütteten Eigenarten sein. Daher lohnt sich ein Blick in die Entwicklung unserer Garderobe zuweilen. Haben Sie noch Kinderbilder im Zugriff? Betrachten Sie Ihre Kleider von damals. Finden Sie alte Vorlieben wieder – Farben, Schnitte, Muster, Stoffe? Wann haben Sie aufgehört, solche Sachen zu tragen? Oder gibt es sie noch?

Warum sollten Sie sich mit Ihrer „zweiten Haut“ befassen?

Lösungen für Alltagsprobleme zu finden, führt zu einem Erleben der eigenen Fähigkeit und Begabung, mit Herausforderungen umzugehen. Das kann man natürlich auf allen möglichen Gebieten üben. Manche stellen sich gerne handwerklichen Aufgaben. Wer schon einmal ein Haus renoviert, ein Möbelstück restauriert oder so etwas selbst gebaut hat, weiß wovon ich spreche. Dabei werden auf ganz natürliche Weise unsere Fähigkeiten geschult, Entscheidungen zu treffen, mit Unerwartetem umzugehen, Niederlagen zu verkraften, sich den Gegebenheiten anzupassen, über Umwege zum Ziel zu gelangen und vieles mehr. Kleidung als Interessengebiet für solche Übungen ist im Wortsinne naheliegend. Wir alle haben damit täglich zu tun.

Also zurück in die Ankleide: Die Wertschätzung für vergessene Hüte, Hosen oder Hemden in den dunklen Gefilden des Schranks, dient unserer Achtung vor den unbeleuchteten Ecken unserer Seele. Vielleicht müssen wir sie gar nicht leugnen oder ausgrenzen. Möglicherweise lassen sie sich heute in unser Leben viel gewinnbringender einbinden, als wir denken. Probieren Sie es aus.

Während Sie Ihren abgeliebten Poncho betrachten, fragen Sie sich: „Womit verbinde ich dieses Kleidungsstück?“, „Was bedeutet es mir?“. Vielleicht fallen Ihnen bestimmte Ereignisse ein, zu denen Sie den Fummel vor 20 Jahren getragen haben. Welche Gefühle rufen diese Erinnerungen hervor? Gibt es da noch etwas zu befrieden? Oder wollen Sie im Gegenteil, die Zeit an der Stelle anhalten, weil sie so schön war? Nehmen Sie sich für diese Fragen Zeit.

Solche inneren Betrachtungen führen zu mehr Verständnis, wenn man sie aufrichtig anstellt. Dann erklären sich die Gründe, die Schrankleiche nicht zu tragen, ebenso schlüssig wie das Nicht-Loslassen derselbigen.

Eine alte Motorrad-Jacke ist möglicherweise schon seit 10 Jahren zu eng, um sie zu schließen. Und seit 5 Jahren hat man keine Runden auf zwei Rädern mehr gedreht. Warum bleibt sie ungenutzt im Schrank? Hat das gute Stück die Freiheit konserviert, die mir einst beim Biken zuteil wurde? Vielleicht lasse ich die Jacke einfach offen, ich brauche mich ja beim Stadtbummel oder in der Kneipe nicht vor dem Fahrtwind zu schützen. Wenn man will, findet man Möglichkeiten. Sogar bürofein kann ich die Lederjacke kombinieren, z.B. mit Bleistiftrock und Bluse. Biker-Look und Romantik? Geht auch: Man kann die Jacke zum Blumenkleid tragen, wenn man der Blümchen-Typ ist und ein Rocker-Gen besitzt. Ein gekonnter Stilmix macht das Outfit spannend – vorausgesetzt, man hat beide Stilanteile in der eigenen Persönlichkeit. Dann dient er dem authentischen Selbstausdruck. Sonst wirkt das eher albern. Hier ist die Frage, ob der jeweilige Stil wirklich zu mir gehört, wesentlich.

Das Leo-Kleid im Allover-Print trage ich niemals, weil es meinem klassisch-sinnlichen Stil nicht entspricht. Wenn ich solche Teile trotzdem immer wieder kaufe, kann das ein Hinweis darauf sein, dass etwas in mir wilder ist, als ich gemeinhin zu erkennen gebe. War ich als Kind eine unerschrockene Wikingerin, der kein Baum zu hoch war? Bin ich mit 10 aus dem Kirschbaum gefallen, habe mir die Schneidezähne ausgeschlagen und einen gehörigen Schreck erlebt, so dass ich fortan meine Abenteuerlust gemäßigt habe? Vielleicht kann ich diese wilde Seite in einer altersgemäßen Weise wiederbeleben. Man muss ja nicht gleich auf Bäume klettern. Eine winzige Dosis Animalprint als Applikation am Schuh oder als dezentes Tuch an der Handtasche setzen vielleicht den letzten Mosaikstein für ein rundes Bild, das alle Facetten der Persönlichkeit zeigt.

Wenn ich eine höhere Dosis Tierisches vertrage, kann ich die Wildkatze durch einen Blazer zähmen und mithilfe von Perlenschmuck veredeln, so dass sie für den klassischen Stiltyp (er-)tragbar wird. Andere Stiltypen würden dem Raubtier mit einer lässigen Jeansjacke und einfachen Turnschuhen eine gute Portion Bodenständigkeit verleihen.

Verstehen Sie das Prinzip?

Was uns gestern lieb und teuer war, darf bleiben und wird dem heutigen Stand der Entwicklung angemessen integriert. So erfährt es eine Würdigung, die sich weit über die Auswahl und den Einsatz unserer Kleidung hinaus erstreckt.

Ich wünsche uns allen, dass wir das Eigene wieder mehr zu schätzen lernen und es geschmeidig in unser Selbstbild einfügen, um unsere Einzigartigkeit angemessen in die Welt zu bringen.

Viel Freude bei Ihren Versuchen, mit Kleidung oder anderen kreativen Ansätzen gestalterisch ihren authentischen Selbstausdruck zu finden.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.