Nur zum Besten

Praxis Lichtblick

Wenn ich mir Gedanken darüber mache, wohin die Menschheit gerade läuft, fallen mir Muster im Alltäglich auf, die sich auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen übertragen lassen. Darf ich Sie zu einer kleinen Analogie einladen?

Im Sommer hat mein Haus einen neuen Anstrich bekommen. Und viel mehr als das: Die Stätte meines Wirkens und Wohnens wurde meinem Stil angeglichen. Als klassisch-sinnlicher Typ mag ich es echt und harmonisch. Darum ist der Sandstein jetzt wieder sandsteinfarben und nicht mehr grau. Der schöne Bruchsteinsockel wurde von dem unpassenden Verputz befreit und restauriert. Briefkasten und Klingelknopf sind gegen geschmackvollere Varianten ausgetauscht worden. Das ehrwürdige Gebäude erfährt auf diese Weise eine Renaissance. Und zwar nicht, weil es eine kostbare Villa ist oder ein schickes Loft, sondern weil es genau das alte Bauernhäuschen ist, als das es 1891 erbaut wurde.

Verstehen Sie die Bedeutung, die diese Rückkehr zum Ursprung für mich hat? Meine Vorbesitzer hatten versucht, aus dem altmodischen Schätzchen eine moderne Doppelhaushälfte zu machen. Das zugemauerte Fenster in der Praxis und mein Badezimmer mit großen Kacheln in leuchtendem Orange zeugen noch von dem Gewaltakt. Das Fenster wird in den Weihnachtsferien „rückgebaut“. Fürs Bad liegen Ornament-Fliesen in Anthrazit und gebrochenem Weiß bereit. Schritt für Schritt kehrt der alte Charme zurück.

Anpassungen an den Zeitgeist, welche das Wesentliche nicht achten, zerstören die Harmonie. Es geht nicht darum, sich dem Fortschritt zu verweigern. Ich heize mit Gas und bin froh, dass überall fließend warmes Wasser läuft. Mein Anliegen ist es, das Wesen zu erkennen, wertzuschätzen und zu seiner Entfaltung zu verhelfen.

Was für so ein Haus gilt, trifft auch auf dem Menschen zu. Jeder von uns ist einzigartig. In seinem Wesenskern ist nichts grundsätzlich Falsches, das verbessert werden müsste. In jedem liegt ein Schatz mehr oder weniger verborgen. Diese Schätze zu heben, ist das große Abenteuer der Persönlichkeitsentwicklung. Modern könnte man von Potentialentfaltung sprechen. Ich verwende lieber Begriffe wie „Selbst-Erkenntnis“ und „Selbst-Treue“. Voraussetzung ist das Bewusstwerden unseres Selbst. Das „Selbst-Bewusstsein“ im Wortsinne.

Niemand muss seinen genetischen Code verbessern, um etwas anderes aus sich zu machen als das, was er von Natur aus ist. Die Schöpfung irrt nicht. Was für eine überhebliche Anmaßung meinem Empfinden nach in genetischen Experimenten liegt, kann ich gar nicht in Worte fassen. Der Entwicklungsstand unserer Ethik steht hinter den technischen Möglichkeiten leider weit zurück. Ich hoffe, dass sich das ändern wird, bevor wir die Menschheit im Machbarkeitswahn zugrunde gerichtet haben.

Die ungesunde Entwicklung zeichnet sich schon länger ab. Wir schnippeln am Leib herum, wie es uns beliebt, hier ein bisschen mehr Brust, dort ein bisschen weniger Nase. Welch Geistes Kind sind Schönheitsoperationen? Außer zum Wiederherstellen des Naturgegebenen z. B. nach einem Unfall. Hat Gott seinen Job nicht gut gemacht? Nicht gut genug? Wie wollen wir jemals mit unserem menschlichen Tun Zufriedenheit erlangen, wenn wir sogar die Natur verbessern müssen?

Glauben Sie, Schönheitsoperationen seien etwas für reiche Spinner? Das Anpassen von körperlichen Merkmalen an ein Ideal ist alltäglicher, als Ihnen vielleicht bewusst ist. Es ist vollkommen normal geworden, Kinder mit Zahnspangen zu quälen, damit sie später ein perfektes Lächeln zeigen können. Wie sehr ihnen das Lachen dabei vergeht, interessiert die geschäftstüchtigen Kieferorthopäden nicht an erster Stelle. Den besorgten Eltern erzählt man, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt, dass sein Kiefer zu schmal sei oder dass der Biss nicht dicht genug schließe. Die Behandlung wird als einziger Weg angepriesen, um dem Kind eine menschenwürdige Zukunft zu ermöglichen. Wer will seinem Sprössling das Lebensglück verweigern? Also legt man 5.000 Euro und mehr auf den Tisch, um viele Monate der Zahnfleischentzündungen und gestörter Sprachentwicklung auf den Weg zu bringen.

Mir sind einige Patienten begegnete, deren Zähne sich nach der Tortur den Weg zurück in die ursprüngliche Form gesucht haben oder die mit der kompletten Statik Probleme haben, die immer wieder korrigiert werden müssen. An so einem Kiefer hängt nämlich ein ganzer Mensch. Die medizinischen Notwendigkeit oder die Nachhaltigkeit des Nutzens will ich hier aber nicht diskutieren. Dazu fehlt mir die zahnmedizinische Expertise. Mir geht es um die psychologische Auswirkung solcher Eingriffe.

Wir zeigen unseren Kleinsten schon früh, dass sie ungenügend sind. Ihr Körper muss gewaltsam zurechtgebogen werden. Dass sie dabei dauerhaft Schmerzen haben, müssen Sie ausblenden, um sich beispielsweise auf die Schule konzentrieren zu können. Auf diese Weise wird die Spaltung des Bewusstseins vom Körper kultiviert. Später wundern wir uns, warum wir uns nicht mehr spüren, warum wir beispielsweise unser Hunger- und Sättigungsgefühl nicht wahrnehmen oder gar nicht merken, dass wir durstig sind oder aufs Klo müssen und warum wir generell unsere eigenen Grenzen nicht beachten.

Dies ist kein Angriff auf einzelne Eltern oder Ärzte, die es gut gemeint haben. Es ist ein Hinweis auf merkwürdige Erscheinungen in unserer Gesellschaft, die für die meisten von uns normal geworden sind und nicht mehr hinterfragt werden.

Mir hat es fast das Herz gebrochen, einen Neunjährigen dabei zu erleben, wie er sich verzweifelt bemüht, mit dem Metall und Plastik im Mund zu sprechen. Genau zu der Zeit, wenn in der Entwicklung die Vernunft erwacht und die Begriffsbildung den Bewusstseinsprozess unterstützt, verdammt man die kleinen Menschen dazu, Unverständliches zu nuscheln. Und das soll zu ihrem Besten sein? Ehrlich?

Viele von uns haben jegliches gesundes Empfinden für das eigene Wohl und damit auch für das Wohl unserer Kinder verloren. Statt auf unseren Körper hören wir auf Autoritäten, die uns sagen, was wir zu ertragen haben. Weil wir uns nicht mehr spüren, kann man uns vorzüglich beeinflussen. Wenn etwas ansprechend klingt, werden wir es glauben. Wir prüfen Worte nicht mehr an der Realität. Würden wir Aussagen über einen Sachverhalt an der Wirklichkeit, also an der Wirkung des Tatsächlichen auf unser Erleben, messen, würde uns bewusst, wie absurd manch Wohlklingendes in Wahrheit ist. Uns kann man alles erzählen. Es muss sich nur gut anhören.

Der Weg zurück in ein gesundes Leben beginnt bei der Verbindung zwischen Körper und Bewusstsein. Das ist die erste Spaltung, die wir überwinden müssen, bevor wir uns über weitere Spaltungen Gedanken machen. Deshalb sind Übungen so kostbar, die Bewusstsein in die Materie, in diesem Fall in den Leib, bringen und so die Verbindung stärken. Solche Übungen können sich auch auf ganz praktische Dinge beziehen, wie beispielsweise eine Renovierung.

Ich komme also zurück zu dem Haus. Kaum haben mein Mann und ich begonnen, unser Bewusstsein als gestalterische Kraft in das Gebäude zu bringen, werden rings um uns Veränderungen sichtbar. Drei Häuser in der Nachbarschaft (von insgesamt 17 Häusern in dieser Straße!) haben gerade den Besitzer gewechselt, ein weiterer Wechsel ist in Vorbereitung. Jede einzelne ist eine Veränderung zum Besseren. Mir kommt es vor, als hätten wir eine weiträumige Bewegung angestoßen.

Die Dunkelheit in meinem Hof ist durch den weißen Anstrich gelichtet und zeitgleich wurde auf dem benachbarten Grundstück der Nadelbaum gefällt, so dass alle Schatten wichen. Eine überschattete Nachbarschaft löst sich durch Eigenbedarf des neuen Besitzers ebenso in Wohlgefallen auf. Mit den bevorstehenden Umbaumaßnahmen wird die junge Familie mehr Leichtigkeit und Lebendigkeit in das Haus bringen. Der Feng-Shui-Berater würde frohlocken. Drei angrenzende Grundstücke – eine Bewegung zum Licht. Die neuen Eigentümer eines anderen Anwesens in unserer Straße teilen unsere Freude am Ursprünglichen und gaben ihre Pläne zur „Retro-Renovierung“ bekannt. In dem Haus wohnten vorher Leute, die niemals jemanden gegrüßt hatten. Jetzt war die ganze Nachbarschaft bei den „Neuen“ schon zu Brezeln und Sekt im Hof eingeladen.

Wenn so ein energetischer Stein einmal ins Rollen geraten ist, zieht er Entwicklungen nach sich, die man nicht zu hoffen gewagt hätte. Und alles begann mit unserer Fassade und der Besinnung auf das wahre Wesen eines Hauses.

Wenn wir das Bild übertragen wollen, besinnen wir uns auf das Wesentliche in uns. Fangen wir an, uns in diese Richtung zu entwickeln, unsere Einzigartigkeit herauszuarbeiten und unser Eigentliches in die Welt zu stellen. Dann ziehen wir damit andere Menschen an, die sich ebenfalls in Richtung Authentizität entwickeln (wollen). Und alle inspirieren und unterstützen sich gegenseitig.

Ihr Ansatz muss nicht so aufwändig sein. Halten Sie Ausschau nach dem Lebensbereich, den Sie mit Freude und Elan neu gestalten wollen. Orientieren Sie sich an Ihrem persönlichen Stil, nicht am Zeitgeist und erst gar nicht an den Erwartungen oder Vorstellungen anderer. Und dann: Legen Sie los. Ihre inneren Entwicklungen wollen sich im Außen zeigen. Ihr wahres Wesen drängt nach Verwirklichung. Dieses Äußern wiederum beflügelt die inneren Veränderungen, und so weiter.

Text und Foto: Petra Weiß

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

 

Der Second Hand Shop in uns

Texter, Schriftsteller, Essayist

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich hobbymäßig mit Mode. Wer meinen Veröffentlichungen folgt, hat schon Anklänge davon gefunden. Gerade ist mir klar geworden, warum ich vor allem Schätzchen aus zweiter Hand so anziehend finde.

Man könnte meinen, dieses Steckenpferd drehte sich um Schnäppchenjagd, um Nachhaltigkeit oder darum, das Besondere zu entdecken. Mag sein, dass all das eine Rolle spielt. Aber im Grunde geht es mir auch bei meinen privaten Interessen um Selbstausdruck und Wertschätzung.

Anlass für diesen Beitrag ist die Aktion einer Modebloggerin. Sie hat Ihre Kolleginnen ermutigt, in ihren eigenen Kleiderschränken 2nd Hand shoppen zu gehen. Wie soll man sich das vorstellen?

Die stilbewussten Damen fischen aus Koffern und Kisten, von Regalen und Kleiderstangen sogenannte Schrankhüter. Das sind Teile, die man zwar schon ewig nicht mehr trägt, von denen man sich aber dennoch nicht trennen kann. Vielleicht kennen Sie so etwas. Das Auffinden von Ungetragenem ist an sich noch nichts Aufregendes. Berichtenswert finde ich, dass der Auftrag lautete, diese Stücke in zeitgemäße und tragbare Outfits zu integrieren.

Ich denke in Analogien und betrachte solche Dinge immer auf der psychologischen Ebene. Worum geht es hier im übertragenen Sinne? Teile, die zu uns gehören, aber nicht genutzt werden, betten wir sinnvoll ein, damit sie uns dienen können. Das erinnert mich an abgespaltene Persönlichkeitsanteile, die integriert werden wollen. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Spaltung im Außen, in unserer Gesellschaft, nur überwinden, wenn jeder von uns seine innere Spaltung bewusst angeht. Daher hat mich der Ansatz sehr berührt.

Was einmal für wert befunden wurde, zu uns zu gehören, darf einen Platz haben. Das Vorhandene mit ein paar Tricks gut unterzubringen, macht mehr Mühe, als es durch etwas Neues zu ersetzen. Das hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Nimmt man die genannte Analogie, geht es hier um einen Weg in die Selbst-Wertschätzung.

Natürlich kann bei der Aktion auch herauskommen, dass ein Teil nie wirklich passend war, sondern wir einer Mode nachgelaufen sind. Das wäre auch eine hilfreiche Erkenntnis. Dann verabschieden wir uns mit Dank und Wertschätzung. Schließlich hat uns das Teil jetzt gezeigt, wie wir nicht sind. Diese Einsicht ist kostbar. Wir werfen es nicht in den Müll. Vielleicht bieten wir es im Freundeskreis an oder bringen es in einen Second-Hand-Laden.

Machen Sie sich doch einmal auf die Suche nach solchen Kleidungsstücken in Ihrer Garderobe. Während Sie ausprobieren, wie Sie ein altes Teil in ein schickes Ensemble einbetten, regt das Ihr Unterbewusstsein dazu an, Seelenanteile wieder in die Ganzheit Ihrer Persönlichkeit einzubinden, die bisher ein Schattendasein führten. Weniggetragenes kann andererseits auch ein klares Nein in uns hervorrufen und dient so der inneren Abgrenzung gegen Unpassendes. Wir haben weder Leistungsanspruch noch Zeitdruck. Beginnen Sie mit einer einfachen Übung, nicht mit dem Meisterstück. Starten Sie mit einem Tüchlein oder einer Krawatte, nicht mit dem Hochzeitskleid oder der Ledertasche aus Studienzeiten oder mit der Taschenuhr aus dem Erbe ihres Onkels. Dann erleben Sie auf spielerische Weise einen Vorgang der Unterscheidung zwischen „gehört zu mir“ und „gehört nicht (mehr) zu mir“.

Dass Persönlichkeitsanteile in den Hintergrund getreten sind, kann vielerlei Gründe haben. Oft wird uns eine Eigenschaft als Kind aberzogen, weil sie unbequem für die Erwachsenen ist oder weil Eltern glauben, sie würde später Probleme mit sich bringen. Entdeckerfreude, Bewegungsdrang oder Willensstärke sind beispielsweise solche Eigenheiten. Neugierde gehört ebenfalls zum gesunden Kindsein. Hartnäckiges Hinterfragen hat schon so manches Elternteil genervt. „Warum, warum, warum?“, kann einem zugegebenermaßen den letzten Nerv rauben. Das Gegenteil ist aber in seinen Folgen auch nicht erstrebenswert: Was passiert, wenn wir die Gegebenheiten nicht mehr hinterfragen, sehen wir allerorts.

Besonderheiten, die in unserer Kindheit unerwünscht waren, können uns im Erwachsenenalter durchaus dienen. Kleidung kann ein Wegweiser zu den verschütteten Eigenarten sein. Daher lohnt sich ein Blick in die Entwicklung unserer Garderobe zuweilen. Haben Sie noch Kinderbilder im Zugriff? Betrachten Sie Ihre Kleider von damals. Finden Sie alte Vorlieben wieder – Farben, Schnitte, Muster, Stoffe? Wann haben Sie aufgehört, solche Sachen zu tragen? Oder gibt es sie noch?

Warum sollten Sie sich mit Ihrer „zweiten Haut“ befassen?

Lösungen für Alltagsprobleme zu finden, führt zu einem Erleben der eigenen Fähigkeit und Begabung, mit Herausforderungen umzugehen. Das kann man natürlich auf allen möglichen Gebieten üben. Manche stellen sich gerne handwerklichen Aufgaben. Wer schon einmal ein Haus renoviert, ein Möbelstück restauriert oder so etwas selbst gebaut hat, weiß wovon ich spreche. Dabei werden auf ganz natürliche Weise unsere Fähigkeiten geschult, Entscheidungen zu treffen, mit Unerwartetem umzugehen, Niederlagen zu verkraften, sich den Gegebenheiten anzupassen, über Umwege zum Ziel zu gelangen und vieles mehr. Kleidung als Interessengebiet für solche Übungen ist im Wortsinne naheliegend. Wir alle haben damit täglich zu tun.

Also zurück in die Ankleide: Die Wertschätzung für vergessene Hüte, Hosen oder Hemden in den dunklen Gefilden des Schranks, dient unserer Achtung vor den unbeleuchteten Ecken unserer Seele. Vielleicht müssen wir sie gar nicht leugnen oder ausgrenzen. Möglicherweise lassen sie sich heute in unser Leben viel gewinnbringender einbinden, als wir denken. Probieren Sie es aus.

Während Sie Ihren abgeliebten Poncho betrachten, fragen Sie sich: „Womit verbinde ich dieses Kleidungsstück?“, „Was bedeutet es mir?“. Vielleicht fallen Ihnen bestimmte Ereignisse ein, zu denen Sie den Fummel vor 20 Jahren getragen haben. Welche Gefühle rufen diese Erinnerungen hervor? Gibt es da noch etwas zu befrieden? Oder wollen Sie im Gegenteil, die Zeit an der Stelle anhalten, weil sie so schön war? Nehmen Sie sich für diese Fragen Zeit.

Solche inneren Betrachtungen führen zu mehr Verständnis, wenn man sie aufrichtig anstellt. Dann erklären sich die Gründe, die Schrankleiche nicht zu tragen, ebenso schlüssig wie das Nicht-Loslassen derselbigen.

Eine alte Motorrad-Jacke ist möglicherweise schon seit 10 Jahren zu eng, um sie zu schließen. Und seit 5 Jahren hat man keine Runden auf zwei Rädern mehr gedreht. Warum bleibt sie ungenutzt im Schrank? Hat das gute Stück die Freiheit konserviert, die mir einst beim Biken zuteil wurde? Vielleicht lasse ich die Jacke einfach offen, ich brauche mich ja beim Stadtbummel oder in der Kneipe nicht vor dem Fahrtwind zu schützen. Wenn man will, findet man Möglichkeiten. Sogar bürofein kann ich die Lederjacke kombinieren, z.B. mit Bleistiftrock und Bluse. Biker-Look und Romantik? Geht auch: Man kann die Jacke zum Blumenkleid tragen, wenn man der Blümchen-Typ ist und ein Rocker-Gen besitzt. Ein gekonnter Stilmix macht das Outfit spannend – vorausgesetzt, man hat beide Stilanteile in der eigenen Persönlichkeit. Dann dient er dem authentischen Selbstausdruck. Sonst wirkt das eher albern. Hier ist die Frage, ob der jeweilige Stil wirklich zu mir gehört, wesentlich.

Das Leo-Kleid im Allover-Print trage ich niemals, weil es meinem klassisch-sinnlichen Stil nicht entspricht. Wenn ich solche Teile trotzdem immer wieder kaufe, kann das ein Hinweis darauf sein, dass etwas in mir wilder ist, als ich gemeinhin zu erkennen gebe. War ich als Kind eine unerschrockene Wikingerin, der kein Baum zu hoch war? Bin ich mit 10 aus dem Kirschbaum gefallen, habe mir die Schneidezähne ausgeschlagen und einen gehörigen Schreck erlebt, so dass ich fortan meine Abenteuerlust gemäßigt habe? Vielleicht kann ich diese wilde Seite in einer altersgemäßen Weise wiederbeleben. Man muss ja nicht gleich auf Bäume klettern. Eine winzige Dosis Animalprint als Applikation am Schuh oder als dezentes Tuch an der Handtasche setzen vielleicht den letzten Mosaikstein für ein rundes Bild, das alle Facetten der Persönlichkeit zeigt.

Wenn ich eine höhere Dosis Tierisches vertrage, kann ich die Wildkatze durch einen Blazer zähmen und mithilfe von Perlenschmuck veredeln, so dass sie für den klassischen Stiltyp (er-)tragbar wird. Andere Stiltypen würden dem Raubtier mit einer lässigen Jeansjacke und einfachen Turnschuhen eine gute Portion Bodenständigkeit verleihen.

Verstehen Sie das Prinzip?

Was uns gestern lieb und teuer war, darf bleiben und wird dem heutigen Stand der Entwicklung angemessen integriert. So erfährt es eine Würdigung, die sich weit über die Auswahl und den Einsatz unserer Kleidung hinaus erstreckt.

Ich wünsche uns allen, dass wir das Eigene wieder mehr zu schätzen lernen und es geschmeidig in unser Selbstbild einfügen, um unsere Einzigartigkeit angemessen in die Welt zu bringen.

Viel Freude bei Ihren Versuchen, mit Kleidung oder anderen kreativen Ansätzen gestalterisch ihren authentischen Selbstausdruck zu finden.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.