Entwicklungstrauma: Kinder psychisch gestörter Eltern

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Eltern meinen es in der Regel gut mit ihren Kindern. Sie haben einen natürlichen Beschützerinstinkt und sind mit ihrem Nachwuchs auf einer tiefen Ebene eng verbunden. Ihre Intuition weiß genau, was ein Baby braucht, auch wenn es sich noch sehr unspezifisch mitteilt. Mütter und Väter fühlen sich empathisch in die Kleinen ein und erleben ihre Freude oder ihr Leid hautnah mit.

Das trifft im Grunde auf alle seelisch gesunden Eltern zu. Sie machen bestimmt nicht alles richtig, einige gut gemeinte Erziehungsmaßnahmen richten sogar Schaden an. Aber prinzipiell wollen sie gut für ihre Zöglinge sorgen und ihnen ein gesundes Gedeihen ermöglichen, damit sie ein glückliches Leben führen können.

Menschen mit psychischen Erkrankungen müssen in ihrer Elternschaft nicht wesentlich beeinträchtigt sein. Das eine oder andere Trauma haben wir alle. Eine kleine Phobie oder eine depressive Verstimmung sind auch keine Hindernisse dafür, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Einige Störungen allerdings wirken sich auf die Fähigkeit zur Empathie aus und behindern damit das Entstehen einer stabilen Bindung. Wenn die Eltern ihre Emotionen nicht angemessen spüren oder nicht regulieren können, fehlt dem Kind die spiegelnde Lernmöglichkeit für diese Prozesse. Problematisch sind daher pathologische Formen von Narzissmus, Borderline-Störung, Schizophrenie und andere Psychosen. Wir kommen später noch zu ein paar ausgewählten Symptomen dieser Krankheitsbilder und ihren Auswirkungen auf die Kinder.

Bevor wir die vielfältigen Problemfelder näher beleuchten, möchte ich etwas Wesentliches klarstellen: Auch wenn Kinder psychisch gestörter Eltern es sicher schwerer haben als andere, können die meisten von ihnen das Leben viel besser meistern als man es in Anbetracht der Umstände für möglich halten würde. Einige finden zu einer seelischen Tiefe und Reife, die sie ohne ihr frühes Trauma vielleicht nie erreicht hätten. Und letztlich ist die Alternative dazu, in diese Familie hineingeboren zu werden nicht, andere Eltern zu haben, sondern gar nicht ins Leben zu kommen. Lassen Sie uns das im Hinterkopf behalten, wenn wir über die Schwierigkeiten reden, die solche Eltern – mit oder ohne Absicht – ihren Kindern bescheren.

Ein seelisch beeinträchtigter Elternteil

Wenn in einer Familie eine Person krank ist, kann das Gesamtsystem sich häufig über die gesunden Anteile regulieren. Das Kind lernt dann beispielsweise von dem gesunden Vater, dass die Ängste der neurotischen Mutter nicht übernommen werden müssen. Oder von der gesunden Mutter, dass die düstere Weltsicht des depressiven Vaters nur eine mögliche Perspektive ist und man auch eine andere einnehmen kann. Erlebt das Kind den Genesungsprozess eines Elternteils mit, kann diese Erfahrung seine eigene Resilienz stärken. Dann erlebt es, dass Beeinträchtigungen veränderlich sind und die Seele über eine beachtliches Heilungspotenzial verfügt.

Dramatischer wirken sich die Persönlichkeitsstörungen aus. Im Gegensatz zu den seelischen Erkrankungen gelten sie als so tief verwurzelt in der Persönlichkeit, dass sie „unheilbar“ sind. Da ich selbst von einer angeblich unheilbaren (körperlichen) Erkrankung schon vor Jahren genesen bin, stehe ich solchen Etiketten generell skeptisch gegenüber. Wir können uns darauf einigen, dass es persönlichkeitsprägende Erkrankungen gibt, die man schwer loslassen kann, ohne den Halt der eigenen Persönlichkeit aufs Spiel zu setzen: Wer bin ich ohne meine Psychose?

Die Wahrnehmung von psychiatrischen Patienten kann sich wesentlich von einer als normal eingestuften unterscheiden. Man bezeichnet solche Symptome als Illusion (ich sehe eine Lampe und halte sie für einen Hasen), als Halluzinationen (ich sehe einen Hasen, wo gar kein Gegenstand ist) oder als Wahnwahrnehmung (niemand kann mir ausreden, dass da wirklich ein Hase ist).

Noch absurder erscheinen uns als „Normalo“, die sogenannten Ich-Störungen. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, ohne das Gefühl einer eigenen Identität zu leben? Wenn man sich nicht im Klaren darüber ist, WER gerade denkt? Wenn man glaubt, die eigenen Gedanken seien von außen eingegeben? Wenn man davon überzeugt ist, jemand anders entscheide über das eigene Denken, Sprechen oder Handeln? Das können wir nicht. Es widerspricht unserem eigenen Erleben in elementarer Weise. Wir können Wörter wie „Depersonalisation“ oder „Derealisation“ aussprechen, nachempfinden können wir solche Erscheinungen mit einer gesunden Psyche nicht. Und natürlich können das auch Kinder nicht, wenn sie mit Eltern aufwachsen, die davon betroffen sind.

Wenn Mutter und Vater krank sind…

Welche Auswirkungen ein Elternteil mit Realitätsverlust oder anderen massiven Erkrankungen auf die Entwicklung eines Kindes haben kann, erahnen Sie vielleicht. Studien belegen die erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten psychischer Probleme bei den Kindern, sogar schon, wenn ein Elternteil „nur“ für längere Zeit schwer depressiv ist.

Nun kommt es gar nicht selten vor, dass Menschen mit verzerrter Wahrnehmung oder affektiven Störungen (die erlebten Gefühle passen nicht zur Situation) von psychisch Gesunden nicht verstanden oder nicht akzeptiert werden (können). Als logische Konsequenz finden sich des öfteren seelisch beeinträchtigte Paare zusammen mit unterschiedlichen oder gleichartigen Störungen.

Komplementär sind zum Beispiel eine narzisstische Persönlichkeitsstörung bei dem einen und eine abhängige Persönlichkeitsstörung oder eine Schizophrenie mit Identitätsstörung bei dem anderen. In beiden Fällen wird sich der Narzisst mit seiner ausgeprägten Egozentrik durchsetzen, weil der andere gar nicht weiß, wer er ist, oder sich gerne unterwirft.

Es kommt vor, dass sich Partner gegenseitig ihre wahnhaften Vorstellungen bestätigen. Sie bilden dann ein sehr stabiles System. Das mag für das Paar prima sein. Für andere Familienmitglieder nicht.

Stellen Sie sich vor, ein Kind hat keinen gesunden Elternteil, an dem es sich orientieren kann. Dann wächst es in einem – salopp ausgedrückt – völlig verrücken Umfeld auf. Es fühlt sich mit seinen gesunden Impulsen im kranken System wie ein Alien und muss diese ständig unterdrücken. Normale Reaktionen auf das gestörte Verhalten der Eltern werden hart sanktioniert und als „falsch“ deklariert. Die Eltern handeln voller Überzeugung. Sie leben in ihrer eigenen Wirklichkeit, welche mit der objektiven Realität nichts zu tun haben muss. Als abhängiges Baby, Kleinkind und Jugendlicher kann man da wenig ausrichten. Man versucht, unter dem Radar zu bleiben, um keinen Unmut zu erregen, und die Situation irgendwie zu überstehen, bis man endlich ausziehen kann.

Erlernte Hilflosigkeit ist keine Depression.

Der permanente Mangel an Handlungsoptionen führt zu einem Phänomen, das man „erlernte Hilflosigkeit“ nennt. Kämpfen und Flüchten geht nicht, also reagiert man gar nicht. Dieses Muster ist verbunden mit Ohnmachtsgefühlen. Man kann keine Entscheidungen treffen oder Neues in Angriff nehmen. Ohne die Vorgeschichte zu betrachten, könnte man die Kinder später als Erwachsene für depressiv halten, ihnen Charakterschwäche oder Aufschieberitis vorwerfen. Tatsächlich kann die Haltung „da kann man leider gar nichts machen, also versuche ich es erst gar nicht“ eine Nachwirkung des Entwicklungstraumas aus der Kindheitserfahrung mit psychisch gestörten Eltern sein. Das zu verstehen ist oft schon ein wesentlicher Schritt für die Betroffenen.

Unter solchen Umständen entfernt sich das ursprünglich gesunde kindliche Empfinden immer mehr vom natürlichen intuitiven Differenzieren zwischen gut und schlecht, zwischen richtig und falsch, im Grunde zwischen lebensfördernd und lebensfeindlich. Am Ende wissen die Buben und Mädchen nicht mehr, wo oben und wo unten ist, so kirre hat sie die Dauererfahrung der Orientierungslosigkeit gemacht. Ein Bezugspunkt außerhalb der Familie könnte dienlich sein.

Keine Hilfe von außen

Beziehungen zu Außenstehenden werden von psychisch gestörten Eltern oft als bedrohlich empfunden. Sie versuchen sie zu unterbinden. Immer wieder ist zu sehen, wie sich kranke Systeme gegen Außenstehende abschotten. Schon den Kleinsten wird ein Schweigegelübde abgenötigt: Kinder aus psychotischen Familien dürfen meist nicht darüber sprechen, was zu Hause hinter verschlossenen Türen geschieht. Solche Eltern fürchten manchmal grundlos, aber leider auch oft zu Recht, dass man ihnen die Kinder wegnehmen könnte, wenn ihre häuslichen Zustände ans Licht kämen. Beim Narzissten reicht schon das Risiko, dass sein Ruf Schaden nehmen könnte. Also hüllen sie den Mantel des Schweigens um die verborgenen Geschehnisse. Nach außen hin soll alles möglichst „normal“ wirken. Für die Kinder stellt dieser Zwiespalt eine innere Zerreißprobe dar. Sie müssen mindestens ein bisschen dissoziieren, um das aushalten zu können. Im abgespaltenen Zustand spüren sie sich weniger. Dadurch ist der Zugang zu ihren gesunden Impulsen blockiert.

Damit die Kinder ihrem natürlichen Bedürfnis nicht folgen, sich mit anderen Menschen auszutauschen und sich Beistand zu holen, redet man ihnen Schuldgefühle ein. Sie sollen sich schämen, damit sie dicht halten. Wenn es ihnen mit ihren familiären Erfahrungen nicht gut geht, sind sie selbst schuld. Peinliche oder kriminelle Sachverhalte werden tabuisiert, verschleiert oder umbenannt, um die Kommunikation absichtlich zu erschweren. Was nicht benannt werden kann, kann auch nicht angegriffen oder angeklagt werden.

Herbeigeführte Spaltung

Krankhaft narzisstische Eltern versuchen häufig, Geschwister in feindliche Lager zu spalten, damit sie sich nicht gegen sie verbünden und ihren Majestätsanspruch infrage stellen. Sie hetzen ihre Töchter und Söhne (wahlweise später die Schwiegerkinder) manchmal regelrecht gegeneinander auf. Dafür schaffen sie Ungerechtigkeiten wie ungleiche Behandlung, schüren Konkurrenzgefühle und Neid. Sie loben den einen und werten den anderen ab. Oder der eine ist Schuld an der (eigentlich völlig ungerechtfertigten oder überzogenen) Strafe, die beide jetzt aushalten müssen. Narzissten und Psychopathen stiften gerne Verwirrung. Undurchsichtige und unsinnige Regeln werden aufgestellt und Verstöße mal gar nicht, mal drakonisch bestraft. Hauptsache niemand kann sich sicher fühlen und die Lage bleibt unberechenbar. Das erzeugt ein maximales Ohnmachtsgefühl.

In solchen Konstellationen suchen die verunsicherten Kinderseelen nach irgendeinem Halt. Sie verpetzen sich notfalls gegenseitig bei Mutti oder Vati in der Hoffnung auf Anerkennung und Lob. Gemeinschaftsfeindliches Verhalten wird von den Eltern gefordert und gefördert.

Erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern tun sich sehr schwer, sich aus den familiären Mustern zu lösen, die ihnen und später auch ihren Kindern schaden. Seit frühester Jugend wurden sie dafür verantwortlich gemacht, wie es den Eltern geht – verkehrte Welt! Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich vor den Auswirkungen wahnhaften Verhaltens in Sicherheit bringen. Mit diesem schlechten „Familiengewissen“ müssen sie leben, auch wenn ihr Verstand genau weiß, dass sie richtig handeln.

Narzisstische Systeme werfen den Kindern bis weit ins Erwachsenenalter hinein Steine in den Weg der Autonomie und des freien Willens. Ich habe mit einer Frau gearbeitet, die sich mit Mitte Siebzig noch nicht aus den energetischen Tentakeln ihrer knapp hundertjährigen Mutter gelöst hatte.

Rückzug – eine Übung für Fortgeschrittene

Sich von dem Narzissten zurückzuziehen oder abzuwenden, erlebt dieser als unerhörte Kränkung, die je nach Grad der Störung einen gnadenlosen Zorn nach sich ziehen kann. Nun ist es aber der natürliche Lauf der Dinge, dass Kinder irgendwann aus dem Haus gehen und ihr eigenes Leben führen, vielleicht sogar eine eigene Familie gründen. Der Konflikt ist vorprogrammiert.

Aus Angst vor hässlichen Auseinandersetzungen, vor Liebesentzug oder aus eingeredeten Schuldgefühlen scheuen sich die Kinder noch als Erwachsene, die dringend notwendigen Grenzen zu setzen. Das ist ein Teufelskreis. Mit jedem Tag im „Täterkontakt“ geht die Gehirnwäsche weiter, die verhindert, dass man zu einer ausgewogenen Haltung gegenüber den eigenen Bedürfnissen und den Ansprüchen anderer Menschen kommen kann. Die eigenen Bedürfnisse werden als unberechtigt empfunden und bestmöglich unterdrückt. Genau das behindert es, gegenüber dem kranken System einen gesunden Abstand einzunehmen. Die Frage, wie es dem Narzissten damit gehen mag, steht über der Sorge um das eigene Wohl – und das der eigenen Kinder.

Psychopathen, die kein Mitgefühl empfinden, benutzen ihre Kinder, so wie sie alle Menschen zu ihren Zwecken instrumentalisieren. Persönliche Beziehungen interessieren sie nur, wenn sie damit jemanden zu ihrem Vorteil manipulieren können. Stoppt ein Kind den Missbrauch, kann der psychopathische Elternteil aus Langeweile oder aus Kalkül versuchen, mit allen Mitteln den Fahnenflüchtling zu zerstören: finanziell, körperlich, seelisch oder sozial.

Das sind natürlich extreme Fälle, die glücklicherweise nicht so häufig vorkommen. Aber immerhin gibt es in unserer Bevölkerung rund 1 % Psychopathen. In einer Kleinstadt wie Weinheim mit ihren 42.000 Einwohnern leben also 420 Menschen lebenslang ohne Zugang zu ihren Gefühlen und damit auch ohne jedes Mitgefühl. Ein weiteres Prozent erleidet mindestens einmal im Leben eine Phase der Schizophrenie. Ihre Wahrnehmung und das Denken können schwer beeinträchtigt sein.

Aussteigen lohnt sich!

Verlangen Sie nicht von sich, sich willentlich aus toxischen Beziehungen zurückziehen zu können, auch und besonders, wenn es ein Elternteil oder gar beide betrifft. Das ist eine Übung für Fortgeschrittene. Sie werden Unterstützung brauchen. Aber es lohnt sich! Bleiben Sie nicht in Ihrer „das schaffe ich nie“ Haltung stecken, die man Ihnen von klein auf beigebracht hat. Gönnen Sie es sich, andere – bessere – Erfahrungen zu machen. Es ist essenziell wichtig, dass Sie sich als selbstwirksam erleben. Jedes Fitzelchen frei gestaltetes Leben dient Ihnen. Fangen Sie am Besten gleich damit an: Sorgen Sie auf einer ganz fundamentalen Ebene gut für sich. Was für andere selbstverständlich klingen mag, ist für Kinder psychisch kranker Eltern manchmal schon der ganz persönliche Mount Everest:

Essen Sie, worauf Sie Lust haben und was Ihnen guttut. Trinken Sie, wenn Sie durstig sind. Gehen Sie zur Toilette, wenn Sie müssen. Ruhen Sie sich aus, wenn Sie müde sind. Laufen Sie eine Runde um den Block, wenn Sie Bewegung brauchen. Holen Sie sich eine Decke, wenn Sie frieren, oder ziehen Sie sich um. Nein, nicht erst noch dieses oder jenes fertig machen. Jetzt! Ihre Bedürfnisse sind wichtig. Achten Sie sie ab sofort kompromisslos. Sie haben es verdient. Lassen Sie Ihren Körper jeden Tag erleben, dass sich jemand liebevoll und fürsorglich um ihn kümmert: Sie.




Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und Fachjournalistin für das Ressort Medizin & Gesundheit. Seit 2006 ist sie in ihrer Praxis für Ganzheitsmedizin und Psychotherapie niedergelassen. Sie hat sich auf Traumatherapie und systemische Familientherapie spezialisiert. Ihr Wissen und ihrer Erfahrungen teilt sie in Form von Text- und Video-Beiträgen mit der Welt. Sie gibt das Online-Magazin Weißheiten: vom Ich zum Selbst heraus.