Stimmen Sie zu?

Kommentar von Petra Weiß. Lesedauer ~8 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Blindes Vertrauen ist nicht immer angebracht.

Wenn Sie im Internet surfen, klicken Sie auf fast jeder Website auf einen Knopf mit der Aufschrift „Ich stimme zu“. Diese Einrichtung soll dazu dienen, Ihre Daten zu schützen. Sie haben die Möglichkeit, umfassende Ausführungen zur Verwendung Ihrer Daten zu lesen, bevor Sie die Meldung quittieren. Tun Sie das? Vermutlich nicht immer. Das wäre ein zeitintensives Hobby mit wenig Unterhaltungswert.

Mir geht es an dieser Stelle nicht um Datenschutz. Ich möchte die Beobachtung aus psychologischer Sicht einordnen: Wir gewöhnen uns daran, reflexhaft unsere Zustimmung zu bekunden, ohne uns damit auseinanderzusetzen, WOZU wir hier nicken. Das ist bedenklich.

Mir fällt in diesem Zusammenhang ein alter Verkäufertrick ein: Der Kunde bekommt mehrere Fragen gestellt, die er sicher mit „ja“ beantworten wird, um den Weg zum ersehnten „ja“ – nämlich zur Kaufentscheidung – zu bahnen. Unser Unterbewusstsein begünstigt eine Serie von Zustimmungen. Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir uns dessen sehr bewusst sind, wenn das gerade geschieht.

Ähnliches erlebt man manchmal bei medizinischen Maßnahmen. Kurz vor einer Darmspiegelung musste ich vor Ort unterschreiben, dass es vollkommen in Ordnung sei, wenn man mich bei der Untersuchung versehentlich umbringt. Hätte ich nicht unterschrieben, wäre die erschöpfende Abführaktion der vergangenen 24 Stunden umsonst gewesen.

Meine Zustimmung diente dem Haftungsausschluss. Wenn der Untersuchende meine Darmwand perforiert hätte, wäre die Klinik nicht zur Verantwortung zu ziehen gewesen. Man könnte argumentieren, dass es nicht fair sei, solch ein Dokument direkt vor dem Eingriff den aufgeregten Patienten unter die Nase zu halten. Welche praktische Chance auf Widerspruch haben sie an dieser Stelle noch?

Nicht nur durch unsere Unterschrift dokumentieren wir Zustimmung, auch durch unser Handeln. Ein Beispiel sind die Nebenwirkungen unserer Arzneimittel. Der Beipackzettel informiert uns über alle Risiken. Die einen wollen genau wissen, welche unerwünschten Effekte ihnen begegnen können. Die anderen schauen lieber gar nicht erst hin.

Der verschreibende Mediziner muss uns über alle Risiken aufklären, wenn er uns ein Präparat erstmalig verordnet. Nehmen wir einmal an, dieser gesetzlichen Bestimmung würde in den Praxen ausnahmslos nachgekommen: Wie wägen Sie ab, was Sie einnehmen und was nicht? Sie müssten informiert sein über Notwendigkeit, Nutzen und Risiko, um eine richtige Entscheidung treffen zu können. Sind Sie umfassend informiert oder stimmen Sie in blindem Vertrauen zu?

Wir stimmen zu, weil es eine Autorität gesagt hat. Wir stimmen zu, weil wir keine Zeit haben. Wir stimmen zu, weil wir scheinbar keine andere Wahl haben. Wir stimmen zu, weil alle dazu nicken. Wir stimmen zu, um nicht in einen Konflikt zu geraten. Wir stimmen zu, um zur Gruppe gehören zu dürfen. Wir stimmen zu, weil es als moralisch einwandfrei oder politisch korrekt gilt. Wir stimmen zu, um keinen Shitstorm zu ernten. Wir stimmen zu, um gut dazustehen.

Wir stimmen nicht mehr zu, weil wir es RICHTIG finden, sondern weil es gemäß der aktuell gültigen Konventionen als GUT gilt. Es entspricht den allgemein anerkannten Werten. Ob eine Zustimmung unseren eigenen Werten widerspricht, merken wir erst, wenn sich danach ein ungutes Gefühl einstellt. Und das registrieren wir nur, falls wir aufmerksam in uns hineinspüren.

In einem psychologischen Experiment hat man eine Gruppe von Menschen eine sehr einfache Frage gestellt. Bis auf die eigentliche Testperson, waren alle anderen angehalten, eine falsche Antwort zu geben – und zwar alle dieselbe. Von dieser Absprache wusste die Testperson nichts. Sie stand mit ihrer objektiv richtigen Entscheidung also alleine da. Und was war das Resultat des Experiments? Sie hat sich der anderen – objektiv falschen – Meinung aus Gruppendruck heraus angeschlossen. Erst als eine weitere Person ihre Entscheidung unterstützte, hat sie sich getraut, bei ihrer Meinung zu bleiben.

Wir leben in einer Kultur der mehr oder weniger druckvoll herbeigeführten Zustimmungen. Durch die alltägliche Wiederholung erscheint uns das normal. Im ersten Schritt ist es deshalb wichtig, die Situation zu begreifen. Mit diesem Beitrag will ich Sie anregen, darauf zu achten, an welchen Stellen Sie zustimmen, ohne den Sachverhalt geprüft zu haben und ohne selbst zu der Meinung gelangt zu sein, dass es RICHTIG für Sie ist, zuzustimmen.

Lassen Sie sich nicht von erhobenen Zeigefingern davon abhalten, Ihre Position zu finden. Moralisten würgen jede sachliche Diskussion ab, indem sie meinen, bestimmen zu können, was als GUT gelten darf – es muss noch nicht einmal richtig sein. Was als GUT gilt, ist aber eine persönliche Entscheidung. Niemand kann Ihnen sagen, was in Ihrem Leben als GUT zu bewerten ist.

Ihr Kopf kann Ihnen sagen, was WAHR ist, der Bauch gibt Signale, was Sie als SCHÖN und lustvoll empfinden. Was aber GUT ist, entscheidet Ihr Herz. Diese Instanz trifft die Wahl zwischen der Unlustvermeidung aufgrund des Bauchgefühls und dem Urteil der Nützlichkeit aus dem Verstand. Der Kompass ist Ihre höchst individuelle Wertehierarchie.

Natürlich müssen Sie nicht jedes mal alle Datenschutzregeln durchlesen, wenn Sie auf eine Website gehen wollen. Mein Ziel ist es, dass Ihnen das Reflexhafte der Zustimmung bewusst wird. Und dass Sie an wichtigen Stellen aufhorchen, wenn jemand Ihre Zustimmung einfordert. Dann können Sie frei entscheiden, was für Sie die passenden Kriterien für eine Zustimmung sind. Diese Kriterien dürfen Sie frei wählen.

Sie haben Ihr eigenes Wertesystem. Werden Sie sich Ihrer Werte bewusst. Nach diesen zu entscheiden und zu handeln bedeutet, ein Leben in Aufrichtigkeit zu führen. Diese gelebte Integrität wünsche ich Ihnen und uns allen von Herzen.