Sonnwend-Gedanken zur Spiritualität

Texter Schreibkunst Essayist

Seit vielen Jahren begleite ich Menschen auf dem Weg zu sich selbst. Die Anlässe sind vielgestaltig. Die einen kommen aus gesundheitlichen Gründen, die anderen aus beruflichen oder privaten. Wenn sie dann entdecken, dass sie zwar ganz konkrete Schwierigkeiten bewältigen wollen, aber im Grunde (nur) einen Auslöser für Ihre Selbst-Suche gebraucht haben, sind die meisten überrascht.

Wir sind auf einer Reise zu uns selbst, wenn Sie so wollen: auf einem spirituellen Pfad. Der Begriff ist landläufig verhunzt. Einige verwechseln Spiritualität mit Esoterik. Darüber, was Esoterik ist (übrigens gar nichts Schlimmes), und über die Unterschiede zur Spiritualität könnte ich jetzt eine eigene Abhandlung schreiben. Das führt hier zu weit.

Stattdessen will ich Ihnen eine klare Definition von Spiritualität geben, die den Begriff aus der Spinner-Ecke oder aus religiösen Vorstellungen herausholt:

Es geht um das Bewusstwerden darüber, dass unser Dasein einem geistigen (spirituellen) Prinzip folgt. Und um die Suche danach, was dieses Wesentliche in uns ist. Auf einer ganz grundsätzlichen Ebene stellen wir uns drei Fragen:

Wer bin ich?

Woher komme ich?

Wohin will ich?

So einfach ist Spiritualität aus meiner Sicht zu begreifen. Und aus meiner eigenen Erfahrung kann ich hinzufügen: Die Fragen zersplittern in tausend Teile, während man ihnen nachgeht. Jeder Splitter ist eine Facette des Ganzen und die Antworten führen alle zurück zum Kern.

Nehmen wir eine Frau, die trotz lebensbedrohlicher Erkrankung ihren wenig geliebten Beruf mit riesigem Energieaufwand vorantreibt, obwohl sie bereits wüsste, wohin ihr Herz sie trägt. Manche würden sagen: Sie hat ihre Lebensaufgabe oder ihren Seelenauftrag gefunden. Die Frage, wohin sie will, hat sie bereits zu einem Gutteil erforscht. Nun gilt es zu klären, was sie davon abhält, ihr Selbst auf die ihr gemäße Weise in die Welt zu bringen. Die Antworten werden vermutlich Fragmente zu den beiden anderen spirituellen Leitfragen sein. Für Ihren Bewusstseinsprozess spielt es keine Rolle, ob Sie herausfindet, warum sie krank geworden ist und wie sie gesund werden kann, oder warum sie den Schritt in die Selbstständigkeit nicht in der gebotenen Entschlossenheit wagt. Beide Fragestellungen werden letztlich zur selben Erkenntnis führen.

Die Erkenntnis allein bringt leider noch kein Heil. Schade.

Wir sind in der 3D-Welt, um unser Wesen zu verwirklichen. Sonst könnte unser Bewusstsein ja als pure Energie weiter – je nach Weltanschauung – durch den Äther, durchs All oder durch das Multiversum tollen und uns die ganzen Mühen hier ersparen.

Nehmen wir also an, unsere Seele hat sich einen Körper gesucht, der aus unserem Bewusstsein gebildet wurde, um durch ihn das Selbst in die Materie zu bringen. Das Umsetzen unserer Wesenskraft ist vonnöten. Das bezeichne ich als Transformation: Wir bringen das geistige Prinzip, aus dem wir entstanden sind, auf die Erde, einen winzigen und gleichsam für unsere Existenz und für die gesamte Menschheit bedeutenden – weil einzigartigen – Teil der Schöpfung.

Vielleicht ist das weit verbreitete Verlagen nach Perfektion nur ein Ausdruck der Sehnsucht nach der Ganzheit, zu der jeder einzelne gehört: Die Welt kann ohne Dich bestehen, aber dann ist sie nicht komplett. Um den Gedanken fortzuführen, könnte man sagen: Wenn jeder sein Selbst verwirklicht, ist die Schöpfung auf Erden vollständig. Mit einem solchen Bild vom Paradies kann ich etwas anfangen.

Wann ist jemand spirituell?

Immer wieder höre ich in diesem Zusammenhang das Wort „Meditation“. Finden Sie heraus, was für Sie Meditation bedeutet, wenn Sie das wollen. Oft hilft die Herkunft eines Wortes, die Bedeutung zu begreifen. In unbequemen Positionen regungslos auf einem Kissen zu sitzen, hat mit Meditation wenig zu tun. Dafür müssen wir den Körper ausblenden. Und genau das ist ja die Krux: Unser Bewusstsein IN dem Leib zu verankern und das Selbst in der realen Welt zu verwirklichen, ist gelebte Spiritualität. Wenn Sie dazu ein Meditationskissen verwenden und dabei Yoga-Kleidung tragen wollen – von mir aus. Notwendig ist das nicht. Yoga genießt meine volle Achtung. Die Indische Lehre vom Leben ist ein Weg, der in die Tiefe führen kann. Aber nicht nur als Freizeitbeschäftigung oder Leibesübung, sondern als innere Haltung und spirituelle Weltsicht.

Jeder Mensch ist ein seelisch-geistiges Wesen in einem physischen Leib, egal, ob ihm das bewusst ist oder nicht. Insofern ist jeder „spirituell“. Das Bewusstsein allerdings macht den entscheidenden Unterschied, ob wir unser Dasein als sinnerfüllt erleben. Wir haben die freie Wahl, worin wir unser Glück suchen wollen.

Was ist Glück?

Die Verwirrung entsteht, indem man uns weismacht, Glück sei der Genuss einer leckeren Torte oder ein Album voller Urlaubsfotos. Bezeichnen wir solche Momente lieber als Augenblicksglück. Sie haben ihren Zweck. Solche Genüsse bringen uns ganz ins Hier und Jetzt, weil die sinnliche Wahrnehmung durch Schmecken, Riechen, Sehen etc. das Bewusstsein im Leib verankert. Glück im Sinne von Erfüllung hingegen erleben wir, wenn unser Tun mit unserem Selbst in Einklang ist. Weil wir das Selbst durch die Handlung zur Wirksamkeit bringen – ver-wirk-lichen eben.

Kennen Sie den Film „Matrix“? In Abwandlung der Worte des Orakels will ich Ihnen zurufen: Niemand kann Ihnen sagen, was Ihr Selbst ist oder wer Sie selbst sind. Das ist wie verliebt sein: Wenn Sie es sind, wissen Sie es einfach. Sie spüren es mit jeder Faser Ihrer Seele und mit jeder Zelle Ihres Körpers. Ihr Kompass schlägt aus. Es ist wie ein Einrasten zwischen der Seele, dem Geist und dem physischen Leib. Plötzlich fühlt sich etwas „rund“ oder „stimmig“ an. Ob der Verstand begreift, warum das so ist, braucht nicht im Vordergrund zu stehen. Sich forschend und mit offenem Herzen auf den Weg zu begeben, dient uns mehr, als regelhaft an Ritualen zu kleben. Gleichwohl manche Rituale sehr hilfreich sein können.

In der Stille zur Erkenntnis finden

Hier kommt ein aktueller Bezug ins Spiel: die Raunächte. Sie folgen mit drei Ruhetagen Abstand auf die Wintersonnwende. Ihre Anzahl ergibt sich rechnerisch aus der Differenz zwischen dem Mondjahr (12x rund 29,5 Tage entsprechend dem astronomischen Mondlauf) und dem Sonnenjahr: etwa 365 Tage pro Umrundung. Der Sage nach sind in dieser Zeit die Schleier zwischen der diesseitigen und der geistigen Welt durchlässiger als sonst. Wir haben es leichter, Zugang zu unserem geistigen Wesen zu finden. Von dort dürfen wir uns wahrhaftige Antworten auf unsere wesentlichen Lebensfragen erwarten.

Ob die Zeitqualität „zwischen den Jahren“ eine andere ist oder ob wir zu dieser Jahreszeit durch die Abläufe in der Natur bedingt zur Ruhe und damit zu uns selbst kommen, kann ich nicht sagen. Empfehlenswert ist es allemal, diese Zeit bewusst zu nutzen, um „zur Besinnung“ zu kommen. In alter Tradition kann man der Ahnen gedenken, Kerzen entzünden und räuchern – als Sinnbild für Transformationsprozesse. Manche schreiben Wünsche für die kommenden 12 Monate auf Zettel, die Sie dann dem Feuer übergeben. Wählen Sie frei, wozu Sie sich hingezogen fühlen.

Raunächte für Einsteiger sind wie ein Wunschzettel an den Weihnachtsmann. Dieser kann Anregungen geben, sich darüber klar zu werden, was man eigentlich will. Raunächte für Fortgeschrittene lassen offen, ob das Selbst sich in Form von Träumen oder synchronistischen Erlebnissen (ein Muster scheint durch ganz verschiedene Lebensbereiche hindurch, ein Thema wiederholt sich) und Analogien äußern will. Die Deutung von Symbolen gibt dem Geistigen Raum und bringt uns auf ganz neue Ideen oder auf alte lange verschüttete Einfälle zurück. Das Lauschen nach innen fernab der Hektik unseres Alltags kann Überraschendes zutage bringen: Statt Antworten tauchen manchmal Fragen auf, die uns zu wertvollen Erkenntnissen führen. Meine Empfehlung: Seien Sie offen für das, was kommt.

Vertrauen

Ihr Selbst weiß ganz genau, welche Hinweise Sie jetzt benötigen, um den nächsten sinnvollen Schritt zu gehen. Beobachten Sie Ihre Eingebungen und scheinbare Zufälle, halten Sie beim Erwachen die Erinnerungen an Ihre Träume fest oder den ersten Gedanken im Halbschlaf. Bitte machen Sie keinen Leistungssport daraus. Je entspannter Sie bleiben, desto leichter fließt es durch Sie hindurch.

Möglicherweise gehören Sie zu den Menschen, die gerade bemerkt haben, dass größere Veränderungen in Ihrem Leben anstehen. Die kommende Zeit ist eine gute Gelegenheit, sich zu orientieren, und zwar am eigenen höheren Selbst, statt an irgendwelchen äußeren Merkmalen. Die Zeit der faulen Kompromisse ist vorbei. Jetzt geht es in Richtung Integrität, Aufrichtigkeit und Selbsttreue. Ein aufregendes Abenteuer, eine Heldenreise steht Ihnen bevor – oder Sie befinden sich bereits mittendrin.

Wenn Sie sich den Entwicklungen bewusst hingeben – und das heißt nicht aufgeben! -, statt sich an Widerständen abzukämpfen und Ihre Energie in Schattenkriegen zu versenken, landen Sie am Ende immer bei sich.

Beliebte Irrtümer

Viele – wenn nicht sogar die Mehrheit – der Menschen hechelt irgendwelchen Zielen hinterher, die gar nicht die eigenen sind. Sie haben keine wirklichen Herzensanliegen. Oder zumindest haben sie die ureigenen noch nicht entdeckt. Mit konventionellen Zielen kann man ein komplettes Leben beliebig verschwenden. Eines Tages geht der Deckel zu. Werden wir uns dann „im Jenseits“ oder „in der Anderswelt“ darüber freuen, dass wir beruflich so erfolgreich gewesen sind? Werden wir unser Leben zufrieden betrachten und sagen „Toll, dass ich meine Fenster immer so schön sauber hatte!“ oder „Ich war auf 15 Demos für Freiheit und Frieden“.

Nun ja, wenn Ihre beruflichen, häuslichen oder politischen Ziele mit Ihrem Selbst in Übereinstimmung waren, schon.

Woran kann man erkennen, ob man gerade sein Selbst verwirklicht, oder ob man andere Ziele verfolgt, die einen in der Tiefe nicht berühren? Das ist manchmal gar nicht so leicht zu unterscheiden. Kindliche Sichtweisen verführen uns zu glauben, unser Bauchgefühl sei ein verlässlicher Hinweisgeber. Da muss ich Sie leider enttäuschen, zumindest die Erwachsenen unter Ihnen und diejenigen, die es werden wollen: Wir fühlen uns auch wohl, wenn wir für das Erfüllen von anderer Leute Anliegen Anerkennung oder Lob ernten oder einfach nur dabei sein dürfen. Das sind keine griffigen Anhaltspunkte.

Der Selbstausdruck zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben. Er betrifft alle Bereiche unabhängig von Zeit und Raum. Wenn Ihrem Wesen beispielsweise Aufrichtigkeit innewohnt, dann halten Sie diesen Wert für sich selbst ebenso hoch wie im Umgang mit anderen. Sie nehmen es mit der Wahrheit sehr genau – bei sich und bei den Menschen in Ihrem Umfeld, auch wenn sie Ihnen zuweilen Nachteile bringt. Sonntags über Integrität zu philosophieren und montags in einen Beruf zurück zu kehren, in dem Manipulation an der Tagesordnung ist, hat nichts mit Aufrichtigkeit zu tun, sondern mit Selbstbetrug. Den Widerspruch zu verleugnen, um so mehr.

Damit spreche ich kein Urteil über Menschen, die sich in besonderen Lebenslagen gezwungen sehen, zähnekrnischend gegen eine ihrer Überzeugungen zu handeln, weil ein unlösbarer Konflikt zwischen zwei Werten besteht. Ich weiß, dass man zuweilen vernünftig abwägen muss, welcher Wert gerade Vorrang hat. Das ist normal. Ich will nur sagen, dass das Selbst sich mit halbseidenen Umsetzungen nicht zufrieden gibt, wenn es sich um einen WESENTLICHEN Wert handelt, der also unserem wahren Wesen entspricht.

Oh, Sie dürfen natürlich widersprüchlich sein und egoistisch und schöne Werte vorgeben zu verfolgen. Wir sind alle nicht frei von weniger ruhmreichen Eigenschaften.

Wichtig ist nur, dass Ihnen BEWUSST ist, was Sie da tun. Dann können Sie die entscheidenden Fragen stellen: Warum tue ich das? Welche Beweggründe bringen mich dazu? Was ist mir wichtiger als die Konsequenz oder die Integrität?

Sich in dieser Weise den weniger glanzvollen Seiten der eigenen Persönlichkeit zuzuwenden, birgt wahre Schätze der Selbsterkenntnis. Denn dann wird das Selbst aus der Persönlichkeit herausgeschält, wie wenn ein Rodin seine Statue aus dem Marmor befreit. Das Kunstwerk war schon immer vorhanden, musste aber aus dem Stein gehauen werden, damit man es erkennen kann.

Mit dem Bild des Denkers entlasse ich Sie frohen Herzens in die Weihnachtsferien. Die längste Nacht ist vorbei. Das Licht bricht sich wieder Bahn und löst die Schatten allmählich auf – im Innen und im Außen.

Text: Petra Weiß
Foto: uschi dreiucker / pixelio.de

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Dem Selbst treu sein

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Seit geraumer Zeit bin ich dabei, meine Sprache in einen Wortschatz zu wandeln, der von Herzen kommt. Es ist mir wichtig, die Menschen nicht nur auf der Ebene des Verstandes, sondern auch auf der Seelenebene zu erreichen. Dazu ist meinem Empfinden nach notwendig, Fremdwörter weitestgehend zu verbannen.

Ausgerechnet bei einer Eigenschaft, die ich für wesentlich halte, habe ich lange überlegt, wie das lateinische Wort angemessen zu ersetzen ist: Integrität.

Wie drückt man das mit einem einzigen Wort unmissverständlich aus? Eine Weile habe ich den Begriff Aufrichtigkeit verwendet. Er gefällt mir, weil er etwas Bildhaftes hat und weil der Leser sofort die Erinnerung an ein Erleben dazu abrufen kann: Jeder weiß, wie es sich anfühlt, den eigenen Leib aufzurichten, die Wirbelsäule zu strecken, den Kopf zu heben. Diese Körperhaltung sagt viel über die innere Haltung aus. Sprichwörter sind oft aufschlussreich, um tiefere Bedeutungen zu ergründen. Vielleicht kennen Sie die Redewendung, dass jemand „Rückgrat zeigt“? Sieht man das Gegenteil, erkennt man daraus schon von weitem die Gestimmtheit eines Menschen: Eine gebückte, gekrümmte oder eingesunkene Figur deutet nicht auf ein heiteres, freies und leichtes Gemüt hin.

Die Definition von Integrität stiftet Verwirrung. Auf Wikipedia können wir lesen: Die „persönliche“ Integrität ist erreicht, wenn man gemäß seiner Werte spricht und handelt. Ich würde diese Beschreibung so ergänzen, dass Denken, Fühlen, Sprechen und Handeln in Einklang sind. Was natürlich auch viel zu platt ist. Denn unser Wertesystem beinhaltet reichlich Aufgezwungenes, das nicht aus uns selbst erwachsen ist. Das Wort „persönlich“ setze ich hier in Anführungszeichen, weil die Person ja gerade das Resultat der Anpassung an äußere Erfordernisse ist. Also das Gegenteil von Integrität. Sie sehen: Mit dieser offiziellen Verlautbarung kommen wir nicht wirklich zum Ziel.

Forschen wir weiter, welche Bedeutungen das Fremdwort noch hat, dann finden wir einen wertvollen Hinweis: In der Biologie und im Völkerrecht hat Integrität etwas mit Unversehrtheit zu tun. Aha. Star-Trek-Zuschauer kennen den Begriff der „Hüllen-Integrität“. Gemeint ist, ob die Schutzhülle des Raumschiffs noch hält. Vielleicht dient uns dieses Bild, bei unserer Betrachtung. Was bleibt heil oder ganz, wenn meine Taten und mein Reden meinen inneren Überzeugungen gemäß sind? Was wird verletzt, wenn ich stattdessen die Welt oder mich selbst belüge durch unaufrichtige Worte oder unstimmiges Handeln?

Es ist die Treue zu mir selbst. Mein Selbst ist mein Kern, meine Essenz, mein wahres Wesen. Dieses Selbst verraten viele von uns im Alltag, indem sie scheinbaren Sachzwängen folgen. Wir tun etwas entgegen unserer Überzeugung. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, die ich hier nicht darlegen will. Stattdessen richte ich meine Aufmerksamkeit auf die Folgen des sogenannten Selbstbetrugs.

Warum schreibe ich „sogenannt“? Auch dieser Begriff ist knapp daneben. Das Selbst kann man nicht „betrügen“, weil es sich nicht täuschen lässt. Ganz im Gegenteil: Unsere Empfindungen sind ein Kompass auf dem Weg in die Integrität. Man muss sie schon ausblenden, um sie nicht mehr wahrzunehmen. Dann ist das Selbst um seine Verwirklichung gebracht. Das ist eher ein Raub als eine Betrug. Wir spüren sehr wohl, wenn wir unsere Überzeugungen verraten, egal, welche wohlklingenden Beweggründe wir vordergründig anführen. Das fühlt sich gar nicht gut an.

Viele tun es trotzdem. Sie schieben das schlechte Gefühl beiseite und verdrängen ihre innere Stimme. Es ist zugegebenermaßen auch nicht leicht, unsere ur-eigene Stimme von all dem anderen Gesäusel zu unterscheiden, das wir im Laufe unseres Daseins von unseren Mitmenschen übernommen haben. Die Einflussnahme ist allgegenwärtig. Sie durchdringt jeden Lebensbereich. Unter zahllosen eingeimpften Ansichten liegt irgendwo unsere eigene Betrachtungsweise. Unterscheidungsfähigkeit ist die Eigenschaft, die hier ganz dringend gebraucht wird, sonst vergessen wir, wer wir in der Tiefe sind, und halten uns für die Person, die sich an der Oberfläche zeigt.

Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen werden oft als Wunsch in meiner psychologischen Beratung genannt. Die meisten Menschen verwenden diese Begriffe, ohne sich zu vergegenwärtigen, was sie eigentlich bedeuten. Daher wissen sie auch nicht, was zu tun ist, um ihr Ziel zu erringen. Nur wenn wir uns unseres Selbst bewusst sind, können wir ihm vertrauen. Und nur, wenn wir ihm vertrauen, werden wir ihm folgen. Stattdessen hat eine erschreckend große Anzahl der Leute keine Ahnung, wer sie sind.

Wozu führt diese Selbst-Vergessenheit?

Wir leben an uns vorbei. Wir erfüllen äußere Anforderungen und anderer Leute Bedürfnisse, statt unser Selbst in die Welt zu bringen und dabei unsere einzigartigen Gaben zu verwirklichen. Wenn wir uns aber daran erinnern, wer wir sind – und diese Möglichkeit geht niemals verloren – dann haben wir immer die Wahl, ob wir danach leben wollen oder nicht. Die Treue zu unserem Selbst, die Selbst-Treue, ist unser freier Wille. Wir können uns auch gegen sie entscheiden. Anscheinend ehrenwerte Gründe können dafür benannt werden, das eigene Selbst zu verraten: die viel gepriesene Solidarität gleich vorneweg, das Wohl anderer vor dem eigenen, der Gemeinschaftssinn, blablabla.

Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der die Menschen sich selbst verraten müssen, um sich gut einfügen zu können. Wer sich selbst verrät, verliert seine Selbst-Achtung. Möglicherweise ist das von bestimmten Kräften so gewollt. Mit einem Menschen ohne Selbst-Achtung kann man letztlich alles machen, weil er abhängig ist. Er benötigt dauernd Bestätigung von außen wie ein Junkie, der ständig die Dosis steigern muss, um seinen Kick zu erhalten. Für diese Anerkennung tut er alles und verrät dabei immer mehr sein Selbst, wodurch die Selbst-Achtung weiter sinkt. Das ist ein Teufelskreis. Und bei diesen sich selbst verstärkenden Spiralen hilft immer nur eins: Sie setzen beherzt einen Fuß dort heraus. Während Sie im Hamsterrad einfach weiter rennen, kommt es nie zum Stillstand. Vielleicht ist weniger Mut erforderlich als Sie denken, und wenn doch, lohnt sich der Einsatz.

Jede noch so kleine Handlung, die dem Inneren im Wesen entspricht, ist Balsam für die Seele. Damit würdigen Sie die Mühe, die sich Ihre Seele gemacht hat, um geboren zu werden, damit sie Ihr Selbst in die Welt bringen kann. Sie hatte gute Gründe dafür, das genau hier zu tun. In Ihrer Einzigartigkeit können Sie einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit an diesem Punkt der Geschichte leisten. Nicht im Mittelalter und nicht in 500 Jahren, sondern genau jetzt.

Lauschen Sie in sich hinein, welche Werte Ihre eigenen sind, und lassen Sie aufgepfropfte Weltanschauungen los. So erlangen Sie Selbst-Bewusstsein. Sie müssen ja nicht gleich zum Gesetzlosen werden wie in einem amerikanischen Western. Wählen Sie mit Bedacht, wo Sie damit beginnen, Ihr wahres Wesen behutsam ans Licht der Welt zu bringen. Sie würden ein Kind auch nicht im Supermarkt gebären. Es ist wichtig, dass die Umgebung und das Umfeld dem Geschehen gemäß sind.

Machen Sie Erfahrungen. Lernen Sie aus den unangenehmen und schöpfen Sie Zuversicht aus den angenehmen. So bauen Sie Ihr Selbst-Vertrauen auf. Fangen Sie damit an, sich selbst treu zu sein. Jeden Tag ein bisschen mehr. Die so errungene Selbst-Achtung macht Sie unabhängig und frei, Ihr Leben nach Ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Warum ich so viel Wert auf den präzisen Einsatz von Worten lege? Sprachliche Genauigkeit ist bedeutsam für psychologische Fragestellungen. Ich möchte damit einen Aufruf senden: Lassen Sie sich nicht verwirren von einem Mangel an Trennschärfe bei der Beschreibung ganz wesentlicher Begriffe. Internet-Lexika sind nicht das Maß der Dinge. Hinterfragen Sie Definitionen und treffen Sie notfalls lieber Ihre eigenen. Sprache ist elementar. Sie dient uns dabei, innere Landkarten zu erstellen, an denen wir uns bei unserer Entwicklung entlangtasten. Kaum eine Sprache hat so eine Klarheit in den Details wie die deutsche. Wir lassen sie uns von schicken Fremdwörtern nicht nehmen.

Text: Petra Weiß
Foto: Alexandra H. / pixelio.de

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.