Im Anderssein sind alle gleich

Beitrag von Petra Weiß. Lesezeit ~ 25 Minuten
Rubrik: Miteinander leben

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Die Welt ist bunt. Foto: twinlili / pixelio.de

Mehr als 30 Jahre lang bin ich über dieses Erdenrund gewandelt, ohne mir der Existenz von Konstitutionen bewusst zu sein. Ich hatte wohl bemerkt, dass nicht alle Menschen in ihrem Denken und Handeln gleich sind, verstanden habe ich die anderen oft nicht. Mich haben die Unterschiede immer wieder erstaunt und fasziniert. Als ich vor rund 20 Jahren von den Temperamenten nach Hippokrates erfuhr, war das der Einstieg in völlig neue Perspektiven. Endlich hatte ich ein theoretisches Fundament für meine naturgegebene Haltung der Toleranz gefunden. Weitere Typenlehren wie die Homöopathie, die Bachblütentherapie, das Enneagramm, die „Psychologie in Farben“ und die Elemente erweiterten meinen Horizont. Welche besonderen Eigenheiten haben diese Typologien? Was sind die Vor- und Nachteile der einzelnen Konzepte?

„Der ist doch cholerisch!“ hört man manchmal jemanden murren, wenn sein Chef oder Nachbar von feurigem Temperament gerade wütend war. Der Begriff ist zum Schimpfwort verkommen. Das ist schade. Choleriker sind Typen, die Begeisterung und Mut in die Welt bringen. Ihr Ärger kommt direkt aus dem Bauch, entlädt sich wie ein Gewitter und danach ist der Himmel wieder klar. Was soll daran besser oder schlechter sein als am unterschwelligen Groll eines Melancholikers oder an der Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität von sanguinischem oder phlegmatischem Wesen, deren Konflikte jahrelang ungelöst im Untergrund gären? Der Umgang mit Aggression wie mit vielen anderen Themen ist individuell verschieden. Man kann ein bisschen an sich feilen, wollte man aber vom Melancholiker zum Choleriker werden oder umgekehrt, wäre die Mühe vergeblich. Die Grundkonstitution ist uns in die Wiege gelegt.

Wer etwas Unterhaltsames über Choleriker lesen möchte, dem sei das Buch „Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig empfohlen. Dort können Sie auch andere Typen in vortrefflichen Charakterstudien beobachten. Denn nicht nur die forsch voranschreitenden Eroberer und Führungspersönlichkeiten sind an den Meilensteinen in der Geschichte beteiligt, sondern auch die hartnäckigen Forscher von melancholischem Temperament, die einfach nicht aufgeben und ihr Vorhaben immer weiter perfektionieren bis sie am Ziel sind. Und auch die Luftikusse, die mit Leichtigkeit alles hinter sich lassen und ein Liedchen auf den Lippen sich an den Vormast lehnend mit kindlicher Neugierde in den Augen und Leichtigkeit im Herzen allen Veränderungen freudvoll entgegensehen. Die Phlegmatiker treten in den Erzählungen über die Wendezeiten eher selten in Erscheinung, denn Veränderung ist nicht ihr Metier. Sie kommen wieder zum Zug, wenn es darum geht, mit diplomatischem Fingerspitzengefühl Konflikte beizulegen, Verständnis zu vermitteln und danach bei einem guten Glas Wein und einem versöhnlichen Schmaus die Friedenspfeife zu rauchen.

Es braucht alle Qualitäten des Menschseins, um Großes zu vollbringen. Wer das begriffen hat, weiß schon sehr viel über die Typen.

Ohne Choleriker wäre niemals ein Mensch in unbekannte Weiten aufgebrochen oder hätten das Abenteuer gewagt, ein Start-up Unternehmen in einem völlig neuen Markt zu gründen. Ohne Melancholiker gäbe es viel weniger Kunst und Kultur, ohne Sanguiniker weniger Leichtigkeit und Kreativität, ohne Phlegmatiker weniger Diplomatie und Genuss. Wir brauchen alle Typen in unserer Menschheitsfamilie, jede Gruppe hat etwas Wertvolles beizutragen. Wir entwickeln uns mit ihnen gemeinsam und gar nicht selten setzen sie durch genau diejenigen Eigenschaften, die uns am meisten stören, Impulse, die unserem persönlichen Fortschritt dienen.

Wenn wir akzeptieren können, dass Unterschiedlichkeit in unserer menschlichen Natur liegt, können wir entspannter mit den Idealvorstellungen unserer Zeit umgehen. Nur für die melancholischen Moralwächter unter uns: Selbstverständlich sind wir nicht verschieden in unserem Wert als Mensch, in unserer Würde und in unseren Geburtsrechten.

Die Temperamente nach Hippokrates sind eine sehr guter Einstieg in die Typologien. Mit den Begriffen können die meisten etwas anfangen und jeder kennt Menschen der verschiedenen Ausprägungen, so dass er sie relativ leicht zuordnen kann.

Selbstredend wird die Einteilung in 4 Schubladen niemandem in allen Facetten seiner Persönlichkeit gerecht. Darum geht es auch gar nicht. Es geht darum anzuerkennen, dass Menschen in ihrer Verschiedenheit alle gleich gut sind. So können wir die Übereinstimmungen wertschätzen und die Unterschiede würdigen. Vor allem geht es um Verständnis für die typenspezifischen Verhaltensweisen, die uns jeden Tag begegnen – auch die eigenen.

Konstitutionelle Homöopathie

Auch die Homöopathie kann man als Typenlehre begreifen – mit einer sehr großen Anzahl von Typen, von denen einige gehäuft auftreten. Der US-amerikanische Arzt Dr. James Tyler Kent hat der Welt viele Einsichten in die Konstitutionen beschert, die mit den Einzelmitteln korrespondieren. Beim Studium seiner konstitutionellen Homöopathie wurde mir immer klarer, wie individuell das Menschsein ist, und gleichzeitig dass uns unsere Konstitution ein Leben lang begleitet. Der Körperbau, die gesundheitlichen Anfälligkeiten, ja selbst unsere Vorlieben beim Essen sind in uns angelegt. Wir können zeitweise in andere Zustände geraten, unsere Konstitution entfliehen können wir nicht. Das bedeutet keineswegs, dass beispielsweise ein Lycopodium-Patient generell Leber-Probleme haben wird. Wenn man aber von der Veranlagung weiß, kann man sinnvoll vorbeugen und darauf achten, dieses Organ nicht über Gebühr zu belasten. Auch stellen sich dem Einzelnen entsprechend seiner Konstitution seelische Herausforderungen und Entwicklungschancen.

In der Kent‘schen Tradition haben sich weitere Homöopathen mit den Grundzügen verschiedener Mittel befasst: George Vithoulkas, Philip M. Bailey und Karl-Josef Müller. Für den medizinischen Laien sind ihre Ausführungen durchaus interessant, wenn sie Freude daran haben, Charakterstudien zu betreiben, auch ohne dass sie jemals mit Globuli arbeiten wollen. Eine ausgeklügelte Systematik hat der indische Arzt Rajan Sankaran der homöopathischen Heilkunst hinzugefügt. Man kann sie in unterschiedlichen Tiefen durchdringen. Auf der Oberfläche dient uns die Unterscheidung in Menschen, die ein Mittel pflanzlicher, tierischer oder mineralischer Herkunft benötigen. Patienten aus den drei Gruppen beschreiben sowohl ihre Symptome als auch ihre Ressourcen auf spezifische Weise. Man muss nur genau hinhören: Während es bei den „Pflanzen-Menschen“ stets um ihre sensiblen Empfindungen geht, spricht der „Tier-Mensch“ von Konkurrenz und Überlebenskampf und der „Mineralien-Mensch“ sorgt sich um strukturelle Probleme. Weiter in der Tiefe werden z.B. die „Mineralischen“ nach der Position des Elements im Periodensystem systematisch eingeteilt. Jede Reihe hat ihre eigenen Problemstellungen und Lebensaufgaben. Das System beschreiben zu wollen, führt hier natürlich zu weit.

36 Blüten-Typen

Noch eine bewährte Therapierichtung eignet sich für Typenbetrachtungen: die guten alten Bachblüten. Dr. Edward Bach hat seine Arzneien in den 1930er Jahren aus 35 verschiedenen Blüten und einem Quellwasser entwickelt. Der Heilpraktiker und Buchautor Dietmar Krämer hat ihren Einsatz 60 Jahre später systematisiert. Unter anderem hat er die Blüten bestimmten astrologischen Konstellationen zugewiesen. So ergibt sich aus den Geburtsdaten eine Bachblüten-Konstitution, die aus bis zu sieben Blüten besteht. Die Anzahl der möglichen Kombinationen entspricht theoretisch 1 bis 7 aus 36. In der Praxis habe ich nie weniger als 3 Blüten konstitutionell ermittelt. Meiner Erfahrung nach können die meisten Menschen sich in ihrer persönlichen Bachblüten-Auswertung sehr gut wiederfinden, auch solche, die mit der zugrundeliegenden Sternenkunde gar nichts am Hut haben. Krämer hat zusätzlich sogenannte Schienen identifiziert. Dabei handelt es sich um je drei Blüten, die in einer logischen Abfolge zusammengehören. Außerdem unterscheidet er innere und äußere Blüten. Zustände, die mit äußeren Blüten behandelt werden, sind durch äußere Ereignisse entstanden.

Wir sehen im Vergleich der Temperamente mit den Bachblüten oder der Homöopathie, dass Typologien sehr unterschiedlich in ihrer Komplexität sein können. Während die Temperamente leicht zu verstehen und einfach zu erlernen sind, braucht man für die Homöopathie viel Zeit und Interesse an tiefschichtigen Erforschungen. Die Bachblüten liegen zwischen diesen beiden Extremen.

Einzigartige Dynamiken

Im Grad der Komplexität variabel ist das Enneagramm. Diese Jahrhunderte alte Typologie arbeitet mit 9 Grundtypen, die auf einem Kreis angeordnet sind. Allein damit kann man sich schon mal sinnvoll beschäftigen. Wer es gerne einfach möchte, geht von den Triaden aus, die jeweils drei Typen zusammenfassen: Bauchtypen, Herztypen und Verstandestypen. Wer es komplexer mag, nimmt zu den einzelnen Typenmustern die Flügel hinzu (Nachbartypen auf dem Kreis). Und wer ganz in die Tiefe gehen will, beschäftigt sich mit den drei Subtypen, die jeder Grundtyp hat und von denen jeweils einer an der Oberfläche in Erscheinung tritt.

Diese Dreiheit erinnern mich übrigens sehr an Sankarans Einteilung in Pflanze, Tier und Mineral. Und es wäre ja auch logisch, dass es unter den Persönlichkeitsmustern stets verschiedene Ausprägungen geben darf und kann. Schließlich wirken auch bei Natrium-Muriaticum-Menschen (Kochsalz) manchmal tierische Mittel wie Sepia (Tintenfisch) oder pflanzliche wie Ignatia (eine bestimmte Bohnenart), je nachdem welche Schicht gerade an die Oberfläche kommt.

Wirklich spannend wird das Enneagramm, wenn man die Dynamiken betrachtet. Jeder Typ (z.B. EINS) zeigt die Verhaltensweisen eines ganz bestimmten anderen Typus (in diesem Fall VIER), wenn er im Stress ist und wiederum die eines anderen Musters (hier SIEBEN), wenn es ihm besonders gut geht. Solche verlässlichen Dynamiken habe ich in keinem anderen System gefunden. Sie machen das Enneagramm einzigartig. Ich wende es häufig in der psychologischen Beratung an, oft dient es dem Verständnis für sich selbst und für andere, was zu großen Entlastungen führen kann.

Wegen der vielschichtigen Zusammenhänge ist es oft nicht so einfach, die Personen ihren Typen zuzuordnen. Ich bleibe bei dem Beispiel: Begegnet mir ein EINSer im Stress, wird der Eigenarten der VIER zeigen, treffe ich ihn entspannt im Urlaub, mag er wie eine SIEBEN wirken. Man muss also schon wissen, wie man den Typ erforscht. Und je näher uns die Person steht, desto schwieriger wird es oft, den „Wald vor lauter Bäumen“ zu sehen, sprich unter all den Informationen das Wesentliche zu erfassen.

Psychologie in Farben

Verlockend erscheint da eine Typologie, die auf einem wissenschaftlich validierten Test beruht. Der Schweizer Psychiater Prof. Max Lüscher hat in den 1940er Jahren einen Psycho-Test entwickelt, der anhand der Auswahl bestimmter Farben Charaktermerkmale und seelische Dysbalancen identifiziert. Die Fachleute mochten sein System nicht, das langwierige Interviews und ihre fehleranfällige Auswertung deklassierte. Beim „Volk“ hingegen war es sehr beliebt. Professor Lüscher hat zahlreiche Bestseller fürs Laienpublikum geschrieben. Mithilfe seiner Bücher können Sie sich ebenfalls mit Typologien beschäftigen. Einiges mag Sie an Hippokrates erinnern. Vielleicht finden sie Merkmale des Cholerikers beim Lüscher-Rot, des Melancholikers beim Lüscher-Grün, des Sanguinikers beim Lüscher-Gelb und des Phlegmatikers beim Lüscher-Blau. Das Lüscher-System ist allerdings weitaus komplexer.

Die Lüscher-Diagnostik war ursprünglich zum Aufspüren von psychiatrischen Erkrankungen gedacht und gibt daher Empfehlungen zum Ausgleich von Einseitigkeiten. Und genau da liegt das Problem: Nicht jede Ausprägung eines Charaktermerkmals muss korrigiert werden. Menschen dürfen auch einfach so sein wie sie sind, ohne sich optimieren zu müssen, zumindest nach meinem Weltbild. Diese Toleranz des Ungewöhnlichen hat mir bei Lüscher gefehlt. Sonst ist es fast ein bisschen spooky, was so ein schlichter Farb-Test nach 5 Minuten über einen wissen kann.

Feuer, Wasser, Erde, Luft

Eine weitere Methode der Typenbestimmung habe ich bei der 4-Elemente-Medizin von Dr. Peter Vill kennengelernt. Sie bindet unter anderem die Lüscher-Diagnostik ein und ordnet die Farben den Elementen zu: Feuer – Rot, Wasser – Blau, Erde – Grün, Luft – Gelb. Die konstitutionelle Verteilung der Elemente berechnet sich aus den Geburtsdaten sowie der Blutgruppe und dem Geschlecht. In der Gesamtschau dieser drei Merkmale lässt sich die individuelle Grund-Balance der Elemente bestimmen. Die Regulation der Elemente geschieht auf verschiedenen Ebenen: körperlich, seelisch, geistig, durch die Ernährung, durch die Umgebung, durch das Verhalten und durch viele weitere Faktoren. Ich hatte die Freude und die Ehre, an dem Buch von Doktor Vill als Co-Autorin mitzuwirken. Bei der Gelegenheit habe ich mich tief in die Materie eingearbeitet und zahlreiche Ideen entwickelt, wie man die Elemente ganz praktisch im Alltag selbst unterstützen kann.

Das Konzept verbindet die Elemente-Betrachtung aus der abendländischen Medizin (4 Säfte Lehre) mit der Elemente-Sicht aus der asiatischen Heilkunst (Traditionell Chinesisches Medizin). Und fügt dem eine ganz neue Idee hinzu, nämlich die Annahme, dass ein Phänomen immer Ausdruck einer Dysbalance sein kann – oder bereits der Versuch, sie zu kompensieren. Wenn also jemand beispielsweise wie ein Choleriker wütend ist – um den Kreis an dieser Stelle wieder zu schließen – dann hat er entweder zu viel Feuer-Element in seiner Konstitution. Oder im Gegenteil: zu wenig! Und auf der Seelenebene erfolgt der Ausgleich durch die Wut. Anhaltspunkte findet man im Ausprobieren: Geht es ihm besser im Schnee oder wenn er viel trinkt (Wasser-Element zum Ausgleich von zu viel Feuer), dann hat er vermutlich zu viel Feuer und explodiert deshalb manchmal. Fühlt er sich aber in warmen Räumen wohl und isst er gerne feurig scharf, was ihm gut bekommt, dann hat er möglicherweise zu wenig Feuer und gleicht das durch ein hitziges Gemüt aus. Sie sehen: das System ist komplex, wird aber dadurch den Menschseien gerecht, das selbst hoch komplex ist.

Wer die Wahl hat…

All diese Typenlehren verfügten über unterschiedliche Grade an Komplexität, was einerseits das Erlernen erschwert oder erleichtert und andererseits die Individualität der Menschen mehr oder weniger gut abbildet. Gleichzeitig beruhen manche Kategorisierungen auf Beobachtung, die umso mehr Wissen und Erfahrung erfordert, je feingliedriger das System ist, und die stets auch subjektive Eindrücke enthält. Andere Typologien sortieren die Menschen anhand von Tests und Berechnungen ein, die mehr Objektivität versprechen und im Fall von Prof. Lüscher einiges an Wissen sowie das entsprechende Test-Equipment erfordern oder im Fall von Dr. Vill präzise Daten und Kenntnisse des Auswertungsschemas.

Egal, welchem System Sie sich zuwenden: Wesentlich ist zu verinnerlichen, dass wir Menschen von Natur aus unterschiedlich sind und das Anderssein kein Fehler ist, den es auszumerzen gilt. Kein Typenmuster ist besser oder schlechter als die anderen. Und zu jedem gehört eine spezifische Weltsicht. Oft ist es hilfreich, mehrere Perspektiven einnehmen zu können. Selbst wenn das nicht immer auf Anhieb gelingt, dient uns schon die pure Einsicht, dass zum Menschsein mehr als nur unser eigener Blickwinkel gehört. Evolution beruht auf Vielfalt. Mit ihr entwickeln wir uns weiter. Seit Jahrtausenden und auch in Zukunft.

Systematische Gegenüberstellung der Verfahren und Literaturhinweise als pdf zum kostenfreien Download: Typologie-Vergleich-Literaturhinweise.