Kleine Karos mit Zeitsprung

Schreibkunst Texter Essayist Journalist

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir rhetorische Tricks, die der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer in seinem Büchlein „Die Kunst Recht zu behalten“ dokumentiert hat.

Unser Ziel ist es, diese Kunstgriffe bei sich selbst und bei anderen zu erkennen, zu bemerken, wann wir andere manipulieren oder selbst manipuliert werden, und beziehungsförderlichere Wege des Austauschs zu finden.

Zur Verdeutlichung schauen wir uns eine alltägliche Szene an. Unser Alltagsbeispiel findet am Esstisch statt: Die Mutter möchte, dass der Nachwuchs Spinat verzehrt. Das Kind ist anderer Meinung und versucht, das Grünzeug mit allen Mitteln zu vermeiden.

Heute lernen Sie einen meiner Lieblingstricks kennen. Er ist bestechend einfach und greift auf eine antrainierte Reaktion zurück: Wir neigen dazu, Fragen zu beantworten, die uns gestellt werden, egal wie sinnvoll sie an dieser Stelle sind.

Wie funktioniert der Trick?

Durch besonders klein karierte Klugscheißerei: Sie sezieren die Begriffe, die Ihr Gegenüber verwendet – ohne Notwendigkeit oder inhaltlichen Mehrwert. Das machen Sie natürlich nicht gleich. Sondern Sie notieren sich (in Gedanken) alles mit etwas Phantasie Diskutierbare. Dann warten Sie auf einen günstigen Moment, z.B. auf den Zeitpunkt, da Ihnen das Wasser bis zum Halse steht und Sie eigentlich kleinbeigeben müssten.


Jetzt holen Sie den Satz von eingangs des Disputs hervor. „Darf ich nochmal auf einen wichtigen Punkt zurückkommen? Da hast du gesagt, Spinat sei ein Lebensmittel. Wie genau definierst du diesen Begriff? Und wie grenzt du ihn ab vom Begriff Nahrungsmittel?“ Oder „Du meintest, Spinat habe viele Nährstoffe. Fasst du darunter auch alle Vitalstoffe?“ Oder „Du hast Spinat als Gemüse bezeichnet. Könnte man auch sagen, Spinat sei eine Frucht?“

Vielleicht bemerken Sie beim Lesen der Fragen, dass Sie im Geiste schon anfangen, mögliche Antworten zu formulieren. Die meisten von uns sind darauf dressiert, Tests zu bestehen, indem wir Fragen beantworten. Für dieses Verhalten wurden wir von Klein auf belohnt. Mit Kindern macht man das in unserer Gesellschaft so. Ob das gut ist oder nicht, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren. Wir gehen hier nur mit dem Bestehenden um und nutzen es als Erklärungsmodell.

Anzuzweifeln, ob eine Frage berechtigt ist, dem nachzugehen, warum sie überhaupt im Raum steht, weshalb sie an dieser Stelle kommt oder zu hinterfragen, welches Ziel damit verfolgt wird, gehört zum Verhaltensrepertoire eines Erwachsenen. Sobald wir an diesem Punkt der Entwicklung stehen, schiebt sich der Verstand bewusst zwischen Reiz und Reaktion. Jenseits des 21. Lebensjahres wird es höchste Zeit, damit anzufangen. Wir müssen nicht wie pawlow‘sche Hündchen jedem Knochen hinterherrennen, den jemand für uns wirft.

Das Verlassen der Gewohnheit erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit. Es wird Ihnen nicht immer spontan gelingen. Manchmal wird uns erst nach einer Diskussion klar, in welcher Weise das Gegenüber die Aufmerksamkeit und den Gesprächsfluss gelenkt hat. Solche Nachbetrachtungen können sich sehr lohnen. Dabei stellt sich gar nicht so selten heraus, dass man den anderen im nächsten Zug schachmatt gesetzt hätte.

Nur geborene Gaukler wenden Taschenspielertricks ohne besonderen Grund an. Der Durchschnittsbürger nutzt sie als letztes Mittel der Verzweiflung, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Greift also jemand zur unfairen Kriegsführung in einem Disput, können Sie davon ausgehen, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Bleiben Sie ruhig und bedächtig. Wenn Sie sich jetzt nicht aufs Glatteis locken lassen, haben Sie schon gewonnen. In diesem Bewusstsein müssen Sie Ihr Gegenüber nicht bloßstellen. Entscheiden Sie aus der Position der Stärke heraus, ob Sie auf den Triumph verzichten, und dem anderen Gelegenheit geben, sein Gesicht zu wahren. In einem gesunden Austausch geht es nicht um Unterwerfung und Macht , sondern um Verständnis und Klärung.

Und wenn Sie das nächste Mal – aus Versehen oder aus Gewohnheit – selbst unlautere Mittel einsetzen, freuen Sie sich darüber, dass Ihr Gesprächspartner ebenso gnädig mit Ihrer Unvollkommenheit umgeht.

Text: Petra Weiß
Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Der Trick mit der gezinkten Goldwaage

Wünschen auch Sie sich einen offenen und ehrlichen Austausch mit Ihren Mitmenschen? Dann dient es Ihnen, listige Wortjonglagen zu enttarnen – bei sich und bei anderen.

Herzlich willkommen bei einer weiteren Folge aus unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“. Wir beleuchten hier Tricks und Kniffe, mit denen man einen Disput trotz schwacher Argumente für sich entscheiden kann. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ aufgezeigt.

Vielleicht wurden Sie schon einmal Opfer der Redekunst oder Sie wenden selbige (unbewusst) selbst an. In beiden Fällen ist es nützlich, das Vorgehen zu erkennen, um es zu vermeiden oder um darauf angemessen reagieren zu können. So führen Sie die Diskussion auf fruchtbares Terrain zurück.

Ein griffiges Anwendungsbeispiel zur Verdeutlichung der Gesprächskunst entnehmen wir dem Alltäglichen: dem Gezerre am Esstisch. Unser Junior soll Spinat essen und will das nicht. Schauen wir zu, wie er sich trickreich wehren könnte…

Wenn unser Gesprächspartner sein Fähnchen nach dem Wind hängt, ist das keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung. Wir wollen uns darauf verlassen können, dass morgen noch gilt, was heute gesagt wurde.

Allerdings gibt kaum jemand rund um die Uhr Weisheiten von sich, die einer durchgängigen Logik folgen. Daher werden wir bei jedem Menschen Aussagen finden, die sich inhaltlich widersprechen. Sei es, weil man etwas mit Absolutheit gesagt hat, was bestimmt auch Ausnahmen bedingt. Sei es, weil man die eigene Meinung weiterentwickelt hat (doch, doch: Das darf man!). Sei es, weil manche Feststellungen im Zusammenhang einer bestimmten Erfahrung berechtigt sind, in anderen Situationen aber nicht.

Im Alltag kann man nicht jeden Satz auf die Goldwaage legen, als schriebe man ein wissenschaftliches Buch. Diese unberechtigte Anspruchshaltung eignet sich aber hervorragend für eine wahrlich schikanöse Gesprächsführung. Kehren wir zurück zur Gemüsedebatte:

Mit scharfer Zunge und ebensolchem Verstand gesegnet, findet der Zögling scheinbare Widersprüchlichkeiten zu früheren Aussagen der Frau Mama: „Gestern hast du noch gesagt, dass der Körper schon weiß, was er braucht. Und jetzt soll ich essen, was mein Körper ablehnt.“ Dass es gestern um die Dosis der Bachblütentropfen ging und nicht um die Ernährung, wird geflissentlich übersehen. Und weil die Aussage grundsätzlich einiges für sich hat, gibt die Mutter an der Stelle den Esslöffel mit etwas Glück verdattert ab. Probieren kann man es ja mal!

Alternativ beruft sich der Filius auf Regeln in der Gemeinschaft: „In unserer Familienkonferenz haben wir doch beschlossen, dass die Meinung der Kinder auch gehört wird. Und jetzt ist dir meine Meinung pupegal!“ Nun ja: Die Meinung zu hören heißt nicht, dass sie immer ausschlaggebend für alle Entscheidungen sein muss. Trotzdem kann der Punkt ganz schnell an den Spinathasser gehen, weil Eltern rasch ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man sie so aussehen lässt, als ob sie sich an gemeinsam Beschlossenes nicht halten.

Mit etwas Übung kann man diesen Trick geschmeidig kombinieren, zum Beispiel mit dem Einsatz oder dem Auseinandernehmen von Verallgemeinerungen, mit dem Kniff, Metaphern wörtlich zu verstehen, oder mit anderen absichtlich herbeigeführten Missverständnissen.

Text: Petra Weiß
Foto: Marco Barnebeck(Telemarco) / pixelio

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Peinlich, peinlich…

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Haben Sie sich schon einmal geirrt? Echt jetzt? Dann ist Ihnen womöglich ein peinlicher Fehler passiert. Damit kann man Sie im Nachhinein wunderbar manipulieren. In unserer Gesellschaft tun wir ja oft so, als sei es möglich, fehlerfrei durchs Leben zu schreiten.

Na, ja: Das Schreiten sieht eher aus wie ein Eiertanz, wenn man versucht, um jedes Fettnäpfchen herum zu manövrieren. Das geht natürlich nicht. Wir sind Menschen. Wir machen nun mal Fehler. Durch Lernen kann daraus Entwicklung entstehen.

Aus Ihrem schamvollen Aberglauben, unfehlbar sein zu müssen, kann Ihr Gegenüber einen Vorteil ziehen. Jemanden mit seinen früheren Verfehlungen zu konfrontieren, um ihm jedwede Kompetenz abzusprechen, ist ein beliebtes Totschlag-Argument in trickreichen Wortgefechten (“unfair warfare”).

In der Reihe “Sie baden gerade Ihr Gehir darin…” hangeln wir uns an den rhetorischen Kunstgriffen entlang, die Arthur Schopenhauer den Diskussionen antiker Philosophen entnommen hat. Er hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ niedergeschrieben.

Bereits erschienen sind die Beiträge

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

In der letzten Ausgabe haben wir gesehen, wie hilfreich es für eine tückische Gesprächsführung ist, den anderen emotional in Wallung zu bringen.

Zur Veranschaulichung der Kunstgriffe zeigen wir die Tricks anhand einer alltäglichen Szene auf, die sich in vielen Familien so oder ähnlich schon zugetragen hat: dem Machtspiel um die Ernährung. Ein Kind soll Spinat essen und will das partout nicht.

Wenn man einen schönen Wutausbruch sehen will, hat es sich bewährt, aus Einzelfällen Verallgemeinerungen abzuleiten, die nicht schicklich für den anderen sind.

Gibt die Mutter zu „Als du klein warst, hast du den Möhrenbrei immer wieder ausgespuckt. Später hat sich herausgestellt, dass du gegen Möhren allergisch bist.“ hat der Sprössling sie am Schlafittchen: „Wir wissen ja schon, dass ich bei dir gegen meinen Willen Sachen essen muss, die ungesund für mich sind.“

So eine Anekdote eignet sich für den Dauergebrauch. Sie lässt sich pausenlos aufs Butterbrot schmieren und verdirbt der Mama vor lauter schlechtem Gewissen den Appetit auf weitere Diskussionen.

Falls Sie mit solchen Taktiken Bekanntschaft machen, wechseln Sie auf die Meta-Ebene und sprechen Sie den falschen Rückschluss als solchen an: „Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Du hattest in diesem Punkt Recht und ich hatte Unrecht. Das bedeutet aber nicht, dass Du nun immer im Recht bist und dass alles, was ich ab jetzt sage, falsch sein wird.“

Text: Petra Weiß
Foto: Elisabeth Patzal / pixelio.de

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Kopfsalat statt Spinat

Schreibkunst Texter Schriftsteller

Sind Sie schon einmal völlig verwirrt aus einer Besprechung getaumelt? Sie gingen als Verlierer aus der Diskussion hervor, obwohl Sie hieb- und stichfeste Argumente auf Ihrer Seite hatten. Warum nur gewann trotz Ihres Punktsiegs am Ende Ihr Widersacher das Match?

Wieder ziehen wir die Aufzeichnungen des Deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer zurate. In seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ hat er verschiedene Kunstgriffe der Rhetorik aufgeschrieben, die Aufschluss darüber geben, welche perfiden Techniken des „unfair warfare“ (ugs. tückisches Kriegsführung) in Wortgefechten genutzt werden.

Heute lichten wir den Nebel und sorgen für klare Sicht, damit Sie erkennen, wenn Sie jemand in seinen Wortschwall einhüllen will.

Zur Veranschaulichung nutzen wir Beispiele aus einer für viele wohlbekannten Lebenssituation: die Debatte am Esstisch. Eltern bemühen sich, ihrem Nachwuchs den Genuss von Gemüse schmackhaft zu machen. Und die Kleinen wehren sich einfallsreich gegen den Erziehungsversuch.

Sind keine sinnvollen Argumente griffbereit, hat es sich bewährt, die Nebelmaschine einzuschalten. Man redet den anderen einfach schwindelig. Das funktioniert besonders gut mit wohlmeinenden Eltern, die pädagogisch wertvoll auf Ihre Kinder einwirken wollen.

Wir alle sind daran gewöhnt, an uns gerichtete Fragen bestmöglich zu beantworten. Deshalb kann man Aufmerksamkeit durch Fragen sehr wirksam binden. Will ich diese psychologische Eigenart der Menschen für eine Nebelaktion nutzen, werfe ich meinem Gegenüber eine ganze Reihe von Fragen in schneller Folge an den Kopf.

Unser kleiner Gemüsehasser könnte also mit forderndem Blick seinen Vater anblaffen: „Welche ach so wertvollen Inhaltsstoffe soll der Spinat denn enthalten? Wie wirken die im Körper? Ist das wissenschaftlich erwiesen? Auf welche Studie geht das zurück? Ist die noch aktuell? Wer hat die gemacht? Und wann? Wurde das noch in anderen Untersuchungen bestätigt? Bist du sicher, dass ich so viel Eisen überhaupt brauche? Und welches Gemüse hat sonst noch Eisen? Sollte ich dann gleichzeitig Vitamin C zu mir nehmen? Oder muss ich dazu Kaffee trinken?“ und so weiter.

Mit dem Ringen um sinnvolle Antworten zu solchen Detailfragen hält er den Papa stundenlang in Atem. Die Taktik zerstreut seine Energie und beschäftigt ihn unproduktiv. Hossa!

Niemals nicht verneinen. Wenn der schlaue Nebelmeister es auf die Spitze treiben will, kann er noch ein paar mehrfache Verneinungen einbauen „Du willst also nicht, dass ich keinen Spinat auf dem Teller niemals liegenlasse?“ Bis der Satz verstanden ist, kann er sich in Ruhe weitere heitere Ablenkungsmanöver ausdenken. Strike!

Adrenalin setzt Verstand außer Kraft. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, macht man den Gegner ärgerlich. Das ist gar nicht so schwer. Unverschämt sein, reicht meist aus. Vor allem, wenn der Vater sich Mühe gegeben hat, seine Brut gut zu versorgen: „Du willst ja gar nicht, dass ich gesund bin, sondern nur, dass ich deinen faden Fraß esse, den meine Schwester auch nicht mag. Hat sie mir gesagt.“

Die eine oder andere unbewiesene Behauptung ist das Sahnehäubchen auf der Strategie. Wozu diese dient: Der Vater verliert die Freude an dem Gespräch. Im Idealfall wendet er sich genervt, empört oder verletzt ab. Prima. Der Spinat kann liegenbleiben. Auf jeden Fall behindern die Stresshormone, die seinen Körper jetzt fluten, das logische Denken. Das verschafft dem Kind einen taktischen Vorteil.

Natürlich ist Gewalt nie eine gute Lösung. Es wäre falsch, jemanden zu schlagen. Wir wollen nicht zur Rohrstock-Pädagogik zurück. Aggressive Impulse hingegen sind zutiefst menschlich. Und wir schämen uns dafür – selbst wenn wir sie noch so verlässlich unter Kontrolle haben. Scham ist ein machtvolles Gefühl. Es hält uns davon ab zu erkennen, dass der andere mit genau diesem Reflex gerechnet hat und ihn für seine Zwecke benutzt. Kennen Sie den Ausdruck “jemanden zur Weißglut bringen”. Es gibt talentierte Menschenkenner, die genau wissen, welche roten Knöpfe sie drücken müssen, um Wut und Zorn hervorzurufen.

Langfristig hilft nur eins: Die eigenen sensiblen Punkte kennen, sich ihrer Auswirkungen bewusst werden und an den Ursachen arbeiten, damit die Rot-Knopf-Drücker ihre Macht verlieren. 

In der akuten Situation empfehle ich ein Vorgehen zur Schadensbegrenzung. Bitte seien Sie gnädig mit sich, falls Sie ein bisschen üben müssen, bis es gelingt. Auch, wenn der Spinat dann erst mal liegenbleibt: Verlassen Sie sofort den Raum, sobald Ihre Adern an den Schläfen hervorzutreten beginnen. Je nach Veranlagung haben manche Menschen eine kürzere Zündschnur als andere. Feurige Reaktionen zu beherrschen, kostet sehr viel Energie.

Kühlen Sie Ihr Gemüt. Dafür gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Finden Sie etwas, das Sie beruhigt. Aber zwingen Sie sich nicht in die Ruhe, wenn Ihr Blut noch kocht. Bewegung ist oft eine große Hilfe. Sie dient dem rascheren Adreanlin-Abbau. Nach einem gehörigen Wutanfall braucht es 6 Stunden, bis das Hormon im Körper wieder auf einem normalen Pegel ist. Adrenalin setzt bekanntermaßen Verstand außer Kraft. Sprechen Sie mit dem Streitpartner erst dann erneut, wenn Ihr Gehirn hormonell in der Lage ist, sachliche Argumente vorzubringen und zu hören. Wir wollten ja nicht, dass das Wortgefecht im Gemetzel endet.

Vier Beiträge sind bereits in der Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ erschienen:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Falls Sie erst später zugeschaltet haben, finden Sie alle Beiträge zu den „Schopenhauereien“ unter dem Begriff „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“ per Mouseklick.

Text: Petra Weiß
Foto: Horst Schröder / pixelio.de

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All-gemeine Argumente

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Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…
Klappe die zweite.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir sprachliche Tricks und Kniffe, die Ihnen täglich in Ihrem privaten und dienstlichen Umfeld begegnen und die Sie möglicherweise manchmal unbewusst auch selbst verwenden.

Arthur Schopenhauer hat 38 rhetorische Kunstgriffe aus antiken Diskussionen in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ notiert. An diesem Manuskript hangeln wir uns entlang.

Ich verwende ein Beispiel, dass viele von Ihnen vielleicht aus dem eigenen Erleben kennen: das alltägliche Machtspiel am Esstisch. Eine wohlmeinende Mutter besteht darauf, dass ihr Kind etwas verspeist, was dieses partout nicht will.

Die erste Runde des Wortgefechts lesen Sie im BeitragScheinargumente mit Tradition“.

Schauen wir doch einmal, wie die Debatte weitergehen könnte…

Den Rahmen erweitern. Eine recht einfache und damit auch leicht durchschaubare Taktik ist die der Erweiterung. Nehmen wir an, das spinathassende Kind müsste sich gegen die Ernährungserziehung durchsetzen, könnte es zu diesem Trick greifen:

„Grünes Gemüse ist nicht gesund für mich. Erst gestern hatte ich üble Bauchschmerzen nach dem Brokkoli!“

Es geht also gar nicht mehr um den Spinat im Besonderen, sondern um die Eingruppierung des Spinats in die Kategorie „grünes Gemüse“ – mit dem Ziel, das mütterliche Ernährungskonzept zu umgehen.

All-gemein. Geschickt wäre es, wenn der Sohn vorher seine Mutter dazu bringen könnte, eine Verallgemeinerung zu gebrauchen. Das ist gar nicht so schwer, weil wir oft reflexhaft antworten. Unser Verhalten ist vorhersehbar und dadurch gut zu lenken.

Der Junge könnte einfach behaupten „Rotes Gemüse ist gesund!“ Die Mutter freut sich ja, wenn der Zögling das Grünzeug mag, und nutzt die scheinbare Gelegenheit, ihren Spinat zu bewerben. Sie würde vermutlich drehbuchgemäß retournieren „Grünes Gemüse ist auch gesund!“. Schon hätte das Kind die Mutter genau da, wo sie selbst die Erweiterung in den Raum stellt. Dann kommt der Brokkoli zum Einsatz. Touché!

Ein Gegenbeispiel reicht. Das Terrain der Verallgemeinerungen ist glitschig wie ein lehmiger Abhang nach einem Gewitterregen. Sie sind selten wahr. Wenn man den Gegner zu einer pauschalen Aussage nötigen kann, ist dieses Match schon entschieden. Jede noch so unbedeutende Ausnahme dient als „Brokkoli in der Hinterhand“. Ein einziges Gegenbeispiel entkräftet die Aussage und lässt den Sprecher wie einen Lügner dastehen. Das reicht dann für Spiel, Satz und Sieg.

Text: Petra Weiß
Foto: knipseline / pixelio.de

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Das gute Schenken.

Bild zum Beitrag Das gute Schenken.

Lesedauer ~17 Minuten

Möchten Sie jemandem etwas zu Weihnachten schenken, worüber er oder sie sich freut? Ein passendes Geschenk zu finden, ist gar nicht so einfach. Viele Leute haben ja schon das meiste, was sie brauchen. Oder ganz konkrete Vorstellungen, was sie wollen, die man nicht erahnen kann.

Mir schenken Menschen manchmal feine Pralinen – ein Klassiker, mit dem man nichts falsch machen kann. Oder doch? Die Idee trifft meine Freude am Genuss und ist insofern genau in die richtige Richtung gedacht. Leider habe ich eine Schokoladen-Allergie (Wie fies ist das denn?!) Damit kann nun wirklich keiner rechnen.

Weil viele Geschenke gut gemeint und trotzdem individuell unpassend sind, geht nach dem Fest das große Umtauschen los. Besonders unangenehm ist es, wenn wir uns dem Schenker verpflichtet fühlen und z.B. glauben, eine Vase aufstellen zu müssen, die so gar nicht zu unserer Einrichtung passt. Damit ist niemandem gedient. Wir freuen uns nicht über das Präsent, sondern quälen uns jeden Tag, wenn wir unser Ästhetik-Empfinden der vermeintlichen Pflichterfüllung oder falsch verstandenen Loyalität opfern.

Machen Sie dem irren Konsumtreiben ein Ende durch offene Kommunikation und Klarheit. Das fördert nicht nur eine gesunde Kultur des Schenkens, sondern auch die aufrichtige Beziehung zwischen den Beteiligten.

Fragen Sie im Zweifel einfach nach, womit Sie dem Adressaten Ihrer Gabe eine kleine, mittlere oder große Freude machen können. Vielleicht werden Sie sich wundern, welch einfache Dinge Ihre Lieben glücklich machen können. In diesen Tagen gewinnen Symbole der Verbundenheit eine neue Bedeutung, wie eine Einladung zum Kaffeetrinken oder ein gemeinsamer Spaziergang am See.

Kleine Aufmerksamkeiten wie selbst gemachte Marmelade oder eine Seife brauchen nur dann eine vorherige Abstimmung, wenn man Allergien und Abneigungen berücksichtigen will. Sonst zählt bei diesen Dingen vor allem die wohlmeinende Geste.

Bei engen Freunden weiß man manchmal schon, was der andere bevorzugt. Doch auch dabei ist man vor Überraschungen nicht sicher. Seit 10 Jahren dieselbe Creme geschenkt? Was damals genau passend war, kann heute vielleicht voll daneben sein. Geschmäcker ändern sich…

Wessen Bedürfnis wird gerade erfüllt? Mit der aufrichtigen Antwort auf diese Frage fallen alle Verlegenheitsgeschenke schon mal weg. Denn diese dienen in erster Linie dem Schenkenden.

Aufschlussreich kann eine Antwort auf diese Frage beim Schenken von Charity-Aktionen sein. Wenn ich weiß, der Beschenkte unterstützt die Organisation auch ohne mein Geschenk, mag das gehen. Sonst ist es eine bevormundende Grenzüberschreitung, für ihn zu entscheiden, wem er eine Spende zukommen lassen will. Bei so viel demonstrativer Wohltätigkeit wird der Beschenkte sich kaum trauen zu sagen: „Ich hätte mich gefreut, wenn Du MIR etwas geschenkt hättest, nicht einer Hilfsaktion, zu der ich null persönlichen Bezug habe.“ Schließlich will man ja nicht als egoistisch gelten, besonders nicht beim Fest der Nächstenliebe.

Umgekehrt ist das Thema Charity genauso problematisch: Wenn Sie um eine Spende für eine gemeinnützige Einrichtung bitten als Ersatz für ein persönliches Geschenk. Damit lehnen Sie das Geschenk eigentlich ab. Und Sie schreiben dem anderen vor, dass er gefälligst etwas Gutes tun soll. Falls Sie mit diesem Menschen eine persönliche Verbindung haben wollen, würde ich das nicht empfehlen. Fragen Sie sich lieber, warum Sie von dieser Person kein Geschenk haben möchten. Oder warum es Ihnen generell schwerfällt, Geschenke anzunehmen, falls das so ist. Die Energie, die in dem persönlichen Geschenk liegt und an Sie gerichtet ist, lenken Sie an sich vorbei und woanders hin, wenn Sie daraus eine Spendenaktion machen. Prüfen Sie Ihre Motive. Wollen Sie, dass jeder sieht, was für ein guter Mensch Sie sind? Wie aufopferungsvoll und selbstlos!

Wenn Sie etwas spenden wollen, machen Sie das jederzeit. Wahre Wohltätigkeit fließt von Herz zu Herz. Sie braucht keine Bühne und keinen Applaus.

Tiefere Bedeutungen sind nicht immer offenkundig. Natürlich ist der Vorgang des Schenkens wie alle menschlichen Handlungen stets im Gesamtzusammenhang zu sehen. In einem scheinbar unpersönlichen Geschenk kann eine Symbolik liegen, die den Schenker und den Geschenkten auf liebevolle Weise verbindet. Als Beispiel fällt mir eine Mutter ein, die ihrem Kind jedes Jahr ein Los der “Aktion Sorgenkind” geschenkt hat. Darin kam zum Ausdruck, dass sie selbst eine gruselige Kindheit hatte und leider auch ihre Tochter nicht vor solch einem Schicksal bewahren konnte. Ihr Beitrag zum Wohlergehen von notleidenden Kindern kann man als symbolische Geste im Sinne eines Wiedergutmachungsversuchs werten – an ihrem inneren Kind und auch auch ihren Nachkommen. Es ist sinnig, die jeweilige Motivation zu durchblicken. Leicht ist das nicht, weil sie mitunter dem Schenkenden selbst nicht bewusst ist. Falls Sie wissen, warum Sie etwas schenken, dessen Bedeutung sich nicht spontan erschließt, sprechen Sie es einfach aus.

Ich empfehle Ihnen aus meiner Erfahrung, prinzipiell anzunehmen, dass der andere es gut meint.

Im beruflichen Umfeld kann man seine Kollegen oder Geschäftspartner aus diplomatischen Gründen nicht immer davon abhalten, einem Dinge zu geben, die man weder will noch braucht oder ausgleichen möchte. Dann sprechen Sie schlicht die Wahrheit aus: “Oh, Sie haben das Bedürfnis, mir etwas zu schenken.” Allein diese Feststellung kann sehr entlastend für Sie und möglicherweise sogar erhellend für den anderen sein.

Manchmal ist weniger mehr. Bitte denken Sie daran, dass Beschenkte grundsätzlich den Wunsch empfinden, für das Gute, das sie erhalten haben, etwas ausgleichen zu wollen. Das ist ein ganz natürliches Bedürfnis. Was die wenigsten wissen: Ist das Bedürfnis nach Ausgleich nicht erfüllbar, etwa weil das Geschenk viel zu groß ist, kann der Beschenkte wütend werden über die Schuld, in der er nun steht. Diese Wut ist für beide Seiten überraschend und häufig unverständlich. Sie wird mitunter nicht direkt ausgedrückt, sondern auf den Umweg des Sarkasmus oder der Stichelei. Happy X-mas!

Einzig Eltern dürfen ihren Kindern alles schenken, ohne dass ein energetischer Ausgleich notwendig ist. Das gilt in milderer Form auch für Geschenke zwischen Schwiegereltern und Schwiegersöhnen oder -töchtern. Kinder müssen ihren Eltern eigentlich gar nichts schenken. Mein Tipp: Drücken Sie Ihre Dankbarkeit gegenüber Mutter und Vater auf andere Weise aus. Wertschätzende Worte berühren Eltern mehr als ein paar Wollsocken oder eine Designer-Handtasche.

Was, wenn das Präsent den angemessenen Rahmen sprengt? In der Regel hat ein übergroßes Geschenk einen Grund. Dieser Grund richtet sich in die Vergangenheit, was in Ordnung ist, oder in die Zukunft, was nach Manipulation riecht. Hilfreich ist es, eine Erklärung anzubieten, welche das übergroße Präsent bereits als Ausgleich für etwas Erbrachtes bezeichnet: „Oh, das ist ja ein extrrem üppiger Blumenstrauß, den Du mir dieses Jahr schenkst. Damit möchtest Du Dich bestimmt dafür bedanken, dass ich Dir neulich bei den Bewerbungen geholfen habe. Deine Wertschätzung kommt an. Vielen Dank.“ An der Reaktion des Schenkenden können Sie erkennen, ob Sie richtig lagen.

Geschenke werden manchmal für hintergründige Zwecke missbraucht, die den Beteiligten gar nicht bewusst sind. Das muss nicht sein. Wir klären das einfach offen. Fragen Sie im Zweifel direkt nach: „Das Geschenk ist so groß, dass ich Dir kaum etwas Angemessenes zurück schenken kann. Was erwartest Du von mir, wenn ich Deine Gabe annehme?“ Ein Deal kommt nur zustande, wenn Sie sich darauf einlassen. Kluges Erwartungsmanagement hat schon so manchen Konflikt im Vornherein verhindert.

Falls die Größe des Geschenks nichts mit Ihnen zu tun hat, sondern nur die Großartigkeit des Schenkers darstellt, hat das ganze Geschenk vermutlich nichts mit Ihnen zu tun. Nehmen Sie es, wenn Sie es wollen, aber nehmen Sie es nicht persönlich.

Gerechtigkeit ist nicht möglich. Der Versuch ist zwar ehrenwert, aber sinnlos. Wie wir sehen, ist das passende Geschenk etwas höchst Individuelles. Wie soll es jemals gerecht sein, zwei Menschen dasselbe zu schenken? Der Ansatz ist gut gemeint, setzt aber alle unter Druck und verfehlt häufig sein Ziel.

Erhält die neue Freundin des Sohnes dieselbe Schmuckschatulle wie die Tochter des Hauses, ist das gerecht? Die Tochter ist viel länger in der Familie und steht den Eltern natürlich näher als die noch fremde junge Frau. Und ob die neue Freundin eine Schatulle braucht, geschweige denn ob diese ihren Geschmack trifft, weiß niemand.

Bei “gleichrangigen” Geschenke-Empfängern kann man versuchen, den Wert anzupassen. Wenn eine gute Resonanz besteht, passiert das hin und wieder sogar automatisch. Im ersten Jahr meiner Beziehung haben mein Freund und ich uns “zufällig” etwas exakt Gleichwertiges geschenkt, obwohl die Geschenke ganz verschieden waren. Vor zwei Jahren lagen unterm Tannenbaum sogar dieselben Geschenke von ihm und von mir! Daraufhin haben wir beschlossen, das nächste Weihnachtsgeschenk einfach gemeinsam auszuwählen.  

Euro schenken? Geld zu schenken kann ein Versuch sein, Gerechtigkeit zu produzieren. Persönlich ist das Geben von Münzen und Scheinen freilich nicht. Ob man den Mangel an Individualität über eine aufwändige Verpackung wettmachen kann oder sollte, da habe ich so meine Zweifel.

Sich Geld zu wünschen drückt aus, dass ich dem anderen nicht zutraue, meine Wünsche zu erfassen, auch wenn ich sie ihm nenne. Diese Befürchtung kann durchaus berechtigt sein. Das finde ich traurig unter Menschen, die sich eigentlich nahestehen könnten. Möglicherweise geben Sie Ihren eigenen Bedürfnissen aber auch nur zu wenig Raum. Vielleicht wagen Sie bei Gelegenheit einen Versuch, sich und Ihre Bedürfnisse dem Schenkenden zuzumuten. Erwarten Sie beim ersten Mal kein Wunder in puncto Stimmigkeit und Passung – aber seien Sie auch nicht allzu schockiert, wenn eines geschieht. Bei wichtigen Beziehungen dürfen ruhig ein bisschen Zeit und Geduld in das Finetuning fließen.

Als Ausgleich für große Events mag es angemessen erscheinen, sich von weitläufigen Bekannten lieber Geld zu wünschen. Das hat ganz pragmatische Gründe: um die Kosten für die Veranstaltung tragen zu können oder um sich einen lange gehegten Wunsch mit dem gesammelten Betrag zu erfüllen.

Was tun, wenn Sie etwas erhalten, was Sie nicht haben wollen? Es kommt es auf Ihre Beziehung zu dem Schenker an. Bedanken Sie sich auf jeden Fall für die gute Absicht. Denn eine solche steht – hoffentlich – hinter (fast) jedem Akt des Schenkens.

Wägen Sie ab, ob Sie das ungeliebte Teil weiterverschenken wollen. Doch, das DÜRFEN Sie! Es gehört ja jetzt Ihnen. Ein Geschenk ist niemals an Bedingungen geknüpft. Sonst ist es kein Geschenk, sondern Teil eines Tauschhandels, auf den Sie sich bewusst einlassen können, aber nicht müssen.

Falls Sie meinen, keine Wahl zu haben, seien Sie wachsam. In solchen Fällen kann viel Unmut vermieden werden, indem man eine Aussprache über die eigenen Befürchtungen und Phantasien – ohne Vorwurf und ohne Unterstellung – herbeiführt. Vielleicht fühlen Sie sich grundlos unter Zwang. Weisen Sie Geschenke zurück, mit denen Sie manipuliert werden sollen. Kein Geschenk der Welt ist es wert, unterm Tannenbaum Zugeständnisse zu machen, die Sie eigentlich nicht wollen.

Wählen Sie für klärende Gespräche prinzipiell einen geeigneten Zeitpunkt und ein passendes Setting. Wir wollen ja nicht, dass der ganzen Familie der köstliche Gänsebraten vor Schreck im Halse steckenbleibt.

Wenn Sie ein vertrauensvolles Verhältnis zu dem Schenkenden haben, können Sie entscheiden, ob Sie einfach Danke sagen und das Präsent weiterreichen. Oder ob Sie offen ansprechen, dass es leider nicht Ihren Bedürfnissen entspricht. Haben Sie bei dem Gedanken ein ungutes Gefühl? Dann klären Sie die Lage möglichst bevor die unangenehme Situation entstehen kann, also im Vorfeld.

Geschenken bestimmte Bedeutungen zuzusprechen, kann Weihnachten und andere Anlässe zu einem wahren Fettnäpfchen-Parcours machen. Die Größe oder Art des Geschenks lässt keine Rückschlüsse darauf zu, was dem anderen die Beziehung zu Ihnen Wert ist oder wie nahe er Ihnen steht.

Manche Menschen drücken Ihre Gefühle in der Tat durch Präsente aus, andere, indem sie etwas für Ihre Lieben tun und wieder andere durch Worte oder durch gemeinsam verbrachte Zeit. Auch Körperkontakt kann eine Sprache der Liebe sein. Der emotionale Ausdruck ist höchst individuell, und man vertut sich immer in der Bewertung der Ausdrucksweisen, wenn zwei Menschen hier unterschiedliche Sprachen sprechen. 

Ich wünsche Ihnen freudvolle Gelassenheit beim Schenken und beim Empfangen von Präsenten, entspannte Feiertage mit sich und vielleicht auch mit weiteren netten Menschen. Genießen Sie die Zeit und lassen Sie es sich gut gehen – so wie es Ihnen gemäß ist.

Frohes Fest!

Text und Foto: Petra Weiß

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und Fachjournalistin für das Ressort Medizin & Gesundheit. Seit 2006 ist sie in ihrer Praxis für Ganzheitsmedizin und Psychotherapie niedergelassen. Sie hat sich auf Traumatherapie und systemische Familientherapie spezialisiert. Ihr Wissen und ihrer Erfahrungen teilt sie in ihrer Sprechstunde, in ihren Workshops sowie in Form von Text- und Video-Beiträgen mit der Welt. Sie gibt das Online-Magazin Weißheiten: vom Ich zum Selbst heraus.

Schatz, der Mülleimer ist voll! Warum wir nicht sagen was wir meinen

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Essay von Petra Weiß. Lesedauer ~20 Minuten.

In den letzten Wochen höre ich immer wieder, dass sich die Menschen manipuliert fühlen. Mag sein, dass die Manipulation in unserer Gesellschaft Formen angenommen hat, die schwer zu ertragen sind. Wenn wir die Kultur ändern wollen, fangen wir am Besten bei uns selbst an. „Ich manipuliere doch niemanden!“ werden manche jetzt entrüstet ausrufen. Falls Sie tatsächlich Ihre Bedürfnisse deutlich aussprechen, ohne jemanden emotional unter Druck zu setzen: Prima! Glückwunsch! Die meisten von uns haben das nicht gelernt. Deshalb grämen Sie sich bitte nicht, wenn Sie sich ab und zu dabei erwischen, dass auch Sie die Kunst der Beeinflussung anwenden. Wie sieht Manipulation in unserem ganz normalen Alltag aus? Warum greifen wir zu solchen Methoden? Und welche alternativen Kommunikationsmuster sind denkbar?

„Schatz, der Mülleimer ist voll!“ Wie würden Sie diesen Satz beantworten. „Da hast Du Recht.“ vielleicht? Nein, Sie würden wissen, dass von Ihnen erwartet wird, etwas zu unternehmen. Warum eigentlich? Weil wir diese Form der Manipulation gewohnt sind. Statt zu sagen, was wir wollen, werfen wir etwas anderes in den Raum. Und unser Gegenüber soll gefälligst die passenden Schlüsse ziehen. Probieren Sie einmal, solche Manipulationsversuche großzügig zu übersehen. Statt loszuspurten, um den Abfall zu entsorgen, sagen Sie doch einfach mal „Aha.“ Das kann sehr interessante Reaktionen auslösen. Eine zielführende Erwiderung könnte lauten „Das stimmt. Möchtest Du mir damit noch etwas anderes sagen?“ Gehen Sie nicht stillschweigend darüber hinweg, wenn andere Leute sie manipulieren. Machen Sie den Versuch transparent. Das muss ja nicht im Bösen sein. Sie dürfen dabei ruhig lachen, wenn die Situation es erlaubt.

Bedürfnisse und was keine sind

Oft sind wir uns unserer eigentlichen Bedürfnisse gar nicht bewusst. Nehmen wir mal an, Sie möchten, dass Ihr Mann im Keller die Heizung hochdreht, weil sie frieren. „Mir ist kalt.“ werden Sie vielleicht vorwurfsvoll in den Raum stellen und erwarten, dass Ihr Mann ins Handeln geht. Er wird schon wissen, dass er jetzt in den Keller muss, um die Temperatur zu regeln.

Ist es Ihr Bedürfnis, dass der Mann in den Keller geht? Nein. Sie haben ein Bedürfnis nach WÄRME. Und dieses kann auf verschiedene Arten gestillt werden. EINE davon ist das Heizunghochdrehen durch den werten Gatten. Fallen Ihnen noch weitere Lösungen ein? Es ist wichtig, sich darüber bewusst zu werden, um welches Bedürfnis es geht, damit Sie verstehen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt. Insbesondere, gilt es herauszufinden, mit welchen Optionen Sie sich Ihren Wunsch selbst erfüllen können. Das entlastet Ihre Beziehungen wesentlich.

Sie könnten zum Beispiel in einen wärmeren Raum gehen. Oder einen dicken Pulli anziehen. Oder sich eine Wärmflasche machen. Oder den Kreislauf in Schwung bringen. Oder sich einen heißen Tee zubereiten. Oder etwas essen. Oder selbst die Heizung hochdrehen. Oder, oder, oder. Merken Sie was?

Die Vielfalt der Möglichkeiten bringt Ihnen Handlungsoptionen. Handlungsoptionen sind das Gegenteil von Ohnmacht. Sie müssen sich nicht ausgeliefert und hilflos fühlen.

Satte Gewinne durch die Opferhaltung

Obwohl ich zugeben muss, dass die gute alte Opferhaltung natürlich auch Vorteile bringt. Man kann sich in Selbstmitleid suhlen. Man erhält Zuwendung und Aufmerksamkeit, wenn man über sein Schicksal klagt. Man kann mit einer Freundin über die Männer schimpfen und durch das gemeinsame Feindbild Verbundenheit erleben. Man kann dem Mann irgendetwas Fieses antun, ohne sich schlecht zu fühlen. Und so weiter. Das gilt für Männer umgekehrt natürlich genauso. Über die Vorzüge des Jammerns und Piensens könnte ich einen eigenen Beitrag schreiben. Darum geht es hier aber nicht primär. Wir schauen darauf, warum wir überhaupt ins Manipulieren kommen.

Ein weiterer Grund kann sein, dass wir nicht Nein sagen können und diese Schmach auch keinem anderen zumuten wollen. Oder – die Kehrseite derselben Medaille – dass wir auf gar keinen Fall Ablehnung erleben wollen. Wenn ich nicht klar frage, muss der andere nicht direkt antworten. Big Deal! Ich lasse die Frage unausgesprochen durch den Äther schweben und kann in die (Nicht-)Reaktion alles hineininterpretieren, was mir beliebt. Erfahrungsgemäß ist das häufig nichts Erquickliches. „Dem ist egal, ob ich mir den A… abfriere.“ ist eine der üblichen Phantasien in so einem Zusammenhang. Kann sein. Kann aber auch ganz anders sein. Erfahren werde ich es nur, wenn ich offen kommuniziere. Am Besten, bevor ungute Phantasien die Stimmung verderben.

„Schatz, mir ist kalt. Könntest Du bitte die Heizung hochdrehen?“ Damit wäre alles erledigt.

Gewaltfrei Klarheit schaffen

Ist die Stimmung schon verrutscht, hilft uns die Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg. Sie wirkt der Manipulation entgegen, indem Sie die Sachebene und die Gefühlsebene klar trennt und Verwechslungen zwischen Realität und Phantasie beseitigt.

Der Ablauf ist schlicht:

  1. Tatsache benennen, möglichst sachlich, am Besten eine konkrete Beobachtung.
  2. Phantasie aussprechen und als solche kennzeichnen.
  3. Emotion ansprechen, die durch die Phantasie entstanden ist.
  4. Umsetzbaren Wunsch äußern.

In unserem Beispiel:

  1. „Hier hat es 19 Grad. Ich friere.“
  2. „Bei mir ist die Phantasie entstanden, dass es dir gleichgültig ist, wie es mir geht.“
  3. „Das macht mich traurig.“
  4. „Ich wünsche mir, dass Du die Heizung hochdrehst.“

Wenn wir noch nicht ganz in unserem Film von „Keine kümmert sich um mich“ versunken sind, fällt uns vielleicht sogar auf, wie absurd die Vorstellung ist, dass der Mann kein Interesse an unserem Wohlergehen hat.

Für den Fall, dass wir einen solchen Mangel an Interesse tatsächlich für Realität halten, wird es Zeit für eine Klärung. Und die spielt sich nicht in unserem Kopf ab, sondern im Austausch.

Meistens handelt es sich bei derlei Phantasien um uralte Glaubenssätze. Deshalb sind solche Situationen wertvoll für die eigene Bewusstseinsentwicklung. Lassen wir das Thema in dieser Stelle ungeklärt, können wir uns weiter einbilden, der andere sei schuld an unserem Leid. Konfrontieren wir ihn aber mit unseren Gedanken, dann kann er dazu Stellung nehmen. Außer, wenn Sie mit einem Psychopathen oder pathologischen Narzissten zusammen sind, wird es Ihren Partner sehr wohl interessieren, wie es Ihnen geht. Er wird vermutlich über Ihre merkwürdige Annahme aufrichtig bestürzt sein. Mit mitfühlender Anteilnahme wird er ihrer traurigen Weltsicht begegnen.

Rollenverwechslung als Wurzel des Übels

Geben Sie ihm Gelegenheit, sich zu Ihren Ideen zu äußern, löst sich Ihre Phantasie aller Wahrscheinlichkeit nach in Luft auf. Für ihre falsche Interpretationen muss es aber einen Grund geben. Nun können Sie sich darüber klarwerden, dass Sie hier möglicherweise noch ein Thema zu bearbeiten haben. Vielleicht sogar ein ganz grundlegendes: Zum Beispiel, dass sie den Partner mit Ihrem Papa verwechseln und er deshalb immer für Sie sorgen soll. Oha! Solche Verwechslungen sind gar nicht so selten und bereiten vielen Paaren Ungemach. Die Mama-Verwechslung umgekehrt natürlich auch. Mit falschen Rollen ist jeder Mensch langfristig überfordert. Das kann nur in Enttäuschung und Vorwürfen enden.

Wenn wir hier Paardynamiken betrachten, dann vor allem deshalb, weil sie die beliebteste Projektionsfläche für unsere ungelösten Seelenthemen und unterschwelligen Konflikte bieten. Ersetzen Sie Partner wahlweise mit Chefin, Nachbar oder Schwester. Häufig betrifft die Rollen-Verwirrung Personen, denen wir nicht ohne weiteres ausweichen können.

Das Feld ist breit, warum wir glauben, jemanden manipulieren zu müssen. Ihn in eine unpassende Position schieben zu wollen, ist ein möglicher Grund, der meist unerkannt bleibt.

Häufig begegnen mir Menschen, die – ohne es zu ahnen – als alleingeborene Zwillinge stets auf der Suche nach einem „Ersatz-Zwilling“ sind. Sie locken oder pressen andere in diese Rolle, der niemand gewachsen sein kann. Und dabei empfinden sie ihre Ansprüche als vollkommen berechtigt. Die Verwechslung ist ihnen ja nicht bewusst. Sie bekommen nicht, was ihnen anscheinend zusteht. Also lassen sie sich allerlei Tricks einfallen, um den anderen doch noch dazu zu bringen, ihre große Sehnsucht zu stillen. Vergeblich.

Mein Bedürfnis – meine Verantwortung

Im ersten Schritt müssen wir uns darüber bewusst werden, dass wir als  erwachsener Mensch selbst für das Erfüllen unsere Bedürfnisse verantwortlich sind, dass wir keine Eltern mehr brauchen, um unsere Existenz zu sichern, und dass wir – in den allermeisten Fällen – dazu selbst in der Lage sind.

Das heißt nicht, dass wir isoliert von der Außenwelt leben und nichts von anderen annehmen dürfen oder sollen. Die innere Haltung dabei ist entscheidend: In der Regel geht es nicht darum, Hilfe anzunehmen, sondern Unterstützung. Der Unterschied ist wesentlich. Hilfe heißt: Ich kann es nicht allein und brauche deshalb andere zur Bedürfniserfüllung. Unterstützung hingegen bedeutet: Ich könnte es auch allein, aber durch das Mitwirken anderer wird es schöner, besser, leichter, schneller etc. Hilfsbedürftigkeit erleben wir als Schwäche. Sich passende Unterstützung zu holen, ist ein Ausdruck von Kompetenz. In diesem Sinne können Sie die Suche nach Unterstützung nicht als persönliches Versagen, sondern im Gegenteil als aktive Selbstfürsorge (um-)bewerten.

Selbstwertschätzung – zu viel und zu wenig

Etwas zu wollen, das uns eigentlich nicht zusteht, ist also ein Grund für Manipulation. Die gegenteilige Ursache kann zum selben Ergebnis führen: Man glaubt, das was man braucht, eigentlich nicht verdient zu haben bzw. es nicht wert zu sein. Der Mangel an Selbstwertschätzung ist leider ein weit verbreitetes Phänomen. In diesem Fall wird man ebenfalls nicht direkt um etwas bitten. Man wird darauf entweder verzichten oder versuchen, das Objekt der Begierde mit List und Tücke zu erschleichen und hoffen, dass niemand den Schwindel bemerkt.

List und Tücke sind übrigens nicht für alle Menschen verabscheuungswürdig. Je nach kultureller Prägung, Familientradition oder Typenmuster kann man sogar einen Volkssport daraus machen. Mal sehen, wie weit man gehen kann, bis der andere bemerkt, dass er über den Tisch gezogen wurde. Es gibt Leute, die haben diebische Freude an einem kleinen Betrug, einige brüsten sich sogar damit. Ich habe schon erlebt, dass jemand sich durch clevere Gaunereien beweist, dass er kein Dummer ist. Manchen gibt der Adrenalinstoß einen Kick.

Wenn das Leid des „Opfers“ beim Beurteilen einer Tat gar keine oder eine sehr untergeordnete Rolle, sind wir aber eher wieder bei den psychischen Störungen. Insbesondere der Narzissmus verhindert eine offene Kommunikation über die Bedürfnisse. Das gilt nicht nur für narzisstische Persönlichkeitsstörungen, sondern in abgemilderter Form auch den sogenannten Alltagsnarzissmus.

Fühlt sich ein Narzisst doch als Nabel der Welt und erwartet von seinem Umfeld ein gewisses Maß an Hellsichtigkeit. Er erwartet vorauseilenden Gehorsam, man soll ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen. Wenn er sich dazu äußern muss, kommt das einer Majestätsbeleidigung gleich. Und umgekehrt interessieren ihn die Bedürfnisse der anderen herzlich wenig. Wie kommen sie dazu, diese in seiner erlauchten Gegenwart äußern zu wollen?!

Ich will das Thema Narzissmus hier nicht weiter vertiefen. Diese Anteile nehmen naturgemäß sowieso zu viel Raum ein. Mein Tipp an dieser Stelle: Hören Sie nicht auf die Worte eines Narzissten, sondern schauen Sie auf seine Taten. Wollen Sie dieses Verhalten in Ihrem Leben? Beachten Sie auch die Übereinstimmung Ihrer eigenen Worte mit Ihren Handlungen. Ein bisschen Narzissmus steckt in jedem von uns.

Konflikte auflösen

Die wenigsten Leute lieben es, sich zu streiten. Aber es gibt auch regelrecht konfliktscheue Menschen. Das kann vielfältige Gründe haben. Verlustängste und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit stehen weit oben auf der Liste. Eine ausgeprägte Konfliktscheu macht ebenfalls manipulativ. Konflikte gehören zum menschlichen Miteinander. Wenn sie nicht zutage treten dürfen, ist es wichtig, Klarheit zu vermeiden. Das gelingt durch nebulöse Aussagen, durch Unausgesprochenes und Mehrdeutiges.

Fragen Sie schlicht: „Würdest Du das für mich tun?“ und der Angesprochene hat andere Bedürfnisse, die sich mit Ihrem Wunsch nicht in Einklang bringen lassen, dann ist das ein Konflikt. Wird er gezwungen, „nein“ zu sagen, ist der Konflikt für alle sichtbar auf dem Tisch.

Wie man Konflikte souverän und erwachsen handhaben kann, lernen die wenigsten von Kindesbein an. Wir haben nicht erfahren, dass Konflikte zum Leben ganz selbstverständlich dazugehören und aufgelöst werden. Den äußeren Konflikten können wir ja oft ganz gut ausweichen. Für die inneren Konflikte ist das kein gangbarer Weg. Darum lernen wir das doch lieber im Außen, dann steht es uns auch für das gesunde Wachstum unserer Innenwelt zur Verfügung.

Was hinter der Manipulation liegt…

Die Selbstaufrichtigkeit ist nicht bei allen gleich stark ausgeprägt. Vielleicht werden manche ihre Konfliktscheu, Ihren Narzissmus oder Ihre Verwechslungen vor sich selbst und vor anderen rechtfertigen und kaschieren.

Beliebt sind dabei Erklärungen wie „Ich wollte diplomatisch sein.“, „…dem anderen Gelegenheit geben, sein Gesicht zu wahren.“, „…auf seine Gefühle Rücksicht nehmen.“ und so zu. Es ist verständlich, sich den eigenen Motiven nicht immer stellen zu wollen, um ein gutes Image zu erhalten. Das Selbstbild dient der Stabilität. Aber nur, wenn es aufrichtig ist.

Ihrer Persönlichkeitsentwicklung förderlich ist das Streben nach Authentizität. Seien Sie die Person, die aus Ihnen geworden ist, haben sie Verständnis und Mitgefühl mit ihr. Und dann wenden Sie sich dem Menschen zu, der Sie sein können, der in Ihnen angelegt ist wie eine Blaupause: ihr Selbst.

Das Bewusstwerden von Manipulationsversuchen stoppt nicht nur die Manipulation. Es gibt den Blick frei auf tiefliegende Ursachen, die das eigentliche Problem sind. Und ermöglicht so erst eine ursächliche Lösung. Schon allein für diese Chance lohnt es sich, sich auf den Weg in eine faire und bewusste Kommunikation zu wagen. Das Heilungspotenzial für unsere Beziehungen ist immens: für die Beziehung zu unserem Mitmenschen und zu uns selbst.

Text und Foto: Petra Weiß

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