Der Trick mit der gezinkten Goldwaage

Wünschen auch Sie sich einen offenen und ehrlichen Austausch mit Ihren Mitmenschen? Dann dient es Ihnen, listige Wortjonglagen zu enttarnen – bei sich und bei anderen.

Herzlich willkommen bei einer weiteren Folge aus unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“. Wir beleuchten hier Tricks und Kniffe, mit denen man einen Disput trotz schwacher Argumente für sich entscheiden kann. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ aufgezeigt.

Vielleicht wurden Sie schon einmal Opfer der Redekunst oder Sie wenden selbige (unbewusst) selbst an. In beiden Fällen ist es nützlich, das Vorgehen zu erkennen, um es zu vermeiden oder um darauf angemessen reagieren zu können. So führen Sie die Diskussion auf fruchtbares Terrain zurück.

Ein griffiges Anwendungsbeispiel zur Verdeutlichung der Gesprächskunst entnehmen wir dem Alltäglichen: dem Gezerre am Esstisch. Unser Junior soll Spinat essen und will das nicht. Schauen wir zu, wie er sich trickreich wehren könnte…

Wenn unser Gesprächspartner sein Fähnchen nach dem Wind hängt, ist das keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung. Wir wollen uns darauf verlassen können, dass morgen noch gilt, was heute gesagt wurde.

Allerdings gibt kaum jemand rund um die Uhr Weisheiten von sich, die einer durchgängigen Logik folgen. Daher werden wir bei jedem Menschen Aussagen finden, die sich inhaltlich widersprechen. Sei es, weil man etwas mit Absolutheit gesagt hat, was bestimmt auch Ausnahmen bedingt. Sei es, weil man die eigene Meinung weiterentwickelt hat (doch, doch: Das darf man!). Sei es, weil manche Feststellungen im Zusammenhang einer bestimmten Erfahrung berechtigt sind, in anderen Situationen aber nicht.

Im Alltag kann man nicht jeden Satz auf die Goldwaage legen, als schriebe man ein wissenschaftliches Buch. Diese unberechtigte Anspruchshaltung eignet sich aber hervorragend für eine wahrlich schikanöse Gesprächsführung. Kehren wir zurück zur Gemüsedebatte:

Mit scharfer Zunge und ebensolchem Verstand gesegnet, findet der Zögling scheinbare Widersprüchlichkeiten zu früheren Aussagen der Frau Mama: „Gestern hast du noch gesagt, dass der Körper schon weiß, was er braucht. Und jetzt soll ich essen, was mein Körper ablehnt.“ Dass es gestern um die Dosis der Bachblütentropfen ging und nicht um die Ernährung, wird geflissentlich übersehen. Und weil die Aussage grundsätzlich einiges für sich hat, gibt die Mutter an der Stelle den Esslöffel mit etwas Glück verdattert ab. Probieren kann man es ja mal!

Alternativ beruft sich der Filius auf Regeln in der Gemeinschaft: „In unserer Familienkonferenz haben wir doch beschlossen, dass die Meinung der Kinder auch gehört wird. Und jetzt ist dir meine Meinung pupegal!“ Nun ja: Die Meinung zu hören heißt nicht, dass sie immer ausschlaggebend für alle Entscheidungen sein muss. Trotzdem kann der Punkt ganz schnell an den Spinathasser gehen, weil Eltern rasch ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man sie so aussehen lässt, als ob sie sich an gemeinsam Beschlossenes nicht halten.

Mit etwas Übung kann man diesen Trick geschmeidig kombinieren, zum Beispiel mit dem Einsatz oder dem Auseinandernehmen von Verallgemeinerungen, mit dem Kniff, Metaphern wörtlich zu verstehen, oder mit anderen absichtlich herbeigeführten Missverständnissen.

Text: Petra Weiß
Foto: Marco Barnebeck(Telemarco) / pixelio

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Verwirren mit Details

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Einzelheiten genau zu betrachten ist mühsam und zeitaufwändig. Unsere Gewohnheit ist es längst geworden, uns auf Experten zu verlassen. Sie haben sich in der Tiefe mit allen Details auseinandergesetzt. Wir nutzen ihr Wissen und ihre Erkenntnisse und gewinnen daraus so eine Art “Instant-Meinung” – ein lauwarmer Aufguss als Auszug aus echter Fachkenntnis. Doch nicht jeder Spezialist hat wohlmeinende Absichten.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir sprachliche Kunstgriffe, die schon seit der Antike verwendet werden. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ verewigt.

Bereits erschienen sind die Beiträge:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Richtungsweisend

Wenn Absurdes obsiegt

Zur Veranschaulichung dient uns ein alltägliches Beispiel: der Disput am Esstisch. Der Nachwuchs verweigert beharrlich das Gemüse, während seine Eltern versuchen, ihm das Grünzeug schmackhaft zu machen.

Mit einer Fülle von Einzelheiten kann der Gesprächspartner den Eindruck gewinnen, man hätte wirklich Ahnung von der Sache. Detailreichtum kann natürlich auf eine breite Fachkenntnis zurückgehen. Ein winziges Detail allerdings kann auch aus der Schublade gezogen werden, um den anderen Schachmatt zu setzen, wenn einem die echten Argumente ausgehen. Das braucht ein bisschen taktische Raffinesse.

Der Trick ist nicht so einfach zu durchschauen. Meist hinterlässt er ein unbestimmtes Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein, oder einfach nur Verwirrung – und das ist durchaus beabsichtigt.

Wie geht man dabei vor? Sie brauchen nur eine einzige Information, von der Sie ganz bestimmt wissen, dass sie zutrifft, die man aber grundsätzlich auch infrage stellen kann. Und sie benötigen einen Beweis für diese Tatsache als Ass im Ärmel. Mit diesem winzigen Ausschnitt an Kompetenz können Sie besserwisserisch als Experte glänzen. Und wenn man Ihr Wissen anzweifelt? Um so besser: Dann liefern Sie den Beweis und lassen den anderen dumm dastehen. Den Rest erledigen unzulässige Verallgemeinerungen für Sie. Das klingt jetzt sehr theoretisch, schauen wir uns den Kunstgriff am lebendigen Beispiel an:

Unser Gemüseverächter postuliert „Spinat ist oft mit Schadstoffen belastet.“ Die Mutter kann an dieser Stelle nur verlieren. Gibt sie dem Sohnemann Recht, geht der Punkt klar an ihn und das Grünzeug landet auf der Sondermülldeponie.

Widerspricht sie, zieht er einen Fachartikel hervor, der die Belastung von Tiefkühlspinat mit Cadmium und Nitrat belegt – und gleichzeitig die Expertise des Sprößlings. Dass der Zankapfel, der in Form von gedünstetem Blattspinat auf dem Teller liegt, aus der Frischgemüseabteilung stammt und gar keine Minustemperaturen erlebt hat, kann man frostig ignorieren.

Wieder ist der Tipp: Lassen Sie sich den Wind nicht aus den Segeln nehmen. Und hören Sie GENAU hin, was jemand sagt. Der anmaßende Spezialist kann ganz rasch jeden Glanz verlieren, wenn Sie direkt ansprechen, dass er gerade etwas anderes bewiesen hat, als das, worum es tatsächlich geht. Sprechen Sie offen aus, dass er eine logisch unzulässige Verallgemeinerung in den Raum gestellt hat. Bleiben Sie gelassen. Das kann er ja gerne versuchen, es geht aber leider nicht durch. Nice try, Darling!

Text: Petra Weiß
Foto: Harald Wanetschka / pixelio

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Scheinargumente mit Tradition

Schreibkunst Texter Autor Redakteur

Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…
Klappe, die erste!

Schon in der Antike beschäftigten sich die Gelehrten damit, wie man auf verlorenem Posten Wortgefechte durch Ausweichmanöver, unsinnige Scharmützel und Verdrehung des Gesprochenen doch noch gewinnen kann.

Arthur Schopenhauer (1788-1860) hat die überlieferten Gespräche der griechischen Philosophen eingehend untersucht. Ihm sind wiederkehrende Muster aufgefallen, mit denen sie versuchten, Recht zu bekommen, auch wenn sie nicht richtig lagen. Sein schlaues Buch “Die Kunst Recht zu behalten” ließ er in der Schublade. Es wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Möglicherweise wollte Schopenhauer vermeiden, dass sich die Kniffe der Sprachkunst verbreiten. Es ist trotzdem geschehen. Wir begegnen ihnen jeden Tag. Aus meiner Sicht wird es Zeit, dass die Allgemeinheit erfährt, mit welchen teils plumpen, teils raffinierten Beeinflussungen sie gelenkt wird.

Manipulative Muster aufzudecken, schützt uns davor, ihnen arglos auf dem Leim zu gehen. Und es bewahrt uns auch davor, sie unbewusst selbst anzuwenden.

Mich fasziniert es, wie ausgeklügelt manche Taktiken sind, mit denen Menschen sich gegenseitig übers Ohr hauen. Gleichzeitig bin ich immer wieder erstaunt, mit welch einfachen Taschenspielertricks das ebenfalls gelingt.

Tauchen Sie mit mir ein in die vielschichtige Welt der Masken und Täuschungen.

In der Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ hangeln wir uns inhaltlich an dem Manuskript entlang, das in Schopenhauers Nachlass gefunden wurde. Dass er noch keine Überschriften hinzugefügt hatte, legt den Schluss nahe, dass seine Gliederung noch nicht fertig gewesen ist. Daher erlaube ich mir, ein paar Feinheiten zu verändern. Die Reihenfolge entspricht nicht immer dem Original. Hier und da fasse ich mehrere Kunstgriffe zu einem Punkt zusammen.

Erinnern Sie sich an unsere Gemüse-Debatte zur Mittagsmahlzeit? Wir bleiben bei dem Beispiel. Hier also frisch auf den Tisch die ersten Kunstgriffe aus der Trickkiste der Wortjongleure:

Scheinargumente mit Tradition.

Vielleicht wird die Mutter ihr Kind emotional unter Druck setzen, damit es sein Gemüse verzehrt: „Die Mama muss sich Sorgen um deine Gesundheit machen, wenn du den Spinat nicht isst.“ oder sie beruft sich auf eine Autorität: „Der Onkel Doktor hat gesagt, dass du Spinat essen sollst.“ Oder sie verbindet beide Varianten: „Der Papa ist traurig, wenn du den Spinat nicht isst.“

Beliebt ist auch immer wieder das Mitleidsargument „Jetzt habe ich mir so viel Mühe mit dem Essen gegeben, und du lässt es einfach stehen.“

Den Gemeinschaftssinn anzusprechen, kann ebenfalls beeindruckend sein „Dein Bruder und ich, wir lieben Spinat.“ Artverwandt ist das Isolationsargument „Du bist der einzige in unserer Familie, der keinen Spinat mag.“

Motivation und Drohung liegen nah beisammen in einer Wenn-dann-sonst-Andeutung wie „Wenn du den Spinat isst, wirst Du groß und stark…“ Als würde das Kind jämmerlich verkümmern, wenn das Grünzeug auf dem Teller bliebe.

Der Zögling kann dann mit einem Traditionsargument kontern „Ich habe doch noch nie Spinat gegessen!“ Das ist schon ein bisschen platt, aber solche schlichten Totschläger sind erfahrungsgemäß verblüffend wirksam.

Arthur Schopenhauer hat insgesamt 38 Kunstgriffe beschrieben. 18 davon habe ich bereits für kommende Beiträge für Sie ausgearbeitet. Viel Spaß beim Entdecken der alltäglichen “Schopenhauereien”, die Ihnen bei Ihren eigenen und den Reden der anderen begegnen werden!

Text: Petra Weiß
Foto: SueSchi / pixelio.de

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Es ist doch nur eine Armbinde.

Bild zum Beitrag Es ist doch nur eine Armbinde

Lesedauer ~10 Minuten
Rubrik: Im Lichte der Geschichte

Vergangene Nacht jährten sich die November-Progrome von 1938. Menschen wurden ermordet, eingesperrt und bestohlen. Viele verloren ihre wirtschaftliche Existenz, ihre Freiheit und ihr Leben. Geschäfte und Privatwohnungen wurden zerstört. Gotteshäuser verwüstet und Friedhöfe geschändet. Mindestens 300 Menschen nahmen sich – aus Verzweiflung oder Weitsicht – das Leben. Danach begann der systematische Völkermord.

Wie konnte es so weit kommen? Das fragt man sich heute und man wird sich dieselbe Frage immer wieder stellen, wenn große Krisen die Eigenschaften der Menschen sichtbar machen: die guten wie die üblen. Ich möchte ein Licht aus meiner psychologischen Sicht auf die Entwicklungen werfen, die zu diesen Geschehnissen führten. Es wäre vermessen, die komplexen Zusammenhänge im Rahmen eines Beitrags umfänglich darstellen zu wollen. Daher richte ich mein Augenmerk auf ein paar wenige Aspekte, die mich dieser Tage besonders beschäftigen.

Im Vorfeld der Ereignisse hatten die politischen Akteure eine passende Rechtsgrundlage geschaffen. Wer Jude war, definierte ein Gesetz. Die Beweislast wurde umgekehrt: Man musste einen Ariernachweis erbringen, im Volksmund „Persilschein“ genannt, um sich von dem Verdacht reinzuwaschen, jüdisch zu sein. Den Juden und auch anderen Gruppen wurden nach und nach ihre Menschenrechte aberkannt. Das meiste Unrecht geschah gemäß geltendem Recht.

Gute Menschen halten sich prinzipiell an Gesetze – wie absurd ihr Inhalt auch sein mag. Ihre Beweggründe liegen auf der Hand: Die Alternative zu verbindlichen Regeln ist Anarchie. Im Chaos will niemand leben. Besser alle halten sich an fragwürdige Vorgaben als an gar keine. Die Menschen stehen unter sozialem Druck, sich so zu gebärden wie die anderen Gesetzestreuen, um dazu zu gehören. Sie haben Angst vor einer Strafe, die sie selbst oder ihre Familie in Schwierigkeiten bringen könnte. Und sie können sich der Illusion hingeben, sie hätten keine Verantwortung für ihr Handeln, was in jeder Lebenslage ein fataler Irrtum ist. Handeln auf Befehl war noch nie frei von Verantwortung – unabhängig von der Rechtsprechung.

Zum Zwecke der Kennzeichnung mussten Juden Armbinden tragen. Diese im Vergleich zu den späteren Entwicklungen scheinbar harmlose Verordnung war der Anfang vom Ende. So waren die „Aussätzigen“ für jeden schon von weitem leicht erkennbar. Repressalien durch die allgegenwärtigen Staatsdiener und Diskriminierung durch die selbsternannten Hüter der Ordnung waren alltäglich.

Natürlich gab es auch Nicht-Juden, die das als Ungerechtigkeit empfanden. Die Sympathisanten standen in dem Risiko, ebenfalls bestraft und aus ihren bürgerlichen Kreisen ausgeschlossen zu werden. Man nannte sie abwertend „Judenfreunde“. Es gab eine Kontaktschuld: Man konnte sich mit diesen Menschen nicht treffen, ohne sich selbst schuldig zu machen. Sogar die „falsche“ Gesinnung von Freunden der Freunde barg eine latente Gefahr für Leib und Leben.

Das Prinzip „DIE und WIR“ spaltete Familien, Freunde, Kollegen und Nachbarn. Diese Spaltung ist die Grundlage eines jeden Terrors. Ohne sie wäre es nicht möglich, Menschen zu quälen, damit ein paar empathielose Psychopathen daraus irgendeinen Nutzen ziehen.

Die Propaganda hatte ganze Arbeit geleistet. Das ständige Wiederholen derselben Narrative hatte dafür gesorgt, dass Juden als Ursache allen Übels bei einem großen Teil der Gesellschaft verhasst waren. Sie waren schuld – am Krieg, an der Armut, an der politischen Krise. Einfach an allem. Hier wurde die berechtigte Empörung der Menschen über ganz andere Probleme gezielt gelenkt. Der Trick ist genauso alt wie effektiv. Er funktioniert immer wieder. Das Wir-Gefühl erstarkt mit einem gemeinsamen Gegner. Man bestätigt sich gegenseitig die Berechtigung für das vereinte Handeln und trägt die Flagge der „Solidarität“ als Rechtfertigung für grausame Taten vor sich her. Der staatstreue Bürger fühlte sich im Recht, wenn er Juden ausgrenzte oder beschimpfte. Später sah man folgerichtig weg, wenn die zuvor Diffamierten weggebracht wurden oder man hielt es sogar für eine gute Sache.

Statt sich zu fragen, ob all diese Behauptungen stimmten, waren die Leute damit beschäftigt, ihre Existenz zu sichern, entlastende Dokumente zu beschaffen und für Lebensmittel anzustehen. Zum Hinterfragen war keine Zeit. Außerdem war es gefährlich, die Autoritäten infrage zu stellen.

Man hatte zwei Meinungen: eine private und eine öffentliche. Zensur erfolgte überall. Wie viele Wahrheit damals verloren ging, werden wir wohl nie erfahren. Ironischerweise darf betreffend dieser Epoche heute keine vom offiziellen Narrativ abweichende Meinung geäußert werden. Das wäre strafbar. Manchmal hat das Schicksal einen schrägen Humor.

Weil so viel Normales verboten war, wurden normale Bürger zu Gesetzesbrechern. Diese konnte man jetzt mit reinem Gewissen anzeigen. Als Denunziant fühlt man sich moralisch überlegen, während man jemanden für ein im Grunde unwesentliches Vergehen in die Pfanne haut.

Je ohnmächtiger sich der einfache Mann fühlte, desto verlockender war es, am Machtsystem teilzunehmen. Ein kleiner Hinweis an den Blockwart und der unliebsame Nachbar, der Konkurrent um einen Arbeitsplatz oder der Ehemann der Geliebten konnte in Schwierigkeiten gebracht werden. Wie überaus praktisch! Der Betroffene musste noch nicht einmal wirklich etwas falsch gemacht haben. Es reichte, wenn man etwas völlig aus der Luft Gegriffenes behauptete, um eine Lawine der Schikane loszutreten. Für falsche Anschuldigungen wurde niemand zur Rechenschaft gezogen.

Ein psychologisch brillanter Schachzug der NS-Regierung – vielleicht sogar der entscheidende – war es, die Allgemeinbevölkerung am Raub zu beteiligen. Die von Juden gestohlenen Gegenstände, ihre Häuser, die Geschäftsbetriebe wurden spottbillig verkauft. Der Pelzmantel und die Lederhandschuhe der jüdischen Nachbarin, das edle Porzellan des jüdischen Chefs, Kunsthandwerk aus jüdischem Familienbesitz – plötzlich konnten sich Lieschen Müller und Franz Meier die begehrten Dinge leisten. Viele nutzten das einmalige Angebot und labten sich an den Überresten jüdischen Wohlstands. Ein Großteil der Bevölkerung lebte in existenzieller Abhängigkeit. Man fand Arbeit in den Giftgasfabriken, als Spitzel oder bei der SS. So macht man Mitläufer zu Profiteuren. Sie würden sich niemals gegen das Unrecht wenden oder es als solches überhaupt anerkennen, denn dann wären sie selbst Verbrecher und ihre Beute in Gefahr.

Es dient niemandem, dass wir in Gefühlen von Scham und Schuld versinken, wenn wir heute an die Opfer, Täter und Mitläufer denken. Lassen Sie uns lieber wachsam nach den Unterschieden zwischen damals und heute schauen.

“Wenn man eines aus der Menschheitsgeschichte lernen kann, dann ist es die Tatsache, dass Menschen aus ihrer Geschichte nichts lernen.” sagt angeblich ein Chinesisches Sprichwort. Mir wäre es sehr recht, diesen Text durch mein praktisches Erleben zu widerlegen.

Wir alle brauchen Antworten, wenn wir uns später fragen, was wir in unserem Leben getan haben und warum. Das nennt man Verantwortung. Unser Tun in Einklang mit den eigene Werten zu bringen, macht es leichter, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Dazu müssen wir uns unserer Werte bewusst werden, unsere Überzeugungen überprüfen und bereit sein, aus alten Denkmustern auszusteigen. Dieser Prozess bringt uns als Menschheitsfamilie weiter beim Erforschen unseres Bewusstseins. Wir können Perspektiven nachvollziehen, die uns vorher fremd waren. So halten Gnade und Vergebung Einzug in unsere Seelen – für andere und für uns selbst.

Der Blick in die Geschichte lohnt sich immer dann, wenn er uns dabei hilft, unser Bewusstsein zu wecken für das was heute und in Zukunft geschieht.

Text: Petra Weiß
Foto: Huskyherz / pixelio.de

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Zur Person

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Petra Weiß ist als Heilpraktikerin mit ihrer Praxis für Homöopathie, Ganzheitsmedizin und Psychotherapie (HeilprG) in Weinheim niedergelassen. Parallel zu ihrer therapeutischen Arbeit ist sie als freie Journalistin im Ressort Medizin & Gesundheit tätig. Sie hat sich auf Naturheilkunde und Psychologie spezialisiert. Seit 2020 gibt sie das Online-Magazin Weißheiten: vom Ich zum Selbst heraus. Es dient der Entwicklung des Einzelnen in eine freies und selbstbestimmtes Leben und unterstützt somit den Bewusstseinsprozess der Menschheit.

Weise Entscheidungen treffen

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Weisheit entsteht durch die Verbindung von Wissen und Erfahrung. Das eine ohne das andere kann niemals weise sein. Wissen ohne Erfahrung bleibt theoretisch, ihm fehlt das Lebendige, der Bezug zum sinnlich Erlebten. Erfahrung ohne Wissen, bleibt instinktiv und oberflächlich. Allzu leicht verleitet sie zu voreiligen Schlüssen und unbedachten Handlungen.

Im Alltag treffen wir viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Wollten wir uns immer mit einer inneren Entscheidungsmatrix plagen, Gewichtungsfaktoren bestimmen und Ausschlusskriterien definieren, kämen wir mit unseren täglichen Beschlüssen nicht zu Potte. Stattdessen entscheidet in den meisten Fällen unser sogenanntes Bauchhirn. Hier fließen Millionen von Daten aus unserem Wissen und unseren Erfahrungen in Bruchteilen von Sekunden zusammen. Das Bauchhirn verarbeitet diese Informationen um ein Vielfaches schneller als es unser Verstand jemals könnte.

Die Kunst dabei ist, „das Unwesentliche zu ignorieren“, wie es der Psychologe Professor Gerd Giegerenzer, ehemaliger Leiter des Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in seinem gleichnamigen Buch beschreibt. (Link zu meinem Artikel „Gefühltes Wissen“ über einen Vortrag von Prof. Giegerenzer in der Rubrik „Seelische Aspekte“: www.schreibkunst.online/berichte )

Unsere Bauchhirn ist immer dann ein guter Ratgeber, wenn die Möglichkeiten zahlreich sind und die Informationen unüberschaubar viele. Genau dann kommt es darauf an, das Wesentliche herauszufiltern. Und das machen wir automatisch, wenn unser Kopf uns nicht dazwischenfunkt.

Basis dieser Entscheidungen sind also die subjektiven Erfahrungen und das, was wir für unser Wissen halten. Über die Objektivität von Informationen habe ich an anderer Stelle philosophiert. Hier ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich Entscheidungen stimmig anfühlen, wenn Wissen und Erfahrung zusammenpassen, auch wenn das „Wissen“ nicht der Wahrheit entspricht.

Vor dreißig Jahren hörte ich eine Frau sagen: „Das Revolverblatt lese ich nicht. Eines Tages erzähle ich das womöglich meinem Kind, weil ich nicht mehr weiß, aus welcher Quelle die Information stammt.“ Der Satz hat mich so nachhaltig beeindruckt, dass ich mich heute noch lebhaft daran erinnern kann – und ich weiß übrigens auch noch, wer ihn gesagt hat. Ja, wir sollten mit Bedacht wählen, woher wir unser Informationen beziehen und nicht alles in uns aufnehmen, das wir vorgesetzt bekommen. Denn auch diese Infos fließen in unsere (unbewussten) Entscheidungen ein. So entstehen beispielsweise Vorurteile und Ressentiments, die wir für das berechtigte Resultat von Erfahrungswerten halten.

Ganz häufig hat der Bauch längst entschieden, während der Kopf noch Argumente sammelt, um die Entscheidung zu begründen. Am Ende denkt man dann, man hätte eine vernünftige Entscheidung getroffen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Entscheidungsprozesse zu unterstützen. Auch im Jin Shin Jyutsu findet sich ein Griff für diesen Zweck.

Haben Sie schon einmal einen Manager gesehen, der die Hände im Nacken verschränkt während er in seinem Chefsessel sitzend nachdenkt? Diese Pose ist gut gewählt. Dabei aktiviert er sein Sicherheitsenergieschloss 4.

Das SES4 an der Schädelbasis rechts und links der Wirbelsäule lässt das Licht der Weisheit und den lebensspendenden Atem in uns einfließen. Es wird als das „das Fenster“ bezeichnet. Weisheit und Lebendigkeit, können wir im Moment alle gut brauchen.

Die Bedeutung dieses Energie-Punktes wird bestätigt, wenn wir andere therapeutische Verfahren betrachten: In der Kinesiologie wird eine Hand in den Nacken gelegt und die andere auf die Stirn, um emotionalen Stress zu reduzieren. Und auch das dient vielen Menschen in der aktuellen Lage.

Probieren Sie das Halten des SES4 einfach aus, wenn Sie Ihre Entscheidungsfindung auf stabile Füße stellen wollen (eine Hand in den Nacken legen oder beide Hände im Nacken verschränken), oder um Ihre Emotionen zu regulieren (eine Hand in den Nacken, die andere auf die Stirn legen). Jin Shin Jyutsu wirkt nur dann nicht, wenn Sie es nicht anwenden. Jeder Griff unterstützt Ihre Balance. Es gibt weder Risiken noch Nebenwirkungen. Viel Freude beim Üben.

Text: Petra Weiß
Foto: Oliver Mohr / pixelio.de

Zur Reihe

Die Reihe „Jin Shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impuls für das Bewusstsein“ erscheint in der Online-Zeitschrift „Weißheiten: vom Ich zum Selbst“. Zwischen September 2020 und März 2021 werden insgesamt 26 Beiträge veröffentlicht. Sie erfahren, wie Sie mit einfachen Griffen Ihren Energiefluss gezielt ins Gleichgewicht bringen können. Das fördert Ihre Gesundheit, beruhigt Ihr Gemüt und unterstützt Ihre Bewusstwerdung. Grundlegendes zur Heilweise Jin Shin Jyutsu und zur Anwendung der Griffe erfahren Sie aus dem Beitrag…

Jin Shin Jyutsu: japanische Heilkunst als Impulsgeber für das Bewusstsein

28.08.2020 Auftakt zur Reihe. Lesedauer ~ 10 Minuten.
Schreibkunst Redakteur
Foto: Petra Weiß

Die Entwicklung der Menschheit als Ganzes führt jeden Einzelnen immer stärker in seine Kraft. Wir werden uns bewusst, dass wir viel mehr zu unserer Gesunderhaltung und Genesung beitragen können, als uns die „alte Medizin“ unser Leben lang erzählt hat. Und zwar nicht durch das Befolgen ihrer bevormundenden Eingriffe in unsere Entscheidungen der Lebensführung, sondern dadurch, dass wir die Verantwortung für unsere Gesundheit selbst in die Hand nehmen.

Es gibt verschiedene Heilweisen, die jeder für sich nutzen kann. Jin Shin Jyutsu ist frei von unerwünschten Wirkungen, leicht erlernbar und ohne Hilfsmittel anzuwenden.

Weiterlesen…

 

SES1 Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

01.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~5 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Foto: Huskyherz / pixelio.de

Kennen Sie das? Sie wissen genau, was Sie tun müssten, und finden keinen Anfang. Egal, ob es sich um einen Arbeitsauftrag, das Aussortieren Ihrer Kleider oder eine überfällige Bewerbungsaktion handelt. Vielleicht ist die Fülle an Möglichkeiten zu groß, so dass Sie sich nicht entscheiden können. Oder Sie fürchten, einen Fehler zu machen. Oder das Ganze überfordert Sie. Oder Ihr Kopf und Ihr Bauch sind unterschiedlicher Meinung. An vielen Punkten kann man ansetzen, um innere und äußere Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Immer notwendig ist der zündende Funke, der gefühlte Startschuss, das Freisetzen der Energie.

Weiterlesen…

SES2 Das Ende der Spaltung

09.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~9 Minuten

Schreibkunst Texter Ghostwriter
Foto: p.kopf / pixelio.de

Wenn wir die schmerzhafte Spaltung in unserer Gesellschaft überwinden wollen, müssen wir die Spaltung in uns erkennen: Welche Anteile habe ich abgespalten, weil sie mir so böse erscheinen, dass ich nicht einmal im stillen Kämmerlein bei Kerzenschein hinschauen kann? Und genau diesen Teil integrieren.

Weiterlesen…

SES 3 Die Aikido-Abwehr – Angriffe transformieren

15.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~7 Minuten

Schreibkunst Texter Redakteur
Foto: Kurt / pixelio.de

Haben Sie schon einmal eine asiatische Kampfkunst beobachtet? Das schaut ganz anders aus als Boxen. Die Bewegungsabläufe erscheinen anmutig und fließend. Angriffe werden nicht durch eine abwehrende Gegenbewegung gestoppt, sondern geschmeidig in die eigene Bewegung überführt. So nutzt man die Energie des Gegners. Nach diesem Prinzip stärken wir mit Jin Shin Jytsu Ihre Abwehr auf körperlicher und seelischer Ebene.

Weiterlesen…

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist als Heilpraktikerin mit ihrer Praxis für Homöopathie, Ganzheitsmedizin und Psychotherapie (HeilprG) in Weinheim niedergelassen. Jin Shin Jyutsu war ab 2003 ein wesentlicher Mosaikstein ihrer Genesung von einer angeblich unheilbaren Krankheit.

Gemäß ihrer Ausbildung darf sie die Bezeichnung Jin Shin Jyutsu Praktikerin seit 2007 mit dem Segen der Grande Dame des JSJ, Mary Burmeister, führen. Jin Shin Jyutsu ist seither ein Grundpfeiler ihrer naturheilkundlichen Beratung. Petra Weiß unterrichtet Fachleute und Laien in der japanischen Heilkunst. Sie teilt ihr Wissen und ihre Erfahrung mit Heilpraktikern, Ernährungsberatern und anderen Berufsgruppen und gibt Selbsthilfekurse mit verschiedenen Schwerpunkten für jedermann.

Zum Weiterlesen

Riegger-Krause, Waltraud: Jin Shin Jyutsu: Die Kunst der Selbstheilung durch Auflegen der Hände. IRISANA 2012
Burmeister, Alice: Heilende Berührung: Körper, Seele und Geist mit Jin Shin Jyutsu behandeln. KNAUR.LEBEN 2019

Journalismus bewusst nutzen – ein Blick ins Nähkästchen

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Lesedauer ~ 8 Minuten
Rubrik: Verantwortung übernehmen

Wir alle brauchen Information über das Weltgeschehen, wenn wir uns eine Meinung zu aktuellen Ereignissen oder Strömungen unserer Zeit bilden wollen. Dabei haben wir die Wahl, eine fremde Meinung zu übernehmen oder uns eine eigene Sicht zu erarbeiten. Beides hat Vor- und Nachteile.

Sich anderer Leute Meinung anzupassen, ist relativ leicht, kostet wenig Zeit und rüttelt nicht an den Grundfesten der eigenen Existenz. Man sucht sich Aussagen, die gut ins bestehende Weltbild passen, und saugt sie einfach auf. Ist die Meinung erst mal inhaliert, darf man sich nur nicht durch widersprüchliche Fakten verwirren lassen. Am Besten bleibt man konsequent bei einer Quelle oder informiert sich nur bei parallel ausgerichteten Medien.

Zum Entwickeln einer eigene Perspektive wählen wir verschiedene Quellen zum selben Thema und studieren mehrere Beiträge. Wir finden Übereinstimmungen in den Berichten – und feine Unterschiede. Bewerten wir die Abweichungen als relevant, dann schauen wir nach den Details. Manchmal sind scheinbar nebensächliche Unschärfen wertvolle Hinweise auf größere Ungereimtheiten. Wenn wir offensichtliche oder subtile Diskrepanzen nicht durch vernünftige Überlegungen auflösen können, müssen wir uns entscheiden, wem wir Glauben schenken wollen.

Plausibilität prüfen

Oft gibt es Beiträge in diesem Magazin oder von diesem Autor zu ähnlichen Themen. Vielleicht lässt sich daraus sehr leicht ein erster Eindruck über die Glaubwürdigkeit der Quelle gewinnen. Wir versuchen herauszufinden, welche Expertise der Information zugrunde liegt.

Wir halten Ausschau nach Einflüssen, die auf den Bericht gewirkt haben könnten. Wird durch die Auswahl der Themen, der Autoren, der Bilder oder durch die Wortwahl deutlich, dass die Grundsätze einer um Objektivität bemühten Berichterstattung verletzt worden sind? Lässt sich erkennen, in welche Richtung die Lesermeinung gelenkt werden soll?

Wenn wir noch eine Stufe tiefer gehen wollen, prüfen wir die Vita des Journalisten und der Entscheider eines Medienkonzerns. Finden sich Verbindungen zu bestimmten Interessengruppen? Oft gibt ein Blick auf die Geldströme Aufschluss. Dank Internet sind solche Daten für jedermann verfügbar. Man muss nur auf die Idee kommen, die richtigen Fragen zu stellen.

Warum müssen wir solche Überlegungen überhaupt anstellen? Möchten Sie lieber davon ausgehen, das alle Journalisten sich an die Gesetze halten, die für ihren Berufsstand gelten? Ihren Wunsch kann ich sehr gut nachvollziehen. Wir alle wünschen uns eine Welt frei von Manipulation.

Warum sie das nicht ist und wie es dazu kommt, möchte ich hier für Sie beleuchten. Ich werde meinen Schwerpunkt auf das Metier legen, in dem ich mich bewege: das geschriebene Wort.

Patient Presse

Der Presse geht es nicht gut. Der Print- und Online-Journalismus befindet sich seit Jahren in einer schweren Krise. Durch das kostenfreie Angebot im Netz sehen sich nur noch wenige Menschen veranlasst, für Nachrichten Geld auszugeben. Echter Qualitätsjournalismus auf der Basis von professionellen Recherchen ist aufwändig. Einen Beitrag wie diesen zu erstellen, kostet mich mindestens einen vollen Arbeitstag am Rechner, die Zeiten, in denen ich auf dem Laufband über die Themen nachdenke oder mit Freunden darüber debattiere, nicht mitgerechnet.

Aus Kostengründen geht der allgemeine Trend zu Meldungen, die per Algorithmus automatisiert erzeugt werden. An vielen Texten, die Sie täglich lesen, hat kein einziger Redakteur Hand angelegt. Die Programme sind so fortschrittlich, dass rein sprachlich recht geschmeidige Resultate erzielt werden. Inhaltliche Prüfungen auf Plausibilität geschweige denn auf Relevanz kann die Maschine nicht leisten. Quantität geht vor Qualität: Je öfter dieselben Daten von dem Roboter im Netz gefunden werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich noch weiter verbreiten. Programmierer statt Journalisten sorgen für die meisten Meldungen, die Sie heute zu Gesicht bekommen. Für Sportergebnisse und Wettermeldungen mag das vertretbar sein. Gesellschaftlich relevante Themen den Algorithmen zu überlassen, ist fragwürdig.

Die Abo-Zahlen der meisten Zeitungen und Zeitschriften sind ins Bodenlose gefallen. Moderne Konsumenten wollen sich nicht vertraglich binden. Also werden die Beiträge stückweise verkauft. Für große Medien lohnen sich die sogenannten Micropayments, mit denen Leser kleine Beträge für einzelne Artikel überweisen. Bezahlschranken führen nur renommierte Blätter ein, die hoffen dürfen, dass der Leser den Wegezoll berappen will, bevor er weiß, ob dieser Artikel ihm dient.

Wie Kunden zu Produkten werden

Wenn man mit dem Verkauf von Zeitungen kein Geld mehr verdienen kann, wie überleben dann die Verlage? Im Wesentlichen durch Werbung. Unser Medienkonsum bewegt sich immer mehr in Richtung Online. Die Höhe der Werbeeinnahmen resultiert im Online-Geschäft auf der Anzahl von Klicks. Praktisch bedeutet das: Die Überschrift muss Ihre Aufmerksamkeit um jeden Preis erringen, das Bild muss Sie emotional fesseln, die Einleitung muss Sie in den Text ziehen. Und wie geht das am Besten?

Schauen wir einfach mal hin, was am häufigsten gezeigt wird: Sex und Angst binden unsere spontane Aufmerksamkeit. Bikini-Bilder und Terror-Meldungen sorgen zuverlässig für Klicks. Klatsch und Tratsch erfüllt die selbe Aufgabe. Wenn in einem Königshaus ein Kind geboren wird oder ein Star sich scheiden lässt, weckt das die Illusion von Verbundenheit des einfachen Mannes und der einfachen Frau mit den Eliten. Dann fühlen wir, dass uns in Kummer und Freude die Welt der Reichen und Mächtigen gar nicht so fern ist.

Mit dem Fokus auf Werbung stellt sich die Frage, wer eigentlich der Kunde einer Zeitung oder eines Online-Magazins ist. Diese Rolle verlagert sich zunehmend vom Leser zum Anzeigenkunden. Die Medien sind also nicht mehr den Rezipienten (Empfängern der Beiträge) verpflichtet, sondern den Marketingentscheidern von Konzernen und anderen Interessenvertretern.

Freuen Sie sich, wenn Sie etwas geschenkt bekommen? Was im engen Freundes- und Familienkreis Ihr Herz erquickt, darf im Geschäftsleben angemessene Skepsis hervorrufen. Warum sollte Ihnen jemand etwas schenken wollen, der Sie gar nicht kennt? Seien Sie wachsam gegenüber selbstlosen Menschenfreunden und Heilsbringern. Um das Prinzip auf den Punkt zu bringen, könnte man sagen: „Wenn es Dich nichts kostet, bist Du das Produkt.“

Ausgleich als Lösungsansatz

Sie haben natürlich Recht, wenn Sie die Arbeit der Presse für ihre Abhängigkeit und alle Folgen daraus hinsichtlich der Qualität ihrer Berichterstattung anprangern. Auch wenn es meine eigene Zunft betrifft, jammere ich gerne ein bisschen mit Ihnen. Das allein bringt uns der Lösung leider nicht näher. Ich für meinen Teil habe beschlossen, mich organisierten Interessengemeinschaften fernzuhalten, um wirklich freien Journalismus zu machen. Ich bin aus allen Vereinen ausgetreten und habe sämtliche Ämter abgelegt. Ich gehöre keiner Partei und keiner Glaubensgemeinschaft an. Zu einer Ausnahme bin ich gezwungen. Ich bin Mitglied im Deutschen Fachjournalisten Verband. Ohne Verbandszugehörigkeit gibt es keinen Presseausweis in Deutschland.

Freie Journalisten sind selbstständige Unternehmer. Sie haben keinen festen Auftraggeber und daher keine regelmäßigen Umsätze. Sie schreiben manchmal im Auftrag, aber meistens aus eigenem Antrieb. Nur wenn sie eine Veröffentlichungen in einer Zeitschrift oder einer Zeitung platzieren, erhalten sie von dem Verlag ein Honorar. Eigene Publikationen stellen Sie häufig online zur Verfügung. Viele meiner Kollegen betreiben einen Blog. Dort stellen sie das Resultat ihrer Arbeit kostenfrei für jedermann zur Verfügung. Manche Leser überweisen freiwillig einen kleinen Betrag. Von diesen Spenden lebt der freie Journalist. Die Möglichkeit für Micropayments finden Sie am Ende der meisten professionell erstellten Beiträge. Genutzt wird diese Option leider noch sehr selten.

Hier ist ein Bewusstseinswandel vonnöten. Wenn wir qualitativ hochwertige Berichterstattung wünschen, müssen wir alle wieder bereit sein, für sie zu bezahlen. Fairer Ausgleich ist ein universelles Prinzip, das auch für Journalisten gelten darf.

Es gibt zahlreiche solide Informationsquellen. Sie finden Kanäle, die Ihre freie Meinungsbildung durch vielfältige Perspektiven unterstützen – wenn Sie das wollen.

Zuverlässige Standards schaffen

Für unsere Medien wünsche ich mir einen verbindlichen Qualitätsstandard, der durch eine unabhängige Zertifizierung dokumentiert wird. Das Verfahren soll dazu dienen, für den Leser transparent zu machen, ob die Journalisten sich um eine objektive Berichterstattung bemühen. Insbesondere für die sinnvolle und wahrheitsgemäße Darstellungen von Zahlen sollte es klare Richtlinien geben. Ich empfehle, den Empfang von staatlichen Zuwendungen aus Steuern oder Rundfunkgebühren von diesem Zertifikat abhängig zu machen und damit auch weniger etablierten Medien den Zugang zu öffentlichen Geldern zu ermöglichen.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de