Die Spinne in der Yucca-Palme. Moderne Märchen für Erwachsene

Vielleicht erinnern Sie sich an die 1980er Jahre. Damals kamen schaurige Geschichten in Mode, die unsere Urängste angesprochen haben und für Gänsehaut am Lagerfeuer sorgten. Eine solche Mär war die Vogelspinne, die je nach Lesart entweder in einer Palme oder in einer Bananenstaude ins heimische Wohnzimmer fand und dort zunächst unentdeckt blieb.

Die Botschaft solcher Gruselgeschichten lautet: “Überall lauert Gefahr. Selbst dort, wo Du Dich sicher fühlst.” Auch wenn ich einer Erzählkunst mit überraschenden Wendungen im Sinne ihres Unterhaltungswertes einiges abgewinnen kann, sehe ich die Dramaturgie aus meiner psychologischen Warte mit wachsamem Blick. Und ich erkenne das Muster heute rings um mich her wieder.

Als Traumatherapeutin weiß ich, dass Gefahren unsere ganze Aufmerksamkeit binden. Darauf haben wir keinen Einfluss. Das hat die Natur für unser Überleben so eingerichtet. Ob es tatsächlich eine Bedrohung gibt, oder ob wir uns nur an ihrem Schauer ergötzen, spielt für das Nervensystem und für die Ausschüttung von Stresshormonen keine Rolle. Auf die biochemischen Auswirkungen bin ich an anderer Stelle bereits eingegangen. Hier will ich mich weiteren Gesichtspunkten widmen.

Narrative lenken unser Bewusstsein. Dafür können wir uns entscheiden. Wir können unser Bewusstsein aber auch auf ganz andere Gedankeninhalte richten. Das liegt in unserer Macht. Wem wir zuhören, was wir lesen, mit welchen Gedanken wir uns im Weiteren auseinandersetzen, ist unsere freie Wahl. Wenn unser Trauma aber erst einmal getriggert ist, kostet es uns viel mehr Energie und Achtsamkeit, um uns aus dem Strudel von Emotionen, Körperempfindungen und Gedanken wieder zu befreien. Manchmal bleiben wir dann im Alarmzustand von einem Angst-Kick bis zum nächsten und kommen gar nicht mehr zur Ruhe.

Wir können uns in ein Trauma regelrecht hineinschrauben. Aber wir müssen das nicht. Wenn wir stattdessen in einem Zustand der Stärke bleiben wollen, wenden wir uns stärkenden Inhalten zu. Das ist für jeden etwas anderes. Der eine schöpft Kraft aus seiner Arbeit, der andere aus seiner Familie, aus seinem Sport oder aus der Natur. Viele wenden sich in harten Zeiten einer Glaubensgemeinschaft zu, auch wenn wir diese nicht als religiös im Wortsinne bezeichnen würden. Sie glauben an etwas oder an jemanden, um Sicherheit und Halt zu gewinnen. Ich freue mich für jeden, bei dem das auf Dauer wirklich funktioniert.

Sich aus weiteren Geschichten mit Hoffnung zu speisen, hat Risiken und Nebenwirkungen. Sie können nämlich zutreffen oder auch nicht. Aus Erfahrung kann ich Ihnen raten, die tatsächlichen Zustände dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Sich in eine wunderbare Welt hineinzuträumen, mag zwar aus einem esoterischen Blickwinkel hilfreich sein. Und ich schließe gar nicht aus, dass wir so eine Schwingungserhöhung für den Planeten erzeugen. Mein Handwerk ist aber nicht die Esoterik, sondern die Psychologie. Und als Fachfrau für das Nervensystem muss ich Ihnen sagen, dass es wichtig ist, mit beiden Beinen auf der Erde zu bleiben. Spannen wir unser Nervensystem durch positives Denken zu sehr in die Friede-Freude-Eierkuchen-Perspektive, dann wird es vollautomatisch zurück schnalzen, wie ein überdehnter Gummi. Autsch, das tut weh.

Besonders ängstliche Menschen sind anfällig für Heilsbringer, Orakel und magische Kalenderdaten. Was ihnen zunächst Entspannung beschert, dient ihnen langfristig oft leider gar nicht. Wenn nämlich das Datum verstreicht, ohne dass das erhoffte goldene Zeitalter nun endlich angebrochen ist. Wenn der Retter sich als ganz normaler Mensch mit eigenen Interessen entpuppt oder wenn das Orakel mit seiner Prophezeiung mal wieder daneben lag. Diese Enttäuschungen sind um so schwerer zu verkraften, je ausschließlicher sich unsere Zuversicht darauf stützte. Wir brauchen also eine Zuversicht, die sich aus unserem Erleben speist und nicht nur aus weiteren Storys.

Beziehen Sie sich in ihren berechtigten Bedürfnis, einen hoffnungsfrohen Glauben zu pflegen, auf reale Erfahrungen mit echten Menschen und eigene spirituelle Erlebnisse. Bleiben Sie in Kontakt mit Ihrem Körper. Spüren sie aufmerksam in sich hinein. Nehmen Sie ihre Empfindungen wahr und benennen Sie diese. Verweilen Sie nicht bei unangenehmen Gefühlen, aber verdrängen Sie sie auch nicht. Bleiben Sie in der Haltung eines aufmerksamen Beobachters.

Gruselgeschichten liefern einen Schein-Grund, warum wir uns als ängstlich erleben (dürfen). Dieser Kunstgriff des Unbewussten ist genauso verständlich wie bedenklich. Wenn wir nämlich unsere tatsächlichen Risiken zur Seite schieben und unsere Angst auf etwas ganz anderes richten, bleibt die eigentliche Bedrohung unbeantwortet. Sinnvolle Vorsichtsmaßnahmen gegen konkrete Risiken zu ergreifen, ist uns dann nicht möglich. Wir sind gefangen in einem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Stattdessen müssen wir in unsere Handlungsfähigkeit zurückfinden, um gut für uns zu sorgen.

In diesen Tagen erleben fast alle Menschen reale Gefahren, derer sie sich mehr oder weniger bewusst sind. Sie haben echte und eingebildete Ängste. Und je mehr wir in Angst sind, desto weiter entfernen wir uns von unserem gesunden Körperempfinden, von unserer klaren Wahrnehmung des Tatsächlichen und von einer Unterscheidungsfähigkeit zwischen theoretischer Möglichkeit und praktischer Wahrscheinlichkeit.

Meine Empfehlung ist eindeutig: Kommen Sie zu sich und beruhigen Sie sich. Sie haben bestimmte Methoden, Ihr Nervensystem zur Ruhe zu bringen. Wenden Sie diese jetzt vermehrt an. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob Sie sich durch Ablenkung beruhigen oder durch Kontakt oder durch naturheilkundliche Mittel wie Bachblüten oder Jin Shin Jyutsu. Sie wissen, was Ihnen dient. Ansonsten lassen Sie sich fachkundig unterstützen.

Bei konkreten Ängsten können Sachinformationen manchmal hilfreich sein. Zahlen, die ein Risiko differenziert darstellen und Ihnen verdeutlichen, wie gering die Gefahr tatsächlich ist, sind dienlich. Finden Sie heraus, wie stark Sie in Wirklichkeit von einer Krankheit, von den Nebenwirkungen einer Therapie, vom Verlust Ihres Arbeitsplatzes oder von Lebensmittelknappheit bedroht sind. Treffen Sie bei Bedarf vernünftige Vorsichtsmaßnahmen, aber beißen Sie sich nicht an einer Fixierung fest, die von nun an Ihr ganzes Leben bestimmt.

Entwickeln Sie einen realistischen Plan B. Immer wieder zeigt sich, dass Plan B bei genauer Betrachtung sogar attraktiver ist als der ursprüngliche Plan. Manchmal sind wir gezwungen, endlich zu tun und zu entscheiden, was sich schon länger als fällig angebahnt hat und noch nicht in die Tat umgesetzt werden konnte. Nehmen Sie Ihr Schicksal im Rahmen Ihrer Möglichkeiten in die Hand, statt auf einen Messias zu warten.

Wenn jeder von uns durch aufrichtiges Handeln seine eigenen Werte in die Welt bringt, gehen wir gemeinsam in eine bessere Zukunft, die weder eine Revolution noch einen Polsprung des Magnetfelds braucht. Warten Sie nicht auf Veränderungen im außen. Forschen Sie in sich, welche Richtung Ihre eigene Entwicklung nehmen soll und gehen Sie beherzt Ihren Weg. Suchen Sie sich passende Weggefährten und ziehen Sie los.

Klingt das gut, aber es fehlt Ihnen der Mut? Auch damit sind Sie nicht allein. Viele meinen, mutig zu sein bedeute, keine Angst zu haben. Das Gegenteil ist der Fall. Menschen ohne Angst sind psychopathisch, nicht mutig. Mut setzt Angst voraus, die man überwindet. Man tut etwas MIT der Angst. Doch, das geht. Wir müssen allerdings genau hinsehen. Sie werden feststellen, dass viele Ängste kleiner werden, wenn wir uns ihnen stellen.

Stellen Sie sich Ihrer Angst vor dem Tod. Denn darum geht es in letzter Konsequenz bei fast allen Ängsten. Das schlimmste was passieren kann, ist das Sie sterben. „Na, und?“ möchte ich Ihnen ein wenig fatalistisch zurufen. Das wird sowieso eines Tages geschehen. Ganz sicher. 100 %. Finden Sie vor diesem Hintergrund und in diesem Zusammenhang einen Glauben, der Ihnen dient, das Leben zu leben. Ihr Leben.

Text: Petra Weiß
Foto: Daniel Bleyenberg / pixelio.de

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Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.

Der Trick mit der gezinkten Goldwaage

Wünschen auch Sie sich einen offenen und ehrlichen Austausch mit Ihren Mitmenschen? Dann dient es Ihnen, listige Wortjonglagen zu enttarnen – bei sich und bei anderen.

Herzlich willkommen bei einer weiteren Folge aus unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin“. Wir beleuchten hier Tricks und Kniffe, mit denen man einen Disput trotz schwacher Argumente für sich entscheiden kann. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ aufgezeigt.

Vielleicht wurden Sie schon einmal Opfer der Redekunst oder Sie wenden selbige (unbewusst) selbst an. In beiden Fällen ist es nützlich, das Vorgehen zu erkennen, um es zu vermeiden oder um darauf angemessen reagieren zu können. So führen Sie die Diskussion auf fruchtbares Terrain zurück.

Ein griffiges Anwendungsbeispiel zur Verdeutlichung der Gesprächskunst entnehmen wir dem Alltäglichen: dem Gezerre am Esstisch. Unser Junior soll Spinat essen und will das nicht. Schauen wir zu, wie er sich trickreich wehren könnte…

Wenn unser Gesprächspartner sein Fähnchen nach dem Wind hängt, ist das keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung. Wir wollen uns darauf verlassen können, dass morgen noch gilt, was heute gesagt wurde.

Allerdings gibt kaum jemand rund um die Uhr Weisheiten von sich, die einer durchgängigen Logik folgen. Daher werden wir bei jedem Menschen Aussagen finden, die sich inhaltlich widersprechen. Sei es, weil man etwas mit Absolutheit gesagt hat, was bestimmt auch Ausnahmen bedingt. Sei es, weil man die eigene Meinung weiterentwickelt hat (doch, doch: Das darf man!). Sei es, weil manche Feststellungen im Zusammenhang einer bestimmten Erfahrung berechtigt sind, in anderen Situationen aber nicht.

Im Alltag kann man nicht jeden Satz auf die Goldwaage legen, als schriebe man ein wissenschaftliches Buch. Diese unberechtigte Anspruchshaltung eignet sich aber hervorragend für eine wahrlich schikanöse Gesprächsführung. Kehren wir zurück zur Gemüsedebatte:

Mit scharfer Zunge und ebensolchem Verstand gesegnet, findet der Zögling scheinbare Widersprüchlichkeiten zu früheren Aussagen der Frau Mama: „Gestern hast du noch gesagt, dass der Körper schon weiß, was er braucht. Und jetzt soll ich essen, was mein Körper ablehnt.“ Dass es gestern um die Dosis der Bachblütentropfen ging und nicht um die Ernährung, wird geflissentlich übersehen. Und weil die Aussage grundsätzlich einiges für sich hat, gibt die Mutter an der Stelle den Esslöffel mit etwas Glück verdattert ab. Probieren kann man es ja mal!

Alternativ beruft sich der Filius auf Regeln in der Gemeinschaft: „In unserer Familienkonferenz haben wir doch beschlossen, dass die Meinung der Kinder auch gehört wird. Und jetzt ist dir meine Meinung pupegal!“ Nun ja: Die Meinung zu hören heißt nicht, dass sie immer ausschlaggebend für alle Entscheidungen sein muss. Trotzdem kann der Punkt ganz schnell an den Spinathasser gehen, weil Eltern rasch ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man sie so aussehen lässt, als ob sie sich an gemeinsam Beschlossenes nicht halten.

Mit etwas Übung kann man diesen Trick geschmeidig kombinieren, zum Beispiel mit dem Einsatz oder dem Auseinandernehmen von Verallgemeinerungen, mit dem Kniff, Metaphern wörtlich zu verstehen, oder mit anderen absichtlich herbeigeführten Missverständnissen.

Text: Petra Weiß
Foto: Marco Barnebeck(Telemarco) / pixelio

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Verwirren mit Details

Schreibkunst Texter Schriftsteller Essayist

Einzelheiten genau zu betrachten ist mühsam und zeitaufwändig. Unsere Gewohnheit ist es längst geworden, uns auf Experten zu verlassen. Sie haben sich in der Tiefe mit allen Details auseinandergesetzt. Wir nutzen ihr Wissen und ihre Erkenntnisse und gewinnen daraus so eine Art “Instant-Meinung” – ein lauwarmer Aufguss als Auszug aus echter Fachkenntnis. Doch nicht jeder Spezialist hat wohlmeinende Absichten.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ beleuchten wir sprachliche Kunstgriffe, die schon seit der Antike verwendet werden. Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat sie in seinem Buch „Die Kunst Recht zu behalten“ verewigt.

Bereits erschienen sind die Beiträge:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Richtungsweisend

Wenn Absurdes obsiegt

Zur Veranschaulichung dient uns ein alltägliches Beispiel: der Disput am Esstisch. Der Nachwuchs verweigert beharrlich das Gemüse, während seine Eltern versuchen, ihm das Grünzeug schmackhaft zu machen.

Mit einer Fülle von Einzelheiten kann der Gesprächspartner den Eindruck gewinnen, man hätte wirklich Ahnung von der Sache. Detailreichtum kann natürlich auf eine breite Fachkenntnis zurückgehen. Ein winziges Detail allerdings kann auch aus der Schublade gezogen werden, um den anderen Schachmatt zu setzen, wenn einem die echten Argumente ausgehen. Das braucht ein bisschen taktische Raffinesse.

Der Trick ist nicht so einfach zu durchschauen. Meist hinterlässt er ein unbestimmtes Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein, oder einfach nur Verwirrung – und das ist durchaus beabsichtigt.

Wie geht man dabei vor? Sie brauchen nur eine einzige Information, von der Sie ganz bestimmt wissen, dass sie zutrifft, die man aber grundsätzlich auch infrage stellen kann. Und sie benötigen einen Beweis für diese Tatsache als Ass im Ärmel. Mit diesem winzigen Ausschnitt an Kompetenz können Sie besserwisserisch als Experte glänzen. Und wenn man Ihr Wissen anzweifelt? Um so besser: Dann liefern Sie den Beweis und lassen den anderen dumm dastehen. Den Rest erledigen unzulässige Verallgemeinerungen für Sie. Das klingt jetzt sehr theoretisch, schauen wir uns den Kunstgriff am lebendigen Beispiel an:

Unser Gemüseverächter postuliert „Spinat ist oft mit Schadstoffen belastet.“ Die Mutter kann an dieser Stelle nur verlieren. Gibt sie dem Sohnemann Recht, geht der Punkt klar an ihn und das Grünzeug landet auf der Sondermülldeponie.

Widerspricht sie, zieht er einen Fachartikel hervor, der die Belastung von Tiefkühlspinat mit Cadmium und Nitrat belegt – und gleichzeitig die Expertise des Sprößlings. Dass der Zankapfel, der in Form von gedünstetem Blattspinat auf dem Teller liegt, aus der Frischgemüseabteilung stammt und gar keine Minustemperaturen erlebt hat, kann man frostig ignorieren.

Wieder ist der Tipp: Lassen Sie sich den Wind nicht aus den Segeln nehmen. Und hören Sie GENAU hin, was jemand sagt. Der anmaßende Spezialist kann ganz rasch jeden Glanz verlieren, wenn Sie direkt ansprechen, dass er gerade etwas anderes bewiesen hat, als das, worum es tatsächlich geht. Sprechen Sie offen aus, dass er eine logisch unzulässige Verallgemeinerung in den Raum gestellt hat. Bleiben Sie gelassen. Das kann er ja gerne versuchen, es geht aber leider nicht durch. Nice try, Darling!

Text: Petra Weiß
Foto: Harald Wanetschka / pixelio

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Richtungsweisend

Schreibkunst Texter Ghostwriter

Warum hinterlassen manche Nachrichten einen schalen Nachgeschmack? Wir zucken kurz und lesen dann weiter, ohne zu wissen, was uns gerade begegnet ist. Wurde möglicherweise unsere Blickrichtung gerade gedreht? Heute habe ich Ihnen eine praktische Übung mitgebracht, um Ihre Achtsamkeit für sogenannte Spins zu schulen.

In unserer Reihe „Sie baden gerade Ihr Gehirn darin…“ haben wir schon einige Kunstgriffe der Redekunst aus dem Buch “Die Kunst, Recht zu behalten” von Arthur Schopenhauer beleuchtet:

Scheinargumente mit Tradition

All-gemeine Argumente.

Ups falsch verstanden…?

Beweise, die keine sind

Kopfsalat statt Spinat

Peinlich, peinlich.

Heute haben wir es mit einem besonders raffinierten Trick zu tun. Er ist zwar leicht erklärt und eigentlich auch gut erkennbar. Leider ist dieser Kniff in unserer Alltagssprache so üblich geworden, dass er uns nur auffällt, wenn wir aufmerksam hinhören.

In einem scheinbar neutralen Text flechten wir Begriffe ein, die in sich bereits eine bestimmte Färbung mitbringen. Sie sind selbst angehaucht oder erinnern (absichtlich) an ein Wort, das wir eindeutig mit einer Wertung verbinden.

Bleiben wir gedanklich am Esstisch in unserer Szene mit Mutter und Kind, um das zu verdeutlichen. Ich habe Ihnen eine kleine Übung mitgebracht.

In der Liste finden Sie viele verschiedene Ausdrücke, mit denen man den Jungen bezeichnen könnte. Lesen Sie ausgewählte Worte ganz bewusst, laut oder leise. Schließen Sie nach jedem einzelnen Begriffe die Augen und lauschen Sie in sich hinein, welche Gedanken, Bilder und Gefühle in Ihnen aufsteigen.

Junge

Jüngling

Knabe

Knäblein

Racker

Sproß

Sprößling

Bub

Kleiner

Sohn

Sohnemann

Kind

Balg

Göre

Bastard

Nachfahre

Nachkomme

Abkömmling

Brut

Stammhalter

Bursche

Zwerg

Erbe

Kerl

Bengel

Lümmel

Junior

Filius

Sie werden feststellen, dass die einzelnen Begriffe mit unterschiedlichen Empfindungen einhergehen. Manche der Ausdrücke haben ein „Gschmäckle“. Indem wir etwas mit solch einem tendenziösen Wort benennen, geben wir ihm bereits eine Wertung mit. Das kann auf natürliche Weise geschehen und enthüllt dann die Haltung des Sprechers bzw. Schreiberlings. Oder absichtlich, um der Rede oder dem Text einen bestimmten „Spin“ (Dreh) zu geben. In der Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations) tragen besonders Erfolgreiche PR-Manager daher den Namen „Spin-Master“.

Meine Beiträge sind in der Regel Essays oder Kommentare. Essays sind, wie das Wort schon sagt, Versuche. Der Schriftsteller versucht, eine Beobachtung aus seiner Weltsicht zu beleuchten und so schlüssig zu erklären. Kommentare fügen einer Beobachtung eine persönliche Sichtweise hinzu. Diese Formate beinhalten also meine Haltung und meine Meinung. Logisch: Ich teile meine persönlichen Erfahrungen mit Ihnen. Hätten meine Texte den Anspruch, Sie wie ein Nachrichten-Artikel neutral über einen Sachverhalt zu informieren, wäre das überaus unpassend.

Für Nachrichten, Dokumentationen oder wissenschaftliche Beiträge ist Neutralität ein wichtiges Richtmaß. Prüfen Sie solche Texte einmal spaßeshalber auf ihren Grad an Ausgewogenheit. Möglicherweise wird Ihnen bald klar, dass diese die Stimmung der Leser, Hörer oder Zuschauer in eine gewisse Richtung lenken.

Es kann sehr erhellend sein, anscheinend wertfreie Berichte auf solche Spins hin zu betrachten.

Um noch einmal kurz zu unserem Beispiel zurückzukommen, das sich durch diese Reihe zieht: der Machtkampf am Esstisch. Der Sohn würde den ungeliebten Spinat möglicherweise als Grünzeug bezeichnen, während die Mutter seine gesunde Wirkung unterstreichen könnte, indem sie im Gegenteil von einer Vitalstoffbombe spricht.

Wenn Sie Freude daran haben, üben Sie doch einmal, verschiedene Worte mit unterschiedlicher Färbung für Alltagsbegriffe zu finden. Das stärkt Ihre geistige Beweglichkeit und schärft Ihren Sinn für Manipulation durch Sprache. Viel Spaß beim Ausprobieren.

Text: Petra Weiß
Abbildung: DS / pixelio.de

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Bereit für den Wandel

Bild zum Beitrag Bereit für den Wandel

Unsere Welt befindet in einer weiträumigen Veränderung. Wie erleben Sie diese Bewegung? Freuen Sie sich auf den bevorstehenden Wandel? Oder machen Sie sich Sorgen, wie es dann weitergehen wird? Möchten Sie gar, dass alles so bleibt wie es immer war? Menschen sind in ihren Grundanlagen von Natur aus unterschiedlich gut dafür gewappnet, mit Veränderungen umzugehen. Was für den einen ein Bedürfnis ist, bereitet dem anderen großes Ungemach. Doch Leben ist Entwicklung, ist Veränderung. Wir Menschen können das, wir haben uns immer den Umständen angepasst, sonst wäre unsere Art längst ausgestorben.

Während meiner Hypnosetherapie-Fortbildung habe ich einen wichtigen Grundsatz gelernt: „die Welle reiten“. Im Arbeitsalltag erlebe ich immer wieder, dass das feine Zusammenspiel zweier Menschen von so vielen Bedingungen abhängt, dass eine Sitzung letztlich nicht wirklich planbar ist. Menschliches Verhalten ist unvorhersehbar. Deshalb ist es schön, eine Anleitung zu haben, aber man muss sich immer an die wechselhaften Gegebenheiten anpassen. Am Anfang meiner Laufbahn als Heilpraktikerin hätte ich gerne eine stabile Linie gehabt, an der ich mich entlangtasten kann. Ich kam aus der IT-Branche. Dort konnte man Abläufe auf den Punkt genau bestimmen. Wenn-dann-sonst-Situationen gibt es im echten Leben selten und erst gar nicht im therapeutischen Alltag.

Was also tun, wenn man als junge Heilpraktikerin vieles gelernt hat und die Wirklichkeit sich nicht immer ans Lehrbuch halten will? Man gewöhnt sich daran, auf seine Eingebung zu hören – sie speist sich aus dem Wissen und den Erfahrungen – und auf die heilsamen Fähigkeiten in jedem Menschen zu vertrauen: Etwas im Patienten weiß genau, wie Überleben geht, sonst wäre er nicht so weit gekommen, dass er heute in der Sprechstunde sitzt.

Dasselbe können Sie für sich beanspruchen. Etwas in Ihnen hat sich immer an die äußeren und inneren Umstände angepasst, die Ihnen in Ihrem Leben schon tausendfach begegnet sind. Sie haben die Fähigkeit zur Veränderung in sich. Die einen mehr, die anderen etwas weniger. Aber grundsätzlich ging es bisher immer weiter. So wird es auch mit den kommenden Monaten sein. Sie werden es überstehen. Vertrauen Sie auf das (Über-)Leben.

Wie man erschütternde Zustände (gesund) übersteht, hat der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky anhand von Holocaust-Überlebenden untersucht und dabei etwas Wesentliches herausgefunden: Diejenigen, welche nicht an den entsetzlichen Erfahrungen zerbrochen sind, hatten drei Dinge gemeinsam: Sie haben etwas Sinnhaftes in ihrem Schicksal erkannt, sie konnten die Erlebnisse in einen verstehbaren Rahmen einordnen. Und sie waren zuversichtlich, dass sie die Schwierigkeiten irgendwie bewältigen könnten.

Diese drei Merkmale dienen uns allen, auch in weniger lebensbedrohlichen Lagen. Machen Sie sich daher bewusst, dass Sie in Ihrem Leben schon viele Krisen gemeistert haben. Vielleicht finden sie heraus, welche Ihrer Eigenschaften Ihnen dabei geholfen haben. Betrachten Sie schwierige Zeiten und Ereignisse aus ihrer Vergangenheit: Können Sie rückblickend verstehen, wie es dazu gekommen ist? Wozu waren diese Erfahrungen gut? Welchen Sinn können sie in ihnen im Nachhinein finden? Diese kleine Übung kann Sie auf das Kommende vorbereiten.

Auf der energetischen Ebene hilft Ihnen das Sicherheitsenergieschloss 5, sich auf einen möglichst geschmeidigen Wandel einzulassen. Es befindet sich am inneren Fußknöchel zwischen dem Gelenk und der Ferse. Diesen Punkt erreichen die meisten im Sitzen mit angewinkeltem Bein gut mit der Hand. Falls diese Übung anstrengend oder unbequem für Sie sein sollte, dürfen Sie es sich leicht machen und SES5 mit dem Fuß berühren.

Bleiben Sie so lange in der Haltung und nehmen Sie sie so oft ein wie es Ihnen wohltut. Es gibt keine Überdosis und keine Mindestdauer. Jede Berührung hilft.

Während Sie sich strömend auf den Wandel vorbereiten, lösen Sie gleichzeitig Ängste und Unsicherheiten auf. Sie unterstützen mit SES5 Ihre Nierenfunktion und die Gesundheit der Ohren. Außerdem dient das Halten von SES5 den dem Unterleib bei Männern und Frauen sowie der weiblichen Brust.

Nachdem wir mit den ersten vier SES den physischen Leib reguliert haben, befinden wir uns jetzt in der sogenannten „zweiten Tiefe“. Ihre Schwingung ist feinstofflicher. Hier wird der Teil unseres Energiefelds behandel, in dem unsere Gemütsregungen gespeichert sind, der Emotionalkörper.

Text: Petra Weiß
Foto: uschi dreiucker / pixelio.de

Zur Reihe

Die Reihe „Jin Shin Jyutsu – japanische Heilkunst als Impuls für das Bewusstsein“ erscheint in der Online-Zeitschrift „Weißheiten: vom Ich zum Selbst“. Zwischen September 2020 und März 2021 werden insgesamt 26 Beiträge veröffentlicht. Sie erfahren, wie Sie mit einfachen Griffen Ihren Energiefluss gezielt ins Gleichgewicht bringen können. Das fördert Ihre Gesundheit, beruhigt Ihr Gemüt und unterstützt Ihre Bewusstwerdung. Grundlegendes zur Heilweise Jin Shin Jyutsu und zur Anwendung der Griffe erfahren Sie aus dem Beitrag…

Jin Shin Jyutsu: japanische Heilkunst als Impulsgeber für das Bewusstsein

28.08.2020 Auftakt zur Serie. Lesedauer ~ 10 Minuten.
Schreibkunst Redakteur
Foto: Petra Weiß

In unserem kollektiven Entwicklungsprozess kommen wir Menschen immer stärker in unsere Kraft. Wir werden uns darüber bewusst, dass wir sehr viel mehr zu unserer Gesunderhaltung und Genesung beitragen können, als uns die „alte Medizin“ unser ganzes Leben lang erzählt hat. Und zwar nicht durch das Befolgen ihrer versuchten Eingriffe in unsere persönlichen Entscheidungen der Lebensführung, sondern durch unsere Selbstermächtigung in medizinischen Angelegenheiten.

Weiterlesen…

SES1 Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

01.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~5 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Foto: Huskyherz / pixelio.de

Kennen Sie das? Sie wissen genau, was Sie tun müssten, und finden keinen Anfang. Egal, ob es sich um einen Arbeitsauftrag, das Aussortieren Ihrer Kleider oder eine überfällige Bewerbungsaktion handelt. Vielleicht ist die Fülle an Möglichkeiten zu groß, so dass Sie sich nicht entscheiden können. Oder Sie fürchten, einen Fehler zu machen. Oder das Ganze überfordert Sie. Oder Ihr Kopf und Ihr Bauch sind unterschiedlicher Meinung. An vielen Punkten kann man ansetzen, um innere und äußere Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Immer notwendig ist der zündende Funke, der gefühlte Startschuss, das Freisetzen der Energie.

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SES2 Das Ende der Spaltung

09.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~9 Minuten

Schreibkunst Texter Ghostwriter
Foto: p.kopf / pixelio.de

Wenn wir die schmerzhafte Spaltung in unserer Gesellschaft überwinden wollen, müssen wir die Spaltung in uns erkennen: Welche Anteile habe ich abgespalten, weil sie mir so böse erscheinen, dass ich nicht einmal im stillen Kämmerlein bei Kerzenschein hinschauen kann? Und genau diesen Teil integrieren.

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SES 3 Die Aikido-Abwehr – Angriffe transformieren

15.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~7 Minuten

Schreibkunst Texter Redakteur
Foto: Kurt / pixelio.de

Haben Sie schon einmal eine asiatische Kampfkunst beobachtet? Das schaut ganz anders aus als Boxen. Die Bewegungsabläufe erscheinen anmutig und fließend. Angriffe werden nicht durch eine abwehrende Gegenbewegung gestoppt, sondern geschmeidig in die eigene Bewegung überführt. So nutzt man die Energie des Gegners. Nach diesem Prinzip stärken wir mit Jin Shin Jytsu Ihre Abwehr auf körperlicher und seelischer Ebene.

Weiterlesen…

SES4 Weise Entscheidungen treffen

23.09.2020 Beitrag von Petra Weiß. Lesedauer ~ 6 Minuten

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Foto: Oliver Mohr / pixelio.de

Im Alltag treffen wir viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Hier fließen Millionen von Daten aus unserem Wissen und unseren Erfahrungen in Bruchteilen von Sekunden zusammen. Die Kunst dabei ist, das Unwesentliche zu ignorieren.

Weiterlesen…

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist als Heilpraktikerin mit ihrer Praxis für Homöopathie, Ganzheitsmedizin und Psychotherapie (HeilprG) in Weinheim niedergelassen. Jin Shin Jyutsu war ab 2003 ein wesentlicher Mosaikstein ihrer Genesung von einer angeblich unheilbaren Krankheit.

Gemäß ihrer Ausbildung darf sie die Bezeichnung Jin Shin Jyutsu Praktikerin seit 2007 mit dem Segen der Grande Dame des JSJ, Mary Burmeister, führen. Jin Shin Jyutsu ist seither ein Grundpfeiler ihrer naturheilkundlichen Beratung. Petra Weiß unterrichtet Fachleute und Laien in der japanischen Heilkunst. Sie teilt ihr Wissen und ihre Erfahrung mit Heilpraktikern, Ernährungsberatern und anderen Berufsgruppen und gibt Selbsthilfekurse mit verschiedenen Schwerpunkten für jedermann.

Zum Weiterlesen

Riegger-Krause, Waltraud: Jin Shin Jyutsu: Die Kunst der Selbstheilung durch Auflegen der Hände. IRISANA 2012
Burmeister, Alice: Heilende Berührung: Körper, Seele und Geist mit Jin Shin Jyutsu behandeln. KNAUR.LEBEN 2019

Woher wissen wir, was wir wissen?

Schreibkunst Redakteur PR-Text

Lesedauer ~ 17 Minuten
Rubrik: Umdenken

Viele Dinge erfahren wir im Laufe unseres Lebens. Wir nehmen etwas wahr: ein Bild, ein Geräusch, einen Geschmack, einen Duft, eine Bewegung oder eine Berührung. Diese Erfahrungen sind sinnliche Wahrnehmungen. Wir nehmen sie mit unseren Sinnen wahr. Sie erscheinen uns als objektive Wahrheiten. Sind sie das wirklich? Oder ist Objektivität in der Wahrnehmung eine Illusion?

Wenn zwei Menschen dasselbe Bild gezeigt bekommen, beschreiben sie es womöglich mit ähnlichen Worten. „Drei grüne Scheiben und ein rotes Rechteck“, sagt ein Betrachter. Ein anderer meint zu erkennen, hier seien „ein rotes Quadrat und drei grün gefüllte Kreise“. Im Wesentlichen scheinen die Wahrnehmungen übereinzustimmen. Die Zahlen sind identisch, die Formen zumindest ähnlich und die Farben werden gleich beschrieben. Woher wissen wir aber, dass ein anderer Mensch die Farbe Rot in gleicher Weise wahrnimmt wie wir selbst?

Wir alle haben gelernt, eine bestimmte Farbe als Rot zu bezeichnen. Ihre Frequenz ist physikalisch messbar, unsere Wahrnehmung von ihr kann identisch oder unterschiedlich sein. Dass Menschen Farben individuell wahrnehmen, wissen wir spätestens seit Bekanntwerden der Rot-Grün-Blindheit. Sie wird anhand eines einfachen Sehtests festgestellt. Bevor aber diese Menschen einen entsprechenden Test machen oder man die Frequenzen von Rot und Grün gemessen hat: Woher wussten die Betroffenen, dass sie Rot und Grün anders wahrnehmen als ihre Mitmenschen?

Und wenn umgekehrt 99 % aller Menschen eine Rot-Grün-Schwäche hätten, wie würden wir mit denjenigen umgehen, die Rot und Grün unterscheiden können? Hätten wir Angst vor ihrer „übersinnlichen“ Wahrnehmung? Würden wir sie als psychisch krank einstufen und versuchen, sie zu heilen?

Eine Erdbeere ist eine Erdbeere ist eine Erdbeere.

Manchen Sinneswahrnehmungen billigen wir eher zu, subjektiver Natur zu sein. Woher glauben wir zu wissen, dass ein anderer Mensch den Geschmack einer Erdbeere auf die gleiche Weise erlebt wie wir selbst? Vielleicht weil wir das Erlebnis mit denselben Worten beschreiben wie er, z.B. als „süß und fruchtig“. Was genau ein anderer Mensch erlebt, wenn er in eine Erdbeere beißt oder überhaupt etwas Süßes und Fruchtiges isst, können wir nicht wissen, auch wenn wir Zuckergehalt und Fruchtsäure exakt bestimmen können.

Wir geben ihm eine reife Aprikose und freuen uns, dass er auch diese als „süß und fruchtig“ beschreibt. Damit wissen wir, dass in seiner Wahrnehmung beide Früchte ähnliche Erfahrungen verursachen. Ob sie dieselben sind wie bei uns wissen wir immer noch nicht.

Aus diesen Betrachtungen gewinnen wir eine wichtige Erkenntnis: Ich kann nur wissen, wie süß und fruchtig für mich schmeckt und wie Rot für mich ausschaut. Das ist meine subjektive Wirklichkeit. Wir können vermuten, dass andere Menschen ähnliches erleben, wissen können wir das nicht. Ihre subjektive Wirklichkeit ist möglicherweise der unseren gleich, aber vielleicht ja auch ganz anders.

In fremde Köpfe blicken

Dank moderner Technologie können wir beobachten, welche Regionen im Gehirn aktiv sind, während ein Mensch in eine Frucht beißt – was er dabei erlebt, kann uns der Apparat nicht sagen. Vor lauter Begeisterung über den Fortschritt dürfen wir unsere Bescheidenheit nicht verlieren.

Den sokratischen Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, hielt ich lange Zeit für den Ausdruck von Demut eines antiken Philosophen. Erst spät habe ich verstanden, dass man die Aussage durchaus wörtlich nehmen darf: Wer glaubt, etwas zu wissen, befindet sich im Irrtum. Wer hingegen weiß, dass er nur glaubt, der ist weise.

Wir verwechseln häufig unsere subjektive Wahrnehmung mit objektivem Wissen um die sogenannte Wahrheit oder Wirklichkeit. Wenn wir schon im als gesund eingestuften Zustand im Unklaren sind, ob unsere Wahrnehmungen denen der anderen entsprechen, wie schaut das bei Wahrnehmungen außerhalb der Norm aus?

Wahn und Illusion

Die Psychiatrie diagnostiziert eine Wahnwahrnehmung oder Illusion, wenn jemand etwas anderes mit seinen Sinnen zu erfassen glaubt als die meisten anderen Menschen, die sogenannten Gesunden. So als sei Wahrnehmung etwas Objektives. Dabei wissen wir längst, dass manche Menschen besondere Fähigkeiten haben, sozusagen das Gegenteil einer Rot-Grün-Schwäche.

Es gibt zum Beispiel Personen mit einem extrem feinen Gehör, die Töne oberhalb oder unterhalb des üblicherweise wahrgenommenen Frequenzspektrums hören können. Oder elektrosensible, die Spannungsschwankungen wahrnehmen. Nur weil ihre Fähigkeiten nicht der Allgemeinheit entsprechen, heißt das nicht, dass ihre Wahrnehmungen „falsch“ sind. Bei Strom und Ton können wir die Frequenzen messen und ein Gerät sagt uns, dass die Wahrnehmung eine nachvollziehbare ist, auch wenn sie der allgemeinen nicht entspricht. Da haben die Betreffenden aber Glück gehabt! Könnte man die physikalische Frequenzen nicht messen, würden sie vermutlich als Spinner verlacht.

Letztlich sind alle Annehmen, die wir treffen, Konstrukte unseres Verstandes, um die Welt zu begreifen. Menschen bedienen sich geistiger Konzepte, um sich zu orientieren, um sich sicher zu fühlen, um Entscheidungen zu treffen und manchmal auch, um danach zu handeln. Unsere Annahmen gleichen wir mit den Annahmen unserer Mitmenschen ab.

Glauben viele Menschen dasselbe, halten sie diesen Glauben für Wissen. Diese Verwechslung kann Folgen haben.

Wenn schon unsere direkten sinnlichen Wahrnehmungen weit weg von einer  Objektivität sind, wie kommen wir dann auf die Idee, komplexere Zusammenhänge verobjektivieren zu wollen und damit Wahrheit zu erzeugen, was wir Wissenschaft nennen?

Wie schafft man Wissen?

Gibt es so etwas überhaupt: eine objektive Wahrheit? Sind Menschen in der Lage, sie zu ergründen? Oder können wir uns ihr immer nur nähern? Und welche Disziplin sucht wahrhaftig nach ihr?

„Die Naturwissenschaften!“, werden Sie vielleicht vermuten. Nun ja, hier werden Beobachtungen gemacht, die Fragen aufwerfen. Als mögliche Antwort stellt man eine These auf, die man versucht zu beweisen. Also findet man ein Argument, das für diese These spricht, und nennt das einen Beweis. Auch die Anti-These wird aufgestellt und in gleicher Weise beleuchtet. Am Ende wird aus der Gesamtschau eine Synthese gebildet. Wollen wir das Resultat dieser Abläufe als objektives Wissen bezeichnen? Wenn schon die anfängliche Beobachtung etwas Subjektives ist, von der Fragestellung und den entwickelten Thesen ganz zu schweigen.

Wie gehen wir als Menschheitsfamilie mit den sogenannten Wahrheiten um, die uns unsere Wissenschaft beschert? Wozu dienen ihre Erkenntnisse, wenn sie keinen Einfluss auf unsere Leben haben?

Sensationelle Erkenntnisse ohne Auswirkung

Die Quantenphysik hat schon vor Jahrzehnten bewiesen, dass der Beobachter das Experiment beeinflusst, und damit eigentlich die bisher angenommene Objektivität wissenschaftlicher Experimente wissenschaftlich widerlegt. Die Erkenntnis dringt nicht in die Köpfe der Menschen vor: Es gibt keine Objektivität – weder im Labor noch im richtigen Leben.

Und noch etwas hat die Quantenphysik festgestellt: ein und derselbe Partikel kann sowohl Teilchen als auch Welle sein und sich auch noch an zwei Orten gleichzeitig befinden. Wird Ihnen schwindelig? Nein? Dann haben Sie die Tragweite dieser wissenschaftlich belegten Tatsache noch nicht begriffen: Unsere physische Welt, wie wir sie erleben, kann so und auch ganz anders sein.

Um noch das Sahnehäubchen draufzusetzen, könnte man an dieser Stelle eine weitere sensationelle Erkenntnis aus der Quantenphysik erwähnen: Zwei Teilchen desselben Ursprungs bleiben miteinander in Verbindung, auch wenn man sie räumlich voneinander trennt. Materie ist auf der Quantenebene miteinander verbunden!!!

Und was machen wir? Wir leben unser Leben weiter in den Ansichten der alten Physik, ohne von den neuen Erkenntnissen zu profitieren.

Sinnvolle Einsichten

Wenn Materie gleichzeitig mehrere Varianten von räumlichen Positionen und Zuständen einnehmen kann, ist unser 3-D-Modell der Realität überholt. Und in der Tat sprechen Experten von weit mehr als den bekannten 3 oder 4 (incl.Zeit) Dimensionen. Dann ist Materie nicht das, wofür wir sie bisher gehalten haben.

Und wenn ein Beobachter als Faktor in sein Experiment einfließt, dann ist das ein klarer Hinweis darauf, dass Bewusstsein Materie beeinflusst. Wir dürfen also hoffnungsfroh sein, zumindest unseren eigenen Körper durch unser Bewusstsein beeinflussen zu können. Von diesem Maß an Selbstwirksamkeit sollte jeder Mensch Kenntnis erhalten, entsprechende Fähigkeiten sollten erforscht und geschult werden.

Wo erfahren wir davon? Welche Veränderungen finden wir im Lehrplan der Schulen und Universitäten seit diesen umwälzenden Forschungsergebnissen? Und wer nutzt diese spektakuläre Erkenntnis zum Wohle der Menschheit?

Wenig genutztes Potenzial

In den 1980er Jahren kam die sogenannte Psychosomatik in Mode und erreichte sogar die Schulmedizin. Die Beteiligung psychischer Ursachen wurde für ein paar auserwählte Krankheiten offiziell anerkannt. Heute forscht die Psychoneuroimmunologie an den generellen Wechselwirkungen zwischen der Psyche und dem Nervensystem, der Abwehr sowie den Hormonen. Hier gibt es bereits beeindruckende Untersuchungen, die darauf hinweisen, wie wichtig ein guter Gemütszustand für die körperliche Gesundheit ist.

Hören Sie davon täglich in den Medien? Legt man Ihnen Yoga oder Entspannungstechniken ans Herz und ruft jemand Sie dazu auf, Ihre Traumata zu bearbeiten, wenn Sie gesund bleiben oder werden wollen? Ist Ihnen bewusst, wie schädlich Angst für Ihr Immunsystem ist?

Da sind wir wieder bei unserer Wahrnehmung und der Frage nach der Wahrheit. Nur wenn wir uns Gelegenheit geben, den Einfluss unseres Seelenlebens auf unser körperliches Wohlbefinden zu erfahren, wird die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche erlebte Wirklichkeit. Sonst glauben wir, was wir oft genug und von vielen Seiten hören und halten das auch noch für objektives Wissen: Die alleinige Herrschaft über unser aller Gesundheit liegt anscheinend bei den medizinischen Fachleuten.

Nur sie wissen angeblich, wie wir gesund bleiben oder werden können. Sie dürfen uns folglich vorschreiben, was wir wie und wann essen sollen, wie oft und in welcher Weise wir uns bewegen müssen und so weiter. Schließlich gibt es wissenschaftliche Studien! Es wird Zeit, dass wir alle uns über das Wesen von Studien bewusst werden und sie ihren falschen Heiligenschein der Objektivität verlieren.

Verzerrte Wahrheit mit Nachkommastellen

Wer sich ausführlich mit Statistik befasst, dem wird irgendwann klar: Studien beweisen, was auch immer der Studiendesigner beweisen will. Man muss die Kriterien für die Gruppen nur geschickt auswählen oder die Daten in einen entsprechenden Rahmen setzen. Zahlen haben das Image von harten Fakten, daher eignen sie sich am Besten dazu, Menschen etwas glauben zu machen, insbesondere, wenn man sie mit Balken- oder Tortendiagrammen grafisch aufbereitet. Damit erzeugt man die scheinbar objektive Vermittlung eines Sachverhalts: geometrische Formen und Farben. Erinnern Sie sich an unser Anfangsbeispiel?

Wer prüft schon im Detail, ob ein Studiendesign dazu geeignet ist, das herauszufinden, was ihr Ergebnis angeblich belegt? Machen Sie das doch mal zum Spaß in einem Fachbereich, mit dem Sie sich wirklich gut auskennen. Und dann seien Sie sich gewiss, dass solche Zahlentricksereien allgegenwärtig sind.

Wenn unser gesamtes Weltbild auf einer Objektivität fußt, die es gar nicht gibt, wie können wir dann herausfinden, was wirklich wahr ist?

Zunächst einmal müssen wir begreifen, dass wir keine Sicherheit durch äußere Impulse erlangen werden. Das ist hart für unsere Dauerangst-geplagte und daher auf Sicherheit getrimmte Gesellschaft. Warum sind wir so abhängig von der Sicherheit, die uns irgendjemand im Außen anbietet? Weil wir verlernt haben, Sicherheit in uns zu suchen und zu finden. Niemand kann Ihnen sagen, was Ihre subjektive Wirklichkeit ist. Sie müssen sie selbst erfahren.

Wahrnehmen statt Denken

Woher wissen Sie, dass etwas wahr ist? Sie haben es mit eigenen Sinnen wahrgenommen. So wird es zu ihrer Wirklichkeit. Oft bekommen Sie aber etwas aus zweiter oder dritter Hand vermittelt. Wie prüfen Sie den Wahrheitsgehalt solcher Botschaften? Wann halten Sie eine Information für vertrauenswürdig? Hat der Überbringer selbst eine Erfahrung gemacht, von der er erzählt? Oder berichtet er von etwas, das auch er irgendwo gehört oder gelesen hat?

Wir halten Informationen für wahr, wenn sie in unser bisheriges Weltbild passen und wenn wir dieselbe Aussage mehrfach aus verschiedenen Quellen hören. Dann denken wir, etwas zu wissen. Und haben wir uns erst einmal dafür entschieden, etwas zu glauben, haben gegenteilige Informationen kaum mehr Zugang zu unserem Kopf.

Haben Sie Ihr eigenes Wissen jemals hinterfragt? Ich empfehle Ihnen, in den nächsten Tagen immer wieder ein inneres Stopp-Schild zu setzen und sich zu fragen „Woher WEISS ich das?“. Vielleicht fällt Ihnen dann in dem ein oder anderen Zusammenhang auf, dass sie verschiedenen „Glaubensgemeinschaften“ angehören. Das ist vollkommen in Ordnung, solange Sie sich dessen bewusst sind oder werden. Aber bitte halten Sie Ihren Glauben nicht für die Wahrheit.

Wirklichkeit ist der Teil der Realität, der wirkt, das ist Ihr subjektiver Blick auf die Wahrheit. Es kann dienlich sein, wenn Sie das Denken hin und wieder zugunsten direkter Wahrnehmung hintenanstellen. Gehen Sie in die Natur, riechen Sie an einer Blume, erfreuen Sie sich an ihrer Schönheit, spüren Sie den Boden unter Ihren Füßen, genießen Sie das Aroma einer Erdbeere und geben Sie jemanden einen Kuss. Damit sind Sie nicht in irgendeiner Objektivität. Und das macht gar nichts. Ihre Subjektivität ist für Ihr Leben wesentlich.

Text: Petra Weiß
Foto: Carsten Przygoda / pixelio.de