Terror braucht Spaltung

Vor einiger Zeit habe ich einen Radiobeitrag gehört: Ein Psychologe beschäftigt sich mit der Erforschung des Phänomens Terror. Ich dachte immer, wer andere aus ideologischen Gründen quält oder tötet, sei ein Psychopath. Es mangele ihm grundsätzlich an Mitgefühl. Er schere sich nicht um andere. Ihm fehle etwas, das uns als Menschen ausmacht, Empathie, Gewissen, Mitmenschlichkeit. Diese Einschätzung hätte kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein können.

Meine Überraschung war groß zu erfahren, dass man nach den Erkenntnissen des Fachmanns jeden zum Attentäter machen kann, wenn man seiner früh genug habhaft wird. Es ist keine Frage der krankhaften Veranlagung, sondern der geschickten Gehirnwäsche zu einem Zeitpunkt, da das Weltbild noch formbar ist.

Ironischerweise habe ich bei meiner Fehleinschätzung genau den Trugschluss getroffen, der als Schlüssel für die Manipulation eingesetzt wird: die Spaltung in Menschliches und Unmenschliches. Attentäter sind in deren Selbstbild keine bestialischen Monster, sondern heldenhafte Märtyrer. Sie fühlen sich von Gott berufen, oder zumindest einer höheren Moral verpflichtet, Ungerechtigkeiten in Ordnung zu bringen. Dafür foltern, morden und sterben sie.

Ein Psychopath bringt sich nicht für irgendein hehres Ziel um. Er will möglichst gut leben. Vielleicht bildet er Terroristen aus, die er glauben macht, es ginge ihm um eine Religion, um Rache, um das Abwenden einer Bedrohung oder um Weltfrieden. Tatsächlich geht es ihm ausschließlich um sein eigenes Wohlbefinden. Er verkauft Waffen, Menschen oder Drogen, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Aber er bindet sich bestimmt keinen Sprengstoffgürtel um und stellt sich auf den Marktplatz.

Die und wir, statt richtig, gut und schön.

Wie bildet man Terroristen aus? Dieser Frage ging der Psychologe nach. Der Vorgang ist facettenreich. Ein wesentliches Element dabei ist das Schaffen einer Wir-und-die-Sichtweise. Eine Spaltung ist vonnöten, sonst bekommt man niemanden dazu, Terror auszuüben. „Die Anderen“ müssen als entscheidend verschieden von „den Unsrigen“ wahrgenommen werden. Das Verbindende wird ausgeblendet und nur das Trennende betrachtet. Um ein in diesem Sinne tragfähiges Feindbild aufzubauen, ist es unabdingbar, der Gegenseite die Menschlichkeit abzusprechen. Notfalls erfindet man Geschichten, die den Gegner in einem unmenschlichen Licht erscheinen lassen, dichtet ihm blutrünstige Schandtaten an und findet dann lauter „Belege“ für das beabsichtigte Urteil: nicht lebenswert, bedrohlich, unmenschlich – muss vernichtet werden.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.“ heißt ein geflügeltes Wort. Es finden sich immer „gute Gründe“ etwas im ethischen Sinne Schlechtes zu vertreten. Wenn der Zweck die Mittel heiligt. Daher ist es wichtig, immer auch auf die Mittel zu schauen – unabhängig vom Zweck. Denn der Zweck kann frei erfunden sein.

Nehmen Sie für einen Moment den (angeblichen) Zweck beiseite und betrachten Sie einfach nur, was tatsächlich geschieht. Ist das Geschehen 1. WAHR im Sinne von ehrlich oder den Tatsachen entsprechend? Und ist es 2. GUT im Sinne von dem Leben dienlich? Seien Sie bedächtig in Ihrem Urteil: Als GUT werden uns alle möglichen Dinge angepriesen, deren vorgeblicher Zweck ehrenwert ist. Als oberste Messlatte allerdings bewerten wir sinnvollerweise den Dienst am Leben. Wenn es die Menschheit retten könnte, dass jemand ein unschuldiges Kind abmeuchelt, rechtfertigt dann der gute Zweck die böse Tat? Ist es vertretbar, dass ein Mensch leidet, um etwas (vordergründig) Gutes zu bewirken? Mit solchen Fragen begeben wir uns philosophisch auf ganz dünnes Eis.

Wenn etwas nicht WAHR ist, kann es so gut sein wie es will, und bleibt dennoch falsch. Wenn es weder WAHR noch GUT ist, fühlt es sich vielleicht 3. SCHÖN an. Diesem angenehmen Bauchgefühl zu folgen, ohne die ersten beiden Kriterien (WAHR und GUT) zu berücksichtigen, ist im Kindesalter der Entwicklung angemessen. Bei Erwachsenen können Entscheidungen dieser Art auf direktem Wege ins Verderben führen. Vielleicht kennen Sie den Ausdruck „Bauchpinseln“. Wessen Bauchgefühl hofiert wird, soll auf diesem Weg möglicherweise dazu gebracht werden, unwissentlich und unwillentlich eine böse Absicht zu unterstützen.

Der Missbrauch von Menschlichkeit

Zurück ins Trainingscamp für Nachwuchs-Terroristen. Niemand würde ihnen sagen „Wir benutzen Dich für unsere politischen Absichten. Du sollte unschuldige Menschen umbringen, damit wir mehr Waffen verkaufen können.“ Diese Strategie hätte wenig Erfolgsaussichten. Nein. Man arbeitet ausgerechnet mit ur-menschlichen Werten und Bedürfnissen. Kameradschaft und Loyalität werden groß geschrieben: niemanden im Stich lassen, sich für andere einsetzen, an gemeinsamen Zielen arbeiten, der Gemeinschaft dienen, sich gegenseitig unterstützen, Vertraulichkeit wahren, etc. Wäre der Zweck ein anderer, könnte man diese Grundlagen des Miteinanders durchaus als erstrebenswert einstufen. So gehen die jungen Leute den Rattenfängern auf den Leim. Man schneidet sie nicht von ihrer Menschlichkeit ab, sondern man beschränkt diese auf die Gruppe und betont sie dort. Der Kontrast zwischen Wir-Gut und Die-Böse muss möglichst schwarz-weiß sein. Deshalb ist es wichtig, „die Anderen“ als Unmenschen abzustempeln. So wird das gemacht.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich Meldungen über angeblich Unmenschliches. In den letzten Monaten häufen sich Vermutungen, Außerirdische, Klone oder irgendwelche Wesenheiten terrorisierten die Erde. Mancher will in einem Politiker einen Reptiloiden erkannt haben.

Ob das Mumpitz ist oder nicht, kann ich nicht sagen. Vielleicht haben die Spekulationen sogar einen wahren Kern. Wer weiß das schon?! Mir geht es um die psychologische Sicht auf diese Erklärungsversuche. Ich kann sehr gut verstehen, dass man sich wünscht, das Böse läge außerhalb des Menschlichen. Es ist einfacher zu glauben, eine fremde Wesenheit habe von jemandem Besitz ergriffen als dass ein Mensch abgrundtief Böses tut. Was damit geschaffen wird, ist eine Wir-und-die-Sicht, die im Wortsinne wesentlich ist.

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, ob Verbrecher gegen die Menschlichkeit außerhalb der Menschheit stehen? Bitte seien Sie gnädig mit sich: Sie befinden sich in erlauchtem Kreise. Selbst spirituelle Lehrer tappen in diese verlockende Falle der Spaltung. Ihre Grundlage ist unsere Unterscheidungsfähigkeit, welche eigentlich eine wunderbare Eigenschaft ist. Wir können dadurch uns und andere in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmen und wertschätzen. Nur der Irrglaube, alle müssten gleich sein, steht dem entgegen. Die Begriffe werde verwechselt oder verdreht: Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, Gleichheit, Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung seien dasselbe. Durch Gleichmacherei wird den Menschen ihre naturgegebene Einzigartigkeit abgesprochen. Merkmale werden (von Menschen!) festgelegt, die jemand nicht haben darf, wenn er als „Mensch“ bezeichnet werden will.

Zugehörigkeit

Warum sprechen ausgerechnet die Friedensforscher unter den Historikern von einer „Menschheitsfamilie“? Weil sie sich damit beschäftigt haben, welche Sicht notwendig ist, um einen Krieg in Gang zu setzen, nämlich die der Trennung. Sie betonen mit dem Wort die Verbundenheit durch das pure Menschsein und die gemeinsame Abstammung.

Hat Sie schon einmal jemand terrorisiert? Sind Sie schon einmal jemandem absichtlich auf die Nerven gegangen? Welche Absichten haben Sie hinter dem Handeln vermutet? Welche Absichten haben Sie selbst verfolgt? Welche Annahmen gingen dem voraus?

Mir geht es nicht darum, jeden von der Verantwortung für üble Taten freizusprechen, ganz im Gegenteil. Mir geht es darum, zu begreifen, was Verantwortung ist. Wenn wir jemanden gepiesackt haben, weil er irgendetwas tun sollte, was wir für gut und richtig hielten, war der Zweck vielleicht rein, das Mittel aber fragwürdig. Und wenn Sie an irgendeinem Punkt in Ihrem Leben Ihrer Impulse nicht kontrollieren konnten oder wollten und in voller Absicht etwas Böses getan haben? Sind Sie dann kein Mensch mehr?

Innere Spaltung

Durch diesen gedachten Ausschluss aus der Menschheit verhindern wir Entwicklung. Der entsprechende Persönlichkeitsanteil muss abgespalten werden. Doch so geht er natürlich nicht verloren. Im dunklen Keller der Seele führt er fortan sein Dasein. Dort können wir ihn leider nicht heilen. Er wird weiter sein Unwesen treiben, unbemerkt, verdrängt, schöngeredet. Heilung geschieht durch Anerkennen, Verdauen und Wandeln. Als Erstes müssen wir hinsehen und wahrnehmen. Je hartnäckiger wir wegsehen, desto unbeirrter wird ein Anteil ans Licht drängen.

Mir kommt das Symbol für Yin und Yang in den Sinn: In jedem Schwarz ist ein Hauch von Weiß und umgekehrt. Dieses Bild dient uns heute mehr denn je. In jedem noch so guten Menschen ist ein winziger Anteil Böses, auch wenn es nicht zum Ausdruck kommt. Und in jedem Schwerverbrecher ist gewiss auch Gutes vorhanden, selbst wenn wir nichts davon sehen. Anerkennen wir das Unehrenhafte in uns, kann es in die Gesamtpersönlichkeit eingefügt und möglicherweise gewandelt werden. Das geht leichter, wenn uns klar wird, warum wir diese Eigenschaft entwickelt haben. Sie gehört vermutlich zur Anpassung an die Gegebenheiten. Vielleicht diente sie einst dem Überleben. Bevor wir eine Eigenart würdigen, werden wir sie nicht los. Das heißt nicht, dass wir sie GUT finden müssen. Gar nicht.

Selbstliebe

Immer wieder höre ich, dass man jede seiner Eigenheiten lieben soll. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich sinnlos abrackern, um dieses Ansinnen in die Tat umzusetzen. Ich halte den Anspruch für eine Terrormaßnahme, die zur Spaltung der Persönlichkeit führt, was wiederum Terror hervorbringt.

Ihr Selbst können Sie problemlos lieben. Es ist rein und vollkommen. Dem ist nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen. Es zu lieben ist unser natürlicher Zustand. Anders schaut es beim Ego aus: Die Persönlichkeit, die aus Ihnen geworden ist, besteht aus vielen Facetten, die mit Ihrem Selbst, mit dem wahren Wesen, mit Ihrer Essenz nicht das Geringste zu tun haben. Es gibt keine Notwendigkeit, diese zu lieben. Das Vorhaben halte ich für nutzlos und für eine echte Entwicklung sogar für schädlich.

Wieso sollten Sie – gesetzt der Fall – das feige und gemeine Arschloch lieben, das Sie geworden sind? Lassen Sie das. Lieben Sie stattdessen den Menschen, der Sie in der Tiefe sind – werden Sie sich der Merkmale bewusst, die unabhängig von den Erfordernissen des Lebens in Ihnen liegen und davon auch nicht verdrängt werden konnten. Das ist Selbstliebe im eigentlichen Sinne. Mit diesem gestärkten Rückgrat können Sie Ihre Persönlichkeit mit all den unliebsamen Teilen annehmen:

Ja, so bin ich. Das ist meine Persönlichkeit an diesem Punkt in meinem Leben. Es gab Gründe, warum ich so geworden bin. Und einiges kann ich ändern, wenn ich das will. Ich werde sorgfältig prüfen, welche Merkmale zu meinem Wesenskern gehören und welche ich verabschieden will. Das Meine werde ich liebevoll integrieren, das Fremde werde ich nach und nach loslassen.

Das geht nicht über Nacht. Der Vorgang kann Beharrlichkeit und Zeit erfordern. Was sich dabei lohnt, ist dass man sich Tag für Tag weiter entwickelt – auf sich selbst zu.

Text: Petra Weiß
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Zur Autorin

Schreibkunst Redakteur PR-Text
Petra Weiß ist Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Ihre Liebe zur Sprache begleitet sie schon ihr Leben lang. Sie hat zahlreiche Beiträge in Print und Online veröffentlicht. Seit Sommer 2020 gibt Sie die Zeitschrift “Weißheiten: vom Ich zum Selbst” heraus.